Sommerreise mit einem Korkenzieher ans Meer (4/4) (Allgemeines Forum)

Bahne aus Leidenschaft, Mittwoch, 29.07.2026, 22:40 (vor 1 Tag, 0 Stunden, 29 Min.)

Im letzten bahnarmen Teil war ich mit Rad und Schiff zwischen den beeindruckenden Relikten der Megalithkultur um Carnac unterwegs: https://www.ice-treff.de/index.php?id=729413
Genau damit geht es jetzt weiter, bevor morgen die Heimreise nach Karlsruhe angetreten wird.

[image]


Tag 5: Locmariaquer und Gavrinis
Die unbewohnte Île de Gavrinis ist unser Ziel wegen eines gut erhaltenen Cairn, ein gewaltiges mit Steinen bedecktes Hünengrab. Die Gliederung in zwei Stufen erfolgte erst bei einer Sanierung im 20. Jh, wo auch das Trockenmauerwerk außen mit Mörtel stabilisiert wurde. Das würde man heute nicht mehr tun, zumal man davon ausgeht, dass die Stufen nicht historisch sind und von der Stufenpyramide in Ägypten inspiriert wurden. Man geht eher von einer schlichten Haufenform aus, wie sie sich noch auf der Rückseite erhalten hat.
146
[image]

Die Steine der Grabkammer sind mit großflächigen Reliefs verziert. Die etablierteste Deutung für die Linienmuster sieht in ihnen die Wellen des Meeres abgebildet, was ich für eine recht phantasievolle Interpretation halte. Die Bearbeitung des Granits ausschließlich mit Steinwerkzeugen stelle ich mir äußerst mühselig vor, laut unserer Führerin kann man damit jedoch bis zu 1 cm Relief pro Minute schaffen.
147
[image]

Nach einer interessanten Stunde holt uns unser Boot wieder ab. Die meisten Besucher erreichen Gavrinis vom nähergelegenen Larmor-Baden aus, von wo deutlich mehr Verbindung und auch während einer längeren Saison fahren. Das wäre von Auray sogar etwas näher als Locmariaquer gewesen, aber Locmariaquer fand ich als Ort deutlich reizvoller. Beides an einem Tag wäre mit dem Rad wegen des dazwischen liegenden Mündungstrichters des Auray-Flusses nicht möglich gewesen.
Unter Übertourismus scheint Gavrinis zumindest heute aber nicht zu leiden. Außer uns war nur eine andere kleine Besuchergruppe auf der Insel.
148
[image]

Aus dieser Richtung ist der Cairn noch von Weitem vom Wasser zu sehen. Bis ins frühe 20. Jh. war die Region waldarm und von Heide geprägt, bevor ähnlich wie in der Lüneburger Heide Nadelbäume aufgeforstet wurden. Die Denkmäler der Megalithkultur waren davor auffällige Landmarken mit Sichtbeziehungen untereinander, die heute so nicht mehr ohne Weiteres nachzuvollziehen sind.
149
[image]

Mal ein Bild des Autors mit weiteren Menhiren im Hintergrund. Als diese errichtet wurden, hatten sie noch keine nassen Füße, da der Meeresspiegel lag wegen der zu Ende gehenden Eiszeit noch mehrere Meter tiefer lag. Gavrinis war keine Insel und anstelle des Golfs waren nur drei Flüsse.
150
[image]

Der Rückweg erfolgt nicht direkt nach Locmariaquer, sondern mit einem Umstieg in Arzon am gegenüberliegenden Ufer des Golfs.
151
[image]

Das beschert uns ein technisches Highlight, denn unser Anschlussboot hat heute erst seinen dritten Einsatztag überhaupt und ist das erste rein elektrisch und mit Segel betriebene Passagierschiff Frankreichs, regional in Morbihan mit heimischem Holz gebaut. Zum Bedauern des Kapitäns ist heute allerdings Flaute und wir müssen rein mit dem E-Antrieb fahren.
152
[image]

153
[image]

Montag halb eins, der Magen knurrt, Zeit für ein Mittagsmenu. Etwas ortsauswärts Richtung der Landspitze am Ausgang des Golfs habe ich ein Lokal ausgestöbert. Als Vorspeise wähle ich gratinierte Jakobsmuscheln, zum Hauptgang Fisch und abschließend Île Flotante.
154
[image]

Nach einem Stündchen am Strand fahre ich zum Ortszentrum zurück, wo die Ebbe die Schiffe auf Land hat laufen lassen.
155
[image]

Locmariaquer selbst hat natürlich auch einige Zeugnisse der Megalithkultur. Direkt nebeneinander liegen die drei bekanntesten: der Dolmen Table des Marchands, ein länglicher Tumulus und ein riesiger Menhir.
156
[image]

157
[image]

Hier waren die Franzosen im letzten Jahrhundert ziemlich fleißig, wie die Infotafel mit seinem früheren Aussehen zeigt.
158
[image]

Interessanterweise wurde als Deckstein ein Bruchstück eines älteren Menhirs wiederverwendet, von dem ein anderer Teil im Cairn de Gavrinis verbaut wurde, wie aus dem zweigeteilten Widderrelief ersichtlich ist. Auf die Frage der Führerin, was das obere Motiv darstellen soll, konnte ich den Besserwisser spielen und direkt die Antwort geben, aber auch nur weil ich am Vormittag schon auf Gavrinis war. Ratet mal, was es darstellen soll.
159
[image]

Noch viel beeindruckender ist der große zerbrochene Menhir, der 20 m lang und um die 300 t schwer war. Erstaunlicherweise stammt der Stein nicht direkt von hier, sondern wurde aus mehreren Kilometern Entfernung vom anderen Ufer des Golfs, damals nur Flusses herangeschafft.
160
[image]

Heute soll es endlich klappen mit den Austern. Auf dem Rückweg fahre ich bei einer Austernzucht vorbei, die direkt aus der Produktionshalle verkauft. Auf freundliche Nachfrage bekomme ich vom Chef (?) noch eine kleine Führung durch die Wasch- und Sortieranlage.
161
[image]

Auf dem Rückweg sitzt die Gezeitenmühle auf dem Trockenen.
162
[image]

Noch ein allerletzter Dolmen, der Dolmen de Kerdaniel, auf dem Rückweg.
163
[image]

Noch rechtzeitiger vor Ladenschluss um 19 Uhr bin ich in Auray zurück, um mein Rad zurückzugeben.
164
[image]

Die Flut drückt mit Wucht flussaufwärts durch die historische Brücke.
165
[image]

Jetzt wäre es eigentlich Zeit zum Abendessen am Hafen, denn mein Stammlokal hat heute Ruhetag. Dummerweise liegt mir das Dutzend Austern wie Steine im Magen. Verdorben können sie kaum gewesen sein, dann sie kamen direkt frisch vom Erzeuger aus dem Wasserbecken. Vielleicht war es in Verbindung mit dem Mittagessen einfach zu viel Fischeiweiß und so viele Austern vertrage ich wohl nicht mehr. Trotzdem zwinge ich mich zu einem späten Besuch in eine Crêperie, wo eine recht wilde Mischung aus deftiger Andouille und süßem Karamell angeboten wird.
166
[image]

Tag 6: Auray – Vannes – Paris – Karlsruhe
Im Gegensatz zur Anreise soll es heute auf direktem Weg heimgehen. Obwohl das ziemlich genau 1.000 km sind, kann ich es dank des TGV heute Morgen ruhig angehen und gemütlich frühstücken. Erst um kurz vor 11 Uhr muss ich am Bahnhof sein. Das alte Empfangsgebäude ist zwar gut gepflegt, hat aber in zwischen seine Bahnaufgaben an einen neuen Glaskasten zu seiner Linken verloren, wo bis in die 90er-Jahre ein Autozugterminal war.
167
[image]

An den Wänden der neuen Unterführung werden historische Bilder des Bahnhofs gezeigt. Früher hatte der Bahnhof eine der typisch französischen kleinen Bahnsteighallen.
168
[image]

Auch ein Betriebswerk gab es zu Dampflokzeiten.
169
[image]

Eigentlich hat Auray eine brauchbare TGV-Anbindung, allerdings haben die zeitlich passenden TGV mit Halt in Auray zwischen Rennes und Paris Zwischenhalte in Laval und Le Mans. Eigentlich kein Problem, allerdings möchte der Streckensammler in mir lieber die komplette LGV Bretagne oder die komplette Altstrecke befahren. Bei den recht neuen LGV nach Rennes und Bordeaux hat man sich nämlich sinnvollerweise für die Anbindung der Stadtbahnhöfe mittels Verbindungskurven an die Altstrecken statt den sonst so gern gebauten Rübenackerbahnhöfen entschieden.Über die Altstrecke hätte ich es nicht an einem Tag heimgeschafft, also wurde es eben ein TGV ohne Halt zwischen Paris und Rennes, aber auch ohne Halt in Auray.
Ich stehe nun vor der Wahl, ihm nach Lorient entgegen oder nach Vannes vorauszufahren. Erst wollte ich nach Lorient, wo ich noch nicht war, aber außer dem deutschen U-Bootbunker aus dem 2. Weltkrieg, die zu weit vom Bahnhof für meine Umsteigezeit ist, gibt es dort eher wenig zu sehen, da die Stadt wegen eben dieses Hauptsitzes der U-Bahnflotte massive Luftangriffe durch die Alliierten erleiden musste. Dann lieber mit einem Z TER nach Vannes, wo ich weiß, was mich erwartet, während links wieder der Tire-Bouchon auf seine Abfahrt Richtung Quiberon wartet.
170
[image]

So komme ich auch noch in den kurzen Genuss der 1. Klasse in einem Z TER.
171
[image]

Kurz nach Abfahrt geht es über die Auraybrücke von Bild 136 im letzten Teil , wobei kaum etwas von Auray zu sehen ist.
172
[image]

In Vannes habe ich jetzt gut 1h20 Zeit für einen kleinen Stadtrundgang und für ein paar Einkäufe. Vannes hat eine entzückende Altstadt, die ich schon 2023 kennen lernen durfte ( https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?030,10844396 ).
173
[image]

174
[image]

Heute haben Markthalle und Fischmarkt offen, die beide bei meinem letzten Besuch leider geschlossen hatten. Auf dem Markt kann ich mich wetterbedingt zurückhalten, gekühlte Produkte wie Käse zu erwerben. Für den Fischmarkt bin ich offensichtlich zu spät und muss mir der nackten Architektur vorliebnehmen.
175
[image]

Bei Temperauren um die 30 °C bin ich sowieso besser beraten, den Fisch in Dosen zu erwerben. Nach den Einkäufen von bretonischem Karamell, Dosensardinen und Cidre, wird es mir am Bahnhof knapper, als es mir lieb ist. Ich sehe von außen schon den TGV einfahren, aber er war zum Glück einige Minuten zu früh und bei den kleineren Bahnhöfen macht die SNCF auch bei TGV keine Bahnsteigkontrollen, was den Einstieg dann doch recht entspannt macht.
Hier ist mein TGV noch relativ leer. Recht bald nach Abfahrt kommt die übliche Durchsage vom Barista, der sich vorstellt und die Fahrgäste in sein Bistro, wo es gerade keine Schlange gebe, einlädt. Neu für mich ist jedoch seine etwas später folgende Ankündigung, dass es bis Rennes 30 % auf alles gebe. Da lasse ich mich nicht lange bitten und kaufe ihm ein Bier ab, immerhin ist es schon früher Nachmittag.
176
[image]

Das müsste von einer kurzen Fahrt von Hendaye nach Saint-Jea-de-Luz meine erst Fahrt in einem der neueren TGV Océane sein. Die Farbwahl des Innenraums ist zwar auch nicht wirklich mutig, gefällt mir aber deutlich besser als die in den älteren Euroduplex.
Bis Rennes kenne ich die Strecke schon von Samstag. Die Fahrt entlang des Vilaine ist abwechslungsreicher, als ich im Voraus gedacht hätte.
177
[image]

178
[image]

In Rennes füllt sich der TGV enorm, zumindest in meinem Abteil so gut wie komplett. Meistens sieht es vor dem Fenster so abwechslungsreich wie hier aus. Das muss irgendwo um Voves gewesen sein, wo die Altstrecke von Paris nach Vendôme parallel verläuft.
179
[image]

Um 15 Uhr bin ich pünktlich in Paris, wo sich mein TGV als zweiter von Vorne in die TGV-Parade einreiht.
180
[image]

Den Bahnhofswechsel von Montparnasse nach Est musste ich erst einmal 2018 machen und bei damals einer Stunde minus 10 min Verspätung mussten wir uns ziemlich sputen. Heute habe ich eine üppige Umsteigezeit von fast drei Stunden. Erstmal geht es kurz in die Lounge, um mein Wasser aufzufüllen. Dabei stelle ich fest, dass in der Gegenrichtung heute ziemlich der Wurm drin zu sein scheint.
181
[image]

Von allen großen Kopfbahnhöfen von Paris ist Montparnasse wohl der mit Abstand hässlichste. Gut versteckt unter einem Einkaufszentrum und Bürogebäuden liegt ein Moloch von Gleisen. Gegenüber liegt das einzige Pariser Hochhaus innerhalb der Stadtgrenze, die Tour Montparnasse.
182
[image]

In fußläufiger Entfernung liegt der Bahnhof von Montparnasse, dessen Ruf etwas im Schatten der bekannteren Cimetières de Père-Lachaise und Montmartre steht und auch von mir noch nicht besichtigt wurde.
183
[image]

Den Devotionalien auf dem Grab nach zu urteilen erfreuen sich die Existenzialisten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir bei chinesischen Besuchern großer Beliebtheit.
184
[image]

Traditioneller sieht das Grab der Chiracs aus. Die Blumen könnten noch von der Beerdigung der Präsidentengattin a. D. stammen, die wie ich herausfinde, erst einen Monat zuvor verstorben ist.
185
[image]

Die direkte Metrolinie 4 zur Gare de l’Est ist aktuell wegen einer Baustelle unterbrochen. Schnellster Weg dürfte deshalb die Linie 6 bis Place d’Italie und dann weiter mit der 5 sein, aber warum keinen Umweg fahren?
186
[image]

Die Linie 6 überquert als Hochbahn das Gleisvorfeld der Gare d’Austerlitz.
187
[image]

Und direkt danach die Seine.
188
[image]

In Bercy steige ich in die moderne Linie 14 um.
189
[image]

Eine Station später an der Gare de Lyon wechsle ich schon wieder in die RER A Richtung Marne-la-Vallée um dann in Val de Fontenay in die RER E zur Gare de l’Est zu wechseln, aus der ich die wachsende Tram-Train-Flotte der Region Île-de-France bewundern kann.
190
[image]

Auch einen TER Corail der Region Grand Est erwische ich bei der Bereitstellung unter Sacre-Coeur.
191
[image]

Noch etwas unter einer Stunde bis zur Abfahrt, Zeit für ein schnelles Abendessen gegenüber vom Bahnhof im Bouillon. Leider ist mein Lieblingsgericht von der Karte verschwunden, weshalb ich mit Boeuf Bourguignon Vorlieb nehmen muss.
192
[image]

Der Wasserspender am Bahnhofsvorplatz nimmt seine Aufgabe leider etwas zu ernst.
193
[image]

Beim Blick auf den Stadtplan ist mir diese Woche zum ersten Mal aufgefallen, dass der Canal Saint-Martin nur einen Block von der Gare de l’Est entfernt ist, also mal noch schnell vorbeigeschaut. Ich habe es zwar in der Vorwoche in der Tagesschau bei den Berichten zur Hitzewelle gesehen, aber überrascht bin ich nun doch, als ich dort die jungen Pariser beim Baden sehe. Eine grüne stehende Brühe ist der Kanal zwar schon, aber die Stadt hat vor den Olympischen Spielen für das Freiwasserschwimmen großen Aufwand für die Rehabilitierung der Seine geleistet und seit 2025 das Baden in der Seine auch für die Öffentlichkeit legalisiert. Der Canal dürfte als Bestandteil des Gewässersystems dazu gehören. Die Wasserqualität ist laut Stadt gut, allerdings ist es offiziell nur sonntagnachmittags erlaubt, zu baden. Insgesamt finde ich das eine beeindruckende Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Stadt Berlin auch 2026 keinen Anlass sieht, das Baden in der Spree wieder zu ermöglichen.
194
[image]

Mit dem letzten ICE des Tages geht es wieder nach Karlsruhe zurück. Im Gegensatz zum Hinweg habe ich einen Sparpreis für den Abschnitt ab Straßburg und muss deshalb dort nicht umsteigen, sondern nur in die 2. Klasse wechseln. Mein eigentlicher Plan wäre gewesen, in Straßburg auf einen Absacker ins Restaurant zu wechseln, aber das hat wegen fehlenden Nachschubs nur ein sehr eingeschränktes Verbot. Laut Mitarbeitern lief das Geschäft auf der Hinfahrt viel zu gut.
Der freundliche Zugbegleiter erlaubt mir dafür nach einem kleinen interessierten Gespräch über mein Fahrscheinkonvolut, in der ersten Klasse zu bleiben. Bis auf die erwartbare Verspätung wegen der Grenzkontrolle in Kehl und dem ärgerlichen Siegtor der Argentinier gegen Ägypten verläuft die Heimfahrt sonst unspektakulär.

Herzlichen Dank - bin wie immer gern mitgereist! :)

Tobs, Region Köln/Bonn, Donnerstag, 30.07.2026, 17:09 (vor 5 Stunden, 59 Minuten) @ Bahne aus Leidenschaft

- kein Text -

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum