Fußball & Bahn VI – Mit dem Eurostar nach London (1/2, 28B) (Reiseberichte)

ICE 1517, Freitag, 28.02.2020, 18:39 (vor 2212 Tagen)

Hallo zusammen,

als Fußballauswärtsfahrer eines rot-weißen Brauseclubs in Sachsen (RB Leipzig) habe ich mich auch diese Saison auf den Weg gemacht – mit der Bahn in viele spannende Städte und Stadien. Heute möchte ich einen Einblick geben in meine letzte Reise. Wir sind in internationaler Mission unterwegs und es geht u.a. nach London. Wir werfen wieder einen Blick auf Züge, Sehenswürdigkeiten und ein wenig Fußball.

London, Vereinigtes Königreich
RB Leipzig spielt ja auch international diese Saison. Die bisherigen Reiseziele in der Champions League klangen auf jeden Fall interessant: Lissabon, St. Petersburg oder Lyon. Die ersten beiden erfordern zu viel Ausdauer für mich, um das mit der Bahn zu machen und Lyon hat leider zeitlich einfach nicht gepasst. Aber das Abenteuer Champions League geht glücklicherweise noch eine Runde weiter, Leipzig hat sich als Gruppenerster für das Achtelfinale qualifiziert und uns wurde als Gegner Tottenham Hotspur zugelost. Es geht also in die britische Hauptstadt, in ein Land wenige Tage nach dem Brexit. Was gibt’s zu beachten, wenn man in ein Land reist, das gerade die EU verlassen hat?

Glücklicherweise momentan noch recht wenig, es gelten viele Regelungen übergangsweise weiterhin. Der Personalausweis genügt zur Einreise, ein Visum ist nicht nötig. Heißt also: Planen, buchen, fahren und genießen.

Für die Hinfahrt hab ich diese Verbindung ausgewählt:
Dienstag, 18. Februar 2020
19:33 Uhr ab Leipzig Hbf mit ICE 1552
22:36 Uhr an Frankfurt(Main)Hbf

Mittwoch, 19. Februar 2020
08:16 Uhr ab Frankfurt(Main)Hbf mit ICE 316
11:35 Uhr an Brüssel Midi

12:52 Uhr MEZ ab Brüssel Midi Eurostar mit EST 9133
14:05 Uhr GMT an London St. Pancras International

Zwischenzeitlich gab’s noch andere Pläne, z.B. mit einem Flixbus um 00:25 Uhr von Leipzig nach Frankfurt zu reisen. Aber lieber baue ich nochmal eine Übernachtung in Frankfurt ein, um fit für einen langen Tag zu sein.

Los geht’s also mit der ersten Etappe von Leipzig nach Frankfurt.

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ICE-T „Passau“ hat mich nach Frankfurt am Main gebracht, wo ich erstmal noch eine Nacht in einem Hotel schlafe.

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Die Aussicht vom Hotelzimmer im 8. Stock ist auf jeden Fall genial und lässt mich mit einem zufriedenen Lächeln zurück, auch wenn der Plan mit dem Ausschlafen nicht wirklich aufgegangen ist. Für die nächste Etappe nach Brüssel erwartet mich nun dieser ICE 3, allerdings nur für die nächsten rund 11km:

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Die Türen werden freigegeben und ich nehme meinen reservierten Sitzplatz in Wagen 22 ein. Wenige Minuten später ist es nicht mehr mein Sitzplatz. Die Wagennummer hat sich auf 32 geändert. Nur kurz darauf sitze ich plötzlich in Wagen 42 und dann doch wieder in Wagen 32. ICE 316 nach Brüssel führt nämlich auch noch ICE 128 nach Amsterdam mit sich und es herrscht etwas Verwirrung, welcher Zugteil nun wohin fahren soll. Nach Abfahrt klärt das Zugpersonal aber auf, dass man die Wagennummern ändern musste und wir bitte am Flughafen in den anderen Zugteil wechseln sollen. Es gibt nichts Besseres am frühen Morgen, als 150m mit Gepäck durch den Zug zu latschen, dann am Bahnsteig auf eine große Menge zu treffen, die das Gleiche in die andere Richtung mitmacht und dann im richtigen Zugteil weitere 150m zurückzulegen. Die ganzen Spielchen haben auch ein paar Verspätungsminuten eingebracht, die wir bis Aachen wieder loswerden. In Brüssel geht’s dann vom ICE weiter zum Eurostar-Terminal.

In der Eurostar-App lese ich schon vorher, dass mich hier die nächste Überraschung erwartet. Die ursprünglichen Reservierungen sind erstmal ungültig, weil ein anderer Zugtyp eingesetzt wird. Eurostar weist aber jedem Fahrgast einen neuen Sitzplatz zu.

Am Eurostar-Terminal läuft’s wie folgt ab: Zuerst wird das Ticket kontrolliert, man checkt ein. Viele Kunden vor Ort tun das über Zutrittssperren mit Ticketscanner. Wer ein Online-Ticket von der Deutschen Bahn hat, muss am personenbedienten Schalter das Ticket vorzeigen. Hier erhält man dann auch die neue Platzkarte. Anschließend geht’s weiter zur Gepäckkontrolle: Jacke ausziehen, Handy und Geldbörse ablegen, alles mit Koffer und Rucksack durchleuchten lassen, durch den Metalldetektor schreiten und alles wieder mitnehmen. Zum Schluss hätten wir noch die Passkontrolle: Die EU guckt einmal, wer hier raus will und die Briten gucken, wer bei ihnen einreisen möchte.

Anschließend ist Warten angesagt, dazu gibt’s einen großen Wartebereich mit hunderten Sitzplätzen im Warmen, begleitet von einem Duty-free-Shop und einem Gastronomie-Angebot. 15 Minuten vor Abfahrt wird dann der Bahnsteig geöffnet und wir dürfen zum Zug.


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Bereit steht ein Eurostar der TGV-Generation.

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Wenn hunderte Fahrgäste die selbe Rolltreppe nach oben wollen und sich auf 300-400m Zug verteilen müssen, dann können 15 Minuten doch erstaunlich schnell vergehen. Aber wir können auf jeden Fall pünktlich abfahren. Das Vibrieren beim Anfahren und die Fahrgeräusche erinnern mich dabei ein wenig an den ICE-T.

Über die Schnellfahrstrecken HSL-1 und LGV-Nord steuern wir auf den Eurotunnel zu.

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Für die nächsten 20 Minuten ist Dunkelheit angesagt. Wer unter Tunnelphobie leidet, sollte sich vielleicht nicht mit den blanken Zahlen zum Eurotunnel befassen. 50km sind’s, davon verlaufen 38 unter dem Ärmelkanal und bis zum Meeresgrund geht’s teilweise bis zu 75m nach oben. Im Falle eines Falles ist Hilfe also bis zu 25km entfernt, daher sind die Züge auch mit Feuerlöscheinrichtungen ausgestattet und selbst im Brandfall sollen die Züge noch 30 Minuten lang weiterfahren können. Das Zugpersonal an Bord hat zudem einen peniblen Blick dafür, dass Gänge und Türen freigehalten werden und kontrolliert dies auch mehrfach während der Fahrt.

Auf englischer Seite geht’s dann über die nächste Schnellfahrstrecke, die HS1, weiter nach London. Die etwa 350km von Brüssel nach London in nur 133 Minuten bei 2 Zwischenstopps zurückzulegen, ist schon beeindruckend.

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Der Eurostar kommt zum Stehen in der großen Halle des Bahnhofs London St. Pancras.

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St. Pancras bei Nacht: Von außen möchte man mit diesem Gebäude alles Mögliche verbinden, aber einen Bahnhof hätte ich hinter dieser imposanten Fassade nicht vermutet.

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Direkt neben St. Pancras liegt der Bahnhof Kings Cross, an dem sich auch das legendäre Gleis 9 3/4 aus Harry Potter befindet. Tagsüber ist hier eine große Warteschlange, um sich einmal an dem Gepäckwagen fotografieren zu lassen, der in der Wand verschwindet. Und der Gepäckwagen verschwindet wirklich: Wenn man nachts an der selben Stelle wieder vorbeiläuft, ist der Gepäckwagen weg. Böse Zungen sprechen von einer Marketing-Masche, andere von Magie.

Es geht wenig später weiter mit der Londoner U-Bahn nach Tottenham. Das Tarifsystem der London Underground ist für Gäste erstaunlich unwichtig. Damit man an den Zugangssperren zur U-Bahn vorbeikommt, benötigt man nur eine Kreditkarte und hält diese an ein Terminal. Beim Verlassen einer Station das gleiche Spiel nochmal. Anhand der Daten wird ermittelt, welche Tarifzonen man durchfahren hat und welcher Tarif fällig wird. Aber keine Sorge: Es gibt einen Tagestarif, über den nicht hinaus abgebucht wird, egal wie viel man gefahren ist. Bei den Bussen läuft’s ähnlich: Hier wird allerdings nur beim Betreten des Busses die Kreditkarte ans Terminal gehalten, beim Verlassen nicht.


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Wir sind nun an der Haltestelle Tottenham Hale angekommen. Was man über die unterirdischen Strecken wirklich sagen muss: Es rumpelt, scheppert und kracht extrem, wenn man damit fährt. Aber die haben ordentlich Geschwindigkeit drauf und das bei sehr dichten Taktungen. Und da unten herrscht eine eigene Klimazone: Warm und stickig.

Oberirdisch geht’s zu Fuß weiter, als Fanmarsch. Die Strecke vom Bruce Grove zum Tottenham Hotspur Stadium ist für uns abgesperrt worden.

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4000 Leipziger sind mit nach London gekommen. Vorbei an den legendären Londoner Doppeldecker-Bussen geht’s Richtung Stadion. Das Tottenham Hotspur Stadium ist quasi noch neu, das Eröffnungsspiel war im letzten April. Ein wahrer Prachtbau für über eine Milliarde Euro.

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Licht aus: Vor Spielbeginn gibt’s eine Lichtshow, um das Publikum nochmal in Stimmung zu bringen.

Zum Spiel: Die Situation beider Mannschaften ist geprägt von vielen Ausfällen durch Verletzungen oder Sperren. RB Leipzig hat das Spiel gut im Griff, einzig an der Chancenverwertung hapert es. Tottenham verschuldet schließlich einen Elfmeter in der 2. Halbzeit.

Ich hatte noch nie das Vergnügen, bei einem Elfmeter so nah dran zu sein. Und das dürfte auch eins der wenigen Male gewesen sein, bei dem ich aus meiner Entfernung sagen konnte: Ja, Elfmeter ist ohne Zweifel die richtige Entscheidung.


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Timo Werner steht am Elfmeterpunkt bereit…

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…und Leipzig bejubelt kurz darauf das 0:1. Mit diesem Ergebnis geht das Spiel auch später zu Ende. Es wäre mehr drin gewesen und vielleicht fällt uns das im Rückspiel noch auf die Füße. Aber für den Moment ist es ein gigantischer Erfolg.

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Auf geht’s zum Sightseeing am nächsten Morgen und das mitten im Londoner Berufsverkehr. Im Underground ist viel los, an der Haltestelle London Bridge warten an den Zutrittssperren schon große Menschenmassen, während die Station auch gleichzeitig einen nicht aufhörenden Strom an Leuten ausspuckt.

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Ein Großteil davon nimmt auch den Weg über die London Bridge, im Hintergrund ist die Tower Bridge zu sehen.

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Die Tower Bridge nochmal aus der Nähe.

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Weiter geht’s auf’s London Eye, das höchste Riesenrad in Europa.

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Die Aussicht von oben ist atemberaubend, nur das Wetter ist heute typisch englisch. Regen und Wind peitschen gegen die Gondel.

Ich hab ein bisschen Pech in letzter Zeit bei meinen Reisen, wenn’s um den Ausblick auf Sehenswürdigkeiten geht. Wenn ich komme, dann herrscht entweder hartnäckiger Nebel oder es wird gebaut. In London ist es Letzteres, hier läuft ein Wettrüsten mit Baugerüsten:

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Die Houses of Parliament mit dem komplett eingerüsteten Big Ben.

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Die daneben liegende St. Margaret’s Church vor Westminster Abbey ist ebenfalls eingerüstet.

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Am Piccadilly Circus ist die Sicht glücklicherweise frei. Eine kleine Straßenbaustelle und ein Kran haben sich trotzdem ins Bild geschmuggelt.

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Eine letzte Fahrt im Untergrund.

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Der Zeitpunkt der Rückfahrt ist gekommen. Auch in London St. Pancras läuft die Prozedur aus Check-in, Gepäck- und Passkontrolle. Vor Abfahrt heißt es nochmal Warten, bis der Bahnsteig geöffnet wird.

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Und diesmal gibt’s einen anderen Zugtyp: Ein Eurostar-Velaro steht bereit für die Rückfahrt.

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Die Sitzabstände sind ein wenig enger und die Beleuchtung etwas gedämpfter als im ICE, auch wenn es auf dem Bild nicht so rüberkommt. Und wenn man sich die Wandverkleidung so anschaut, merkt man sofort die Handschrift eines ICE.

Wir kommen in Brüssel pünktlich an und es geht zügig weiter zum ICE International nach Deutschland. Ich bin froh, dass alles reibungslos klappt und ich so Begriffe wie HOTNAT nicht näher kennenlernen muss. Die Fahrt nach Deutschland ist dann erstmal unspektakulär. Mit dem Überschreiten der deutschen Grenze ändert sich das aber. Die Strecke von Aachen weiter nach Köln ist aufgrund eines Notarzteinsatzes am Gleis gesperrt. Und das führt dazu, dass der ICE International heute mal hier hält:

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Die Umleitung nach Köln führt über Mönchengladbach und Krefeld. Und wie komm ich jetzt auf meinem Weg zurück dazu, ausgerechnet in Krefeld auszusteigen?

Das nächste Auswärtsspiel am Samstag ist in Gelsenkirchen und liegt sozusagen „auf dem Weg“, insofern nehme ich das einfach gleich mit. Und dank des Zusatzhalts muss ich nicht deutlich später in Köln umsteigen, sondern kann die Umleitung dazu nutzen, sogar früher als gebucht an meinem Ziel Essen Hbf anzukommen. Ich hoffe, dass das ausgeteilte Fahrgastrechteformular nicht als Aufforderung zu verstehen ist, für die Verfrühung noch extra Geld an die Bahn zu zahlen.

Gleich weiterlesen in Teil 2…


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