Reise nach Vilnius - aus praktischer Sicht (Allgemeines Forum)

1040bln, Berlin-Mitte, Montag, 22.04.2013, 22:43 (vor 4734 Tagen)

Dies ist ein Bericht über die Bahnfahrt von Berlin nach Vilnius als Alternative zum Flug. Also aus rein praktischer Sicht des Reisenden, nicht des Bahn-Fans - der ich nämlich nicht bin, wenigstens nicht im engeren Sinne.

Auf die Idee, nach Vilnius mit der Bahn zu fahren, kam ich erst durch die großen Berichte hier (von User JumpUp) und auf DSO von User Supercity.

Vorbemerkung 1: Da ihr sachkundig seid, verzichte ich auf die weitere Verlinkung.

Vorbemerkung 2: In diversen Threads wurden diverse Fragen zu praktischen Dingen gefragt, die ich hier zu beantworten versuche. Ich warne also vor vielen Details, die vielleicht nicht jeden interessieren.

== Zusammenfassung ==
Man kann beide Strecken quasi durchgehend fahren, muß nur ab und zu mal den Zug wechseln. Also eigentlich unkompliziert - was zu beweisen war.

Die Gesamtzeiten:
20.29 ab Berlin Potsdamer Platz (MESZ)
18.15 an Vilnius (OESZ = MESZ + 1 Std.)
also knapp 21 Stunden

11.15 ab Vilnius (10.15 MESZ)
9.34 an Berlin Potsdamer Platz
also etwas über 23 Stunden

Für beide Richtungen gibt es jeweils nur diese eine Verbindung pro Tag. Man darf also an keiner Stelle den Anschluß verpassen (bis auf eine kleine Ausnahme, siehe weiter unten), ansonsten fällt die gesamte Reise ins Wasser.

== Mein Reiseverlauf ==
Abfahrt Donnerstagabend, also mit nur einem Urlaubstag, denn die Rückkehr Montagfrüh zur Bürozeit ist möglich. Man hat dann in Vilnius einen Abend, einen ganzen Tag und einen halben Vormittag.

Hinfahrt

== Zug 1: Berlin - Szczeczin (Stettin) ==
Die zweistündige Fahrt ist geteilt in zwei Regionalzüge mit Umsteigen in Angermünde. Die Weiterfahrt ist im Grunde ein vorgegebener Anschlußzug. Bei mir fuhren beide Züge pünktlich auf die Minute.

Für heute Abend aber z. B. wird beim ersten Teil eine Verspätung von 15 Minuten angegeben und "Anschluss wird ggf. nicht rechtzeitig erreicht". Wie oben beschrieben, wäre im dem Fall die gesamte Reise automatisch gescheitert.

Die Fahrt kostet 7,50 Euro mit BC25.

== Zug 2: Szczeczin - Warschau ==
In Szczeczin hat man ca. eine Dreiviertelstunde Aufenthalt. Würde der Anschlußzug in Angermünde also auf den Berliner warten, wäre das kein Hindernis.

Das erste von zwei Hauptproblemen der Reise ist der Proviant: Man muß auf der Hinfahrt mit Flüssigkeit und Kalorien eingedeckt sein. Ab Warschau gibt es dann elf Stunden lang keine Möglichkeit mehr zum Nachfassen!

In Szczeczin ist ein Bahnhofsimbiß bis 22 Uhr geöffnet, allerdings decken sich diverse Warschau-Reisende hier mit Baguettes u. ä. nochmal ein. Kurz vor 22 Uhr gibt es nur noch Reste.

Im Bahnhofsgebäude (außen, links) gibt es auch noch einen 24-Stunden-Laden und einen Dönerladen.

Der Nachtzug nach Warschau, den wir nehmen müssen, steht bereits bei Ankunft aus Berlin auf dem Bahnsteig. Man kann also die Zeit schon zum Schlafen nutzen. Die Schlafwagen sind die Nummern 41 und 42 (Lok-Seite) und 52 (Zugende; ohne Gewähr).

Im Bahnhofsgebäude haben mehrere Fahrkartenschalter geöffnet, allerdings bilden sich Schlangen. Es war aber kein Problem, die Fahrkarten auf intercity.pl vorher zu kaufen (Preise folgen unten), also hatte ich das gemacht. Die Damen hinter den Scheiben sprechen nur Polnisch.

Im Bahnhofsgebäude gibt es einen Geldautomaten.

Ich hatte ein T3-Bett gebucht: Es kostet nur geringfügig mehr als Liegewagen. Die Entscheidung war gut, denn das Abteil war in gutem Zustand, und nur zwei Betten waren belegt (vermutlich üblich in diesem Zug). Die Liegewagen wollte ich vermeiden, da ich mein Klapprad (Faltrad) dabeihatte.

Früh wurde eine Stunde vor Ankunft geweckt, es gab Kaffee oder Tee im Pappbecher. Außerdem, im Abteil bereitliegend, ein Schoko-Croissant (eingeschweißt) und einen halben Liter Wasser. Dazu ein eingeschweißtes winziges Frottee-Handtuch. Letzteres hat der andere Fahrgast meines Abteils unbenutzt eingesteckt, vermutlich ist es also zur Einweg-Nutzung vorgesehen.

Die Steckdose im Wandschrank war ohne den osteuropäischen Mittelstift und taugte zum Handyladen über Nacht.

Ankunft sehr pünktlich in Warschau Wschodnia (Ostbahnhof).

== Zug 3: Warschau-Litauen ==
In Warschau hat man ca. 40 Minuten Übergangszeit. Auf dem Bahnhof gibt es einen relativ teuren Imbißstand und AFAIR auch einen Laden. Außerdem freies WLAN-Internet.

Der D-Zug fährt ca. sieben Stunden bis kurz über die litauische Grenze in den Ort Šeštokai, wo das polnische Normalspur-Gleis endet und dann das Breitspurgleis russischen Typs beginnt.

Auf halber Strecke liegt die größere polnische Stadt Białystok. Dort werden drei oder vier Waggons abgekuppelt. Daran muß man denken, falls man sich vom reservierten Platz in ein leeres Abteil setzt (Da geht allerdings noch der Schaffner durch den Zug und kontrolliert).

Es gibt im ganzen Zug einen einzigen Großraumwagen, der bis Litauen durchfährt und der IMHO der angenehmste ist. Ich hatte zum Glück für diesen reserviert, allerdings saß jemand auf meinem Fensterplatz. Fast alle Gangplätze waren frei. Man kann sich also überlegen, auf den reservierten Fensterplatz zu bestehen oder sich irgendwoanders hinzusetzen.

Auf dem vorletzten polnischen Bahnhof, Suwałki, leert sich der Zug weitestgehend, und es fahren jetzt fast nur noch die Leute weiter, die auch nach Litauen wollen.

Von dort ist es nochmal ca. eine Stunde Fahrt bist zur Endstelle Šeštokai. In Trakiszi, dem letzten polnischen Bahnhof, steigt Grenzpolizei ein, die aber bei meiner Fahrt hier nicht kontrolliert hat.

Auf dem letzten polnischen Stück fährt der Zug 40 km/h, ab Grenze beschleunigt er auf 50 km/h.

Der Zug kam auf die Minute pünktlich in Litauen an.

Ich hatte eine polnische Online-Fahrkarte; bis Litauen läßt sich hier nicht lösen. Ich konnte aber den litauischen Anschluß-Teil beim Schaffner problemlos für 13 Zloty bezahlen.

== Zug 4: Šeštokai - Kaunas ==
In Šeštokai man dann sofort Anschluß - und nur fünf Minuten Übergangszeit. Der Zug steht schon auf dem gleichen Bahnsteig gegenüber bereit. Im Bahnhof hat zu dieser Zeit auch der Fahrkartenschalter geöffnet. Da es familiär zugeht, könnte man theoretisch hier die litauische Anschlußfahrkarte kaufen, denn der Mann mit der Kelle steht unmittelbar vor dem Bahnhofsgebäude. Ich kannte damals die Location noch nicht und habe es nicht probiert.

Der Fahrkartenkauf ist nämlich die einzige Unschönheit im Gesamtablauf, denn man hat ja noch kein litauisches Geld (Einen Geldautomaten gibt es in dem winzigen Nest Šeštokai nicht - immerhin einen Laden, allerdings in ca. einem Kilometer Entfernung vom Bahnhof).

Die Kontrolleurin stellt eine Fahrkarte über 19,30 Lit (ca. 5,60 Euro) aus, verlangt aber entweder 30 Zloty (ca. 7,31 Euro) oder 10 Euro, und zwar in Scheinen. Ich hatte nur einen 20- und einen 100-Zloty-Schein, und sie hat sich dann mit dem Rest in zwei 5-Zloty-Münzen zufriedengegeben, weil sie von anderen polnischen Reisenden auch noch kassieren mußte, bei denen sie die wieder loswürde.

Der Zug besteht aus drei Wagen: Einem Triebwagen, der jeweils auf halber Länge Lok und Fahrgastteil ist und auch die Toilette (ohne funktionierenden Abfluß) enthält, einem Mittelwagen und einen Schlußwagen mit Führerstand für die Gegenrichtung. Vielleicht auch zwei Mittelwagen (ohne Gewähr).

Ankunft in Kaunas pünktlich auf die Minute. Geschwindigkeit bis 60 km/h.

== Zug 5: Kaunas - Vilnius ==
In Kaunas gibt es keinen Geldautomaten auf dem Bahnhof, aber dieser ist nicht weit entfernt. Ich habe zunächst amf Fahrkartenschalter mit Kreditkarte die Anschlußfahrkarte gekauft und dann noch Geld abgehoben. Die Geldautomaten erreicht man durch den Bahnsteigtunnel, der sich (nach rechts versetzt) als Straßenunterführung fortsetzt. Dann links die Treppe hoch. Etwa 100 Meter weiter im Straßenverlauf (also geradeaus in Verlängerung des Bahnsteigtunnels) findet man links zwei Geldautomaten.

Das ganze habe ich in den 15 Minuten Übergangszeit in Kaunas gut geschafft.

Der weiterführende Zug ist ein sehr moderner typischer Regionalzug, und er war an diesem Freitagnachmittag fast voll, allerdings gab es Sitzplätze für alle.

Ankunft in Vilnius pünktlich auf die Minute.

(Es folgt Teil 2: Rückfahrt)


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