Als wir noch reisen durften ... (Reiseberichte)

Blaschke, Osnabrück, Sonntag, 22.03.2020, 11:18 (vor 14 Tagen) @ MC_Hans
bearbeitet von Blaschke, Sonntag, 22.03.2020, 11:21

Hey.

Wer je das automatisierte 'Nar-bonn-ne - ici - Nar-bonn-ne' gehört hat, der weiß, dass 'Blechelse' durchaus melodisch kann. Wenn es ihr nur vorher mal wer erklär... äh programmiert hat ...

Damals gab es sogar einen Direktzug aus Hamburg-Altona dorthin. Jetzt erzählt der alte Mann wieder aus ganz fernen Zeiten. Damals nannte sich das Autoreisezug. Betrieben von der Deutschen Bahn. In stundenlangem Gezuckel - zumindest hierzulande waren die Trassen sehr nachrangig - ging es runter ans Mittelmeer.

Dass der Zug Deutsche transportierte, konnte jeder Fremde dieser Erde übrigens vor Bereitstellung in Narbonne für die Rückfahrt ohne Telefonjoker oder 50/50 risikolos erraten: Sie waren ausgiebig am nörgeln! Daran erkennt man immer Deutsche im Ausland sofort. Hintergrund des Gemaules: die Autoverladung war nicht direkt am Bahnhof, sondern etwas außerhalb. Ein Schüttelbus fuhr sie dann zum Bahnhof. Dort aber mußten sie nun gute 30 Minuten ausharren, bis denn - nun endlich - mal der Zug bereitgestellt wurde. Soviel Ineffizienz geht gar nicht - auch an Urlaubsende nicht.

Und falls jetzt wer denkt, oje, hoffentlich kommt nicht wieder ein seitenlanger Bericht: ich kopiere mich einfach mal selbst - wenigstens das sollte noch erlaubt sein hoffe ich. Also bitte:

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Letzten Sonntag ging es mit dem AZ-Uex Hamburg – Narbonne – Hamburg mal wieder auf Tour. Auf der Hinfahrt habe ich überwiegend mein Schlafdefizit der letzten Tage ausgeglichen. In Hamburg eingestiegen war natürlich die erste Frage an meinen Zug-Betreuer, wie viele Mitreisende ich in meinem Abteil haben würde. Interessanterweise stand ich dann auf der Liste gar nicht drauf – hm, ob mich da jemand die Gelegenheit nutzen will und den Quengelkopp Blaschke ausweisen wollte…? Das ganze stellte sich dann aber als „EDV-Problem“ dar, UEx-Reisende werden nicht erfasst – nur AZ-Reisende – zumindest auf der Liste, die der Betreuer hatte! So blieb es spannend. In Hildesheim beglückte mich dann eine ältere nette Dame. Wir zwei blieben auch unter uns bis Narbonne. Kurz vorm Ziel forderte sie mich dann auf, endlich mal wach zu sein, gleich sähe man das Mittelmeer. Wir fuhren durch Seté – ein Städtchen, in welches ich mich auf der Rückfahrt gleich „verliebte“. Muss ich noch mal hin.

Interessant an der Hinfahrt war noch, dass die DB sich nicht an die Turnuszugvorhersage der DSO hielt – es ging nicht über Fulda, sondern über Gießen – und den Halt in Neu-Isenburg gibt’s gar nicht. Dafür erreichten wir Karlsruhe 20 Min. vor(!) der Zeit; die zahlreichen Hunde konnten sich so auf dem Bahnsteig entleeren…

In Narbonne mit gut 15 Min. Verspätung angekommen, hatte Blaschke natürlich wieder einen Volltreffer gelandet: Im Gegensatz zur Heimat regnete es!!! So kaufte ich ein paar deutsche Zeitungen und machte es mir im Bahnhof bequem. Ich schaute dem Zugverkehr und der Abfahrt des Dortmunder Autozuges eine Stunde vor Abfahrt unseres Zuges zu. Und lauschte der Kundschaft unseres Zuges beim Genöle über die zu frühe Autoverladung – Deutsche können halt nicht aus ihrer Haut… Angenehmer war da schon die Stationsansage. Wer einmal die französische Lady und ihr „Narbonne, ici Narbonne“ gehört hat, der weiß, was deutschen Bahnhöfen an Flair fehlt. Ich hab’s jedenfalls extra aufgenommen. Wir fuhren dann mit +10 wieder ab. Diesmal hatte ich ein tschechisches Päarchen im Abteil, wo mich mein Betreuer aber um Verständnis bat, dass die in Karlsruhe schon ausstiegen und er sie um 4.15 Uhr wecken würde. War mir sehr recht, denn ich wollte eh ab Strasbourg wach sein, um der 181 zu lauschen.

In Avignon brachte ich das Kunststück fertig, wie schon bei der ersten AZ-Fahrt 2005 während des Aufenthaltes am Bahnsteig am Handy mit der Frau meines Herzens zu „diskutieren“ – könnte eine Art Tradition werden, wenn ich da noch öfters hin komme. Egal, die Rechnung über das Gespräch kommt zum Glück erst in einigen Wochen…

Tradition auch, zwischen Avignon und Lyon im gemütlichen 70er-Jahre-Look-Speisewagen das zu essen, was noch als Vorrat da ist. Zurück im Abteil stellte ich fest, dass meine beiden Tschechen in einer Gruppe unterwegs waren und 4+2 Plätze in 2 Abteilen gebucht hatten. Schlafensmäßig machten sie da aber 5+1 draus – nur „er“ blieb bei mir. Der Grund wurde schnell klar: Er schnarchte! Aber auch hier verlor Tschechien gegen Deutschland auf ganzer Linie: Gegen 132 Kilo Schnarchmasse meinerseits kam er dann doch nicht an. Wie sagte meine Hinreise-Dame so schön: Dass sie gut geschlafen haben, hörte man.

Kurz vor Strasbourg wurde ich zum Glück von alleine wach, so lauschte ich noch ein wenig dem Lärm des Fahrweges. Wo die Franzosen so alles drüberheizen und mit was für einer Geschwindigkeit teilweise – das EBA wird keine Europa-Einrichtung sein und in Frankreich auch nie eine werden. Zum Glück – gerade die Bahnhofsein- und –durchfahrten sind wahre Musik für mein Gehör!

In Strasbourg ging es dann leider bis zum Ausfahrsignal vor – konnte ich nicht den Stand der Bauarbeiten sehen. Dafür fuhr ein einsamer Baggerfahrer morgens um 4 Uhr dort schon rum – Europa im Aufbruch. Ab hier lauschte ich dann der 181 – man muss sich ja langsam auf Abschied einstellen – schade, wo ich die Baureihe erst jetzt so richtig kennenlerne. Pünktlich ging es rüber nach Deutschland, welches seine Gäste mit einer 70er-La begrüßte sowie passend zum noch aktuellen SPIEGEL-Titel mit einem schönen Halbmond, der wie ich am zunehmen war. In Kehl durfte dann der französische Zugbegleiter seinen sicherlich angenehmen Dienst auf unserem Zug beenden.
Ein Betreuer hatte, wie ich durch Zufall sah, den altbekannten Diercke-Weltatlas mit im Abteil – man will ja wissen, wo man ist. Als sofort-Zurückreisender fiel ich natürlich dem Zugpersonal auf – eine Betreuerin erkannte mich sogar von der Fahrt vor einem Jahr nach Bourg St. Maurice wieder – ob es nun an meiner beide Male getragenen Nahkampf-Hose oder an meinem unvergleichlichem Charme lag, fand ich aber nicht heraus. Vor Schreck über soviel Erinnerungsvermögen verabschiedete ich meine Tschechen in Karlsruhe glatt auf Französisch: „Au revoir, ähm ja, äh, tschüss, bye“ – ich wusste gar nicht, wie sprachbegabt ich in Schrecksituationen bin… *g*

In Karlsruhe gab es frische Brötchen und ich erhielt sodann mein Frühstück. Wie man 3 Komponenten (Schmierkäse, Wurst und Marmelade) auf 2 Brötchenhälften unterbringen soll, wäre sicher mal eine Aufgabe für Logistiker. Hat bei mir schon auf der Hinfahrt für einige Probleme gesorgt. Tja, Blaschke hat Probleme mit dem Essen – so was gibt’s nur im Autozug…

Gemütlich ging es dann durch deutsche Lande, ich genoß das eigene Abteil und die Fahrt am offenen Fenster und natürlich die jetzt vorgespannte 120! Heidelberg erreichten wir plan – danach schaffte man das Kunststück, die Planfahrzeit von gut 1:15 Stunden bis Neu-Isenburg (lt. DSO-Turnuszugübersicht) noch um 30 Minuten zu überziehen. Wir standen wirklich überall. Immerhin lernte ich so die gesamte Bergstraße mal kennen. Schön, dass man auf diese Art mal viele viele Details sieht, die einem bei üblichen Fernzugfahrten ohne Fensteröffnungsmöglichkeit alle entgehen. Und ein Nahverkehrszug oder Sonderzug ist auch kein Vergleich – hier im AZ/UEx stören keine Verkehrshalte, kein „Fußvolk“, keine kontrollierenden Zugbegleiter, keine Dampflok und deren Fans (jetzt hab ich aber auch keinen ausgelassen *g*) Auch sieht man mal andere Signalbilder – herrlich, wenn man einer Cargo- oder Regioschnecke hinterherzuckelt und immer alle Vorsignale kurz vorm Erreichen auf Grün umschalten. Die Lokführer beherrschten allesamt das gemütliche, sanfte Fahren – wunderbar!

In Neu-Isenburg war eine außerplanmäßige gut 10-minütige Hunde-Pinkelpause angesagt, der Zugchef deckte sich wie ich beim örtlichen Kiosk mit Ware ein (er Zigaretten, ich Bild, Spiegel und Mampfe) und man schäkerte ein wenig mit dem örtlichen Rangierpersonal und dem Lokführer. Richtig familiär und urlaubsmäßig ging es zu. Abfahrt war mit gut +30, dieses Mal ging es auch über Bebra wie vorgesehen. Wunderbar, bei gemütlichem Tempo, Sonnenschein und manchem Überholaufenthalt auf der „alten“ NSS in Erinnerungen an vergangene TMT-Zeiten mit Fernverkehr auf diese Strecke zu schwelgen. Wie oft wurde man im Gang schlafend im Nachtzug gen Süden – wenn es wieder galt, eine TMT-Nacht zu überbrücken - beim großen Bebraer Bogen gegen die Seitenwand „geschleudert“ und wach und überlegte, in Bebra aussteigen und im Gegenzug sein Glück zu probieren oder bis München im Zug bleiben. Und dann – war sie hier nicht einst, die Grenze? Viele Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man so am offenen Fenster steht. Das Herz hüpfte vor Begeisterung.

Und ganz nebenbei, das ist auch mal ein schönes Gefühl, da bin ich ja ganz ehrlich: Was gibt es schöneres, als auf der Hinfahrt Sonntag mittags durch den wie immer vollbesetzten Hamburger Hauptbahnhof einmal langsam durchzufahren(!) und den etwas neidischen Gesichtern zuzuschauen, die ihrerseits unsereins „begaffen“. Gleiches galt insbesondere für den morgendlichen Berufsverkehr auf der Rückfahrt zwischen Heidelberg und Frankfurt – dass da nur ein armer Zeitungszusteller aus dem Fenster schaut, sieht man mir ja zum Glück nicht an… Wie oft schaute man früher neidvoll und sehnsüchtig selbst rüber zu solchen Zügen?!

Hildesheim erreichten wir schon wieder plan – die Überholung in Uelzen wurde nach Lüneburg verlegt und pünktlich wie die Eisenbahn erreichten wir Hamburg-Altona nach knapp 21 Stunden Fahrt um 14.17 Uhr. Wie immer war nichts schlimmer als das Ankommen und den 2x 21 Stunden-Fahrt-Trip beenden zu müssen – die noch notwendige Heimfahrt im IC nach Osnabrück ist da nur ein schwacher Trost.

Und so endet dieser Bericht mit dem üblichen Fazit: Körperlich etwas anstrengend mittlerweile – dem Geiste und der Seele tat es sehr gut. Und das ganze mit 98 Euro dank 2x Sparnight auch noch recht günstig. Wenn man dann noch Glück mit der Abteilbelegung und dem Unterwegs-Wetter hat – was will man mehr?

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Ende der Kopie. Kommt aus Ende März 2007. Der Autozug ist Geschichte, die im Text erwähnte Mausi noch viel länger - nur die 132 Kilo haben sich, wie sag ich's, verzinsestzinst sozusagen ...


Schöne Grüße von jörg

--
"Wenn Sie für die Eisenbahn arbeiten, dann sind Sie immer auf der Seite der Guten!"

Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur (07.05.2019)

Na bitte! ;-)


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