Vier Fäuste für ein Banitza 2/8 (54 + 42 Bilder) Teil 2 (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Mittwoch, 21.06.2023, 21:18 (vor 1001 Tagen) @ Bahne aus Leidenschaft

Tag 13 Veliko Tarnovo – Kazanlak
Eigentlich hatten wir zwei Nächte in Veliko Tarnovo gebucht. Da die Wetterprognose aber keine Besserung versprach und wir außerdem nicht sehr zufrieden mit unserer Pension sind, verkürzen wir und fahren heute Mittag schon nach Kazanlak weiter. Das Preis-Leistungs-Verhältnis hier ist für bulgarische Verhältnis nicht so gut. Die Stadt wirkt insgesamt sehr touristisch.
Heute Vormittag besuchen wir aber erstmal noch die Festung Zarewetz neben der Altstadt. Im zweiten bulgarischen Reich war hier die Zarenresidenz inklusive umliegender Stadt. Die Ruinen beeindrucken vor allem durch ihre ausgedehnte Fläche.

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Die Strecke nach Süden quert in aufwändiger Trassierung mit mehreren Kehrschleifen das Balkangebirge. Leider ist die Sicht durch Regen und Nebel nicht besonders gut.

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In Tzareva Livada könnten wir in diesen ansprechenden Triebwagen nach Gabrovo umsteigen.

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In Krastetz haben wir mit 880 m ü. NN. Den Scheitelpunkt der Strecke erreicht.

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Während des Abstiegs aus dem Balkangebirge kreuzt in Raduntzi eine Ludmilla mit Güterzug. Nach dem Bahnhof werden wir in zwei Kehrschleifen ins Tal runter fahren. Auf der Südseite der Berge ist das Wetter zum Glück besser. Und auch was die Pension angeht, soll sich der Wechsel nach Kazanlak als sehr gute Entscheidung erweisen. Uns

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In Tulovo steigen wir für einige Minuten nochmal um und erreichen dann Kazanlak. Unser Zug fährt auf der mittleren der drei bulgarischen Ost-West Strecken Richtung Sofia.

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Kazanlak ist wegen seiner Lage im Rosental bekannt als Zentrum der Rosenproduktion. Hier besuchen wir am späten Nachmittag das Thrakergrab von Kazanlak. Dieses gehört zusammen mit dem Thrakergrab von Sweschtari zum UNESCO-Welterbe. Die Thraker waren die Zivilisation auf dem Gebiet des heutigen Bulgariens in der Antike und geben der Region im Südosten des Balkans bis heute ihren Namen. Nach dem römischen Reich wanderten zuerst die Slawen in den Landstrich ein und später gründeten die nomadischen vermutlich turksprachigen Bulgaren hier ihr Reich. Sie waren vermutlich nur eine relativ kleine Gruppe und assimilierten sich schnell, sodass das bulgarische heute eine bulgarische Sprache ist.
Obwohl die Verbindung zwischen den Thrakern und modernen Bulgaren also eher schwach ist, stellt man sich in Bulgarien gerne in ihre Tradition.
Was wir besuchen, ist nur eine Nachbildung des originalen Grabs. Das ist vermutlich auch besser so. Durch die beengten Maße ist es schwierig, nicht die bemalten Wände zu berühren.

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Da der Tag noch früh ist, besuchen wir danach noch das archäologische Musuem. Zum Abendessen gibt es wie oft in diesem Urlaub Gyros.
Nördlich von Kazanlak gibt es im Balkangebirge ein recht besonders monumentales sozialistisches Denkmal für den Befreiungskrieg, das seit 1989 sich selbst überlassen und als Lost Place inzwischen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Da wären wir auch noch gerne hin, aber ohne Auto ist das schwierig und auf den Bergen liegt inzwischen schon Schnee.

Tage 14 &15 Kazanlak – Plovdiv
Heute Morgen geht es nach Plovdiv weiter. In der europäischen Kulturhauptstadt von 2019 haben wir zwei Nächte geplant und wir treffen unseren Freund Thomas, der sich schon auf dem Rückweg befindet. Er ist zwei Wochen vor und los gefahren und war schon in Griechenland und Istanbul. Heute Morgen kommt er mit dem Nachtzug von dort in Plovdiv an.
Nach Istanbul wäre ich auch noch sehr gerne, aber das Thema war zwischen mir und Chris sehr umstritten. Nachdem an heutigen Vormittag ein Bombenanschlag in Istanbul gemeldet wird, ist die Entscheidung dagegen leider endgültig gefallen. Da muss ich mal wann anders hin.
Wir nehmen die morgendliche Direktverbindung aus Gorna Orjachowitza nach Plovdiv, wie üblich mit Skodalok und Abteilwägen. In Karlovo haben wir einen längeren Aufenthalt, wo diese beiden Loks von DB Cargo auf neue Aufgaben warten. Der „rote Riese“ ist ganz offensichtlich auch in Bulgarien aktiv.

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In Karlovo biegen wir von der Strecke Richtung Sofia nach Süden ab und fahren relativ geradlining auf Plovdiv zu.
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Wir beziehen unser Zimmer in einem Hostel und machen für die nächsten 1,5 Tage Plovdid unsicher. Wer nur wegen der Züge hier ist, kann direkt zu Tag 16 springen. Das Hostel befindet sich in einem charmanten Altsatdthaus und wurde für 2019 saniert.

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Zum Zeitpunkt der Staatsgründung Bulgariens 1878 war Bulgarien größte Stadt auf dem heutigen Gebiet Bulgariens und ein Zentrum der nationalen Wiedergeburtsbewegung. Damit war es der Topkandidat für die Hauptstadt des neuen Staates. Auf Druck der westlichen Großmächte wurde Plovdiv dann aber nicht Teil des stark verkleinerten Fürstentums Bulgariens sondern Hauptstadt des nur teilautonomen Fürstentums Ostrumeliens, das erst 1886 in Folge eines Aufstandes mit Bulgariens vereinigt wurde. Hauptstadt wurde deshlab das damals kleinere Sofia. Heute ist Plovdiv nach Sofia zweitgrößte Stadt des Landes und kann auch auf eine jahrtausendealte Geschichte zurückblicken. Auffälligstes Zeugnis davon ist das römische Theater.

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Zum Abendessen gibt es für mich heute Kutteln in Butter, keine besonders leichte Kost. Mit Tomaten und Kräutern der Provence sind sie mir lieber.

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Die Ausgrabungen von zwei frühchristlichen Basiliken beeindrucken mit großflächigen Fußbodenmosaiken. Leider waren die Mosaiken der großen Basilika nach ihrer Entdeckung in den 80ern für ca. 30 Jahre nur notdürftig gegen Wettereinflüsse, Diebstahl und Vandalismus gesichert, bis dann vor wenigen Jahren ein Museum darüber gebaut wurde.

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Auch sonst weiß die Altstadt zu gefallen.
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Zum Abendessen gibt es für mich die traditionelle kalte Gurken-Joghurtsuppe mit Roten Beeten und eine Schmorpfanne mit Pferdesucuk.

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Tag 16 Plovdiv – Bansko
Nachdem wir erfolgreich unser Frühstück gegen die Hostelkatze verteidigt haben, geht es für Chris und mich heute in die Rhodopen. Da wir Thomas nicht von einer Mitfahrt überzeugen konnten, trennen sich unser Wege wieder. Für ihn geht es über Bukarest, den IC Corona und Budapest zurück nach Deutschland. Wir werden uns aber in diesem Urlaub nochmal treffen.
In schneller Fahrt geht es über die Hauptstrecke Richtung Sofia bis Septemvri. Im Gegensatz zu unseren bisherigen Fahrten mit den Skodaloks haben auf dieser Strecke die modernen BDZ-Smartrons von Siemens die Oberhand.

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Kenner werden schon ahnen, was wir dort vorhaben. Hier beginnt die Rhodopenbahn. Die 125 km lange Rhodopenbahn die letzte Schmalspurbahn der BDZ, passiert an ihrem Scheitelpunkt Avramovo mit 1267 m ü. NN den höchstgelegenen Bahnhof des Balkans und dürften vielen hier im Forum bekannt sein. Eingesetzt werden Dieselloks aus den 60ern von Henschel. Dass das sozialistische Bulgarien westdeutsche Dieselloks gekauft hat, finde ich recht verwunderlich und die Hintergründe für diese Entscheidung würden mich interessieren. Ich vermute mal, es gab keine adäquate Alternative aus einem Bruderstaat. Aktuell werden sie jedoch modernisiert und bekommen neue Motoren. Ob wir eine originale erwischt haben, bin ich mir nicht sicher. In Deutschland fährt auf der Brohltalbahn in der Eifel eine vergleichbare Lok, die ursprünglich für die FEVE in Nordspanien gebaut wurde und mich im vergangenen September befördert hat.

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Wir verlassen schnell die Ebene, um nach einem Anstieg durch die Schlucht der Tschepinska zu fahren.

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In Jakoruda haben wir einen etwas längeren Kreuzungshalt, den ich nutze um unseren Zug zu fotografieren. Da haben wir den Scheitelpunkt schon überschritten.

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Nach über 3 h hätte Chris langsam nichts dagegen, dass die Fahrt ein Ende nimmt.

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Endlich kommt nach über 4 h das Piringebirge im Abendlicht in Sicht. Höchster Gipfel ist der Wichren mit 2944 m ü. NN.

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Nach 4 h 38 erreichen wir den vorletzten Halt Bansko. Bansko ist die bulgarische Wintersporthochburg und während unseres Besuchs werden gerade die Skipisten vorbereitet.

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Wir kehren etwas oberhalb von Bansko in dem Fischrestaurant Jazovir Krinetz an einem Fischweiher ein. Leider sehen wir davon nichts mehr, weil es schon dunkel ist. Der frittierte Karpfen schmeckt dafür hervorragend.

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Tag 17 Piringebirge
Heute ist wieder ein bahnfreier Tag. Wir wandern von Bansko ins Piringebirge. Meine Chefin, die hier als Studentin im Urlaub wandern war, hatte mir das empfohlen. Unten in Bansko ist es neblig, aber relativ bald sind wir über dem Nebelmeer. Beim Aufstieg begleiten uns zwei freundliche, unaufdringliche Straßenhunde. Irgendwann verschwinden sie im Wald und wir hören kurz darauf lautes Gebell und Jaulen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie gejagt haben oder gejagt wurden. Ganz wohl war uns bei der Sache nicht.

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Wir wandern 1050 Höhenmeter bis auf knapp 2000 m ü. NN. hoch zur Berghütte Wichren hoch. Danach ist für uns Schluss. Zum einen wollen wir noch bei Tageslicht zurück nach Bansko kommen und die Witterung wird hier oben auch ziemlich alpin. Dafür sind wir nicht ausreichend ausgerüstet

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Auch Bansko hat natürlich sein Denkmal. Dieses ist für Paissij Chilendarski, ein Mönch, Geschichtsschreiber und Urväter der bulgarischen nationalen Wiedergeburt.

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Ich denke, für heute reicht es erstmal. Im nächsten Teil werden wir noch ein bisschen den Westen Bulgariens erkunden und dann recht abenteuerlich die Grenze nach Griechenland überqueren.


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