Auf dem Weg nach Kiruna: Im X2000 nach Stockholm... (Reiseberichte)
Hallo!
Zurück zum Hamburger Hauptbahnhof. Mit diversen Devisen und etwas Mampfe stand ich also freudig am Bahnsteig, wo mich die dänische Dieselmöhre erwartete, die mich weiterbefördern sollte. Der reservierte Sitzplatz wurde eingenommen, pünktlich ging es los...
Der Zug war noch mit den Daten für die Hinfahrt beschriftet "til Hamburg". Die Reservierungsanzeigen waren also auch nicht richtig - aber trotzdem blieb alles friedlich und fröhlich. Nebenan kam ich mit "Bocki" ins Gespräch, der campte in Puttgarden. Mir gegenüber saß ein junger Mitreisender, wie sich herausstellte, auch Bahnfreak. Und deutlich mehr herumgekommen als ich. Es ging dann um tschechische Bahnhofsnamen und griechische Mythologie. Irgendwann war ich mutig und betrieb mein OUTING: Ja, ich sei bei DS-O aktiv. Als Herr Blaschke. Mein Gesprächpartner meinte, das habe er sich beinahe schon gedacht. Er sei da auch, aber überwiegend nur am Mitlesen. Schöne Grüße an dieser Stelle!
Puttgarden kam, das deutsche Zugteam ging, die Dänen kamen, stellten erstmal die Anzeigen richtig ein. Und die beteiligten Bahnen wagten dann ein Abenteuer: Den Zug samt Blaschi auf die Fähre versetzen, ohne dass die tiefergelegt wird dabei. Das klappte ganz wunderbar. Was ich schon wußte, sowas kommt mal vor, dass ich, wie alle anderen auch, den Zug verlassen mußte. Also raus, den Treppenaufgang nach oben und dann erstmal orientiert. Hätte ich irgendwie etwas größer erwartet den Dampfer, aber es war mir so auch ganz recht. "Bifi Roll" war billiger als an jeder 2. deutschen Tankstelle, irre. Und dann ab auf die Aussichtsplattform.
Heiko Focken schrieb mal so schön von dem Erlebnis der Überfahrt. Und ich muß sagen: Es war ein Erlebnis. Ein geiles! Denn es war wirklich alles perfekt: Ein paar Wölkchen am Himmel. Dazwischen die untergehende Sonne abends um 21:30 Uhr im Hochsommer. Etwas Schiffsverkehr in der Ferne, dazu eine laue Brise. Hinten Land zu sehen, vorne Land zu sehen. Dazwischen die See, unbeschreiblich schön. Und das schönste: Die Menschen sind alle friedlich, fröhlich und gut gelaunt. Hier ein Selfie, da ein Handy-Foto. Alle sind entspannt, jeder bringt dem anderen ein Lächeln entgegen. In der heutigen, durchgetakteten, hektischen Zeit ist so eine Fährüberfahrt ein Anachronismus; völlig aus der Zeit gefallen und genau deswegen einfach traumhaft schön, wenn man dazu so viel Glück mit dem Drumherum hat wie ich.
Dann durften wir wieder unsere Plätze einnehmen, es ging runter vom Schiff. Und weiter auf der Schiene. Die Fahrt war ganz unterhaltsam, die Beleuchtung der ganzen Unterwegsbahnhöfe gefiel mir, die Storströmbrücke auch. Ansonsten zog es sich etwas hin, der Zug war schön leer. Pünktlich erreichten wir den Kopenhagener Hauptbahnhof. Mein Gesprächspartner mußte ebenfalls mit dem Zug mit, der mich zum Oesterport bringen sollte. Wir setzten uns ganz vorne in den ersten Großraum. Nach kurzer leiser Unterhaltung ernteten wir böse Blicke und einen dänischen Anraunzer: Wir befanden uns im Ruheabteil! Und das ist dort auch wohl ein Ruheabteil! Selbst die folgende, noch leiserer Unterhaltung unsererseits wurde nicht geduldet! Nun sind es bis Oesterport nur 2 Stationen, unser drohender Rausschmiss hatte sich also eh erledigt. Ich verabschiedete mich also, stieg aus und erwischte logischweise den Hinterausgang. So stand ich also mitten in der Nacht mutterseelenallein auf der parallelen Ostbanegade und wußte nur: Irgendwo (am Oslo Plads) muß das Hotel ja nun sein.
Ich wurde dann auch fündig. Das Einchecken klappte auch zunächst, meinen Einzahlungsbeleg wollte niemand sehen. Bis dann der gute Mensch hinterm Tresen eine Sicherheitsgebühr haben wollte. Wofür warum erschloß sich mir nicht - denn die sollte ich morgens bei der Abreise wieder bekommen, also zu einem Zeitpunkt, wo man das Zimmer noch gar nicht darauf kontrollieren kann, ob ich es wohl verwüstet habe. 200 Euro wollte der Rezeptionist von mir haben. Zahlbar mit Karte. Ja, Freunde, davon hatte mir nun niemand was gesagt. An Karten habe ich nur Fahrkarten und Bargeld hatte ich ebenfalls nicht soviel. Er betonte nochmal, ich bekäme garantiert morgen früh alles wieder. Ich überreichte ihm dann den ganzen Krempel schwedischer, dänischer und europäischer Geldscheine. Irgendwas bei 170 Euro waren das etwa. Er gab sich dann schlußendlich damit zufrieden und mir den Zimmerschlüssel. Ich also ab ins Zimmer. Und ich zuckte zusammen: Die Gleise verliefen direkt, aber wirklich direkt vor meinem Fenster. Der Versuch, mal etwas länger am Stück zu schlafen, wurde regelmäßig vereitelt durch dieselbetriebene Doppelstockzüge, die, was waren es, 10 Meter oder 5 oder doch 15?, vom meinem Bettchen entfernt an mir vorbei schepperten. Okay, Ohrenstöpsel gab's auch - aber wenn ich den Zug nicht höre, dann höre ich auch den Wecker nicht. Es war Zimmer Nr. 112 - irgendwie passend von der Nummer her. Wer also nachts da mal trains spotten will, der ist dort goldrichtig. Wer tief schlafen will, eher weniger.
Es wurde Morgen und ich checkte aus und bekam mein ganzes Sammelsurium europäischer Geldscheine zurück. Ab auf die gegenüberliegende Straßenseite zum Bahnhof. Runter auf die Bahnsteige und mit der nächsten S-Bahn rüberwuppen zum Hauptbahnhof. Laut Fahrplan sollte mein X2 zwar auch in Oesterport starten, aber ich traute dem nicht so recht. Nachher gilt mein Fahrschein nicht oder der Zug fällt aus. Und niemand kann sich diverse Katastrophenszenarien so schön ausmalen wie ich. In Kopenhagen kaufte ich als erstes den teuersten Kugelschreiber meines Lebens (70 dänische Kronen wollte die Verkäuferin haben) - den hatte ich nämlich vergessen, brachte die bisherigen Erlebnisse quasi in Steno zu Papier und begab mich dann zum Bahnsteig.
Ausländische Sprachen haben ja manchmal ihre Schönheiten. In den Niederlanden sah ich an einem Prellbock mal die Aufschrift "Fixstop": Kann man die Funktionsweise besser und kürzer erkären? Was es mir in Dänemark angetan hat: Die Bezeichung "Perronafsnit". "Perronafsnit" - das klingt so weltläufig, so, als sei man im separaten Bereich für Kaiser und Könige. Würde ich, wenn ich mal Bahnchef werde in Deutschland, als erstes bahneindeutschen und dann werden hier alle Schilder ausgetauscht auf den Bahnhöfen, wofür man mich dann in einem bekannten Eisenbahnforum wieder tadeln würde ("der Blödmann soll die Züge pünktlich fahren lassen und nicht Geld für's Schilderaustauschen ausgeben!").
Mir gefällt, dass angezeigt wird, welcher Wagen in welchem "Perronafsnit" zum Halten kommen soll. So kann man sich gleich relativ passend positionieren.
Nebenan kömmt ein Oeresundzug nach Göteborg zum Halten und ich stelle fest: Die Dummheit der Reisenden ist international. Ein ganze Batterie Blagen muß samt ihrer Betreuer durch einen EINZIGE Tür in den Zug. Obwohl es auch genug andere Türen gäbe. Dann wird unser X 2000 angekündigt. Verbunden mit dem Hinweis auf einen besonderen Fahrpreis. Die Fuhre trudelt ein, die Reisenden steigen ein und ich stelle fest: Die Dummheit der Reisenden ist nicht international. Alle finden völlig problemlos ihren Sitzplatz. Obwohl (oder weil?) es keine Reservierungsanzeigen gibt. Wozu auch, denn ohne Platzreservierung kommt man gar nicht erst mit. Ich staune nur, dass bei der Wagennummerierung der Wagen mit der Ordnungsnummer 2 fehlt, auf 1 folgt 3 und dann 4, 5, 6, und 7.
(hier muß ich teilen; grrrrrr)
gesamter Thread:
- Auf dem Weg nach Kiruna: Im X2000 nach Stockholm... -
Blaschke,
24.12.2015, 22:58
- Auf dem Weg nach Kiruna: Im X2000 nach Stockholm... - Blaschke, 24.12.2015, 22:59
- Danke! - EC 178, 24.12.2015, 23:34
- Stockholms Bahnhof und die Panik mit dem Zug... -
462 001,
24.12.2015, 23:39
- Stockholms Bahnhof und die Panik mit dem Zug... - Berlin-Express, 24.12.2015, 23:59
- Der Coop in Stockholm - ALR997, 25.12.2015, 11:02
- Fortsetzung - ICEjan, 29.03.2020, 17:15