Auf dem Weg nach Kiruna: Der Nachtzug... (Reiseberichte)
Hallo allerseits!
Die Minuten gingen dahin in Stockholm, ich malte mir aus, was nun alles passieren würde. Da kam dann auch langsam der Zug rückwärts hineinrangiert.
Was ich mir an der Anzeige übrigens gefiel und was ich nicht wußte: Der Zug wird wohl als "Artic Circle Train" vermarktet. So stand es jedenfalls angeschrieben. Ein herrlicher Name. Ich ließ ihn mir mehrmals auf der Zunge zergehen. "Artic Circle Train". Und ich durfte das live erleben. Im Leben ist dann doch nicht alles falsch gelaufen.
Der Zug fuhr dann ein und ich atmete auf! Wagen 13 war auch da! Warum man nun die Wagen auf der Anzeige unterschlug, ist mir noch immer ein Rätsel. Vielleicht mag es einen Sinn haben, vielleicht hat es auch keinen. Mir egal, ab ins Abteil. Platz 31 sollte es sein. Unten. Unten ist immer wichtig, woanders liege ich nicht.
2 Mitreisende entern das Abteil. So gegen 18:30 Uhr machen wir uns dann gutbesucht auf dem Weg. In Uppsala steigen noch 2 weitere Reisende ein, ein Pärchen. Ein Platz bleibt frei. Ich hatte mich derweil schon unauffällig mit der Türverriegelung beschäftigt, wenn ich mal nachts auf's Töpfchen mußte. Aber das war eine überflüssige Sorge, denn die Tür blieb die ganze Nacht unverriegelt. Gävle verlassen wir 20:25 Uhr statt um 19:54 Uhr. Na ja gut, zumindest sind wir nicht noch später... Ich schließe ab jetzt öfters mal die Augen und begebe mich zur Ruhe. Im Alter steckt man mangelnden Schlaf ja doch nicht mehr so einfach weg wie noch zu jugendlichen Tramper-Monats-Ticket-Zeiten. So werde ich in Sundsvall mal wieder wach, nach 23 Uhr, aber fast taghell. So bekomme ich im Laufe der Nacht bei kurzem Erwachen immer mal wieder ein Stück Mitternachtssonne mit. Wobei mich das jetzt nicht sooooooooo sehr fasziniert; da ich als Zeitungszusteller jahrelang die Nächte zum Tag gemacht habe, sind mir aus der Zeit von Sommertagen frühe Sonnenaufgänge nichts ungewohntes.
Als ich dann eine ganze Weile später an einem Bahnhof wachwerde, bin ich erstaunt. Bastuträsk heißt er. 4:18 Uhr ist es. Und wir haben laut Anzeige nur noch mickrige 5 Minuten Verspätung! Hey, das ist ja supi. Das macht die Erfüllung des Planes ja wieder sehr viel wahrscheinlicher. Die Sonne steht schon wieder hoch am Horizont. Ich döse wieder etwas vor mich hin. In Boden werden dann die Kurswägelchen abgehangen. Pünktlich ziehen wir von dannen. Die Landschaft ist einfach unbeschreiblich schön, hinter Boden steht in einer Ausweiche eine 185er von Railpool, fast wie daheim.
Und dann folgt ein Anblick, der mir noch heute das Ozon aus der Lampe haut. Zunächst die Durchsage, dass wir nunmehr Nattavaara erreichen werden. Wie üblich, erfolgt die Durchsage hier auch auf Englisch. Als wir zum Halten kommen und ich aus der Tür schaue, erlebe ich den Anblick meines Lebens. Erstmal eine Bretterbude, geöffnet von 0 bis 24 Uhr. Und zwar täglich. Dazu eine Art geschotterter Naturbahnsteig. Und dann: Eine elektronische Anzeigentafel mit den nächsten Ankünften und Abfahrten! Und zwar die nächsten 5 oder 6 Züge! Meine Rückfahrt am späten Abend (jetzt ist es 9:13 Uhr) steht also auch schon drauf. Wir sind demnach 3 Minuten vor der Zeit da!
Wikipedia hat ein Bild dieses Ensembles zu bieten: [upload.wikimedia.org]
In Natura, so quasi mitten im Nichts, wirkt das Ganze dann natürlich noch viel mehr! Mir fielen in dem Moment nur die ganzen bräsigen deutschen Eisenbahnfans ein, die sich daran stören, dass die DB verpflichtet werden muß, auch auf Kleinstbahnhöfen mittels primitiver DSA über Zugverspätungen und -störungen zu infomieren. Und hier im tiefsten Schweden steht im Nichts eine dagegen geradezu gigantische Anzeige! Hätte ich nicht in der Tür gestanden, hätte es mich vom Sitz gerissen.
Weiter geht's. Dann trötet der Lokführer mächtig in des Loks Horn. Es folgt: Ein unbeschranker Bahnübergang! Sows gibt's auch in Schweden! Etwas später folgt noch einer. In der Einsamkeit schnipselt dann ein einsamer Arbeiter die Strecke frei - da werde ich direkt neidisch; ein schöner Arbeitsplatz, fernab der Welthektik, mangels Kollegen fernab jeglichen Mobbings und dann einsam draußen in der Natur.
Es folgt Gällivare. Dort ist Action. Reichlich Kundschaft steigt aus. Der Lokführer bekommt Verpflegung. Gegenüber fährt ein Güterzug genau bis zum Fußgängerüberweg vor. Nach einer Weile geht's weiter. Der Fahrplan muß sehr großzügig sein, hin und wieder warten wir auf Gegenzüge und das durchaus auch mal etwas länger. "We are waiting for a meeting train". Chic...
Was mir derweil noch auffiel: Ist das Absicht oder geht das nicht schneller (gut, es braucht ja auch nicht), dass die Lok beim Anfahren sich derart viel Zeit läßt, bis sie auf Touren kommt, dass man keine Sorge haben muß, dass da im Speisewagen auch nur ein einziges Glas mal umkippen könne. Gegen die Beschleunigung ist eine Schnecke ein Expreß. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich ein Schwede, der dann mal einen Taurus-bespannten Kurz-IC beim Beschleunigen erlebt, "alter Schwede" denkt und ganz entzückt ist (oder ihm leicht schwindelig wird). Nicht, dass es mich jetzt sonderlich störte, mir fiel es nur irgendwann mal direkt auf.
Dann wird durchgesagt, dass wir in ca. 15 Minuten Kiruna erreichen werden. So aussehen tut's nicht, von Kiruna ist weit und breit nichts zu sehen. Ich bekomme langsam aber sicher mal wieder einen meiner Schocks. Dunkel, sehr dunkel, sehr sehr dunkel, finster schwarz erinnere ich mich daran, dass ich mal was von einem neuen Bahnhof in Kiruna las. Sollte der jetzt etwa quasi am Hintern der Stadt sein, kilometerweit vom Zentrum entfernt? Und ich, statt kurz Kiruna zu erkunden, quasi die Wendezeit würde am Bahnhof absitzen müssen, weil der Weg in die City so weit ist? Durchgesagt wird auch, dass der Zug in Kiruna die Fahrtrichtung wechseln wird. Irre, was ich da wieder alles nicht weiß. Rechter Hand taucht auch sowas wie eine Siedlung auf, aber der Zug macht keine Anstalten, sich ihr zu nähern. Bis dann zu meiner Freude doch endlich eine größere Rechtskurve kommt. So ähnlich wie von Bonn kommend der Weg zum Kölner Hbf. Dann stehen wir irgendwann. Und der Bahnhof Kiruna ist da. Pünktlich sind wir da, 11:06 Uhr. Ein neuer Bahnsteig, Gleis 11(!), samt einiger Wartehäuschen mit einem zweckmäßigen Neubau. Fertig. Modern und chic, aber irgendwie im Nichts und etwas mickrig.
Also raus aus dem Zug. Auf dem Vorplatz stehen 2 Busse, offensichtlich ein Shuttleservice in die Stadt. Auf einem Hinweisschild ist aber der Weg zur Touristeninformation aufgezeichnet, es sollten nur 2 Kilometer Fußweg sein. Na, dann verzichte ich mal auf die Busse, nachher habe ich noch was falsch gelesen und die fahren ganz woanders hin. Also gehe ich den ausgeschilderten Weg entlang. Über Förmansvägen, Dübengatan, Adolf Hedingsvägen zum Kreisverkehr, dann rechts und schon bin ich im Zentrum. Die Touristeninfo finde ich sofort. Erstmal auf den Thron dort, dann ein paar Postkarten kaufen und losschicken. Und dann etwas umsehen. Mir gefällt auf dem Weg in die Stadt die herrliche Ruhe in Kiruna. Ich finde auch einen Einkaufsladen, ICA Nära Toppen.
Dazu eine Anmerkung: Nun esse und trinke ich ja im allgemeinen immer gern und reichlich. Auf so Reisen wie diesen halte ich mich da allerdings gerne ein wenig zurück. Denn man weiß ja nie, wo und wie man mal eine Toilette zur Verfügung hat. Im Nachtzug habe ich festgestellt, dass z.B. beim WC die Papiervorräte sowohl für das Gesäß als auch für's Händeabtrocknen ARG begrenzt sind. Zur Not habe ich immer etwas Papier dabei. Trotzdem will ich nur ungern in Verlegenheiten kommen bei notwendigen Geschäften. Deswegen gab's auf der ganzen Weg nicht deziliterweise Cola und eßbare Leckereien. Sondern eben eher Plätzchen, Kekse etc zum Sattwerden und das wirklich sehr sehr leckere RAMLÖSA! Von dem Gebräu könnte ich auch literweise trinken. Ich bin dabei auf solchen Fahrten auch nicht sehr anspruchsvoll, was die Verpflegung angeht; die ist Nebensache.
Nachdem ich also wußte, dass ich würde einkaufen werden können, schaute ich mich noch ein wenig im Ort um. Die Uni fand ich, der Bau erinnerte doch stark an die DDR-Ruinen, die ich nach der Wende sah. Und dann machte ich mich doch noch auf den Weg zur bekannten Kirche von Kiruna. Wie erwähnt, solche Besichtigungen reizen mich nicht so sehr. Aber jetzt hatte ich Zeit und Lust und so weit ist es ja nicht. Die Kirche war auch geöffnet, also hinein. Zu meinem Erstaunen war ich sogar alleine in der Kirche. Allerdings nur 5 Minuten. Ich verweilte wohl gut ein Stündchen. Setzte mich sozusagen kurz zur Ruhe.
Weiter Teil 2.
gesamter Thread:
- Auf dem Weg nach Kiruna: Der Nachtzug... -
Blaschke,
25.12.2015, 02:45
- Auf dem Weg nach Kiruna: Der Nachtzug... Teil 2 -
Blaschke,
25.12.2015, 02:46
- Översättningen -
Sören Heise,
25.12.2015, 09:18
- Auf Sören ist Verlaß. + Wiki-Bild von Nattavaara -
Blaschke,
25.12.2015, 12:19
- Angst vorm Russen - Sören Heise, 25.12.2015, 14:02
- Auf Sören ist Verlaß. + Wiki-Bild von Nattavaara -
Blaschke,
25.12.2015, 12:19
- Översättningen -
Sören Heise,
25.12.2015, 09:18
- Fortsetzung - ICEjan, 29.03.2020, 17:16
- Auf dem Weg nach Kiruna: Der Nachtzug... Teil 2 -
Blaschke,
25.12.2015, 02:46