Interrail: Angebot passt nicht mehr zum Reiseverhalten? (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Donnerstag, 25.11.2021, 14:30 (vor 3 Tagen) @ Oscar (NL)

Hallo ICE-Fans,

hier mal ein Nachtrag von mir zum Thema Interrail, denn ich spüre etwas. Zwei Entwicklungen, die auseinandergehen. Sozufragen: passt das Produkt namens Interrail noch beim geänderten Reiseverhalten?

Ich erinnere mich Geschichten aus den 1970ern und Anfang 1980ern. TGV, ICE, AVE und Eurostar Italia gab es noch nicht, geschweige Frecciarossa. Wer international reisen möchte, nahm den D-Zug. TEE war für den Geschäftsverkehr und die Familie BRS (Berühmt, Reich und Schön).
Das Produkt Interrail gab es bereits, aber Sitzplatzreservierungen? Nö, das tat man nicht. Man hatte mal grob geschätzt im Kopf welche Länder man besuchen möchte und liess sich durch Zufall durch das Land führen. Traf man dann doch einen reservierungspflichtigen zug, wie der Mistral und le Capitole in Frankreich, dann gab es reichlich Alternativen. Nachtzug? Einfach sich im Schlafsack hinlegen im Gepäckwagen. Die allermeisten Schaffner (Zugbegleiter gab es noch nicht) hatten kein Problem damit. Irgendwann war der Reisespass zu Ende, man besuchte eine Jugendherberge und wenn man Lust hatte, die Stadt zu besichtigen, dann machte man das, und wenn nicht, dann stieg man wieder in irgendwelchen Zug ein, keine Ahnung wohin.

Diese abenteuerliche Art von Interrail gab es kurz nach der Jahrhundertwende fast nicht mehr. Wenn ich mir eine Vorstellung von meiner Interrail-Reise 2007 mache (zusammen mit drei Forumkollegen), dann lagen die zu besuchen Städte grobweg fest. Dazu auch die Verbindungen dazwischen. Und nein, nur eine Verbindung war wirklich Highspeed: Frankfurt-Paris, im ICE International bei Tempo 320. Es lag nicht an die bösen, bösen Rennzüge.
Dafür lag es daran, dass fast alle Verbindungen reservierungspflichtig waren. Bordeaux-Irun war einer der langsamsten TGVs Frankreichs, Madrid-Barcelona war in einem Mediumspeed Alvia und der schwedische X2000 war auch bestenfalls Mediumspeed. Ansonsten vor allem Nachtzüge: Corail Lunéa, Estrellas, 2x Trenhotel, Elipsos, CNL. Nachts reisen, tagsüber Stadt besichtigen. Das allermeiste vorher reserviert. Auch der Corail Téoz (heute: Intercités) Toulouse-Bordeaux war reservierungspflichtig. Abgesehen von einigen S-Bahnen in Lissabon, Madrid (Cercanias) und Barcelona (Rodalies) war nur der RE Villefranche-Perpignan-Narbonne ohne Reservierung (der gelbe Zug ab Latour de Carol hatte einen Aufpreis für den offenen Wagen).

Man muss also fast überall reservieren wenn man irgendwie vernünftig vorankommen möchte. Zugleich wurde das Regioangebot gefühlt abgebaut. Denn wozu ein RE Perpignan-Narbonne, wenn zeitgleich ein TGV fährt? Nur schade, dass unsere Interrail-Tickets nicht im TGV anerkannt wurden und wir keine lastminute Reservierungen erwerben konnten, weder via Schalter (auch nicht mit meinem besten französisch voller "vous" und "votre") noch via Automaten.

Das Produkt Interrail hat sich meiner Meinung nach nicht mit dem geänderten Zugangebot und den zufolge geänderten Bedürfnissen mitgeändert. Damals konnte ich in NL nur zwei Reservierungen vorher machen. "Part of the game", war die begründende Antwort. Denn Interrail war laut Schaltermitarbeiter vor allem Städte und Regionen kennenlernen, nicht von Stadt zu Stadt über die Rennbahnen jagen. Und auch mal akzeptieren, dass man in einer wildfremden Stadt strandet und vor Ort mal in lokaler Landessprache fragen muss, wo man preisgünstig schlafen kann.
In DE waren dagegen beliebig viele Reservierungen möglich. So eine Reise wie die von 2007 war in NL überhaupt nicht organisierbar.

Eigentlich ist diese moderne Art von Interrail kein echtes Interrail mehr wie damals gemeint. Es ist eher ein "all you can fly" auf Höhe null. Aber dennoch: es ist der Trend, und zu diesem Trend gehört ein dazu passendes Produkt. Heisst also auch, dass man das Buchungsverfahren "reservation only" im selben Mass unterstützen sollte wie das Buchungsverfahren "ticket+reservation".

Wie seht Ihr das?


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Verkehrsstaus müssen etwas Tolles sein, sonst würden nicht alle mitmachen.

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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