MEIN EINDRUCK (gelesen: Schwarzbuch Deutsche Bahn) (Allgemeines Forum)

geko, München, Sonntag, 24.01.2010, 09:24 (vor 6022 Tagen) @ Steffen

Hallo zusammen,
ich habe das Buch nun wie angekündigt am Freitag durchgelesen; passend während einer ICE-Fahrt von Hamburg nach München. Nachfolgend meine Eindrücke.

1. Vergangenheitswahn
Am liebsten verwenden die beiden Autoren das Wort "früher". Sowohl in eigenen Passagen als auch bei Zitaten/Berichten von DB-Mitarbeitern wird in der Regel dargestellt, dass "früher" alles anders und besser war. Das nervt unglaublich. Keiner kann sich ernsthaft die Zeiten der "Deutschen Bundesbahn" zurückwünschen, sicher auch nicht die Autoren. Dennoch setzen sie stets auf Rückblenden. Was die Autoren zu übersehen scheinen (und typischerweise alle Menschen, die laufend mit "früher" argumentieren): 1. Früher waren auch alle anderen Lebensumstände anders und 2. man erinnert sich meistens verklärt an Vergangenes, vergisst gerne (negative) Details.

2. Einzelschicksale
Am laufenden Band werden Einzelschicksale erzählt. Dadurch werden sie aber gewiss nicht allgemeingültig. Für Nicht-Bahnfahrer müssen diese Berichte haarsträubend klingen, für genervte Bahnfahrer gießen diese Einzelberichte Öl ins Feuer. Ich als Fernpendler und häufiger Bahnfahrer hatte nur eine Reaktion parat "Aha, und?".

3. Veränderung als Makel
Dass sich die Deutsche Bahn weiterentwickelt halt, moderner wurde, schneller wurde etc. - das ist ein rotes Tuch für die Autoren. Ich gewann den Eindruck, dass die beiden der DB keinen Fortschritt gönnen. Nach dem Motto: Jeder soll sich entwickeln, aber meine Bahn bleibt bitte die alte. Beispiel: Die Ticket-Automaten und Internetbuchung sei nicht zu bedienen, früher (da ist es wieder) im bedienten Verkauf war alles besser und bequemer. Nun, was will man da entgegen? Ich kann nur sagen: Die Internetbuchung ist (vor allem nach dem kürzlich erfolgten Update mit Buchungsmöglichkeit für Dritte) prima bedienbar. Die Anzahl der Online-Tickets in den Fernverkehrszügen belegt dies auch. Und der Ticketautomat? Ich kann ihn bedienen, viele andere auch. Klar, er hat Usability-Mängel - die aber kein Kaufhemmnis sind. Das eigentliche Problem hinter beiden Ticket-Systemen beleuchten die beiden Autoren nicht, evtl. sind sie selbst betroffen: Eine Verweigerung zur persönlichen Weiterentwicklung. Online-Tickets, Online-Banking, Online-Hotelbuchungen, fahrerlose U-Bahnen, E-Mail statt Brief, Mobilfunkgeräte und und und - alles Dinge, die auch vom Kunden eine persönliche Entwicklung fordern. Die Welt dreht sich, sie dreht sich womöglich schneller als vor 50 Jahren. Aber wie schon beim Umstieg von Kerzen auf Strom und von Pferden auf Diesel/Benzin, müssen Menschen sich weiterentwickeln. Wer sagt "Onlinebanking ist nicht zu bedienen, früher war es besser mit Menschen am Schalter", der zeigt, dass er selbst nicht bereit ist, zu lernen. Gleiches gilt für Fahrkartenautomaten der Bahn. Bei allen Bugs im System: Sie funktionieren. Und wer sie aus einer grundsätzlichen Haltung "früher wars besser/bequemer" ablehnt, lehnt ab selbst zu lernen. So wohl auch die Autoren.

4. Mitarbeiterüberwachung ausgebreitet
Ein großes Kapitel für die Überwachung der Mitarbeiter. Ganz kurz und knapp: Skandalös was hier teilweise gelaufen ist, gut dass es öffentlich wurde und noch besser, wenn daraus (auch strafrechtliche) Konsequenzen gezogen werden. Nur: Das war's dann auch, für mich ist die Sache abgehakt. Insbesondere ist - bitte entschuldigt meine Offenheit - ein internes Bespitzeln von Mitarbeitern nicht zwingend kundenrelevant. Natürlich: Ich kann mir überlegen, ob ich ein solches Unternehmen durch den Kauf von Produkten/Dienstleistungen unterstütze (vergleiche Lidl, Schlecker). Aber die Autoren vermengen die sicher abzulehnenden Vorgänge ggü. Mitarbeitern zu einem "Schwarzbuch Bahn", welches den Anspruch erhebt, die Allgemeinheit zu informieren, wie ist wirklich bei der Bahn läuft. Ich finde das nicht statthaft in diesem Umfang.

5. Regio vs. Fern
Ich fühlte mich beim Lesen ein bisschen schuldig, ein bisschen als Täter. Die Autoren geißeln die Entwicklung der Bahn zu einem rasenden ICE-Monster. Die Bahn würde die Regionalpendler übersehen und vernachlässigen. Konkret: Die Autoren sehen es als überflüssig an, dass immer mehr ICEs immer schneller durchs Land brausen, während in Posemuckel Regentropfen durchs Regio-Bahnhofdach auf Pendler fallen. Sorry, liebe Autoren, es gibt kein "oder" sondern ein zwingendes "und". Ich pendle München-Hamburg per ICE und bin vor einem Jahr aktiv (!) umgestiegen vom Flieger auf den ICE. Das tat ich nur, weil der Zug unter sechs Stunden braucht für die Strecke und somit für mich konkurrenzfähig zum Flieger ist. Bei >7/8 Stunden würde ich schön jede Woche weiterfliegen. Anderes Beispiel: Berlin-Hamburg. Hier schreiben die Autoren gerne über die kaputten Betonschwellen (was tatsächlich unglaublich peinlich für die Bahn war), aber nicht dass unzählige Flüge eingestellt wurden, seitdem Geschäftsreisende in 90 Minuten per ICE fahren können. Würde die Fahrt über 2h dauern, sähe die Rate anders aus. Damit wir uns richtig verstehen: Die regionalen Verbindungen sind elementar und müssen verbessert werden. Aber dies darf nicht auf Kosten des schnellen Fernverkehrs geschehen. Ziel muss es sein, das Flugzeug innerdeutsch als Verkehrsmittel abzulösen. Dies gelingt nicht mit perfekt gereinigten, ausreichend langen, mit freundlichen Mitarbeitern besetzten Regionalzügen bei Tempo 140.

6. Was mir positiv auffiel
Die Autoren zitieren sehr häufig Dritte, meistens Mitarbeiter der Deutschen Bahn. Das finde ich sehr gut. Es zahlt aus meiner Sicht nicht wirklich darauf ein, die Feststellungen allgemeingültig zu erklären (es bleiben meist Einzelsichten), aber es zeigt deutlich, dass die Bahn mehr für ihre Mitarbeiter tun muss. Die Begriffe "Kundenzufriedenheit" und "Mitarbeiterzufriedenheit" als oberste Maxime für das Unternehmen (übrigens gleichwertig mit "Gewinn" und nicht erst irgendwo dahinter) sind bei der Bahn nicht richtig implementiert. Diesen Eindruck, den ich und andere auch hier im Forum haben, verstärkt das Buch. Das haben die Autoren gut gemacht.

Fazit: Es wird immer "in" sein über die Bahn zu poltern. Jeder Deutsche könnte aus eigener Sicht perfekter Bahnchef werden. Erlebt man ja auch am Bahnsteig oft genug. Kaum jemand, der nicht ein paar Ratschläge für die Bahn parat hat. Ein solches Buch trifft genau diese Haltung. Es erörtert ein paar interessante Dinge, verpasst aber wirklich sachlich zu bleiben. Wichtiger war für die Autoren möglichst bei jedem Leser ein "Genau, so ist es! Sauerei!" auszulösen. Unwichtig bleibt eine sachliche Aufklärung über positive Entwicklungen der Bahn sowie verbesserungswürdige Umstände (die es ja unzweifelhaft gibt, auch aus der Sicht der härtesten Bahnfans!).

Soweit zum ersten Eindruck.


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