Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 1 (Reiseberichte)
Der Bach rauscht. Plötzlich ein Klappern, eines nur.
Der Bach rauscht. Plötzlich Quietschen, ein Pfiff, ein Zug.
Der Bach rauscht. Plötzlich ein Klappern, eines nur. Und wieder ist Ruhe eingekehrt, die Straße außer acht gelassen. Nicht weit ist es von hier zum Hauptbahnhof der Superlative, denn es war sein Einfahrsignal, das wir klappern hörten. Bezogen nur auf aktuelle deutsche Hauptbahnhöfe ist er vielfacher Rekordhalter:
Er ist der Hauptbahnhof, der am weitesten vom nächsten Hauptbahnhof entfernt ist.
Er ist der Hauptbahnhof, der am weitesten vom nächsten Abzweigbahnhof entfernt liegt.
Er ist der Hauptbahnhof, der keinen einzigen planmäßigen Zug zum nächsten Hauptbahnhof hat.
Er ist der Hauptbahnhof, der die wenigsten Zugabfahrten hat.
Er ist der Hauptbahnhof, der am meisten Gleis pro Zug hat.
Er ist der Hauptbahnhof, dessen Wagenstandanzeiger als einzigen Fernzug einen Zug des Nahverkehrs anzeigt.
Er ist der Hauptbahnhof, der zwei Drittel der zum Ort führenden Strecken verloren hat.
Er ist der Hauptbahnhof, der als einziger an einer unvollendeten Bahnstrecke liegt.
Er ist der Hauptbahnhof, der in der Hauptbahnhofsgemeinde mit den wenigsten Einwohnern liegt.
Er ist der Hauptbahnhof, der am dichtesten an der Gemeindegrenze liegt.
Er ist vielleicht der Hauptbahnhof, der den größten Höhenunterschied zum Ortszentrum aufweist. Ihr habt ihn sicher schon erkannt:
Er ist der Hauptbahnhof von Berchtesgaden.
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Berchtesgaden liegt in der Südostecke von Bayern, dem Watzmann zu Füßen. Am 8. September war ich da. Während mir das Internet ziemlich viel Umsteigezeit in München und Freilassing gönnen wollte, sprach das Kursbuch von einem Dreiminutenanschluß in München und dadurch einer um eine Stunde früheren Ankunft. Das klappte dann auch sehr gut, denn von den 18 Minuten Verspätung in Würzburg hatte mein ICE in München 22 aufgeholt. In Freilassing einmal übern Bahnsteig und schon konnte die Reise hinauf in die Berge beginnen.
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Die Strecke Freilassing - Bad Reichenhall - Berchtesgaden ist heute die einzige Möglichkeit, Berchtesgaden auf der Schiene zu erreichen. Diese Strecke besteht aus zwei Strecken. Zunächst war Reichenhall als Kurort und Bergbaustadt das Ziel: Am 1. Juli 1866 wurde die Stichstrecke Freilassing - Reichenhall eröffnet. Aber auch Berchtesgaden wollte Eisenbahnanschluß, dem stand allerdings mit dem Hallthurmer Paß ein Hindernis im Wege. 1886 wurde die Konzession für eine Lokalbahn erteilt, für die Steilstrecke wurde extra eine neue Baureihe konstruiert. Deren erste zwei Exemplare waren schon da, als die Strecke am 25. Oktober 1888 eröffnet wurde. In Berchtesgaden endet sie unten im Tal, in einem Bahnhof, der von Anfang an zu klein war. Am 15. April 1914 wurde die Bahnstrecke elektrifiziert (planmäßig elektrischer Betrieb seit 24. April 1916), erst 1928 konnte die Reichsbahn nach Erwerb einer Saline sich an die Bahnhofserweiterung machen. Das Jahr 1933 führte zu einer Änderung der Planungen, nun waren mehr Gleise vorgesehen. Denn Adolf Hitler (1933-1945) hatte das nahe Obersalzberg zu einer seiner Residenzen auserkoren und Berchtesgaden war der nächste Bahnhof. 1940 konnte das neue Empfangsgebäude dem Betrieb übergeben werden. Weitere Umbauten betrafen die Höherlegung der Strecke im Raum Bad Reichenhall und die Aufschlitzung eines Tunnels. Erst als der 1934 verschwunden war, konnten auch vierachsige Reisezugwagen bis Berchtesgaden verkehren.
Bereits in den 1870ern gab es Wünsche für eine Bahnstrecke von Salzburg über Berchtesgaden zum Königssee. Bayern wollte das nicht. Die Salzburger Eisenbahn- und Tramwaygesellschaft baute daher eine 1886 in drei Etappen eröffnete Strecke bis fast zur Grenze. Es sollte bis 1904 dauern, daß Bayern die Konzession für eine Fortsetzung nach Berchtesgaden erteilte. Diese Lokalbahn wurde am 16. Juli 1907 eröffnet und wurde seit dem 15. Januar 1908 elektrisch betrieben (1000 V Gleichstrom). Am 1. Juli 1909 nahm auch die österreichische Gesellschaft den elektrischen Betrieb auf, nun gab es auch durchgehende Züge zwischen Berchtesgaden und Salzburg.
Die 1000-Mark-Sperre 1933 war ein herber Schlag für die Strecke, nach deren Aufhebung 1937 ging es wieder aufwärts. Mit dem Ende der Sommersaison kam am 2. Oktober 1938 der abrupte Schluß für den bayrischen Teil, er wurde zwischen dem Bergwerk in Berchtesgaden und der Grenze stillgelegt zugunsten des Ausbaus der Straße, zu der er parallel lief. Als Ersatz sollte eine zweigleisige Hauptbahn kommen. Von ihr wurde aber nur wenig mehr als ein Tunnel unmittelbar östlich des Hauptbahnhofs gebaut, der 1991 seine Gleise verlor - er diente dem Anschluß des Bergwerks und als Ausziehgleis des Bahnhofs.
Im Juni 1908 beschloß der Landtag den Bau der Lokalbahn von Berchtesgaden zum Königssee. Sie sollte nur dem Fremdenverkehr dienen und wirde am 29. Mai 1909 eröffnet. Anfangs wurde auch sie mit Gleichstrom bedient, im Juli 1942 aber auf Wechselstrom umgestellt. Die einzusetzenden Fahrzeuge mußten aufgrund der engen Kurven umgebaut werden. Am 2. Oktober 1965 fuhr der letzte Zug, der wachsende Autoverkehr und eine parallele Bahnbuslinie ließen die Reisendenzahlen sinken. Erst 1971 genehmigte das Verkehrsministerium die Stillegung. In Berchtesgaden hatte die Königsseer Bahn einen eigenen Bahnhof gegenüber dem Hauptbahnhof, schon auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Schönau. Sein Empfangsgebäude wurde erst kürzlich abgerissen.
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- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 1 -
Sören Heise,
20.12.2014, 10:58
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 2 (50 Bilder) -
Sören Heise,
20.12.2014, 10:59
- Vielen Dank für informative Portraits + erholsame Feiertage!
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redcobra,
20.12.2014, 11:48
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 2 (50 Bilder) - Christian_S, 20.12.2014, 12:53
- Der Hauptbahnhof der Superlative - ICE11, 20.12.2014, 13:18
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 2 (50 Bilder) - TheFons, 20.12.2014, 18:20
- Vielen Dank für informative Portraits + erholsame Feiertage!
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 1 -
Damian,
20.12.2014, 19:59
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 1 - ICE4711, 20.12.2014, 20:21
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 1 - safe go, 20.12.2014, 21:29
- Sammelantwort - Sören Heise, 21.12.2014, 12:11
- Der Hauptbahnhof der Superlative, Teil 2 (50 Bilder) -
Sören Heise,
20.12.2014, 10:59