Auf dem Weg nach Kiruna: Im X2000 nach Stockholm... (Reiseberichte)

Blaschke, Donnerstag, 24.12.2015, 22:59 (vor 3749 Tagen) @ Blaschke

Der Zug an sich gefiel mir. Wirkte von innen ein bißchen altbacken, viel hölzernes Design, aber alles ganz nett, plüschige Sitze mit ausreichend Beinfreiheit. Und ich hatte Glück, dass die meiste Zeit der Fahrt neben mir keiner saß. Schwedens Bahn hatte mir Wagen 4, Platz 34 zugeteilt.

Was mir auch sehr zusagte: Der Zug ist nicht vollgepflastet mit tausenden Piktogrammen, die auf alle mögliche Erlaubte und Verbotene hinweisen. Nichtrauchen, Weg zum Klo und Restaurant, das darf der geneigte Reisende sich alles selbst erschließen und das tut er auch problemlos.

Dann ging es pünktlich los. Dass vor der Oeresundbrücke erstmal ein Tunnel kommt, war mir im Gegensatz zur ersten Fahrt dieses Mal klar. Die Fahrt über die Brücke ist wieder ein schönes Erlebnis gewesen, zumal da nicht gezuckelt, sondern eher gerast wird - was gibt's schöneres als rasende Eisenbahnen. Die Schaffnerin war mit meinem Fahrschein Osnabrück - Kiruna überfordert, denn da steht außer "Kiruna" und "NUR GÜLTIG MIT RES. NACH SCHW." nichts schwedisches drauf; wichtig war der separate Ausdruck "Fahrschein und Reservierung" für den Zug 530. Der Fahrschein wurde mit Kuli abgehakt; fertig.

Die Schafferin war dann aber hinter Malmö nicht mehr zu sehen, ganz offensichtlich hatte das Zugteam gewechselt. Interessanterweise sah ich sie auf der Rückfahrt dann hinter Malmö bis Kobenhagen dann wieder. Auch da muß das Zugteam in Malmö gewechselt haben! Gibt's da etwa "spezielle" Dienste oder Mitarbeiter, die nur auf dem grenzüberschreitenden Abschnitt ihren Dienst tun?

Interessant auch, dass die Schaffner so eine Mappe mit sich tragen, in der wohl die ganzen Reservierungen verzeichnet sind. Ich las mal in einem anderen Reisebericht, dass das Ding so eine Art Bibel sei; wer da drinstünde, habe keine Probleme und wer da nicht drinstünde mit seinem reservierten Platz, der habe ein Problem. Das kam mir dann auch haargenau so vor. Von den Hintergründen und den Arbeitsabläufen habe ich keine Ahnung. Ich hielt die Zettelwirtschaft nur irgendwie für ganz interessant und bemerkenswert.

Aufgefallen ist mir dann noch, dass dann Europas Eisenbahnen doch einen gewissen Einheitsbrei abliefern: Bei den Durchsagen. und bei den Uniformen. Weißes Hemd, blaue Weste, rotes Halstuch/Krawatte. Nur die Durchsagen waren teilweise ganz interessant: Der Halt wurde von Mitarbeiter 1 angekündigt, die Anschlüsse von Mitarbeiterin 2. Das machte es etwas abwechslungsreicher.

Es war schön ruhig im Zug, die Kundschaft las, schlief oder beschäftige sich mit elektronischen Geräten. Niemand nörgelte. Auf den Unterwegsstationen war mal mehr, mal weniger Fahrgastwechsel. Die Strecke machte für mich einen relativ intakten Zustand, der Zug fuhr schön gleichmäßig ohne diverse Geschwindigkeitseinbrüche. Die Durchsagen waren, wie sie hier auch sind: Manuell, mal besser verständlich, mal schlechter, mal auch in Englisch, mal nicht. Die Strecke an sich ist erstaunlich kurvig; man könnte meinen, der Trassierer war mit reichlich Prozenten, die sich in Promille umwandelten, unterwegs. Und was er für gerade hielt, darf heute die Neigetechnik ausbaden. Trotzdem war die Fahrt ganz angenehm. Diverse modernisierte Bahnhöfe fielen mir ins Auge. In, ich meine es war Nässjö, gibt's wohl ein größeres Depot einer Bahngesellschaft. Sah eher aus wie ein gigantischer Schrottplatz. Mir fiel unterwegs noch die "European furniture group" auf mit Holz für halb Europa.

In Mjölby waren es nur noch 16 Grad draußen und es regnete etwas. In Linköping sah ich dann beim Gegenzug wieder eine Anzeige, die mir gefiel und die ich als Bahnchef ebenfalls nach Deutschland importieren würde. Denn die Verspätung des Zuges wird einfach mit "Ny tid" angezeigt! Ist das nicht genial? Nichts mit "Verspätung" oder ähnlich negativer Worte. Einfach neben der planmäßigen Zeit die "Neue Zeit" anzeigen: Fertig. Das klingt positiv, nämlich danach, dass der Zug auch kömmt; später zwar, aber er kömmt. Schließlich könnte er ja auch ausfallen.

In Fiskeby vor Norrköping sieht Schweden dann so aus, wie man sich's vorstellt: Ein weiter Blick ins Land, viel Wasser, viel Wald und viel Wiesen. Dann erreichen wir Södertälje, was sich als Bahnhof Södertälje Syd herausstellt. Ein Einstieg ist nicht vorgesehen. Interessant die Lage des Bahnhofes mitten auf einer Brücke. Witzigerweise war genau die Brücke dann wenige Wochen später hier mal Thema im Forum. Wahnsinn. Ich sah von der Brücke irgendwie nur "Scania" und dachte mir dann so: Muß wohl eine Art Hauptsitz sein (ihr erinnert Euch: Ich recheriere nix vorab). Bei der Nachbereitung stellte sich dann heraus: Es ist auch so.

Dann ging's weiter mit großen Schritten auf Stockholm zu. Die Einfahrt gefiel mir: Durch ein paar Tunnels, dann über 'ne Brücke, ab in einen kurzen Tunnel, noch 'ne Brücke, dann bremsen und zack, schon steht man in Stockholm Central. Kein furchtbares Geschleiche wie vor Hamburg, Köln, Berlin und Co. 2 Minuten vor Plan treffen wir Stockholm ein. Auf Gleis 18, wenn ich mich richtig erinnere. Das klingt nach "ganz hinten" und wie ich im Laufe der Zeit so feststelle, ist es das auch wohl. Ich finde auf dem Bahnsteig erstmal nur Schilder mit der Aufschrift für einen Ausgang "Klarabergsviadukten". Klingt nicht nach "Hauptausgang", aber denen folge ich erstmal.

Dann nehme ich mir vor, die Haupthalle zu suchen. Und finde sie. Und starte dann erstmal meinen Orientierungslauf. Irgendwie hatte ich nach einer Weile so das Gefühl, dass der Bahnhof reingequetscht wurde in eine bestehende Baulücke. Und hier und da mal erweitert wurde. Es wirkte auf mich alles ein wenig verbastelt und unübersichtlich auf den ersten Blick. Jedenfalls nichts Erhabenes, Weltläufiges. Trotzdem ganz nett, ziemlich sauber. Die Haupthalle hat dann durchaus schon was. Sogar einen Schwung Sitzmöglichkeiten. Ich wechselte mal wieder Geld. Das Reisezentrum ist recht versteckt, so als schäme man sich, ein Bahnhof zu sein. Dafür gibt es im Gegensatz zu Kobenhagen eine vernünfige große Anzeige mit all den Zügen drauf, die einem auch recht schnell ins Auge fällt.

Im Untergeschoß befindet sich ein coop-Laden. Da kann ich in Ruhe Lebensmittel einkaufen. Von der Sprache verstehe ich außer dem allgegenwärtigen "Hey Hey!" nun nichts. Da bin ich froh, einkaufen zu können, ohne mich artikulieren zu müssen. Natürlich drücke ich der Kassiererin das Geld in die Hand, anstatt das in die Geldschale zu werfen. Und ihre Frage nach einer Tüte verstehe ich erst, als sie mir so ein Ding unter die Nase hält und mich fragend anschaut. Diese Touristen...

Nun habe ich 3 Stunden Pause in Stockholm. Von Stadtbesichtigungen halte ich generell nicht viel, sowas reizt mich nicht. Ich laufe draußen über das/den "Klarabergsviadukten" und finde auf der anderen Seite des Wassers an der Ecke "Bolinders plan" eine einsame Sitzbank, auf der ich mich erstmal ein Stündchen niederlasse und die Gedanken und die Zeit und das Leben so an mich vorbei ziehen lasse. Später mache ich mich auf den Weg in die andere Richtung, am Bahnhof vorbei und ich finde die Fußgängerzone, die Drottninggatan. Wieder daheim lese ich, dass diese Fußgängerzone ganz bekannt sein soll und eine Touristenattraktion dazu. Das erstaunt mich doch sehr, denn wirklich interessantes konnte ich da nicht entdecken. Kann natürlich auch an meiner Wahrnehmung liegen; Blaschi sieht die Welt ja meist irgendwie anders. Aber dafür dahin fahren würde ich nicht. Dann wird es langsam Zeit, sich wieder zum Bahnhof zu begeben. Die vorderen Gleise sind Stumpfgleise, dort soll auch mein Nachtzug abfahren. Nebenan steht ein Arlanda-Expreß und blinkt mit seinen Schlußlichtern vor sich hin, auf Gleis 6 wartet ein ja irgendwie historisch aussehender IC mit schwarzen Wägelchen auf seinen Einsatz.

Eigentlich wird es Zeit für meinen Nachtzug, aber noch wird nichts angezeigt.

Als dann die Anzeige aufleuchtet, bekomme ich den ersten Schock. Bei der Anzeige der Wagenreihung. Der Lok folgt Wagen 10. Dann Wagen 14 und 15 und 16 und 17 und 18 usw. Ich falle hintenrüber. Habe ich doch eine Reservierung für Wagen 13. OH MEIN GOTT! Der Wagen wird fehlen! Alles andere wird ausgebucht sein. Ich werde nicht mitgenommen werden. Darf also 2 Tage in Stockholm auf der Straße verweilen (mangels Geld für ein Hotel) oder mich mit umgebuchten X2000 (falls bezahlbar) bis Kobenhagen und von da bis Deutschland durchschlagen (Zugbindung gibt's ja keine). Die DB hatte wieder alles versemmelt, alles falsch gemacht. Oder die SJ falsche Daten rübergemeldet. Blödes Europa, blöde Bahnen und ich darf es wieder ausbaden.

Als nächster Schock dann auch hier eine "Ny tid". 18:25 Uhr statt 17:55 Uhr sollte es los gehen. Na toll. Ich Katastrophenjunkie malte mir es dann aus: Verspätung schon bei der Abfahrt, unterwegs ist es bestimmt öfters eingleisig, wir werden tausende Gegenzüge abwarten müssen und die Verspätung wird sich gigantisch erhöhen und ich werde in Kiruna nicht den Gegenzug erreichen, sondern muß vorher aussteigen. Wenn ich denn eine Ahnung hätte, was der letzte Halt vor Kiruna denn ist - denn natürlich habe ich, Stichwort Reisevorbereitung, keine Unterwegsfahrzeiten und -halte des Zuges notiert. Voraussetzung für das Chaos ist natürlich, dass ich überhaupt erst mit darf.

Das wird ja wieder alles was werden. So saß ich da auf einer Bank auf dem Bahnsteig in Stockholm Central und wartete, was das Schicksal für mich bereithalten würde....

Was es dann bereit hielt, das gibt's im nächsten Teil... ;-)

Schöne Grüße von

jörg


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