Unterschiede und Gemeinsamkeiten - aber auf einem guten Weg (Allgemeines Forum)

ALR997, Freitag, 10.03.2017, 21:42 (vor 3314 Tagen) @ Blaschke

Solange im Eisenbahnwesen überdurchschnittlich viele Beharrer eines Status Quo und Verfechter der guten alten Zeit ihr Unwesen treiben, wird das nie was mit einer Verbesserung der Situation.

Das gibts ja auch im realen Leben immer noch. Scheinbar gibt es ja genug Leute, die beispielsweise das Feeling der 60er- und 70er-Jahre zurück, wo Russland der "bedingungslose Feind" war. Man muss jetzt gar nicht auf die Aspekte der Politik hierbei eingehen, aber es scheint doch Menschen zu geben, die da sehr nostalgisch veranlagt sind ^^

Wenn ich allein schon das ganze Gejammer der Lokführer mitbekomme zum Thema "autonomes Fahren". Oder dass es im Jahre 2017 noch reichlich Papierfahrscheine gibt - unfaßbar rückständig.

Man muss aber auch sagen, dass wir da auf einem guten Weg sind. Und es kann nicht der Sinn der Sache sein, von jetzt auf gleich das komplette Ticketsystem zu digitalisieren. Natürlich auch für die oben erwähnten Nostalgiker, die sich gerne Papiertickets wünschen, auf der anderen Seite denke ich da allerdings auch an Menschen, die mittlerweile ein Alter jenseits der 70 erreicht haben und nicht unbedingt bewandert sind am Smartphone oder am PC.

In deren Sinne mag es sein, noch immer die Möglichkeiten von Papiertickets offen zu halten, ebenso als Rückfallebene.

Gleichwohl sollte es natürlich Sinn der Sache sein, den Papierausstoß auf ein Minimum zu reduzieren - der Umwelt zuliebe.

Zumal der Zug allein schon für eine technische Harmonisierung längst abgefahren ist. Wie z.B. würde man ein einheitliches Stromsystem und ein einheitliches Signalsystem hinbekommen wollen? Geht gar nicht. Für immer und ewig wird das Stückwerk bleiben. Müssen.

Verschiedene Stromsysteme sind zwar Barrieren, aber keineswegs solche, die unüberwindbar wären. Betrachtet man Europa, ist festzustellen dass es noch vier mehr oder weniger weit verbreitete Stromsysteme gibt: 25 kV, 15 kV, 3 kV und 1,5 kV. Fangen wir mit den Kleinsten an:
1,5 kV werden noch in den Niederlanden und in Teilen von Frankreich genutzt,
3 kV in Italien, Belgien, Osteuropa und Spanien,
15 kV in DACH+FL, Schweden und Norwegen und
25 kV in Nordfrankreich, Portugal, Großbritannien, Finnland, Südosteuropa und Dänemark, sowie in vielen nicht 25 kV-Ländern für den Hochgeschwindigkeitsverkehr - Beispielsweise bei TGV (Frankreich), LAV (Spanien), FAV (Italien), HSV (Niederlande, Belgien), HS1 (Kent)

Du brauchst im schlimmsten Fall also ein Fahrzeug, welches vier Stromsysteme beherrschen kann. Allerdings selbst in dem Fall, dass du beispielsweise von Kopenhagen nach Paris fährst, dürftest du mit zwei Stromsystemen auskommen.

Das andere Problem ist, wie du richtig ansprichst, die Zugsicherung, hier sind wir halt noch weit entfernt von einer Generallösung (sprich ETCS), aber die Möglichkeiten sind auch hier doch mittlerweile gut am Wachsen.

Was man höchstens harmonisieren könnte, wäre die Sprache. Wieso wird nicht bei ALLEN Eisenbahnen betrieblich immer und überall nur eine einzige Sprache gesprochen? Wobei das natürlich leicht skuril anmutet, wenn dann der Lokführer der Waldbahn zwischen Grafenau und Zwiesel mit dem Fahrdienstleiter Zwiesel auf Englisch parlieren müßte/sollte/würde.

Die Problematik bestünde insofern, dass der Lokführer schon die Sprachen sprechen müssen dürfte, in deren Ländern er unterwegs ist. Jetzt ist es aber halt gegenüber der Situation im Luftverkehr einfacher und daher üblicher, dass man an einer Grenze auch mal einen neuen Lokführer bekommt (im Luftverkehr natürlich Piloten, macht ja keinen Sinn wenn im Cockpit ein Lokführer sitzt ^^), so dass der Franzose den Zug in Frankreich fährt, der Deutsche in Deutschland, und der Däne in Dänemark. Wenn es mal nicht passt muss man sich aber sicherlich schon arrangieren, da allerdings ein Lokführer vermutlich aus simplen geographischen Gründen relativ selten beruflich in mehr als zwei Sprachräumen aufhält, dürfte selbst dann eine bilinguale Ausbildung ausreichen.

Ich hoffe, das ist jetzt halbwegs nachvollziehbar erklärt :-)

Und nein, auch im Straßenverkehr bekommt man da bis heute keine vollständige Harmonisierung hin. Jedes Land hat seine eigenen Vorschriften und Bußgeldkataloge. Auch da herrscht also eine Form von Stückwerk vor.

Nein, das nicht, aber dieser Bereich liegt eben auch in der Verantwortung der Nationalstaaten und die werden wohl einen Teufel tun und das der EU überlassen. Wäre ja wohl auch unzumutbar wenn die Deutschen auf einmal so viel für 20 km/h zu schnell fahren bezahlen müssten, wie etwa der Franzose oder der Niederländer.

Wenn man sich die Meinungen zur Vollstreckung der Parkgebühren anhört/ansieht, dann weiß man ja woher der Wind weht. "Dafür ist diese blöde EU also wieder gut! Dass wir im Ausland jetzt auch noch Strafzettel bezahlen müssen!" war mein persönliches Highlight gestern nachmittag.

Und noch schlimmer sind im Straßenverkehr ja die ungeschriebenen Gesetze, an die man sich zwar nicht zu halten hat, die aber gemeinhin so eingehalten werden - da muss man nur mal in eine fremde Stadt fahren und sich falsch einordnen und zur Strafe darf man dann eine Stunde Kreisverkehr fahren oder so etwas - oder Niederländer auf ihren Autobahnen: auch eine Sache für sich ^^

Wie dem auch sei: die EU legt ja sowohl bei Autos, wie auch bei Zügen durchaus ein paar grundsätzliche Dinge fest, die dann europaweit gelten. Das finde ich lobenswert und wenn man eines schönen Tages einen Zug mit einem einzigen Verfahren europaweit zulassen kann, dann werden bestimmt auch die Fahrzeughersteller ordentlich Pipi in den Augen haben...

Die Privatisierung auch mal außen vor lassende Grüße


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