Stellwerk Wuppertal-Vohwinkel (Allgemeines Forum)
Moin!
Vielleicht mal ein paar generelle Hintergründe für Interessierte.
Ich würde mich jetzt nicht als Experten fürs EBI Lock 950 bezeichnen, ABER: Im Jahr 2006 habe ich tatsächlich meine Diplomarbeit über genau dieses Stellwerk geschrieben. Vor Ort bei der Bombardier in Braunschweig.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, wieviel es da zu entdecken gibt, wenn man als Informatiker, der halt "irgendwie" programmiert, in ein Umfeld kommt, wo auf einmal Menschenleben von der korrekten Funktionsweise einer Anwendung abhängen.
Daher muss man nach einem festen Prozess programmieren. Soweit ich mich erinnere, haben die Mitarbeiter dazu Logikbausteine programmiert, also z.B. für das Senden von Daten, für das Addieren, für das Prüfen und natürlich für das Schalten von Ausgängen, also wenn man z.B. eine Weiche umlegen möchte.
Diese Bausteinen wurden extrem sorgfältig von mehreren Mitarbeitern getestet, damit sie keine Fehler enthalten. Dann gings eine Ebene höher und man konnte die Bausteine nutzen, z.B. für eine generische Signallogik.
Dann nutzt man diese Generik und projektiert daraus das konkrete Stellwerk. Bei uns waren das zunächst Spremberg, Mannheim-Rheinau und das unsägliche Kreiensen. Ich hab den entsprechenden Plan für Kreiensen damals mal spaßeshalber ausgedruckt - er hat den ganzen Flur lang gereicht.
A propos Dokumentation: Bei diesen Ganzen Aufgaben machen Prüfung und Dokumentation 90 % der Arbeit aus. Wenn man also 1 Stunde etwas programmiert oder konfiguriert, stehen davor und danach 9 Stunden Dokumentation und Prüfung, die dann am Ende von externer Stelle begutachtet werden.
Die Grundlagen dazu wurden übrigens schon Jahre zuvor in Stockholm von ABB geschaffen, wo die Kernentwicklung stattfand. In Braunschweig bestand die Aufgabe, das Stellwerk an die deutschen Gegebenheiten anzupassen, weil hier Signale, Weichen, Schlüsselsperren, BÜs teilweise anders arbeiten als in Schweden.
Was mir besonders gut gefallen hat:
Im Keller stand ein echtes Stellwerk. Wir hatten dazu einen fiktiven Bahnhof gebaut. Die meisten Signale und Weichen waren simuliert, aber in der Ecke hing tatsächlich ein echtes Ks-Signal und ein echter Weichenantrieb. Und natürlich gabs echte Bedienplätze.
Aber das schönste war: Die Kollegen haben mich damit rumspielen -äh- arbeiten lassen. ;) Dafür liebe ich sie noch heute! So konnte ich Erfahrungen sammeln über den Umgang mit ESTWs. Denn man konnte nicht nur den Regelbetrieb testen, sondern auch alles mögliche kaputt machen, also Signale abziehen, Weichen (virtuell) zerstören und LEDs durchbrennen lassen. Und dann die entsprechende Reaktion vom Stellwerk beobachten.
In der Ecke stand der Stellwerksrechner, das waren mehrere voneinander unabhängige embedded Linux-Systeme, deren Ergebnisse miteinander verglichen wurden. Sollte also einer der Computer einen Speicherfehler haben und plötzlich behaupten, dass die Weiche in Linksstellung liegt, obwohl dies gar nicht der Fall war, wäre so etwas aufgefallen. Genauso bei unregelmäßigen Verarbeitungsgeschwindigkeiten von Daten. Was im Labor sehr bequem war: Man hat sich dann einfach an der Konsole vom Stellwerk angemeldet und einen Reset gemacht. 5 min. später lief wieder alles. Im Labor ist die Welt immer sehr einfach.
Und damit sind wir jetzt fast schon in Wuppertal - obwohl ich vom Wuppertaler Stellwerk keine Ahnung habe. Denn: Es gibt gefühlt tausende Möglichkeiten, warum so ein Stellwerk in den Störzustand gehen kann. Das gilt generell, also auch bei der Hithales oder bei der Siemens. Das ist erstmal auch gut so, denn besser das Stellwerk steht still, als dass z.B. ein Wackelkontakt an irgendeinem Weichenanschluss zu einer Situation führt, dass ein Zug entgleist. Hier kommt dann die Diagnose ins Spiel, denn natürlich möchte man wissen, WO es hängt. Da die Störungssuche in Wuppertal ja nun schon ewig dauert, ist meine persönliche Annahme, dass für diese spezielle Störungsursache keine geeignete Diagnose vorhanden ist. Man sucht also plötzlich in Stellwerksteilen herum, wo im laufenden Betrieb eigentlich nie ein Fehler vorgesehen war.
Das alles mit der Randbedingung, dass a) die Entwicklung ja 20 Jahre alt ist, b) die InfraGO das nur sehr begrenzt toll findet und c) die Kunden die Bahn dafür hassen. Und nicht zu vergessen - das Stellwerk ist ja seit 9 Jahren Betrieb. Also dass da etwas in der Generik (sh. oben) falsch ist, kann man eigentlich ausschließen. Das macht aber die Fehlersuche nicht leichter. Vor allem, wenn der Fehler nur manchmal auftritt, wenn z.B. Feuchtigkeit, Temperaturen eine Rolle spielen oder einfach nur irgendwo besonders viel Strom fließt, weil gerade zufällig zwei Weichen gleichzeitig umlaufen.
Daher wünsche ich natürlich allen Beteiligten, dass man die Ursache bald identifiziert und hoffe, dass die Einblicke ein bisschen interessant waren.
Bye. Flo.
Stellwerk Wuppertal-Vohwinkel
Das alles mit der Randbedingung, dass a) die Entwicklung ja 20 Jahre alt ist, b) die InfraGO das nur sehr begrenzt toll findet und c) die Kunden die Bahn dafür hassen. Und nicht zu vergessen - das Stellwerk ist ja seit 9 Jahren Betrieb. Also dass da etwas in der Generik (sh. oben) falsch ist, kann man eigentlich ausschließen. Das macht aber die Fehlersuche nicht leichter. Vor allem, wenn der Fehler nur manchmal auftritt, wenn z.B. Feuchtigkeit, Temperaturen eine Rolle spielen oder einfach nur irgendwo besonders viel Strom fließt, weil gerade zufällig zwei Weichen gleichzeitig umlaufen.
Wobei es spannend wäre zu wissen, ob es sich um einen reproduzierbaren oder einen anderen Fehler handelt. Reproduzierbare Fehler haben den großen Vorteil, dass sie immer wieder und immer unter denselben Umständen auftreten, im Prinzip also leichter zu finden sind, man muss eben "nur" die Umstände finden, unter denen derselbe Fehler systematisch auftritt. Im Kontrast dazu sind nicht reproduzierbare Fehler schwieriger zu lokalisieren, ein Klassiker sind Wackelkontakte, wo es eben mal geht und mal nicht, nicht zu verwechseln mit Fehlern, die am Ende doch reproduzierbar sind, die aber eben hochkomplexer Voraussetzungen bedürfen, die sich nicht uneingeschränkt nachstellen lassen (manchmal ist es eben eine bestimmte Uhrzeit, ein (Wochen)Tag, ..., im schlimmsten Fall ist es ein Überhitzungsschutz).
Unabhängig davon erweckt der Vorfall den Eindruck, als sei die Fehlersuche nicht umfassend genug erfolgt, man war immer froh, wenn das Teil wieder lief, und daraufhin hat man womöglich nicht weiter gesucht, obgleich es noch mehr Probleme gab, die nun gleichfalls peu a peu auftreten.
Daher wünsche ich natürlich allen Beteiligten, dass man die Ursache bald identifiziert und hoffe, dass die Einblicke ein bisschen interessant waren.
Der Eindruck war sehr interessant, wichtiger wäre aber tatsächlich, dass die Beteiligten zügig alle Probleme finden und beheben können.