NDR DOKU von Eschede (Allgemeines Forum)

moonglum, Hagen, Mittwoch, 04.06.2008, 16:50 (vor 6449 Tagen) @ Maikie75

Gestern habe ich die Doku auch gesehen und fand sie besser als befürchtet. Vor allem waren die Andeutungen nicht zu überhören, die sich frontal gegen die Bahn richten.

Ich habe immer wieder gehört, wie vergeblich versucht wurde, plausible und kompetente Detailinfos zur Technik zu bekommen. Wie aber die SZ vom 3.6.08 berichtete, geben selbst die Fachinstitute keine Auskunft, weil sie u.A. Streichungen von Geldern fürchten.

Es wurden ja trotzdem recht geschickt folgende Themen angeschnitten:
1) Räder waren in hohem Maße in jener Nacht auf den 3.6.1998 schadhaft; nicht genug Zeit, alle zu wechseln; wirtschaftlicher Druck von oben nur wirklich extrem schadhafte Radsätze zu wechseln; völlig falsche Art und Weise, diese speziellen Räder auf Risse zu überprüfen; Ignoranz alarmierender Messwerte; Zeitdruck beim Disponenten, denn "die Züge müssen ja wieder auf dei Strecke".

Das Verschulden liegt m.E. eindeutig bei der Bahn, welche sich wiederum m.E. mit zwei Themen bis auf die Knochen blamiert hat:

1) Keine offene Verantwortungübernahme
2) Lächerliche 30 TDM pro Todesopfer...

Das ist beschämend, und gestern bei der Feier in Eschede hat die Politik klare drastische Kritik in Richtung Bahn ausgesprochen, und bezeichnenderweise war kein Bahnvertreter eingeladen (SZ vom 4.6.08).

Bezeichnenderweise war auch kein Bahner zu einem Interview zur TV DOKU bereit, kein Wunder, wenn man das hier liest:

http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/mehdorns-methoden/

Die Bahn reagiert m.E. zu träge, provoziert dadurch logischerweise Problemsituationen, und der dann laufende Streifen heißt möglicherweise schnell Verschleierung der wahren Tatsachen.

So war es beim Unglück in Brühl. Der TFZ Führer sei zu schnell gefahren....
Erst die Presse fand die Ungereimtheiten in der Beschilderung vor der Strecke, die widersprüchlichen LA Einträge und die widersprüchliche Durchleitung der Züge durch Brühl, mal über das Gegengleis, mal über das Nebengleis heraus.
Es lebe unser kritischer Journalismus.

Eine Erfahrung kann ich zum generellen Thema beisteuern:
Ich selbst habe vor Jahren als ein sehr regelmäßiger Gast im NZ von Hagen nach Kopenhagen auf die technisch alarmierenden Zustände im DWLBmz aufmerksam gemacht - ohne wirklichen Erfolg. Ich saß Wochen später im selben Wagen mit den selben Problemen. Dann begann ich nachzuforschen. Die Stewarts zeigten mir u.A. Bordbücher, um zu dokumentieren, dass sie diese Fehler stets sauber eintragen, aber in EDo oftmals wirklich nichts passiere. Es wurde dann immer krasser. Erst flog ich beim Abbiegen auf einer Weiche in Tinglev fast aus dem Bett, so schwankte der Wagen mit seiner Luftfederung, dann brannte bei Rendsburg eine Küche aus, dann flog in Kopenhagen eine Schaltwand eines DWL "in die Luft". Uns wurde Angst und bange. Erst als wir mit der Veröffentlichung der Bordbucheinträge "drohten", bewegte sich etwas, denn die Schadanfälligkeit sank in der Folgzeit merklich. Spannenderweise wurde ich auf einer Reise morgens beim aus dem Abteil Gehen von einem DB Nachtzug Menschen begrüsst, der meine gesamte Korrespndenz kannte und zu wissen schien, dass ich im Zug bin. Es folgte ein sehr interessantes Gespräch, was mir wiederum gut tat, weil hier Fehler zugegeben wurden, die aus Unwissenheit in der Geschäftsführung über die Pfuschereien im BW entstanden waren. Auch zwei Tage später auf der Rückfahrt war der nette Herr wieder im Zug, stieg in Kopenhagen mit mir ein und fotografierte vorher mein Abteil....

Heutzutage fahre ich hier in einem Comfortline Wagen, die DWL sind aus meiner Reiseerfahrung verschwunden. Aber auch hier war klar: Es wurde nicht schnell reagiert, der Verdacht liegt nahe, dass eher ein Bordbuch vernichtet und ein Neues bereitgelegt wurde. Beweisen kann ich das nicht, aber wenige Tage vorher war es lange noch nicht voll und gut gepflegt. Der damalige Betreuer unterstützte von sich aus genau diesen Verdacht durch eigene Beobachtungen....

Bei all diesen Eindrücken habe ich mir geschworen, sehr konsequent zu reagieren und lieber einmal mehr als zu wenig eine Notbremse zu ziehen, und nicht erst dann, wenn es mir den Abteilboden zerschlägt. Ich habe 12 Jahre in Köln gelebt und bin via Brühl nach Süden mindestens 2000x gefahren und hätte mit Sicherheit selbst nachts kurz hinter Eifeltor diese Beschleunigung auf dem Gegengleis registriert und gewusst, dass wegen der zumindest damaligen Signalbestückung der Zug links auf das Nebengleis abbiegen muss. Aber hätte ich nach Passieren des Güterbahnhofs und unter Registrierung der Geschwindigkeit die Notbremse gezogen? Oder hätte ich dem System Bahn vertraut?
Ich weiß es nicht.

Jedenfalls wäre ich gestern gerne bei der Feier in Eschede gewesen, terminlich ging es nicht, aber ich merke, mir fehlt dieser Besuch irgendwie.


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