Immer derselbe Bahnhof, Teil 21.1 (Reiseberichte)
Herzlich willkommen zum vorletzten Teil dieser Serie. An der Reihe ist der jüngste Bahnhof in dieser Serie und auch das jüngste Neustadt.
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Der offizielle Grundstein für Halle-Neustadt wurde am 15. Juli 1964 durch den ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Horst Sindermann, gelegt. Am 9. August 1965 zogen offiziell die ersten Mieter ein. Der Bau von Ha-Neu wurde am 17. Januar 1963 durch das Politbüro der SED beschlossen, vorausgegangen war 1958 eine Konferenz des Zentralkomitees der SED zum „Chemieprogramm der DDR”. Westlich von Halle, am linken Saaleufer, sollten auf einer weitgehend unbesiedelten Fläche neue Wohnungen, in erster Linie für Beschäftigte der Chemiestandorte Buna und Leuna, entstehen. Dies äußerte sich im offiziellen Beinamen „Sozialistische Stadt der Chemiearbeiter“. Ursprünglich sollte Neustadt ein Stadtteil von Halle sein, am 12. Mai 1967 wurde es jedoch eine selbständige kreisfreie Stadt. 1972 hatte es knapp 52.000 Einwohner, in den 1980ern war Neustadt mit über 90.000 Einwohnern nur noch knapp vom Großstadtstatus entfernt.
Der für Halle-Neustadt gewählte Standort war bereits in den 1920ern für Wohnbebauung vorgesehen, damals nahm man aufgrund der geologischen und hydrologischen Situation jedoch Abstand. Beim Saalehochwasser 2013 wären Teile Neustadts fast überflutet worden, glücklicherweise kam es aber nicht dazu.
Neustadt blieb während seiner Eigenständigkeit mehr oder minder eine Schlafstadt. Hotels und große Warenhäuser gab es nicht, auch das Rathaus wurde erst 1990 fertiggestellt. Geplant, aber nie gebaut, wurde das Kulturhaus, das einen Konzertsaal mit 2.000 Plätzen haben sollte. Ebenfalls geplant war das 100 Meter hohe Chemiehochhaus. Von hier aus sollten die beiden Chemiekombinate geleitet werden. Das wurde sogar gebaut, aber in Jena, für die Universität.
Die Straßenbahn erreichte Neustadts Zentrum erst weit nach der Wende, 1999 wurde die erste Etappe eröffnet. Bis dahin bestand zwischen Halle und Neustadt ein dichter Busverkehr. 1983 wurde in Neustadt der letzte Kinoneubau der DDR fertiggestellt. Das Gebäude wurde schon 1999 abgerissen, zugunsten eines Einkaufszentrums mit Kino. Das liegt direkt am Bahnhof Neustadt und am Westende der Neustädter Passage, der zweistöckigen Haupteinkaufsstraße. Deren Nordseite wird von den Scheiben bestimmt, fünf Hochhäusern, von denen vier seit Jahren leerstehen. Da sie stadtbildbestimmend sind, tut man sich mit Abrißgedanken schwer.
Am 6. Mai 1990 wurde Halle-Neustadt nach einem Bürgerentscheid wieder ein Stadtteil von Halle. Seitdem hat sich gegenüber dem Höchststand die Zahl seiner Bewohner mehr als halbiert, heute hat es um die 45.000 Einwohner. Ein weiterer Einschnitt durch die Wende traf alle Bewohner: Sie mußten sich an neue Adressen gewöhnen, es wurden Straßennamen eingeführt. Zuvor waren die neun Wohnkomplexe in Blöcke eingeteilt, deren Eingänge durchnumeriert waren. Der I. Wohnkomplex ist der älteste, hier befindet sich unter anderem das am 31. Juli 1967 fertiggestellte größte Wohnhaus der DDR. Es hatte so viele Einwohner wie manch eine Kleinstadt, über 2.000. Die weiteren Wohnkomplexe wurden verdichteter geplant und gebaut als der erste, dennoch herrschte in Halle und Halle-Neustadt bis zur Wende Wohnraummangel. In Neustadt wurden mittlerweile, wie auch in vielen anderen Plattenbauvierteln der DDR, diverse Wohnblöcke aufgrund des fehlenden Wohnraumbedarfs abgerissen.
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Kommen wir nun zur Eisenbahngeschichte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Gegend, in der heute Halle-Neustadt, liegt, eine Eisenbahnstrecke. Anfang Mai 1896 nahm die Halle-Hettstedter Eisenbahn den Betrieb zwischen ihrem Bahnhof Halle Klaustor (im Südwesten der Altstadt gelegen, der Hauptbahnhof liegt im Südosten) und Hettstedt auf. Die offizielle Betriebsgenehmigung für die Kleinbahn, deren Betriebsführung in den Händen von Lenz lag, erging erst am 30. Dezember 1896. 1949 wurde die Bahn von der Reichsbahn übernommen. Der Reiseverkehr auf der Strecke ist mittlerweile Geschichte: Am 11. März 1968 fuhr zwischen Halle und Heiligenthal der letzte Reisezug, am 23. Mai 1998 zwischen Heiligenthal und Gerbstedt und am 28. September 2002 auch zwischen Gerbstedt und Hettstedt. Güterverkehr gibt es auch nicht mehr.
Durch den Bau von Halle-Neustadt sollte eine Teilstrecke jedoch ein zweites Leben erhalten. Das wurde nämlich durch eine Stichstrecke von der Halle-Kasseler Bahn aus angeschlossen. Am 24. April 1967 wurde die Station Zscherbener Straße erreicht, am 28. September 1969 wurde Halle-Nietleben erreicht (und diese Strecke elektrifiziert). Dort schloß sie an die Strecke der Hettstedter Bahn an, deren Abschnitt Nietleben - Dölau vom 15. Oktober 1970 bis zum 1. August 2002 elektrisch und durch die S-Bahn betrieben wurde, zuletzt eher spärlich besetzt. Neben dem Charakter Dölaus mit seiner eher dünnen Besiedlung und der peripheren Lage der Bahnhöfe dürfte auch der fahrplanbedingte Zwangsaufenthalt von sieben Minuten, mit denen der Reisende in beiden Richtungen in Nietleben beglückt wurde, dazu beigetragen haben. Nachdem die S-Bahn jahrelang einen Halbkreis von Nietleben nach Trotha fuhr, wurde sie zum Fahrplanwechsel im Dezember 2015 wegen der Bauarbeiten im halleschen Hauptbahnhof auf die Relation Nietleben - Hauptbahnhof eingekürzt. Sie fährt weiterhin als S 7, zum Einsatz kommen Zweiwagenzüge mit der in Halle einstmals massenhaft anzutreffenden Baureihe 143.
Der Bahnhof Halle-Neustadt (betrieblich gesehen ist er ein Bahnhofsteil von Nietleben) liegt in Tunnellage. Er ist der einzige je gebaute Tunnelbahnhof der Reichsbahn der DDR. Von 2008 bis 2010 wurde er saniert, hierbei kamen die Bahnsteige der Zuglänge ein wenig entgegen. Der nördliche Teil wurde außer Betrieb genommen. Ferner wurden das Empfangsgebäude am Nordende der Bahnsteige und der Pavillon über dem Südeingang abgerissen. Robert Schwandl hat ein paar Bilder: Oben zweimal das Empfangsgebäude, in der Mitte der Pavillon.
Für den Berufsverkehr gab es eine direkte Strecke zwischen Zscherbener Straße und den Buna-Werken an der Nebenbahn Merseburg - Schafstädt. Hier fuhren ebenfalls am 24. April 1967 die ersten Züge. Waren vor der Wende bis zu 1200 Reisende pro Zug unterwegs (man fuhr mit drei vierteiligen Doppelstockeinheiten), reichte zuletzt ein einzelner Wagen. War die Strecke vor lange Zeit das letzte Rückzugsgebiet der Baureihe 109 (211), so fuhr in den letzten Jahren bis zur Einstellung des Reiseverkehrs zwischen Zscherbener Str. und Buna eine Lok der Baureihe 143 mit einem Doppelstocksteuerwagen. Am 7. Dezember 2007 fuhr der letzte Zug, mit dem 1. September 2011 wurde die Teilstrecke zwischen Zscherbener Str. und Holleben stillgelegt. Der Abschnitt Holleben - Buna-Werke - Merseburg ist für den Güterverkehr weiterhin in Betrieb.
Weitere Züge fuhren von Neustadt über Silberhöhe (hier gab es südlich der Halle-Kasseler Bahn, direkt gegenüber dem S-Bahn-Haltepunkt, einen eigenen Bahnsteig mit eigenem Namen) nach Merseburg und Großkorbetha. Wann hier der letzte Zug verkehrte, weiß ich nicht.
Der nachfolgende Rundgang kombiniert Aufnahmen vom 31. Juli 2015 mit Bildern, die ich am 21. Mai 2016 anfertigte.
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Geht gleich weiter.
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Sören Heise,
24.05.2016, 18:04
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Sören Heise,
24.05.2016, 18:04
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462 001,
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- Tunnelneustadt -
462 001,
24.05.2016, 21:08
- Immer derselbe Bahnhof, Teil 21.1 - Sputnik, 24.05.2016, 21:03
- Immer derselbe Bahnhof, Teil 21.1 - heinz11, 25.05.2016, 20:35
- Immer wieder eine Sammelantwort - Sören Heise, 26.05.2016, 18:18
- Immer derselbe Bahnhof, Teil 21.2 (40 Bilder) -
Sören Heise,
24.05.2016, 18:04