Das hätte ich mal bei Verfrühung gebraucht. (Allgemeines Forum)

Der Blaschke, Bissendorf-Wissingen, Freitag, 17.04.2026, 12:47 (vor 11 Tagen) @ Jette13
bearbeitet von Der Blaschke, Freitag, 17.04.2026, 12:50

Huhu.

Aus einer versunkenen Welt:

Blaschi pennt im "Nachttramper"-Liegewagenabteil im reinen Schlaf- und Liegewagenzug "Meteor" München ==> Hamburg. Wir schreiben den Morgen des 27. August 1989.

Wegen der hohen Nachfrage wurde der Zug in 2 Teilen gefahren. Gemäß Zangenabdruck saß ich im betrieblich zusätzlichen Zugteil 15188 - Stammzugnummer war 2188.

Tags zuvor stand u.a. der Fern-Express FD 1971 "schwarzwald" auf dem Programm - der fuhr nämlich von Göttingen bis Darmstadt ohne Verkehrshalt. Ein Exot also. Da mußte man mit. Bis Karlsruhe. Dann EC "Rätia" nach Fulda (an mit +22). "Veit Stoß" fuhr mit +10 nach Würzburg ab. IC "Rheinland" holte bis München 8 Minuten Verspätung wieder rein. Unpünktlichkeit gab es damals auch - will nur heute niemand mehr hören; war aber so.

Nun, ich schlief schön im Nachtzug. Werde wach, denke so, gute halbe Stunde noch bis Hamburg, dann mach dich mal munter. Rollo hoch und - Schock: wir sind ja schon in Hamburg! Huch! Jetzt aber Shell. Etwas frischmachen, die Welt sortieren, die Lage checken. Einen Plan für den Tag erstellen. Und schon sind wir in Altona. 26 MINUTEN VOR PLAN!

Der reinste Streß!

Fix essen fassen. Und dann stand der Plan fest. Mit "Riemenschneider" fuhr ich nach Bebra - in Frankreich hätte zumindest der Fernzugbahnhofsteil nicht 'Bebra', sondern 'Kassel IC' geheißen. Entgegen mancher Erzählungen hatte nämlich Kassel auch Fernzuganschluß im IC-Netz ab 1979 - nur eben nicht innerhalb der Stadtgrenze, sondern im 70 km entfernten Bebra.

Ab Bebra sollten es dann N 5963 und zurück N 5964 sein. Zielort war Obersuhl. Was auch Endstation für den Nahverkehr war. Das dahinterliegende Untersuhl gehörte nämlich bereits zur DDR. Weiter östlich erreichte die Strecke zwar nochmal kapitalistisches Wohlfühlland - aber da hatte die DDR längst eine Umleitungsstrecke von Gerstungen nach Förtha gebaut. Steigungsreich zwar, aber es ging ja um große Weltpolitik! So war Obersuhl westdeutsches Bahn-ÖV-Ende. Allerdings - und das war die Besonderheit - führte die Trasse auch nach dorthin schon zwischen Hönebach und Bosserode durch die DDR. Ca. 1,6 Kilometer lang. So betrachtet war die Nahverkehrsbimmel, ein schöner Schienenbus damals, auch eine Art Transitzug. Da mußte man natürlich mitgefahren sein. Dass die Mauer etwas über 2 Monate später fiel und der Staat dahinter ein gutes 1 1/4 Jahre später Geschichte war, ahnte man ja nicht. DDR-Grenze gucken war im Westen stets ein bißchen unheimlich und hatte was von Touristen"attraktion".

Auf der Nord-Süd-Strecke konnte man das östliche Wahlhausen stets sehen; dort kam man mit dem Zug der DDR am nächsten. Extra wegen der Bahnstrecke gab es übrigens 1945 das Wanfrieder Abkommen. Werleshausen und Neuseesen kamen in den Westen, womit die Bahnstrecke durchgängig im Westen lag und nicht mehr durch die Sowjets blockiert werden konnte. Sickenberg, Asbach, Vatterode und Weidenbach hatten Pech, wovon sie freilich damals vmtl noch nichts ahnten und gehörten fortan zum Osten. Und damit die Jugend noch was lernt und die Millionenfrage bei Jauch mal beantworten kann: nach Abschluss des Wanfrieder Abkommen wechselte zur Bestätigung auch Alkoholisches den Besitzer - die Grenzlinie nannte man daher spöttisch auch "Whiskey-Wodka-Linie". Wer da wem was schenkte, da kommt ihr aber selbst drauf. ;-)

Nun denn, ich fuhr jedenfalls da dann durch die DDR. Und wieder zurück. Recht unspektakulär. Einfach so.

Für den nächsten Tag hatte ich mir als Erlebnishighlight den "Hamburger Clipper" vorgenommen. IC 531. Der fuhr nämlich in Osnabrück Hbf durch und in Bremen über die Güterumgehung. Ein Sprinter also - ein Exot damals. Und auch damals gab es schon Clowns bei ProBahn - die protestierten natürlich und forderten Halte eben in Osnabrück und Bremen, ohne zu kapieren, dass es dann eben kein Sprinter mehr ist und dann dieser Zug zusätzlich zum Takt damals gar nicht verkehren würde. Köln ==> Altona mit Halt in Düsseldorf, Duisburg, Essen und Münster schaffte der damals in 3:50 Stunden. Man kann ja mal die aktuelle Auskunft bemühen, wie lange es 37 Jahre später dauert ...


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Schöne Grüße von jörg

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"Zu Lebzeiten will ich gerne bescheiden sein; doch wenn ich tot bin, soll man natürlich anerkennen, dass ich ein Genie war." (Michel Audiard)


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