In Einbeck spielt man Eisenbahn. (Allgemeines Forum)

Der Blaschke, Montag, 01.08.2022, 19:54 (vor 8 Tagen)

Huhu.

Heute bin ich ein Wahnsinnsknabe. Nach Einbeck will ich.

Das geht gut mit dem AmsterdamBerlinIC nach Hannover. Sandwichbespannung. Großzügige Fahrzeiten. Knappe Umstiege. Egal. Mutig sein.

Die Fuhre kommt mit etwas Verspätung. In Osnabrück kann man aus Gleis 4 nicht Richtung Süden raus, wenn in Gleis 3 ein Zug steht. Der RE 2 kommt also in Osnabrück schon verspätet weg. Die Nerven liegen blank: ein Fahrgast tobt, warum die völlig leere 1 nicht freigegeben wird bzw zumindest die in einem der 2 Wagen mit 1, wo der Zug sonst berstend voll ist. Der Schaffner giftet aus dem Führerstandfenster zurück, der Kunde solle mit seinem 9 €-Ticket gefälligst die Klappe halten. Großes Kino.

2 IC stehen parallel an dem schmalen alten Bahnsteig. Dazu wartende Fahrgäste für den RE 9 Rtg Bremen. Beim IC nach Amsterdam fragt wer fremdsprachig, ob er kurzfristig jetzt einen Platz online reservieren kann, um dann sicher zu sitzen bis in die Niederlande. Die Schaffner rätseln nur, wie man 'kurzfristig reservieren' auf englisch umschreibt - "just in time-reservation"?

Die Aufenthaltszeiten der IC sind in beiden Richtungen großzügig. Pünktlich geht es auch für uns los. Aber wir kommen keinen Kilometer weit. Und stehen mitten in der Schinkelkurve. Klang nach Zwangsbremsung. Kurz drauf geht's weiter. Wir fädeln auf die Hauptstrecke ein. Und zack, stehen wir schon wieder. Dazu düüüü-diiiii-düüüü. "Zugchef, bitte Schaltschrankanzeige beachten!". Dann für uns die Durchsage: es hat wer die Notbremse gezogen. Irrtümlich. Solle sofort weiter gehen. Geht es auch. Plus 6 haben wir. So Sandwichbespannung kann ja Spaß machen, Zitat Röhrich: "der trekk doch noch"; zieht gut. Leider nur ist die hier hintere Lok in Bad Bentheim katastrophal gekuppelt worden; zu viel Spiel, bei jeder größeren Bremsung gibt es einen kräftigen Längsruck. In Minden sind wir dann auch zur Freude des Ansagers wieder plan; wow! In Hannover auch! Und ich bekomme tatsächlich den 8-Min-Anschluß auf den Metronom. Hammer! Wahnsinn. Irre. Der kam schon mit leichter Verspätung an. Und fährt mit etwas größerer Verspätung wieder ab. Ca + 9. Besetzte Ausfahrgleise. Das Gebrabbel ist überschaubar; nicht mehr ganz so schlimm wie annodunnemals. Immerhin bekomme ich meinen Betreuer sogar 2x zu Gesicht. Er ist aber damit beschäftigt, defekte WC zu bezetteln und defekte Außentüren zu beschauen. Weder wir noch Tickets interessieren ihn. Na ja, ist noch jung der Bub ... In Kreiensen warten die Anschlüsse nicht. Sagt er. Zu Salzderhelden sagt er danach nix. Wir haben immer noch ca + 10. Die Spannung steigt. Wird der ganze Weg umsonst gewesen sein?

Nein, die Harz-Weser-Bahn wartet. Die Kundschaft hüpft in den Zug. Und los. Wir erreichen dann Einbeck Mitte. So. Dienstbeginn. Am Bahnsteig schon zig Kunden. Und ich stelle fest, wie clever die DB ist. Bis mindestens Mittwoch fallen die durchgehenden Züge Einbeck Göttingen ersatzlos aus: Die DB hat sie gänzlich aus dem Navigatior getilgt. Und auch auf der Anzeige in Einbeck Mitte tauchen sie nicht auf. Als hätte es sie nie gegeben. Fair wäre es, sie aufzuführen und als ausfallend zu kennzeichnen.

So aber schaut der Durchschnittskunde mit Fahrplankenntnis flüchtig auf den Monitor, sieht nix rotes und keine Warnmeldungen und läßt in der Aufmerksamkeit nach. Und wartet.

Aber der Betrieb läuft, wie er planmäßig liefe: die angekommene rollende Toilettenkiste rangiert hinter das Signal. So dass am Bahnsteig der Zug aus Göttingen nach Göttingen wenden könnte - nur dass da keiner kommt ... Teile der Kundschaft werden zappelig und sie entdecken meinen DB-Bommel; die Ruhe ist dahin ... Nein, kein Zug nach Göttingen. Nächster Zug in ca 15 Min nach Salzderhelden.

Dazu lerne ich NORA kennen. Die heute wandern war mit ihren Eltern und jetzt k.o. ist. Ins Kino geht es morgen. Kommt in die 3. Klasse. Und sie zeigt mir stolz ihr heute erworbenes Noppenetui. Den Sinn verstehe ich nicht, aber es macht Lärm. Auf meine Frage, wie sich das mit Schulunterricht verträgt, meint sie, dass das Ding auch leise Lärm machen könnte. Unter dem Tisch z.B. Den Sinn des leisen Lärms zu hinterfragen, dazu kam ich schon nicht mehr - sie präsentierte mir dann als nächstes so einen Anti-Streß-Glibber-Ball. Den liebe sie. Wozu man den braucht als Kind - ich weiß es auch wieder nicht. Und habe keine Zeit zum Verstehen. Denn der eine möchte meinen Kugelschreiber ausleihen. Die anderen snd hilflos: Der Automat nimmt nur Münzen und keine Scheine - wie ans 9 €-Ticket kommen? Einbeck in Aufruhr.

Dann zuckelt das Gefährt wieder zum Bahnsteig. Gut 40 Leute sind mittlerweile da, dazu 2 Fahrräder. Unterwegs kommen nochmal 10 dazu. Wow, das Wägelchen ist voll.

In Salzderhelden angekommen verabschiedet sich auch der Lokführer. Muss mit dem Metronom nach Northeim. Vorher repariert er eben noch eine hakende Tür. Dann kommt der Metronom aus Hannover und der erste Schwung hüpft in das Wägelchen. Dann trifft am anderen Bahnsteig der Metronom aus Göttingen ein. Und mit ihm der nächste Schwall von Kunden samt neuem Lokführer. Es wird dann hektisch. 2 Fahrräder. Diverse Reisende und die Großsippe mit Kind und Kind und Kind und Kinderwagen. Und Kind. Und ... Man beschließt, einfach mit Kinderwagen und Fahrrad und Koffer und so hinter der Tür stehenzubleiben; steigen doch eh alle gleich sofort wieder aus. Aber von draußen drücken noch Kunden nach! Großes Gezeter, Geächze, moser, maul, motz; die Fahrradplätze gibt niemand frei. Und auch sonst verteidigt jeder seinen erbeuteten Zentimeter Fahrzeugboden. Großes Kino im kleinen Salzderhelden. Bald drauf sind dann alle drin. Der Lokführer ist auch so weit. Und mit um die 70 Kunden und etwas Verspätung wegen Verzögerung nur beim Einstieg geht es los. "Otto Hahn" passt da irgendwie zur atomaren Stimmung. Aber bis Einbeck Mitte ist es nicht weit und so sind wir da, bevor die Lage eskalieren kann. Und schlussendlich kommen alle an und beruhigen sich.

In Einbeck wiederholt sich das Schauspiel der vorherigen Stunde. Etliche Kunden schon da. Der Zug fährt hinter's Signal. Aber der Göttinger kommt auch diesmal nicht; Alarm! Das sind die Momente, wo ich mir immer wünsche, da geriete mal die Plüschetage hinein. Und erklärt der Kundschaft, dass da jetzt kein Zug nach Göttingen fährt und der nächste zwingend den Umstieg in Salzderhelden erfordert. Aber die Herrschaften sitzen ja im Symposium, beim Meeting und in der Tagung, betreiben mit Verve ihre Ränkespielchen und das Pöstchengeschacher und überlegen, welchen Politiker sie anzapfen, damit möglichst erfolgreich viel Geld fließt. Dazu China, Ukraine, S-Bahn Saudi-Arabien und Kairo - herrje, was interessiert da Einbeck Mitte ... Und so bleibt der arme Zähler übrig, die Reste des Vertrauens in die Bundesbahn beieinander zu halten. 3 Fahrplanauskünfte gegeben. Ach ja, ich hab doch schon wieder Feierabend. Wenn kein Zug nach Göttingen fährt, kann ich da auch nichts zählen. Also schnell den Umhängebommel und das Namensschildchen weggepackt. Aber das nutzt jetzt natürlich auch nichts mehr.

Derweil die ca 50-Jährige Tochter mit ihrem 80-jährigen Vater schimpft, dass der immer viel zu unruhig und zu hektisch sei. Der Dank, der er und seine Frau die Brut zum Bf gefahren haben ... Im Zug hüpft dann aber sie für die 5 Minuten Fahrt so hektisch herum auf der Sitzplatzsuche, dass Vater und Mutter sie aus den Augen verlieren und ins Leere winken. Aber auch da kann ich helfen; stehe ja noch draußen. Vorher bekam Töchterchen noch ungefragt einen Einlauf von mir: sie solle sich über die Quirligkeit des Herrn Papa mal freuen - das halte jung und selbständig! Frau Tochter war leicht pikiert; Opi hatte seinen Spaß. Wahrscheinlich ändert der heute abend erstmal das Testament.

Dann machen wir wieder rüber nach Salzderhelden. Hinter dem langgezogenen Hügel da beim neuen BÜ ist der Handyempfang schlecht. Aber Madame Fahrgast teilt ihrem Gesprächspartner - und auch uns - mit, dass sie das Wetter gecheckt habe die nächsten 14 Tage und sie nicht so viele Klamotten brauche und dass sie das 9 €-Ticket aber voll ausnutze und dann direkt am letzten Arbeitstag vom Feierabend aus nach Longerich fahre.

In Salzderhelden gehe ich gemütlich rüber zum Metronom. Der trifft pünktlich ein. Ist ziemlich leer. Erstmal auf's WC. Das funktioniert nämlich mal. Dann gemütlich im Oberdeck sitzen. Der Wagen knarzt an allen Ecken und Enden. Zum Glück sind die Ansagen so leise, dass man nichts versteht. Und falls es einen Kundenbetreuer geben sollte, betreut der wen oder was anderes. Ich brauche allerdings auch keinen. Wenigstens werden wir vorm "Ziel- und Endbahnhof" im Dieter Thomas Heck-Sprachtempo verabschiedet und auf einen einzigen Anschlußzug hingewiesen: den nach Uelzen. Möge man doch in der Metronom-Welt bleiben. Das WC ist derweil schon wieder defekt.

Und so bin ich wieder in Hannover. Berauscht davon, dass DER FAHRPLAN FUNKTIONIERTE!!!! Ja, das gehört in Großschrift. Und in Fettdruck: ICH KAM PÜNKTLICH AN. Nur der Test, wie es der Metronom mit diversen fremden Fahrtberechtigungen so hält, mußte jetzt leider ausfallen. Will gar keiner sehen so ein Ticket. Aber das schmälert die Laune auch nicht.

In Hannover eben beim Rossmann einkaufen und dann 2 Mettbrötchen. Und der neuen Bedienung im Zeitungsladen erklärt, WARUM sie auf Zeitschriften etc keinen Klorabatt anrechnen darf - ihre Mitarbeiterin erklärte ihr nur, dass das untersagt sei. An Gleis 12 fährt derweil ein Leer-ICE durch. Einheit 9467 glaube ich. Noch verdreckter als jeder Metronom. Seit Indienststellung hat der ICE jedenfalls vermutlich noch nie eine Waschanlage gesehen.

Jetzt mal gucken, was es in der Westfalenbahn Rtg Heimat noch zu erleben gilt. Etwas Verspätung ab Hannover. Sogar ein Sitzplatz ergattere ich. Die Sprinterüberholung wird auf Wunstorf vorgezogen, wenn ich das richtig sehe. Warum es danach aber immer noch nicht weiter geht, sagt uns niemand. Wo doch die Westfalenbahn auch so elitär kundenfreundlich ist. Bzw das von sich meint. Egal. Personal sah ich sowieso noch nicht. Und wir fahren schon eine Dreiviertelstunde. Mittlerweile ist Wunstorf längst Geschichte, die Westfälische Pforte rückt näher und in Osnabrück ist auch etwas Pufferzeit zum Bus nach Hause.

Fazit: Für einen heute einstelligen Eurobetrag Einkommen stundenlang unterwegs gewesen und reichlich erlebt. Und morgen ruft schon wieder der wahre Star-RE Niedersachsens: Norddeich Mole - Hannover. YEI! Und das schönste: ich werde mich nicht grämen müssen, dass in Hannover der Umstieg xx:38 Uhr auf xx:40 Uhr vom RE 1 auf den IC nach Osnabrück wie immer nicht klappen wird (auch nicht, wenn wir in Wunstorf noch pünktlich sind) - denn der IC verkehrt ja derzeit in anderer Fahrplanlage. Da kann ich die Fahrt noch mehr genießen.

Ja, Leute, ihr solltet meinen Job machen. Dann müsst ihr euch auch nicht ewig mit euren Tickets und euren Punkten und dem Status und den FGR und all dem Klimbim herumschlagen! Okay, in die Lounge kommt ihr dann auch nicht. Aber was will man da auch, wenn einem draußen die Eisenbahn und ihre Kunden so viel bieten ...


Schöne Grüße von jörg


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