Wir sind ja nicht die Schweiz... (Reiseberichte)

Blaschke, Sonntag, 08.12.2013, 17:22 (vor 4525 Tagen) @ br752
bearbeitet von Blaschke, Sonntag, 08.12.2013, 17:24

Schönen Guten Tag!

Alles in allem also eine sehr gute Vorstellung der Bahn.


??? Ausfaelle, Verspaetungen, Umplanungen.

Mit wie wenig Professionalitaet kann man heute Menschen zufrieden stellen?

Bei der Bahn (allerdings nicht nur da) reichen rudimentäre Ansätze.

Soll ich daraus lesen, dass es eine gute Vorstellung ist, wenn man am Ziel ueberhaupt ankommt?

Ja, so in etwa.


99% der Fahrgäste haben längst resigniert: Sie wissen, dass sie das System nicht ändern werden und nicht ändern können, also arrangieren sie sich. Manche nutzen die Fahrgastrechte exzessiv und freuen sich über diverse Rückerstattungen. Manche nutzen "kreative Fahrkarten", um sich so etwas zurückzuholen. Und wo Automaten im Zug sind und man z.B. 4er-Karten im Zug abstempeln kann, wird bei Fehlen eines Schaffners schwarzgefahren in einem Umfang, der nicht mehr feierlich ist. Und wem das alles nicht paßt, der bleibt eben weg und fährt mit der eigenen Kutsche, um festzustellen, dass die Straßeninfrastruktur auch nicht besser ist und genauso vergammelt wie Teile des Gleisnetzes. Wenn die Karre allerdings verreckt, kommt der ADAC - und das i.d.R. zuverlässiger als das Notfallkrisenmanagement bei Bahnens; insbesondere, wenn mehrere Unternehmen von der Störung betroffen sind.

Was ist an einem defekte Klo eine "sehr gute Vorstellung"? Oder ist damit gemeint, dass es eine "sehr gute Vorstellung" der Bahn ist, dass man das Zugpersonal ueberhaupt ueberzeugen kann sich um defekte Dinge zu kuemmern.

Rüüüchtig! Dem Zugspersonal spreche ich - ganz ernsthaft!!! - meine Hochachtung aus! Wer das für so wenig Geld als Vollzeitjob arbeitstäglich stundenlang ertragen muss - also die "Fähigkeiten" der Bahnen (da bekleckern sich ALLE nicht mit Weltruhm) und dazu manch Fahrgäste, die ihrer Meinung nach Vollversorgung Pflegestufe 3 gebucht haben -, der ist wirklich zu bewundern! Mich erstaunt es jedenfalls überhaupt nicht, wenn da ab und an mal ein Schaffner "aussteigt" und sich bestmöglich verkrümelt. Dazu kommt: Manche Fehlleistungen kann man einfach nicht erklären (oder nur mit einer ellenlangen Abhandlung über das System Bahn in Deutschland); da kann man selbst als Eisenbahner auch nur den Kopf schütteln, nur darf man das ja natürlich nicht; denn oberste Vorgabe ist ja: Wir jubeln alles Schlechte gut; im Zweifel ist es ein Einzelfall, für den wir um Entschuldigung bitten; Ende. Dumm nur, dass der Fahrgast oft genug zig Einzelfälle hintereinander erlebt (so wie der O2-Kunde ab und an; www.wir-sind-Einzelfall.de oder wie hieß die Website?).

Ich glaube die Freude ueberhaupt angekommen zu sein ist der wahre Grund dieses Postings.

Wer regelmäßig mit der Bahn fährt und diverse Umsteigevorgänge einplant, weiß, dass es in der Tat eine Freude ist, pünktlich angekommen zu sein.

Wir können uns eben auch über kleine Annehmlichkeiten freuen - im Gegensatz zu anderen Ländern, wo ja immer alles perfekt sein muß. Zumindest bei der Eisenbahn trifft das auf den Deutschen nicht MEHR zu. Der hat sich damit abgefunden, dass die Dinge oft genug nicht so laufen, wie sie sollen. Meckern und sich aufregen kommt nur noch bei einem kleinen Teil der Fahrgäste vor. Der Rest ist entweder abgewandert und nimmt den Pkw oder nimmt die Dinge halt gottgelassen mit höchstens leichtem Murren hin - warum sich aufregen, wenn sich ohnehin nichts ändert. Und diese ganzen Sprechblasen der Verantwortlichen "Wir müssen besser werden und wir werden besser", werden, sofern sie überhaupt noch interessieren, bestenfalls mit Spott aufgenommen.

Vor locker 15 Jahren schrieb ich mal der DB als Schlußsatz eines ellenlangen Schreibens mit Erlebnissen mit dem "Interregio-Spezial"-Ticket, dass ich ihr System verstanden habe: "Fahre frühzeitig los, plane reichlich Alternativen und erwarte niemals, den nächsten Anschlußzug zu erreichen". Die Antwort war u.a., dass ich meinen Humor behalten solle, der beim Bahnfahren sicherlich manchmal ganz hilfreich sei. So schaut's aus.

Bei der letzten "Großstörung" - der RE stand erst 10 Min. vor Vechelde, fuhr dann an den Bahnsteig, dann hieß es 10 Min. "Weiterfahrt unbestimmt verspätet; sie können auf dem Bahnsteig rauchen", bevor es dann hieß: "SEV. Ein Bus wird kommen, der sie nach Braunschweig bringt" -, regten sich von 92 Fahrgästen nicht mal eine Handvoll auf. Eine Fahrradfahrerin, die im Bus nicht mit konnte, fuhr dann mit dem Fahrrad nach Braunschweig; nicht mal die, die im Bus nicht mitkamen und auf den zweiten Bus, der erst vom Busfahrer(!) organisiert werden mußte, warteten, zeigten erkennbare Gefühlsregungen. Insofern sind etliche Reisende heutzutage in der Tat schon froh, wenn sie einen Sitzplatz haben, der Zug halbwegs pünktlich ist und ansonsten nichts gravierendes passiert. Ab und an klagen sie dem Fahrgastzähler/-interviewer ein wenig ihr allgemeines Leid; von dem gibt's dann ein paar warme, herzliche, salbungsvolle Worte zurück (*g*) und dann sind sie wieder zufrieden; geteiltes Leid ist halbes Leid und so verringert sich der ohnehin schon geringe Erregungsfaktor dann nochmal um 50%. Da zahlt sich seitens der Bahnen ihre jahrzehntelange Vorarbeit nunmehr aus - wer sich 10x beschwert und beim 11x klappt's wieder nicht, der ist irgendwann abgestumpft und tobt sich, wenn es denn mal raus muß, als Ersatz woanders aus (beim Ehepartner, an der Supermarktkasse, beim Zeitungsboten oder beim im Wege stehenden Kurierfahrer). Die Bahnen bewerten diese stillschweigende Resignation dann eher als Zustimmung und machen einfach so weiter wie bisher. Warum auch nicht? Es besteht ja kein Druck, was zu ändern.


Und deswegen hören wir jetzt auf, zu nörgeln (nicht nur Du, ich auch!) und freuen uns alle gemeinsam, dass der Beitragsbaumeröffner die Fahrt positiv empfand, quasi pünktlich angekommen ist und auch sonst mal keine Katastrophe passierte! Das ist schön und darf dann auch mal ausdrücklich gewürdigt werden!!! Und zwar mit 3 Ausrufezeichen.


Schöne Grüße aus der Friedensstadt Osnabrück von

jörg


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