Bonusbeitrag für den Graukärtchenfahrer :-) (Allgemeines Forum)

liebe70, Freitag, 21.01.2011, 15:18 (vor 5598 Tagen) @ liebe70

Eine Vorbemerkung für die Meckerköppe von wegen Zugnummer unkenntlich machen usw.: Ich habe die Story selbst erlebt, also kann die drinbleiben. Außerdem ist das schon ein paar Jährchen her. Rückschlüsse dürften demzufolge nicht mehr möglich sein. Diie originale Story steht in einem anderen Forum und da ich der Urheber bin...

Dann noch für die Nasen, die meinen Beitrag klauen und selbst zu Geld machen wollen: Den Hinweis auf das Urheberrechtsgesetz dürfte hier reichen.


Wie man Züge verspätet – oder: Wenn „Plan B“ nicht mehr funktioniert

Heute kam ich mit ICE 690 mit drei Stunden Verspätung in Berlin an, und das nur, weil die ZBSL an den „falschen“ (oder richtigen) Tf geriet. ;-)

Der ICE 690 wurde wegen Bauarbeiten im Raum Frankfurt über Frankfurt West – Gießen nach Kassel-Wilhelmshöhe umgeleitet. Bei meinem Kontrollgang durch die 1.Klasse kam mir ein Reisender entgegen, der mich auf seiner Meinung nach seltsame Geräusche u.a. im Wagen 11 aufmerksam machte. Ich ging also zum Wagen 11 und horchte auf die Geräusche. Tatsächlich war ein leichtes Rattern zu hören. Also schickte ich eine entsprechend codierte SMS an die ZBSL ab: Laufwerk defekt => Geräusche/unruhiger Lauf mit der erweiterten Erklärung „Wagenende 2, vermutl. leichte Flachstelle“. Die Wagen 9, 12 und 14 prüfte ich auch und setzte sicherheitshalber ebenfalls die vorgenannte SMS ab. Ich war noch gar nicht fertig mit dem Senden, klingelte das Diensthandy und die ZBSL war dran. Ich solle den Tf informieren, wir mögen am nächsten Bahnhof halten und die Wagen untersuchen. Der Hinweis der ZBSL lautete noch: bei Flachstelle größer als 4cm mit 160km/h weiterfahren und bei Flachstelle größer als 6cm den Zug aussetzen.

Da mir nicht ganz klar war, was mit "nächster Bahnhof" gemeint war, fragte ich nochmals nach, ob in Kassel-W. oder schon früher zu halten sei. Letzteres. Aha. Also zur Sprechstelle gelatscht und den Tf informiert.

Ich will nicht alles wiedergeben, aber in einer späteren Unterhaltung fanden wir beide es schon seltsam, daß die ZBSL mich anruft und mir aufträgt, dem Tf eine Anweisung zur wagentechnischen Untersuchung des Zuges zu erteilen. Warum ruft sie den Tf nicht selbst an und setzt mich lediglich in Kenntnis? Das wäre einfacher gewesen, ich habe schließlich nur die SMS abgesetzt.

In Kirchhain kamen wir dann im Überholungsgleis zum Halten, der Tf und ich untersuchten im Rahmen unserer Möglichkeiten nun die fraglichen Drehgestelle der Wagen 9-14. Natürlich konnten wir nichts feststellen, woher auch?

Nun kommt Plan B: Der sieht genau diesen Fall vor, verbunden mit der Entscheidung, daß der Tf sagt: „Weiterfahren“. Zu 99% klappt das auch.

Aber hier nicht. Der Tf rief die ZBSL (?, den Hotliner, wen auch immer – ich habe es vergessen, da es für mich nicht vorrangig wichtig war) an und teilt denen mit, daß er das nicht entscheiden könne, weil

Da war plötzlich Polen offen, denn den Fall sah Plan B nicht vor. Also entschied die ZBSL, den Zug solange stehenzulassen, bis ein Bordtechniker die Wagen untersucht und über die mögliche Weiterfahrt entschieden hat. Gegen 14.30 Uhr (der Zug stand schon eine gute Stunde in Kirchhain) tauchte dann der zuständige Notfallmanager auf. In ziemlich scharfen Ton fragte er den Tf u.a., warum er nach der Untersuchung des Zuges nicht weiterfuhr, den Zug nicht am Bahnsteig zum Halten brachte und noch einiges mehr.

Der Tf gab ihm entsprechend Bescheid, nämlich

Zu mir war der Notfallmanager sch***freundlich, ich könne nichts dafür, usw. usf. Bla bla bla. Ach... Zu mir sch***freundlich, aber den Tf , der genauso wenig dafür kann, niedermachen wollen? Sehr fragwürdig das Ganze. :-(

Nachdem der Notfallmanager wieder von seiner Palme herunterkam, begann dann endlich die Untersuchung der Drehgestelle, denn mittlerweile war auch der Bordtechniker eingetroffen. Auf der linken Seite gab es keine Auffälligkeiten. Auf der anderen Seite kroch der Bordtechniker am Wagen 9 verdächtig lange am Drehgestell herum. Später stellte sich heraus, daß er dort sogenannte Ausbröcklungen fand (das sind Löcher in der Lauffläche des Rades).

Der Bordtechniker fuhr noch bis Göttingen mit, um die Geräusche im Wageninneren festzustellen, und zwar bei den Geschwindigkeiten 50 km/h, 80 km/h und 120 km/h. Dabei stellte er eine leichte Flachstelle am Wagen 11 fest. Da der Notfallmanager verständlicherweise an den Personalien des Reisenden interessiert war, der die Beobachtungen der ungewöhnlichen Geräusche (siehe oben) machte, tätigte ich eine entsprechende Ansage, daß er (der Reisende) sich bitte am Dienstabteil einfinden möge. Wer kam? Richtig! Niemand! Hätte mich auch gewundert.

Erstaunlicherweise war es im Zug recht ruhig – bis auf die obligatorische „goldene Ausnahme“. In jedem verspäteten Zug gibt es mindestens einen Spinner, der herumblökt von wegen böse Bahn. Aber wir (Zub und Gastropersonal) hatten so ziemlich alles getan, was man tun sollte:

Als der Zug dann endlich wieder rollte, kam das bei Verspätungen übliche Geschleime.

Mit der Abfahrt des ICE 690 in Kirchhain hatte der Zug mittlerweile eine Verspätung von 140 Minuten. Der Bordtechniker beobachtete bis Göttingen weiter die Geräuschkulisse in den Wagen 9 und 11 und entschied dann, daß der Zug nur noch mit 160 km/h bis Berlin fahren dürfe. Na, gute Nacht aber auch. Damit war eine weitere Verspätung vorhersehbar. :-(

Da unmittelbar hinter uns der ICE 108 fuhr, rief ich die mittlerweile zuständige Transportleitung in Hannover an und schlug vor, daß die Reisenden in Hildesheim aus dem 690 aus- und in den nachfolgenden 108 einsteigen und somit wenigstens ihre paar Anschlüsse in Berlin noch erreichen können. Erstaunlicherweise ging das problemlos. Die Transportleitung informierte auch die Lautsprecherbediener in Braunschweig, so daß die dort wartenden Reisenden gleich in den 108 einsteigen würden. :-)

Als wir dann in Braunschweig ankamen, wollten dennoch etliche Reisende in den ICE einsteigen, was ich durch eine Ansage im Zug über die zu erwartende Ankunft des 690 in Berlin gleich wieder abbog. ;-)

In Wolfsburg wurde unser 690 dann auch folgerichtig vom 108 überholt. Wir fuhren dann ganz entspannt mit 25 im Zug verbliebenen Reisenden nach Berlin.

Fazit:

Hab ich was vergessen? - Nein.

Es war eine tolle Zusammenarbeit mit den Tf (es wurde unterwegs noch zweimal gewechselt, einmal in Schlierbach und einmal in Wolfsburg) und dem Bordtechniker. Die Kollegen der Transportleitungen in Frankfurt und Hannover waren auch sehr fürsorglich, die notwendigen Informationen kamen problemlos und auch die daraus resultierenden Maßnahmen funktionierten reibungslos. Das Gastroteam und die Zub- Kollegen zwischen Frankfurt West und Berlin wußten ohne große Worte, was zu tun war. Trotz der hohen Verspätung hat die Arbeit Spaß gemacht. Und das will was heißen... :-)

Gruß, Ralf
(der das trotzdem nicht wieder haben will)


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