Jena(h)isches Quartett (55 Bilder), Teil 1 (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Mittwoch, 06.06.2012, 09:56 (vor 5036 Tagen)

Moin!

Normalerweise sollte eine deutsche Stadt von dicht über 100.000 Einwohnern, wenn sie mehrere Bahnhöfe hat, einen Hauptbahnhof haben. Eine Stadt dieser Größenordnung, der ein Hauptbahnhof fehlt, ist Jena. Das allerdings durch die Geographie entschuldigt und führt dazu, daß es heute vier Stationen vorzustellen gilt.


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Jena liegt im Saaletal. Der Fluß fließt etwa von Süd nach Nord durchs Stadtgebiet. Die zweite wichtige Verkehrsachse läuft hingegen in Ost-West-Richtung. Ich weiß nicht, ob man hier noch von der Thüringer Städteachse sprechen kann. Solange die Postkutsche das schnellste Verkehrsmittel war, stellte die Lage kein allzugroßes Problem dar - das oder die Postämter dürfte(n) sich in der Stadt befunden haben.

Als am 30. April 1874 die Bahnstrecke zwischen Großheringen und Saalfeld eröffnet wurde, der einzige Halt auf Jenas heutigem Stadtgebiet hieß schlicht und ergreifend Jena, war auch das kein Problem. Er liegt einige 100 Meter nördlich der Altstadt im Saaletal. Es ist der heutige Saalbahnhof, also der Bahnhof der Saalebahn.

Am aber 29. Juni 1876 erhielt Jena seine zweite Bahnstrecke mit der Eröffnung der Verbindung von Weimar nach Gera. Diese bekam ihren Bahnhof, Jena Weimar-Gera, seit 1924 Jena West, westlich der Innenstadt in Hanglage.

Im Vorfeld des Baus der Weimar-Geraer-Bahn gab es Gedanken über einen gemeinsamen Bahnhof für die damals etwa 8.000 Einwohner zählende Stadt, die beiden Bahngesellschaften konnten sich nicht einigen. Mehraufwand und ungünstige Steigungsverhältnisse verhinderten einen gemeinsamen Bahnhof an beiden Standorten, auch ein Gemeinschaftbahnhof dicht an der Saale, aber im Süden der Stadt kam nicht zustande.

So kam es, daß sich die Saalbahn und die Weimar-Geraer-Bahn in Göschwitz kreuzen, damals ein Dorf südlich Jenas. Dieser Bahnhof trägt erst seit Dezember 2010 Jena im Namen, vorher hieß er Göschwitz und seit 1953 Göschwitz (Saale).

Jena Paradies betritt die Bühne im Jahr 1880 als stadtnaher Haltepunkt. Als der Fernverkehr auf der Saalbahn auf ICE-T umgestellt werden sollte, kam die Bahnhofsfrage wieder auf. Man entschied sich dafür, den Fernverkehr vom Saalbahnhof zum Paradiesbahnhof (Paradies heißt der zwischen Bahnanlagen und Saale gelegene Park) zu verlegen. Dafür baute man südlich des bisherigen Haltepunkts eine praktische Holz-Container-Konstruktion. Wem der Weg zwischen den Bahnsteigenden zu lang war, konnte die Straßenbahn nutzen: An beiden Enden befanden sich Haltestellen, die Haltestelle Paradiesbahnhof gehörte nicht dazu. Seit dem Sommerfahrplan 2005 schließlich befindet sich der Paradiesbahnhof direkt an der namensgebenden Straßenbahnhaltestelle, nördlich der ursprünglichen Station.

Die Saalbahn wird stündlich von der ICE-Verbindung Berlin - München befahren. Im Regionalverkehr trägt die RB-Verbindung zwischen Naumburg oder Großheringen und Saalfeld die Hauptlast. Loks der Baureihe 143 fahren mit drei Reichsbahn-Doppelstockwagen. Zwischen dem Saalbahnhof und Saalfeld verkehrt auch der neu eingeführte Regionalexpreß nach Nürnberg, eingesetzt werden Talent2-Triebwagen (derzeit mit Baureihe 612 nur bis Lichtenfels). Ferner verkehren in Orlamünde auf die Orlabahn nach Pößneck Oberer Bahnhof übergehende Regionalbahnen, ab demnächst mit Regioshuttles der Erfurter Bahn. Am 2. Juni waren zwei 641er eingesetzt.

Die Weimar-Geraer-Bahn ist nicht elektrifiziert, der stündliche Regionalexpreß zwischen Erfurt und Gera fährt mit der Baureihe 612, direkte Verbindungen bestehen nach Göttingen, Altenburg, Glauchau und Zwickau. Zwischen Weimar und Gera fahren Regionalbahnen mit der Baureihe 642, auch diese Verbindung wird durch die Erfurter Bahn übernommen.

Im folgenden werde ich Jena West, Göschwitz, Jena Paradies und Jena Saalbahnhof bildlich vorstellen. Die Bildtexte finden sich wie üblich unter den Bildern.


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Die kurzen Fahrten zwischen den Bahnhöfen nutzen wir für kurze Blicke auf die Straßenbahn, die am 2. Juni ihren 111. Geburtstag feierte. Alle Bilder dieses Beitrags entstanden an diesem Tag.


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1 Intermezzo: Der 1929 gebaute Wagen 26 der Jenaer Straßenbahn konnte auf dem Betriebshof fotografiert werden.


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2 Der Westbahnhof. Sein Vorbau ist jüngeren Datums (um 1908). Im Bahnhofsgebäude fotografierte ich nicht. Es macht einen guten Eindruck, auch wenn der Fahrkartenschalter samstags zu hat.


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3 In die Stadt nimmt man am besten den Stadtbus. Und am allerbesten zurück, da geht es nämlich bergauf.


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4 Der Tunnel führt am Empfangsgebäude vorbei.


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5 Ein Blick vom Hausbahnsteig auf den ehemaligen Inselbahnsteig.


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6 Altschwellen verhindern das Befahren des Bahnsteiges mit größeren Fahrzeugen. Die partielle Gelbfärbung soll das Benutzen der Altschwellen als Stolperschwellen verhindern helfen.


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7 Vom Inselbahnsteig aus ein Blick aufs alte Stellwerk in der Nordausfahrt. Warum es so aussieht, sieht man links im Bild.


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8 Blick aufs Empfangsgebäude.


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9 Gleis 3 dient als Feldweg. Sein Entfernen ermöglicht einen Zugang zum Bahnhof von der westlichen Gleisseite. Der Güterschuppen teilt das Schicksal vieler deutscher Güterschuppen.


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10 Hinter dem alten Lokschuppen (für den Schiebebetrieb in Richtung Weimar) stehen fünf versprühte Reichsbahnwagen, drei Bghw und zwei Schlafwagen.


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11 Mit diesem Übersichtbild verabschieden wir uns von Jena West. In wenigen Minuten erreichen wir Göschwitz.


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12 Intermezzo: Jena war der letzte städtische Betrieb in der ehemaligen DDR, der in größerem Stil Zweiachser aus DDR-Produktion einsetzte. Der museal erhaltene Gotha-Zug aus Triebwagen 101 (Baujahr 1958) und Beiwagen 155 (1959) vor dem Nollendorfer Hof.


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13 In Göschwitz sehen wir als erstes die Rücklichter von 642 063. Das ist nicht weiter schlimm, sind wir doch gerade ausgestiegen. Ferner sehen wir den wunderschönen Bahnsteig und das Nachbargleis, das wir nicht sehen.


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14 Göschwitz ist ein Keilbahnhof. Im Westen die elektrifizierte Saalbahn, im Osten die dieselifizierte Weimar-Geraer-Bahn. Unter hohen Bäumen das nur noch als Standort für externe Automaten genutzte Empfangsgebäude. Hier dienen Bahnsteigkantenfertigteile als Schutz gegen unbefugtes Bahnsteigbefahren.


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15 Weiß-blau die Bahnsteigunterführung. Man kommt zum Eindruck, daß das die Farben Jenas sein könnten. Jenahs Farben sind es. Gleis 5 hat keine Schienen, aber einen Zugzielanzeiger. Bei Gleis 4 ist es andersherum.


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16 Nach Norden fällt der Blick über den guten Bahnsteig zum ehemaligen Stellwerk. Das Zentralstellwerk B 1 wurde 1977 in Betrieb genommen. Es war keine zweieinhalb Jahrzehnte in Betrieb.


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17 Über Gleis 6 geht der Blick hin zur Ostseite. Hinter dem Gewerbegebiet sieht man eine kaputte Burg (der helle Fleck im Wald über dem Imbiß) und einen heilen Plattenbau. Beide gehören sie zu Jenas Stadtteil Lobeda.


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18 Eine kleine Spiegelei muß sein.


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19 Wie die Stadt so der Himmel.


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20 612 117 und ein weiterer Triebwagen als Regionalexpreß nach Göttingen beschließen die Bilder von der Ostseite. Beachte den Zustand des Bahnsteiges.


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21 Durch den Bahnsteigtunnel begeben wir uns kurz auf die Ostseite der Gleise.


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22 An der Straßenbahnhaltestelle Wagen 605 auf dem Weg stadteinwärts. Durch die noch recht junge Straßenbahnstrecke hat das große Neubaugebiet Lobeda einen direkten Anschluß an den Bahnhof Göschwitz bekommen. Links im Hintergrund ist ein Bahnsteigdach zu sehen.


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23 Im Gegensatz zur Deutschen Bahn muß der Imbiß auf sich aufmerksam machen.


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24 Gleis 1 oder Gleis 1?


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25 Egal, die Regionalbahn nach Saalfeld hätte man über beide Aufgänge erreicht. 143 178 war am Zug.


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26 641 025 und 641 038 sind unterwegs von Pößneck nach Jena. Hier auf der elektrischen Seite ist der Bahnsteig in besserem Zustand.


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27 Der doppelte Schildschaden ist symbolisch: Der ICE hält am abfahrtsreichsten Jenaer Bahnhof nicht. Der DB-Verkehr von Pößneck liegt in den letzten Zügen.


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28 Mit einem Blick aufs gepflegte Empfangsgebäude verlassen wir Göschwitz.


Fortsetzung folgt.

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