Vier Fäuste für ein Banitza 2/8 (54 + 42 Bilder) Teil 1 (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Mittwoch, 21.06.2023, 21:12 (vor 1004 Tagen)
bearbeitet von Bahne aus Leidenschaft, Mittwoch, 21.06.2023, 21:14

Im ersten Teil sind wir von Karlsruhe mit Umwegen nach Bukarest gefahren. Im zweiten Teil soll es weiter nach Bulgarien gehen.
Für alle die, den ersten Teil verpasst haben: https://www.ice-treff.de/index.php?id=681486

Tag 9 Bucuresti Nord – Ruse

Heute wird ein relativ entspannter Reisetag. Es steht nur die kurze Fahrt mit dem täglichen IR nach Ruse an. Da wir außerhalb der Sommersaison unterwegs sind, erwartet uns nur ein ziemlich runtergekommener Desiro mit kapitalem Steinschlag in der Windschutzscheibe.

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Bleibt noch die offene Frage aus dem letzten Teil, was wir ohne Reservierung machen. Als wir gestern die Reservierungen kaufen wollten, war der Zug ausgebucht, Die Schalterbeamtin hat uns empfohlen, rechtzeitig zum Bahnsteig zu kommen und in den Zug zu steigen. Wir suchen uns zwei Klappsitze im Mehrzweckbereich des Desiros aus und hoffen, dass das klappt. Schlussendlich wird der Zug nicht komplett voll und wir bekommen das Gefühl, dass die Frau am Vortag einfach keine Lust hatte, uns Reservierungen zu verkaufen. Vielleicht sind aber auch nicht alle Plätze, insbesondere die Klappsitze im Mehrzweckbereich, reservierbar. Rein technisch ginge es aber, da sogar die Klappsitze Platznummern haben.
Während der Fahrt kann man die walachischen Ölfelder sehen.

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Nach relativ flotter Fahrt leert sich der Zug in Videle fast komplett. Für das restliche Stück sind fast nur noch Touris im Zug.

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Die Interrailquote im Zug dürfte ziemlich hoch sein. Wir treffen einen anderen deutschen Reisenden, der relativ spontan mit einem Interrailpass aufgebrochen ist und nach Istanbul möchte. Wo ich die Riese eher zu stark geplant habe, ist er etwas wenig vorbereitet. Eigentlich möchte er nach Varna weiter, um von dort nach Istanbul weiter zu fahren. Da Varna in diese Richtung eine Sackgasse ist, rate ich ihm davon ab. Er entscheidet sich schließlich für Sofia.
Ab Videle ist die Reisegeschwindigkeit freundlich ausgedrückt sehr gemütlich. In Giurgiu Nord erfolgt die rumänische Ausreisekontrolle. Trotz der wenigen Fahrgäste verzögert sich dadurch unsere Weiterfahrt und wir fragen uns, wie lange es dauern würde, wenn mehr als ca. 10 Fahrgäste im Zug wären. Müssten wir heute noch einen Anschluss erreichen, würde ich langsam nervös.
Ein Schiebetritt würde hier vermutlich nicht ausreichen.

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Jetzt wäre unsere Gelegenheit die Identität zu wechseln. Der Grenzbeamte kommt mit einem dicken Bündel Ausweise und Reisepässe zurück und ist sich nicht mehr ganz sicher, welches Dokument zu welchem Reisenden gehört. Wir dürfen uns dann unsere Ausweise selbst raussuchen.
Auf Bulgarien bin ich sehr gespannt, weil ich hier ich war. Außerdem freue ich mich, endlich mal mein in den letzten Jahren angelerntes Russisch in freier Wildbahn zu testen. Trotz der großen geographischen Distanz, ähneln sich Bulgarisch und Russisch stark und vor allem viele ältere Bulgaren können besser Russisch als Englisch. Im Gegensatz zu den anderen slawischen Ländern, die ich in den letzten Jahren besucht habe, verwendet man hier auch die kyrillischen Schrift. Nach Russland selbst war in den letzten Jahren ja leider schwierig, erst wegen der Pandemie und aktuell aus anderen bekannten Gründen. Ich befürchte, das wird sich nicht auf absehbare Zeit nicht ändern.
Der Bahnhof Ruse besitzt ein imposantes Empfangsgebäude im stalinistischen Stil aus den 50ern. Im Inneren erinnert ein Banner an die Eröffnung der ersten Bahnstrecke in Bulgarien von Ruse nach Varna 1866.

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Nach Ankunft in Ruse checken wir in unserer Pension ein und machen ein wenig die Stadt unsicher. Auf dem Weg zur Innenstadt treffen wir auf dieses monumentale Mausoleum für gefallene Freiheitskämpfer im Krieg 1878 gegen die Osmanen. Es wird in diesem Urlaub nicht unser letztes monumentales Denkmal aus der sozialistischen Ära Bulgariens bleiben. 1878 drangen russische Truppen aus Richtung Norden über die Donaugrenze in das osmanische Reich vor mit dem Ziel Konstantinopel zu erobern, was schließlich aber durch die westlichen Großmächte verhindert wurde. Im Frieden von San Stefano war von Russland ein russlandtreuer großbulgarischer Staat vorgesehen bis vor die Tore Konstantinopels , zur Ägäisküste sowie dm Geniet des heutigen Makledoniens. Dieser Plan wurde jedoch ebenso durch die westlichen Großmächte verhindert und schließlich blieb nur ein massiv verkleinertes nominell noch dem Osmanischen Reich unterstehendes Fürstentum Bulgarien sowie ein weniger autonomes Fürtstentum Ostrumelien im Südosten des Landes.

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Danach spazieren wir noch zu Donau.

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Tag 10 Ruse und Ivanovo

Heute steht nur eine kurze Bahnfahrt zu der Ortschaft Ivanovo südlich von Ruse an. Wegen des übersichtlichen Fahrplanes müssen wir trotzdem früh raus. Eine Abteilwagengarnitur mit Skodalok wird uns dort hinbringen.

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Unser Ziel ist das UNESCO-Welterbe Felsenkloster von Ivanovo. Dazu wandern wir vom Ort, das auf eine Hochfläche liegt in das naturgeschützte Tal des Rusenski Lom. Ab dem 12 Jh. Siedelten sich Eremiten in den Felshöhlen des Tals an. Ihre Blüte erlebten die Klöster während des zweiten bulgarischen Reiches. Nach der osmanischen Eroberung setzte ein langsamer Niedergang ein.
Unterwegs kommen wir noch auf der Hochfläche an diesem Denkmal für die russischen Truppen im Krieg 1878 vorbei.

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Das Hauptkloster kann besichtigt werden. Es gibt noch weitere Klöster und Eremitenzellen, die aus Sicherheitsgründen jedoch nicht besichtigt werden können. Da oben aus dem Balkon werden wir in wenigen Minuten rausschauen. Ursprünglich war dort der Eingang ins Kloster.

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Mittags sind wir wieder am Bahnhof und fahren nach Ruse zurück. Wir fahren durch bis zum sehr einfach gehalten Haltepunkt Ruse Tovarna und besuchen das bulgarische Bahnhmuseum.

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Leider ist das Außengelände schon in der Winterpause. Auf dem Weg zur Toilette können wir trotzdem einen kleinen Blick auf die Exponate dort werfen. Der Reisezugwagen ist unverkennbar deutscher Herkunft und auch die Dampflokmodelle wirken mir ziemlich deutsch.

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Das Museum liegt im ersten Bahnhofsgebäude Ruses nahe der Donau und bis heute fahren hier die Güterzüge zum Hafen vorbei.

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In der Küche unserer Pension laden uns unsere polnischen Zimmernachbarn aus Kolberg auf einen Raki ein. Später kommt dann noch der Besitzer der Pension dazu. Er kann zwar auch ordentlich Englisch, freut sich aber ziemlich, dass wir uns auf Russisch verständigen können. Um das zu feiern holt er aus seinem Versteck den guten selbstgebrannten Raki von seinem Cousin hervor, mit dem wir auf die Völkerfreundschaft trinken. Wir übertreiben es aber nicht, denn morgen geht es wieder früh los.

Tag 11 Ruse - Schumen – Madara

Heute geht es weiter nach Schumen. Da auf der Strecke Richtung Varna SEV ist, nehmen wir den gleichen Zug wie gestern, bleiben diesmal aber bis Gorna Orjachowitza sitzen.
Diese beiden Verbindungen waren die einzigen bei unseren Fahrten in Bulgarien, die im DB Navigator falsch eingepflegt. Laut DB hätte nach Varna der Zug fahren sollen und der Zug nach Gorna Orjachowitza früher abfahren sollen. Diesmal nehmen wir in einem Wagen mit quasi Abteilen ohne Abteilwände, aber Seitengang und durchgehenden Sitzbänken Platz Platz. Das Konzept ist mir so auch neun

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Ab Ungarn beginnt anscheinend eine unsichtbare Grenze, ab der jeder Eisenbahner einen Hammer mit Teleskopstiel besitzt und am Bahnhof mit Kennerblick an die Radsätze schlägt. Bestimmt kann uns einer der Experten hier im Forum über die Gründe dafür aufklären und ob das in Deutschland früher auch so praktiziert wurde. Unsere Vermutung als Ingenieure ist, dass damit die Radsätze akustisch auf Risse oder festsitzende Klotzbremsen geprüft werden.

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Unsere Lok wurde 1979 bei Skoda in Pilsen gebaut und wird nicht das älteste Triebfahrzeug für heute bleiben.

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In Gorna Orjachowitza nutzen wir die Umsteigezeit für ein typisch bulgarisches Frühstück mit Banitza und Boza. Das für den Reisebericht namensgebende Gebäck ist eines der bulgarischen Nationalgericht, besteht aus Filoteig, einer Art Blätterteig, ist gefüllt mit Spinat oder Käse und ist vergleichbar mit Börek. Gegessen wird es gerne als Frühstück. Boza ist ein recht dickflüssiges leicht angegorenes Getränk aus Getreide und hat einen etwas gewöhnungsbedürftigen Geschmack . Ich bin aber ein großer Fan. Beides werden wir in den nächsten noch oft essen.

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Wir nehmen den Schnellzug aus Sofia Richtung Varna, der uns relativ zügig nach Schumen bringt.

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Nachdem wir in unserer Pension eingecheckt haben und unser Gepäck los sind, steht heute Nachmittag ein Ausflug mit dem Regionalzug nach Madara an. Dorthin wird uns dieser sowjetische Triebwagenveteran der Waggonfabrik Riga, Baujahr 1971, bringen.

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Die Fahrt von Schumen nach Madara dauert nur 18 Minuten und führt durch eine Ebene. Schon einige Minuten vor Ankunft gerät das Felsmassiv, in das der Reiter von Madara geschlagen ist, in Sicht.

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Der Haltepunkt wurde vor kurzer Zeit in Richtung Ortsnähe verlegt und ist topmodern. In Google Maps ist noch der alte Bahnhof eingezeichnet. Bei der Modernisierung bekam der Bahnhof auch eine Unterführung, deren Nutzen direkt neben einem Bahnübergang angezweifelt werden darf. Vor allem da sie bei unserem Besuch unter Wasser steht.

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Madara besitzt mit dem Reiter von Madara auch ein UNESCO-Welterbe. Dieser ist ein Felsrelief aus dem frühmittelalterlichen ersten bulgarischen Reich. Der Reiter ist ein wichtiges bulgarisches Nationalsymbol und findet sich auch auf der Rückseite der Stotinkimünzen. Wenn Bulgarien den Euro einführen darf, wird er auch als heißer Kandidat für das Münzmotiv gehandelt. In den letzten Jahren musste Bulgarien regelmäßig der Termin zur Euroeinführung verschieben, weil die Stabilitätskriterien verfehlt wurden. Aus meiner Sicht als BWL-Laie würde sich gar nicht so viel ändern. Der Lew ist seit über 20 Jahren mit einem 1:1-Wechselkurs an die D-Mark gebunden. Die Umrechnung ist also ziemlich easy.
Der Reiter selbst ist kleiner als erwartet. Jedoch ist die umgebende Landschaft sehr beeindruckend und nach einem steilen Anstieg kann man von der Oberkante der Felswand eine beeindruckende Aussicht genießen.

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Mit einer lokbespannten Garnitur geht es nach Schumen zurück.

Tag 12 Schumen – Veliko Tarnovo
Heute Vormittag besichtigen wir Schumen, bevor es mittags nach Veliko Tarnovo weiter geht.
Da um Schumen bedeutende Stätten des ersten bulgarischen Reiches liegen (die beiden alten Hauptstädte Pliska und Veliki Preslav sowie der Reiter von Madara), wurde die Stadt im Sozialismus mit einem Denkmal für die Gründer Bulgariens beglückt. Monumental ist als Beschreibung fast ein wenig untertrieben. Über Geschmack lässt sich bei diesem Traum aus Sichtbeton sicherlich streiten.

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Wieder unten in der Stadt besuchen wir die größte Mosche von Schumen. In Bulgarien gibt es noch eine nennenswerte muslimische Minderheit von ca. 10 %, die vor allem im Nordosten um Schumen sowie in einer Region im Südosten an der Grenze zu Griechenland leben.

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Im Zentrum gibt es ein weiteres Relikt der sozialistischen Ära. Dieser Komplex sollte das neue Zentrum der Stadt werden mit einer Vielzahl von Einrichtungen. Als Pfälzer erinnert es mich ein wenig an das Ludwigshafener Rathauscenter, das aktuell abgerissen wird. Mit dem Sturz des sozialistischen Regimes wurde der Bau 1989 eingestellt. Vor Ort finden sich keinerlei Informationen. Wer mehr dazu erfahren will, wird hier fündig: https://www.exutopia.com/shumen-central-city-square/

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Die Militäruniversität tritt recht martialisch auf.

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Weiter geht es für uns mit dem Schnellzug aus Varna auf der bereits von gestern bekannten Strecke nach Gorna Orjachowitza. Nach einer kurzen Fahrt kommen wir in Veliko Tarnovo an. Leider hat es inzwischen zu regnen begonnen.
Der Bahnhof von Veliko Tarnovo liegt relativ abgelegen im Tal der Jantra, während die Altstadt sich über einer langgezogenen Flussschleife erhebt, die von der Bahnstrecke untertunnelt wird.

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Am Bahnhof schnappen wir einen ziemlich orientierungslosen chinesischen Touristen auf, dem wir helfen, den Weg zu seinem Hostel zu finden. Er scheint mit dem Gebrauch von Google Maps ziemlich überfordert zu sein. In einigen Tagen werden wir ihn nochmal treffen und mehr über seine Situation erfahren.

Veliko Tarnovo war Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reichs der Asen-Dynastie im Hochmittelalter und wurde deshalb im Sozialismus auch durch ein Denkmal beschenkt. Der Fußweg vom Bahnhof in die Altstadt führt daran vorbei. Daneben findet sich ein kaum weniger zurückhaltendes Hotel aus der gleichen Epoche, dass aktuell leer zu stehen scheint. Das Wetter wird heute und morgen leider nicht mehr besser.

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Ganz offensichtlich gibt es auch hier in Bulgarien Fans vom 1. FC Kaiserlsautern. Das freut uns zwei Pfälzer. :-)

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Veliko Tarnovo ist durch seine wildromantische Lage, die Altstadt und seine historische Bedeutung ein beliebtes Ausflugsziel für viele Bulgaren. Zum Abendessen gibt es heute für mich vorzügliche Geflügelleber mit reichlich Zwiebeln.

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