Mit dem Freundschaftspass zum Pajares-Pass (14/15) (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Dienstag, 09.07.2024, 20:33 (vor 7 Tagen)

Die letzten fünf Tage bzw. zwei Teile des Reiseberichts habe ich in der Bretagne verbracht: https://www.ice-treff.de/index.php?id=701392
Diese werde ich nun verlassen und nach dem bahnfreien Tag am Ende des letzten Teils werde ich heute viele Kilometer mit dem Zug machen. Über Nantes werde ich unter Umgehung von Paris in den Norden nach Lille fahren. Am nächsten Tag werde ich über die Grenze nach Belgien schauen.

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Tag 26: Vannes – Le Pouliguen – Le Croisic – Nantes – Lille
Heute am 6. Reisetag meines Freundschaftspasses mache ich richtig Kilometer. Der Tag beginnt aber schleppend. Als ich am Bahnhof ankomme, herrscht dort großes Chaos. Eigentlich wären kurz vor und kurz nach 8 Uhr innerhalb von 8 Minuten erst ein TER nach Nantes und dann einer nach Rennes abgefahren. Wegen eines Streckensperrung zwischen Quimper und Lorient (ein Personenunfall, wenn ich richtig verstanden habe) ist der aus Brest kommende TER nach Nantes aber auf unbestimmte Zeit verspätet. Der TER nach Rennes fährt zum Glück erst hier los und steht am Bahnsteig in Form eines Z TER, wartet aber noch gut 10 Minuten auf Anschlussreisende. Solange es noch für meinen 16-min-Anschluss in Redon reicht, ist mir das sehr recht, da sich die Abfahrt so auf nach dem Sonnenaufgang verschiebt und ich nichts von der Strecke verpasse. Tatsächlich wird es in Redon etwas knapp, aber der Anschluss nach Nantes wartet einige Minuten. Außer zahlreiche sind nämlich zahlreiche weitere Reisende auf dem Weg nach Nantes im Zug, die eigentlich den direkten TER nehmen wollten.
Die Fahrt führt durch grüne Wiesen mit zahlreichen Kühen.

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Ich verlasse schon in Savenay den Régiolis. Hier habe ich nun eine Stunde Aufenthalt. Große Sehenswürdigkeiten gibt es hier nicht, aber zum Glück mehrere gute Bäcker, wo ich mein Frühstück nachholen kann.

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Da ich erst am Nachmittag in Nantes sein muss, nehme ich noch die Strecke nach Le Croisic mit. Größter Zwischenhalt ist die Hafenstadt Saint-Nazaire mit viel Industrie.

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Dann passiert mir ein Missgeschick, wie es mir noch nie passiert ist. Ohne auf die Uhr zu schauen lasse ich mich von der allgemeinen Aufbruchsstimmung im Zug mitreißen und steige aus. Als ich auf dem Bahnsteig bin, finde ich den Bahnhof ziemlich ungewöhnlich für einen Kopfbahnhof und kann kein Ende der Gleise sehen. In dem Moment schließt der Zug die Türen und fährt ab. Ich bin noch gar nicht in Le Croisic!
Zum Glück entsteht mir dadurch kein großes Problem. Statt eine Stunde in Le Croisic zu verbringen, werde ich das nun in Le Pouliguen. Spezielle Pläne in Le Croisic hatte ich sowieso nicht.

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Le Pouliguen ist ein Strandort mit Hafen und lebt sichtbar vom Tourismus.

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Irgendwo dort hinten Richtung Saint-Nazaire mündet die Loire in den Atlantik.

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Der Markt von Le Pouliguen erweist sich als Zufallstreffer. Genau die Bigorneaux aus dem Golfe du Morbihan, die hier versuchen aus ihrem Korb zu fliehen, habe ich vier Tage zuvor in Saint-Malo gesammelt.

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Hier kaufe ich mir einige Austern für nachher. Neben den üblichen pazifischen Austern gibt es auch die deutlich selteneren flachen atlantischen Austern, die ersten aus Zucht die ich sehe. In Lyon hatte ich mir vor zwei Jahren mal eine ziemlich teure wilde atlantische Auster gegönnt.
Die Bahnstrecke verläuft beim Bahnhof durch das Salzmarsch.

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In Le Croisic habe ich dann nur noch etwas über eine Viertelstunde. Das reicht gerade mal für eine schnelle Runde Richtung Hafen.

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Zurück am Bahnhof wartet natürlich schon der OMNEO nach Nantes, mit dem ich schließlich auch gekommen bin.

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In der flachen Bucht auf der Nordseite der Halbinsel wird das Sel de Guérande gewonnen, das unter Anderem für bretonisches Caramel de Beurre Salé verwendet wird.

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In Le Pornichet erfolgt die stündliche Zugkreuzung der Regionalzüge. Daneben sind hier noch einige TGV auf der Strecke. Das Bahnhofsgebäude hier ist ein echter Hingucker.

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In Nantes steht wieder ein Ouigo Train Classique rum.

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Da in der Vorwoche erst in Nantes war, nutze ich die eineinhalb Stunden Umsteigezeit lieber für eine Mittagpause. Auf einer Bank am Canal Saint-Félix hinter dem Bahnhof knacke ich meine Austern aus Le Pouliguen.

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Zurück am Bahnhof beginnt ein sehr französisches Schauspiel. Die Abfahrtszeit des TGV nach Lille rückt näher und näher, aber es ist noch kein Gleis angeschrieben. Eine große Menschentraube steht ungeduldig vor der Anzeigetafel.

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Da bei der Sitzplatzreservierung keine Auswahl zwischen Ober- und Unterdeck möglich war und die Intersecteurs an Paris vorbei oft mit einstöckigen Triebzügen gefahren werden, erwarte ich einen solchen einstöckigen TGV. Im gesamten Bahnhof steht nur ein solcher Zug, an dessen Gleis aber noch nichts angeschrieben ist. Ob das etwas der TGV nach Lille ist?

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Inzwischen ist die Abfahrtszeit verstrichen. Die ersten Reisenden vor der Anzeigentafel beginnen unruhig zu werden. Das SNCF-Personal beruhigt uns, dass das Gleis bald bekannt gegeben werde. Ich frage einen freundlichen Mitarbeiter, ob der einstöckige TGV unserer nach Lille sein werde. Er bestätigt mir, dass das sehr wahrscheinlich sei, ich mich aber noch gedulden solle. Runter ans Gleis gehen, ist sowieso wegen der Sperren nicht möglich.
10 Minuten nach planmäßiger Abfahrtszeit wird dann tatsächlich das von mir erwartete Gleis bekannt gegeben und das „Boarding“ kann beginnen. Mit über einer Viertstunde Verspätung verlassen wir Nantes. Mein reservierter Fensterplatz ist leider ein Wandfensterplatz, aber es gibt genug andere freie Plätze im Zug, nur ärgerlich dass es keine Reservierungsanzeigen gibt und ich bei jedem Zwischenhalt damit rechnen muss, den Platz wechseln zu müssen.

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Bei meinen vielen Fahrten in Frankreich, mag man es kaum glauben, aber abgesehen von der dem TGV Atlantique sehr ähnlichen 1. Generation des AVE, ist das tatsächlich meine erste Fahrt in einem einstöckigen TGV. So oft fahre ich gar nicht TGV, in dem halben Jahr in Lyon sechsmal, und das waren bisher immer ausschließlich TGV Duplex. Außerdem ist dies meine erste Fahrt mit einem TGV um Paris außenrum statt mitten durch mit Bahnhofswechsel.
Über die mir schon bekannte Strecke geht die Fahrt über Angers nach Le Mans. Danach wechselt der TGV auf die LGV Atlantique bis Massy TGV. Von dort fahren wir im Süden und Osten um Paris herum. Die fast einstündige Fahrt um Paris ist nicht viel schneller als eine Umsteigeverbindung, spart mir aber den lästigen Bahnhofswechsel in Paris und einmal 10 € Reservierungsgebühr. Das erste Stück der Fahrt auf der Grande Ceinture ist sehr gemächlich. Bei Choisy-le-Roi überquert die Strecke die Seine.

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Erst östlich der Seine wird die Fahrt mit erreichen der LGV Interconnexion Est wieder TGV-würdig. Während des Halts am Flughafen Carles de Gaulle geht leider die Sonne endgültig unter und so bekomme ich von meiner ersten Fahrt auf der LGV Nord wenig mit.Um Viertel vor 8 komme ich in Lille Europe an.

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Lille hat das Kuriosum, außer der Metropole Paris die einzige Stadt mit zwei Salons à Grands Voyageurs zu sein und das sogar fast in Sichtweite: eine im Durchgangsbahnhof für den Fernverkehr Lille-Europe …

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… und eine im alten Kopfbahnhof Lille-Flandres.

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Bis ich aus den beiden Lounges raus bin und in meiner Jugendherberge eingecheckt habe, geht es schon auf 9 Uhr zu. Da mein Mittagessen nicht so ballast- und kohlenhydratreich war, und außerdem schon Stunden her ist, steht mir der Sinn noch nach einem Abendessen. In einer Brasserie nahe der Jugendherberge werde ich fündig. Das lokale Essen wirkt gar nicht typisch französisch. Die geographische und kulturelle Nähe zu Belgien ist beim Blick auf die Karte kaum zu übersehen. Ich entscheide mich für flämische Karbonade und ein Paix-Dieu. Dieses belgische Bier wird laut Hersteller nur bei Vollmond gebraut. Ob das neben dem Preis auch Auswirkungen auf den Geschmack hat, kann ich nicht sagen. Lecker ist es aber sehr wohl.

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Tag 27: Lille – Ypern – Kortrijk – Lille
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Hier oben im Norden Frankreichs war ich noch nie. Heute Vormittag will ich mir deshalb eigentlich Lille anschauen. Mein erster Weg führt mal wieder zur Markthalle. Die lokalen Käsespezilitäten sind der kräftige viereckige Maroilles mit ähnlichem Geschwack wie Limburger und direkt aus Lille die Mimolette. Dieser kugelförmige Käse entstand während der Regierungszeit Ludwigs XIV. im 14. Jh. als Nachahmer Edamers nach der Verhängung eines Einfuhrverbots für niederländischen durch den protektionistischen Finanzminister Colbert. Im Gegensatz zum holländischen Vorbild weißt die Mimolette eine gewöhnungsbdürftige Besonderheit auf: Bei dem extra-alten Käse siedeln sich Milben i der Rinde an und fressen Löcher hinein.

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Nach dem Marktbesuch setzt Regen ein und eine Besserung ist erst am Nachmittag zu erwarten. Deshalb beschließe ich spontan, jetzt schon zum Bahnhof Flandres zu gehen und meinen geplanten Nachmittagsausflug nach Belgien vorzuziehen.

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Es verkehrt eine schwach besetzte „Gumminase“ der SNCB.

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Von Lille führen zwei Strecke nach Belgien: eine nach Norden Richtung Mouscron und eine Richtung Westen nach Tournai. Um beide zu befahren, starte ich mit der Richtung Tournai. Tournai ist zwar sehr sehenswert, aber dort war ich schon 2022 von Brüssel aus (https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?030,10787700). Deshalb möchte ich dort heute nur in einen anderen IC nach Kortrijk umsteigen. Dummerweise muss ich nach der Abfahrt feststellen, dass dieser heute ausfällt. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, steige ich deshalb schon eine Station früher in Froyennes aus und verzichte auf die restlichen 4 km bis Tournai. Von dort kann ich nämlich einen Regionalzug nach Mouscron nehmen.

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Nach dem ungeplanten längeren Aufenthalt in Mouscron bin ich in Kortrijk. Während meine Umsteigezeit dort fährt ein älterer Treibwagen der SNCB durch.

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Mein IC nach Piperinge ist wieder eine „Gumminase“. Da ich im Endabteil des Triebwagens alleine bin und niemanden mit dem Geruch belästigen kann, packe ich meine Mittagssnack aus der Markthalle aus und puhle mir ein paar Krabben.

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Da ich hier so schnell vermutlich nicht so schnell noch mal wieder hinkommen werde, fahre ich statt nur bis Ypern die komplette Strecke bis Poperinge und direkt wieder zurück. Von dort ging es früher einmal über die Grenze weiter bis ins französische Hazebrouck.
Hauptattraktion von Ypern und UNESCO-Welterbe ist die mittelalterliche Tuchhalle. Diese wurde im 1. Weltkrieg gegen den ausdrücklichen Befehl des kommandierenden bayerischen Erbprinzen vom deutschen Heer fast komplett zerstört und danach wieder ausgebaut. Hier um Ypern tobte eine der blutigsten Schlachten in Belgien.

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Beim nächsten Bild bin ich schon zurück in Kortrijk, genauer am Markt beim Belfried.

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Im Beginenhof lebten in früheren Jahrhunderte Frauen ähnlich wie in einem Kloster, aber ohne Gelübde .

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Das Wahrzeichen von Kortrijk sind die Broeltürme der ehemaligen Stadtmauer.

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Auch Kortrijk war Schauplatz einer bedeutenden Schlacht, aber mehrere Jahrunderte vor der um Ypern. In der Schlacht der goldenen Sporen besiegte ein Infanterieheer der aufständischen Flamen ohne Reiter, das übwrwiegend aus Bürgern bestand, ein berittenes Heer mit den besten französischen Rittern, vernichtend. Dabei erbeuteten sie von den vielen Gefallenen französischen Adligen die namensgebenden Adligen. Darauf sind die Flamen ganz offensichtlich bis heute noch sehr stolz. Der Tag der Schlacht gilt heute der flämische Nationalfeiertag. In einer Kirche erzählt eine Multimedia-Ausstellung von der Schlacht und zeigt Fundstücke.

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Später als geplant bin ich erst kurz vor 18 Uhr in Lille-Flandres zurück. Dafür kommt jetzt noch einmal die Sonne raus.

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So kann ich den kleineren der beiden Belfriede von Lille sogar noch bei blauem Himmel fotografieren …

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… und auch die Grand Place

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Da restliche Tageslicht nutze ich noch für eine schnelle Runde durch die Stadt. Eineinhalb Stunden später sieht es dann auf der Grand Place so aus.

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Heute gibt es in der gleichen Brasserie wie gestern ein anderes belgisches Bier und Waterzooi, Eintopf, mit Maroilles überbacken.

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Fast habt ihr es durch meinen Reisebericht geschafft. Nur noch der letzte Teil mit den letzten beiden Reisetagen fehlt. Am vorletzten werde ich weitere Städte im Norden anschauen und am letzten mit einem besonderen Regionalzug die umwegige Heimreise antreten.


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