Von korsischer Eisenbahn und russischem Nachtzug – 2/4 | 37B (Reiseberichte)

TD, Dienstag, 16.04.2019, 17:22 (vor 2533 Tagen)

Hallo zusammen,

willkommen zum zweiten Teil unserer kleinen Rundreise zwischen Korsika und Wien. Im ersten Teil waren wir vom Bodensee nach Livorno gefahren, hatten dort die Fähre nach Korsika bestiegen und waren mit der korsischen Eisenbahn von Bastia nach Ajaccio gefahren.

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Tag 3: Ajaccio – Ponte Leccia – Calvi – Ponte Leccia - Bastia

Heute widmen wir nochmals einen ganzen Tag den Chemins de fer de la Corse (CFC). Zunächst nutzen wir aber die Gelegenheit, noch ein paar Eindrücke der korsischen Hauptstadt Ajaccio bei Tageslicht zu sammeln.

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In Ajaccio erinnert vieles an die Familie Bonaparte, hier der Blick vom Hotelzimmer auf die Rue Cardinal Fesch, der Kardinal war ein Halbonkel von Napoleon. In einem der Gebäude rechts fand Napoleon Unterschlupf, als er 1793 auf der Flucht war.

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Und in der Kathedrale Notre-Dame-de-l’Assomption heirateten einst die Eltern von Napoleon Bonaparte und der einjährige Napoleon wurde hier getauft. Auf dem Sterbebett soll Napoleon gesagt haben „Wenn man meine Leiche ebenso verbannt, wie man meine Person verbannte, so möchte ich in der Kathedrale zu Ajaccio beigesetzt werden.“. Napoleon wurde jedoch in Paris beigesetzt, andere Mitglieder der Familie Bonaparte ruhen jedoch hier.

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Schließlich lassen wir noch den Blick schweifen über den Golf von Ajaccio, dann wird es langsam Zeit für den Zug.

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Ajaccio ist einer von drei Endpunkten im Streckennetz der korsischen Eisenbahn. Der Kopfbahnhof wurde 1888 eröffnet, er liegt nur 4 Meter über dem Meeresspiegel.

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Die früheren Altbautriebwagen und der damals schlechte Streckenzustand haben der korsischen Eisenbahn einige unschmeichelhafte Beinamen wie U Trinighellu (der Zitternde) oder TGV - Train à Grande Vibration eingebracht, in jener Zeit stand das Eisenbahnnetz auf der Insel vor der Stilllegung. Seit der Modernisierung von Fuhrpark und Netz haben die spöttischen Bezeichnungen die Grundlage verloren und „Trenucciu“ (kleiner Zug) passt für die AMG-800-Doppeltriebwagen auch nicht so recht.

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Bei der Fahrt entlang der Bucht können wir nochmals einen Blick auf Ajaccio werfen. Von Ajaccio aus gibt es auch einige Fährverbindungen zum Festland, für unsere Weiterreise passen aber die Verbindungen vom Hafen Bastia besser.

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Eigentlich kennen wir die Strecke ja schon von der Hinfahrt – dennoch ist die Fahrt durch die Berge wieder beeindruckend. Die Strecke windet sich kurvenreich durch das Tal des Flusses Gravona nach oben zum Vizzavona-Tunnel. Der Tunnel ist der längste Schmalspur-Eisenbahntunnel Frankreichs, er ist zudem für die Besonderheit bekannt, dass er ein durchgehend gleichmäßiges Gefälle und keinen Scheitelpunkt hat, so dass man von einem Portal bis zum anderen Portal schauen kann.

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Nördlich des Tunnels führt die Bahnstrecke durch mehrere Kehren und einige kürzere Tunnel durch eine schluchtartige Landschaft. Mitten in diesem Abschnitt liegt der Bahnhof von Vivario.

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Besonders der Abschnitt zwischen Bocognano, Vivario und Corte gilt als der landschaftlich schönste Streckenabschnitt, hier wechseln sich verschiedene Landschaftsformen von Felsformationen über Hochebenen bis zu üppigen Wäldern und Flusstälern ab.

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Neben der Hauptstrecke von Ajaccio nach Bastia gibt es noch eine Zweigstrecke in den Ort Calvi; im Bahnhof von Ponte Leccia im Inselinneren treffen die Strecken aufeinander. Selbstverständlich wollen wir auch die Strecke nach Calvi befahren, und so nutzen wir den Korrespondenzanschluss.

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Die Zweigstrecke nach Calvi ist 74 Kilometer lang, sie führt zunächst weiter durch das korsische Hochgebirge, wobei die Landschaft hier etwas karger ist. Die trockene Region ist kaum besiedelt, sie ist geprägt von mediterranem Buschwald (Macchie) und Strauchheiden (Garigue). Die Strecke gewinnt zunächst noch an Höhe...

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...bevor dann der Abstieg ans Meer beginnt. Die Bahnlinie windet sich am Berghang hinab und eröffnet einen beeindruckenden Panoramablick, der bis zum Meer am Horizont reicht. Mit nur zwei Zugpaaren pro Tag ist der Fahrplan auf diesem Streckenabschnitt recht dünn.

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Am Fuße der Gebirgsstrecke erwartet den Fahrgast ein ganz anderer Charakter, die Bahnlinie erreicht nun das Meer und die zweite Hälfte der Strecke führt direkt an der Küste entlang, hier wechseln sich Felsküste, Kiefernwälder und Dünen ab, teilweise führt die Strecke auch direkt am Strand entlang. Als „Tramway de Balagne“ verbindet die Bahn mehrere Dörfer und Strände entlang der Küste, hier gibt es auch einen Vorort-Verkehr mit etwas dichterem Takt (5 Zugpaare).

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Und dieses Foto entstand auf den letzten Metern der Strecke, nun ist schon der Ort Calvi mit der Zitadelle auf einem Felsvorsprung zu sehen.

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Auf dieser Reise bestimmt der Fahrplan unseren Tagesablauf, drei Stunden Zeit haben wir nun in Calvi, um 15.50 Uhr gibt es die einzige Rückfahrtmöglichkeit heute. Mit 5.500 Einwohnern ist Calvi der siebtgrößte Ort Korsikas und Hauptort der Region Balagne. Die Stadt lebt überwiegend vom Tourismus und ist der meistbesuchte Ort der Insel, während unseres Aufenthalts liegt gerade ein Kreuzfahrtschiff in der Bucht von Calvi.

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Calvi gliedert sich in eine Unterstadt mit Rathaus, Marktplatz und Hafen und eine Oberstadt mit Gouverneurspalast und Zitadelle. Die Unterstadt geht auf eine römische Siedlung mit dem Namen Sinus Caesiae/Casalus zurück, wovon sich der Name Calvi ableiten soll.

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Calvi strahlt ein eher italienisches Flair aus, während es in der Oberstadt ruhig und beschaulich zugeht, herrscht in der Unterstadt ein bunter Trubel. In der Zitadelle in der Oberstadt liegt die Pro-cathédrale Saint-Jean-Baptiste de Calvi, die auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Von der Zitadelle aus bietet sich ein weiter Blick über den Golf von Calvi bis zur Küste von Punta Spano.

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In Calvi könnte man es durchaus länger aushalten, es gibt einen fünf Kilometer langen Sandstrand, eine Flaniermeile am Hafen, Ausflugs- und Touristenangebote. Aber irgendwann es auch wieder Zeit an die Rückfahrt zu denken.

Es geht gleich weiter...

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