9 Stadler-Triebwagen für die Mariazellerbahn (Allgemeines Forum)

Anoj 1, Dresden (D) / Vbg. (A), Mittwoch, 10.11.2010, 23:58 (vor 5628 Tagen)

Hallo!

Das Land Niederösterreich übernimmt ab Fahrplanwechsel einige Strecken von den ÖBB. Dadurch werden zahlreiche Strecken eingestellt. Daher ist es überraschend, dass für die Mariazellerbahn neue Züge beschafft werden.


Das Land Niederösterreich sorgt für Modernisierungsschub und kauft neues Wagenmaterial für die traditionsreiche Schmalspurbahn

"Die Mariazellerbahn ist ein Juwel, deren Entwicklung dem Land Niederösterreich ein großes Anliegen ist", betont Verkehrslandesrat Mag. Johann Heuras den Stellenwert der Mariazellerbahn. Einen Entwicklungsschub verspricht Heuras für die lange Zeit von den ÖBB vernachlässigte Lebensader des Pielachtals: "Eine neue Fahrzeuggeneration auf der Mariazellerbahn bietet ab 2013 mehr Komfort für Pendler, Schüler und den touristischen Verkehr!"

"Es werden neun dreiteilige, elektrisch angetriebene Triebwagen bestellt, die die teilweise bereits über 100 Jahre alten Züge vollkommen ersetzen werden" freut sich Landesrat Heuras schon auf die bevorstehenden Verbesserungen. "Wir schaffen damit maßgebliche Qualitätssteigerungen auf der Gesamtstrecke von St. Pölten bis Mariazell sowohl für den Pendler- und Schülerverkehr als auch für den Tourismus" so Heuras.

In Zukunft werden die Fahrgäste die Fahrt noch bequemer in modernen, voll klimatisierten Zügen mit Niederflureinstieg genießen können. Die Fahrzeuge, die je Garnitur über 100 Reisenden Platz bieten, erreichen eine Reisegeschwindigkeit von bis zu 80 Stunden-kilometer und bieten bequeme Bestuhlung sowie ein zeitgemäßes Fahrgast-informationssystem. Auch die Fahrradmitnahme wird möglich sein.

Als besonderes Highlight wird es auch eigene Premiumwaggons geben, wo die Fahrgäste ein modernes und komfortables Interieur vorfinden werden. Zusätzlich tragen die Panoramafenster sowie das Bordcatering zu einem unvergesslichen Erlebnis auf der Fahrt nach Mariazell bei.

"Der erste von den insgesamt neun bestellten Triebzügen wird bis Dezember 2012 geliefert werden und selbstverständlich, so rasch wie möglich seinen Betrieb auf der Schmalspurbahnstrecke aufnehmen, informiert Verkehrslandesrat Mag. Heuras." Die weiteren acht Garnituren werden im Laufe des Jahres 2013 geliefert, sodass der Regelfahrplan mit den neuen Garnituren ab Dezember 2013 in Kraft treten wird.

Als Bestbieter aus der EU-weit durchgeführten Ausschreibung ist die Firma Stadler mit Sitz in der Schweiz hervorgegangen.

Der 2007 von der Niederösterreichischen Verkehrsorganisationsgesellschaft mbH. (NÖVOG) ins Leben gerufene sympathische Familien-Ausflugszug "Ötscherbär", bleibt selbstverständlich als touristisches Nostalgieangebot auf der Mariazellerbahn bestehen.

Seit über 100 Jahren fährt die Mariazellerbahn auf schmaler Spur von St. Pölten nach Mariazell. Die Bahn ist ein Pionierwerk österreichischer Bahnbau-Kunst, mit höchst spektakulärer Bergstrecke, Steigungen bis 27 Promille, zwei 180-Grad-Kehren und meisterlich angelegten Tunnels, Brücken und Viadukten. Fahrgäste genießen einzigartige Ausblicke. Zum Beispiel auf die "Zinken", eine 100 Meter tiefe Schlucht mit markantem Felsgebilde.

Das Land Niederösterreich übernimmt ab 12.12.2010 die Mariazellerbahn. Die NÖVOG wird ab diesem Zeitpunkt den Eisenbahnverkehr auf der gesamten Strecke betreiben.

Quellen: EBFÖ, www.heuras.at

So könnten die Züge aussehen: http://www.stadlerrail.com/de/referenzen/rhatische-bahn-rhb-chur-2/

m b g,
Anoj

Vorbild Vinschgaubahn?

Alphorn (CH), Donnerstag, 11.11.2010, 01:44 (vor 5628 Tagen) @ Anoj 1

Es existieren gewisse Parallelen zu einer zeitweise sogar stillgelegten, heute aber sehr erfolgreichen Nebenbahn: Der Vinschgaubahn im Südtirol.

- Auch die Vinschgaubahn wurde von einer desinteressierten Betreibergesellschaft (FS) durch eine staatliche Stelle übernommen.

- Auch die Vinschgaubahn setzt auf modernes, niederfluriges Rollmaterial von Stadler.

Es gab sicher auch weitere Gründe, welche die Vinschgaubahn zum Erfolg machten (und welche hoffentlich bei der Mariazellbahn auch umgesetzt werden):

- Starke Angebotssteigerung (exakter Stundentakt bis spät in die Nacht, Ergänzung zum fast-Halbstundentakt durch zweistündlichen Expresszug)

- Sorgfältiger Ausbau der Infrastruktur, insbesondere renovierte Bahnhöfe mit stufenfreiem Eintritt

- Durchdachte Verkehrsknoten mit Busbahnhof direkt neben dem Bahnsteig

AW

Anoj 1, Dresden (D) / Vbg. (A), Donnerstag, 11.11.2010, 20:26 (vor 5627 Tagen) @ Alphorn (CH)

Hallo!

- Auch die Vinschgaubahn wurde von einer desinteressierten Betreibergesellschaft (FS) durch eine staatliche Stelle übernommen.

FS und ÖBB sind staatlich. Die NÖVOG aber auf keinen Fall.

m b g,
Anoj

Mariazellerbahn: Betriebssimulation

Sören Heise, Region Hannover, Donnerstag, 11.11.2010, 09:59 (vor 5627 Tagen) @ Anoj 1

Moin!

An der FH St. Pölten hat ein Student der Eisenbahn-Infrastrukturtechnik eine Betriebssimulation zur Mariazellerbahn erstellt. Die Presseaussendung gibt es hier (Word-Dokument). Ich gebe sie hier unverändert wieder. Der Vater des Autors der erwähnten Bachelor-Arbeit sollte in Eisenbahnkreisen nicht ganz unbekannt sein, ist er doch bei der Salzburger Lokalbahn beschäftigt.


FH St. Pölten holt "Mariazellerbahn" vom Abstellgleis
Betriebssimulation zeigt das Potenzial der berühmten Eisenbahn

St. Pölten, 03.11.2010 – Die Mariazellerbahn rollt bald in eine betriebsame Zukunft – mit schnellerem Tempo, nostalgischen Dampfloks und einem Taktfahrplan. Diese Erfolg versprechenden Zukunftsaussichten sehen WissenschaftlerInnen der Fachhochschule St. Pölten. Welche konkreten Maßnahmen zum Erfolg führen, analysierten sie anhand einer Betriebssimulation am Studiengang Eisenbahn-Infrastrukturtechnik. Dabei wurden die Auswirkungen von betrieblichen und baulichen Maßnahmen auf die geschichtsträchtige Mariazellerbahn simuliert – ganz ohne in den tatsächlichen Schienenverkehr einzugreifen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die berühmte Schmalspurbahn nicht nur für Nostalgiefahrten eignet, sondern sogar das Potenzial zur S-Bahn hätte.


Über 21 Viadukte, durch 19 Tunnel, hinauf auf 890 Meter Seehöhe: Seit mehr als 100 Jahren bringt die Mariazellerbahn PendlerInnen, TouristInnen und PilgerInnen vom niederösterreichischen St. Pölten in den 84 Kilometer entfernten steirischen Wallfahrtsort Mariazell. Dabei gleicht die knapp zweieinhalbstündige Fahrt in der historischen Schmalspurbahn einer nostalgischen Panoramafahrt. Das liegt nicht nur an der malerischen Landschaft, sondern auch an der Infrastruktur und den Bahnhöfen: Diese wurden seit ihrer Errichtung in den Jahren der k. u. k. Monarchie wenig verändert und können ihr Alter nicht verbergen. Jetzt steht die Übernahme der Regionalbahn durch das Land Niederösterreich bevor; das bietet die Gelegenheit, sich über die Streckensanierung Gedanken zu machen. Dass diese sogar mit wirtschaftlicher Attraktivität einhergehen kann, zeigen ExpertInnen der FH St. Pölten.

Im Rahmen einer Bachelorarbeit am Studiengang Eisenbahn-Infrastrukturtechnik wurden dazu die Infrastruktur und der Betrieb dieser einzigartigen Bahnstrecke genauer unter die Lupe genommen. Auf Basis einer Betriebssimulation konnten Maßnahmenvorschläge entwickelt werden, deren Umsetzung der Mariazellerbahn als Nahverkehrsmittel und auch als Touristenattraktion mehr Bedeutung geben würden. So könnte die Mariazellerbahn in Zukunft für PendlerInnen eine echte Alternative zum Straßenverkehr darstellen – und gleichzeitig TouristInnen und WallfahrerInnen ein historisches Erlebnis aus dem Dampflokzeitalter in malerischer Landschaft bieten.

Da fährt der Zug drüber
"Unsere Analyse zeigt, dass eine Modernisierung in zwei getrennten Stufen erfolgen kann. Das ermöglicht eine budgetgerechte Planung und Umsetzung: In einer ersten Stufe sollten gewisse Mindestanforderungen des modernen Fahrgastes erfüllt werden – wie z. B. moderne Fahrzeuge und komfortable Haltestellen. Ein Taktfahrplan würde dann die Attraktivität der Bahn enorm steigern. Dazu sind bauliche Maßnahmen notwendig, die wir mit unserer Simulation klar definieren konnten. Durch eine optimierte Streckenführung wäre als zweite Stufe sogar ein S-Bahn-ähnlicher Betrieb möglich", erklärt Philipp Mackinger, Autor der Bachelorarbeit an der FH St. Pölten.

Zu den baulichen Maßnahmen, die für einen Taktfahrplan nötig wären, gehören zum einen die Renovierung der Langsamfahrstellen und der Um- und Ausbau der Kreuzungsbahnhöfe. Dadurch kann an vielen Stellen schneller gefahren werden. Zum anderen müsste der Betrieb auf einen "Signalisierten Zugleitbetrieb" umgestellt werden. Das bedeutet, dass die Bahnhöfe mit Rückfallweichen, Lichtsignalen und Gleisfreimeldeanlagen ausgestattet werden müssen. So können einzelne FahrdienstleiterInnen dann zentral mit einer Fernsteueranlage die gesamte Strecke bedienen – und bei unerwarteten Störungen rasch und effizient reagieren. Insgesamt garantiert das einen zuverlässigen Betrieb und regelmäßige Zugsfolgen – zwei für PendlerInnen sehr bedeutende Kriterien. Gleichzeitig würde diese Neuerung die optimale Kombination von planmäßigem Verkehr und touristischen Sonderfahrten ermöglichen.

Auf Basis dieser Neuerungen könnte dann sogar ein weiterführender Ausbau bis hin zum S-Bahnverkehr passieren. Diesem steht nicht einmal die besonders schmale Spurweite der Mariazellerbahn im Wege. Denn, wie Vergleiche aus der Praxis zeigen, kann die maximale Fahrtgeschwindigkeit auch auf diesen Spurweiten bedeutend angehoben werden. Auf Streckenteilen der Mariazellerbahn, wie etwa zwischen St. Pölten und Loich, sind sogar zwischen 70 und 100 Kilometer pro Stunde möglich. Die dafür notwendigen Umbauten würden nicht einmal die ganze Strecke betreffen, wie DI Dr. Bernhard Rüger, Fachexperte von der FH St. Pölten, ausführt: "Die engsten Kurven müsste man begradigen, an einigen Stellen schlankere Weichen einbauen und Trassierungen optimieren. Bedenkt man aber, dass die Strecke ohnehin saniert werden muss, um einen Weiterbetrieb zu gewährleisten, relativiert sich der Aufwand durch die Vorteile eines S-Bahn-ähnlichen Verkehrs."

Kundenstrom
Tatsächlich könnten Teile der Modernisierung der Mariazellerbahn auf einer – zur Zeit der Erbauung – revolutionären Ingenieurleistung aufbauen: Die Bahnstrecke wurde als eine der weltweit ersten ihrer Art elektrifiziert. So könnten moderne Elektrotriebwagen zum Einsatz gebracht werden. Diese sind besonders spurtstark und schaffen sogar im Winter die Bergstrecken mit Leichtigkeit. Zusätzlich würden die Fahrgäste darin auch viel komfortabler reisen. Die Anschaffung einer neuen Fahrzeugflotte bedeutet aber keinesfalls, dass die Originallokomotiven, die zum Teil schon seit 1911 tagtäglich im Einsatz sind, in Zukunft am Abstellgleis verrosten werden. Ganz im Gegenteil – sie könnten vermehrt für spezielle Nostalgiefahrten genutzt werden. Das würde das touristische Angebot noch attraktiver machen und mehr TouristInnen und Eisenbahnfans auf die Strecke locken.

Insgesamt könnten diese Maßnahmenvorschläge die Mariazellerbahn zu einem effizienten und modernen Nahverkehrsmittel machen – das wirtschaftlich attraktiv auf der Schmalspur unterwegs ist. Die Arbeit des Studiengangs Eisenbahn-Infrastrukturtechnik zeigt damit auch den smarten Einsatz von spezieller Simulationssoftware auf, die rasch und kostengünstig realistische Alternativen für technische und betriebswirtschaftliche Probleme liefern kann.

Weitere Details zum Taktfahrplan und zu den Vorteilen der Maßnahmen für die Bevölkerung werden sehr gerne vom Studiengang Eisenbahn-Infrastrukturtechnik zur Verfügung gestellt.

Viele Grüße, Sören

--
[image]

Verstehen Sie Bahnhof!
Europa: Linkliste Fahrplantabellen und mehr

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum