Whale Watching im Massif Central (2/8) (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Freitag, 23.01.2026, 19:35 (vor 6 Tagen)

Im letzten Teil habe ich von meinem ersten Etappenziel Tours einen kombinierten Bahn- und Radausflug gemacht und kam dabei zu meinen ersten beiden Blauwalfahrten der Reise: https://www.ice-treff.de/index.php?id=723786
Dieser Teil, in dem ich mich weiter nach Süden vorarbeite, wird allerdings entgegen dem Titel walfrei bleiben.

[image]

Tag 3: Tours – Poitiers – Angoulême – Bergerac
Heute wird ein langer Reisetag, was aber nicht nur an der gar nicht so kurzen Strecke liegt sondern vor allem an zwei über drei Stunden langen Umsteigezeiten in Poitiers und Angoulême. Die sind zwar dem überschaubaren TER-Fahrplan auf der Altstrecke Paris-Bordeaux geschuldet, sind mir aber ganz Recht, da ich beide Städte schon länger mal besichtigen wollte.
Der Reisetag beginnt noch einige Minuten früher als gestern um halb acht mit dem Z TER im Vordergrund. Dahinter versteckt sich mein Baleine-Trio nach Chinon von gestern.
50
[image]

Der Besetzungsgrad im vorderen Wagen ist angenehm überschaubar und das Interieur ist nicht so extrem heruntergekommen wie vor zwei Jahren im Z TER der Nachbarregion Pays de la Loire. Seine für einen Nahverkehrszug beachtlichen 200 km/h Spitzengeschwindigkeit kann er auf der Strecke über große Abschnitte ausfahren. Ob er die trotz den Zwischenhalten, darunter Saint-Maure mit seinem schmackhaften Ziegenkäse, irgendwo tatsächlich erreicht hat, kann ich aber nicht sagen.
51
[image]

Nach 80 flotten Minuten ist die Hauptstadt der ehemaligen Region Poitou-Charentes Poitiers erreicht.
52
[image]

Auf der LGV scheint heute ziemliches Chaos zu sein, denn dieser TGV nach Paris hätte eigentlich schon vor 40 Minuten abfahren sollen und steht sich stattdessen hier die Räder platt, während der letzte TGV aus Paris mit 2 h Verspätungen erwartet wird. Davon unbeeindruckt verzieht sich mein Z TER vermutlich auf ein Abstellgleis, denn bis zur nächsten Leistung nach Tours sind es noch ganze sechs Stunden.
53
[image]

Der Bahnhof liegt im Tal und die Stadt auf dem Hügel darüber. Dieser Überweg und eine Rolltreppe wurden zur Optimierung des Fußwegs dorthin angelegt.
54
[image]

Poitiers hat ganz viele spannende alte, teils sehr alte Kirchen, mit denen ich euch nun belästigen werde. Den Anfang macht die des Stadtpatrons Saint Hilaire im Stil der Romanik, leider bis auf Weiteres geschlossen.
55
[image]

Weiter geht es mit der wichtigsten, Notre-Dame-la-Grande, mit ihrem figurenriechen romanischen Portal, leider auch wegen Sanierung längerfristig geschlossen.
56
[image]

Am größten und im jüngeren Stil der Gotik ist die Kathedrale.Ihr Bau wurde von Eleonore von Aquitanien, die häufig in Poitiers residierte gefördert.
57
[image]

Wieder kleiner und romanisch ist Sainte-Radegonde. Die junge Prinzessin Radegunde wurde 531 bei der Eroberung des Thüringerreichs durch die Söhne des ersten christlichen Frankenkönigs Chlodwig als Geisel genommen und einige Jahre später von König Chlothar zu seiner fünften Frau gemacht. Wenig überraschend wurde sie in dieser Ehe nicht glücklich und nachdem er ihren Bruder ermorden ließ, flüchtete sie vom Hof und gründete an dieser Stelle in Poitiers ein Kloster, in das sie eintrat. Versuchen ihres Mannes, sie zurückzuholen konnte sie widerstehen und sogar einen Splitter vom Heiligen Kreuz gewinnen, womit sich ihr Kloster zu einem der bedeutendsten Frankreichs entwickelte. Hier lässt sich wieder einen Bezug zum ersten Teil finden, denn dort war ich bei Bild 30 an einer ihr geweihten Felsenkapelle.
58
[image]

Noch deutlich älter und sogar ein Zeitzeuge der hl. Radegunde ist der nächste Sakralbau. Das spätantike Baptisterium Saint-Jean ist einer der wenigen erhaltenen Zeugen aus der Übergangszeit vom Römischen Reich zu den Merowingern, hat aber leider erst am Nachmittag geöffnet.
59
[image]

Einen schönen Bezug zu meinem Programm gestern kann ich auch bei der großen Halle des Palasts der Herzöge von Aquitanien spannen. Dieser wurde wohl Ende des 12. Jh. von Eleonore von Aquitanien oder ihrem Lieblingssohn und designiertem Nachfolger Richard Löwenherz gebaut. In seinen 10 Jahren als König von England war er in Summe nur ganze 6 Monate in England, 1,5 Jahre auf Kreuzzug, anschließend 1,5 Jahre in Haft in Österreich und auch kurz auf dem Trifels in meiner heimischen Pfalz und die restliche Zeit war er in seinen französischen Besitzungen, vorzugsweise hier in Aquitanien. Seine Ehefrau hat es sogar nie nach England geschafft.
Bis vor Kurzem war hier der Justizpalast drin und aktuell wird der Komplex zu einem Museum umgebaut und der Eintritt in die Halle ist sogar kostenlos.
60
[image]

Nach etwas über drei Stunden verlasse ich Poitiers Richtung Angoulême auf der Altstrecke Richtung Süden. Unterwegs wird die LGV gekreuzt.
61
[image]

Mein Régiolis muss ziemlich neu sein, denn er ist der erste mit CAF- statt Alstom-Logo, den ich bewusst wahrnehme.
62
[image]

Dafür, dass Angoulême ein regionales Zentrum an einer Hauptstrecke ist, ist der Fahrplan am Freitagnachmittag ziemlich überschaubar. Der Ouigo an dritter Stelle fällt dann sogar noch aus. Mein nächster Zug wird der nächste TER Richtung Bordeaux um 16.34 Uhr in drei Stunden sein.
63
[image]

Die Fahrt von Poitiers hierher lag ziemlich blöd in der Mittagszeit, zu früh, um in Poitiers zu essen, zu spät, um jetzt zu essen. Die meisten Küchen haben leider schon zu, aber in der Markthalle werde ich fündig.
64
[image]

Auf die Idee, Kalbsniere nur kurz rosa anzubraten, wäre ich nie gekommen, aber es überzeugt mich.
65
[image]

Ja, hier in Angoulême steppt der Bär. Das muss irgendeine Infoveranstaltung vom Seniorenverband sein.
66
[image]

Hauptsehenswürdigkeit ist die romanische Kathedrale mit figurenreicher Fassade, die allerdings im 19 Jahrhundert sehr phantasiereich restauriert wurde. Paul Abadie, Architekt der berühmten Basilika Sacre-Coeur auf dem Pariser Montmarte und ein Schüler Viollet-le-Ducs, durfte sich hier und bei der nahegelegenen Katherale von Périgueux, wo ich 2023 war ( https://www.ice-treff.de/index.php?id=700909) austoben. Seinem Lehrer Viollet-le-Duc sind noch deutlich prominentere phantasievolle Restaurierungen wie der 2019 zerstörte Dachreiter von Notre-Dame de Paris oder die Befestigungsanlagen von Carcassonne zu verdanken.
67
[image]

Schaut man von dort nach Süden, sieht man die Bahnstrecke nach Bordeaux, die die Altstadt untertunnelt.
68
[image]

Warum habe ich nicht ganz verstanden, aber Angoulême ist die Stadt des Comics. Mehrere Hauswände zeigen Comicmotive wie diese hier.
69
[image]

Dann habe ich es einmal um den Altstadthügel herumgeschafft und bin wieder an der Markthalle und kann in die andere Richtung unten schon den Bahnhof sehen, wo ich jetzt auch langsam wieder hin muss.
70
[image]

Auch am Bahnhof gibt es Bezüge auf Comics wie diesen Obelix‘schen Hinkelstein.
71
[image]

Dieser leere Autozug unterquert die Altstadt Richtung Bordeaux. Etwas rechts oberhalb von ihm ist die Markthalle zu finden.
72
[image]

Gleise gibt es hier im Überfluss.
73
[image]

Mein Régiolis nach Bordeaux ist diesmal ein etwas älterer aus Alstomzeiten und hält in der eingerüsteten Halle.
74
[image]

Nach der Fahrt durch den Tunnel ist die Altstadt mit der Kathedrale ganz rechts zu sehen, von wo Bild 68 entstanden ist.
75
[image]

Der Zug ist gut voll und der Hund gegenüber von mir macht heute seine erste Bahnfahrt und hat noch nicht gelernt, dass es nicht so clever ist, an den Unterwegshalten auszusteigen und dort für Ordnung zu sorgen. Mehrmals war er sogar ganz draußen.
76
[image]

Pünktlich ist Libourne erreicht, wo mein letzter Umstieg des Tages nach Bergerac erfolgt.
77
[image]

Um in die Stadt zu gehen, ist hier leider nicht genug Zeit, also schaue ich mich ein wenig am Bahnhof um. Die Überlänge der Fußgängerbrücke stellt mich vor die Frage, ob hier auch mal Gleise lagen.
78
[image]

Als ich auf ihr stehe, kommt erst aus Süden dieses Baufahrzeug durch.
79
[image]

Kurz darauf folgt in Gegenrichtung eine Euro 4000 (?) mit einem Kesselwagenzug, auf deren Ausfahrt ich schon in Angoulême gewartet habe.
80
[image]

Letzter Zug des Tages ist ein Régiolis nach Sarlat, den ich bis Bergerac nutze. Unterwegs wird der berühmte Weinort Saint-Émilion passiert, aber da der Zug recht voll und ich auf der falschen Seite war, kann ich keine Bilder bieten. Auch von meinem Tagesziel Bergerac im Périgord folgen wetterbedingt erst morgen Bilder. Der Zug führe zwar noch weiter bis Sarlat, aber von dort käme ich übermorgen Früh schlecht weg und die Übernachtungen waren relativ teuer, weshalb ich das Städtchen nur morgen als Tagesausflug besuche.
Als Unterkunft habe ich mir für die nächsten beiden Nächte eine nette Ferienwohnung in einem Fachwerkbau in der Altstadt gegönnt. Schön und sauber war sie, aber nochmal würde ich sie nicht buchen, da ich mir mehrmals kräftig den Kopf an einem der Balken stoße. Nicht dass es mir einmal geht wie König Karl VIII. in Amboise (vgl. Teil 1), von dem ich im ersten Teil schrieb.
81
[image]

Die Holztreppe in mein Dachgeschoss wirkt auch nur bedingt vertrauenserweckend.
82
[image]

Nach dem relativ späten Mittagessen genehmige ich mir einen „leichten“ Salat mit Spezialitäten des Périgord: Walnüsse, konfierte Entenmägen, Entenbrust, aber explizit keine Stopfleber.
83
[image]

Tag 4: Bergerac und Sarlat
Den Samstagvormittag schaue ich mich in Bergerac um und mache ein paar Einkäufe auf dem Wochenmarkt. Hier aus der Region stammen vor allem Ziegenkäse. Von den gut durchgereiften vorne rechts wechseln je ein weißer und ein schwarzer in meinen Besitz.
84
[image]

Um kurz vor 11 Uhr fährt dann mein CAF-Régiolis nach Sarlat und ich habe endlich Zeit zum Frühstücken. Vom Markt habe ich ein Croissant, eine Chocolatine (kein Pain au Chocolat!) und zwei Cannelés, die gehaltreiche lokale Spezialität aus Bordeaux, dabei.
85
[image]

Die Strecke folgt von bis kurz vor Sarlat durchgehend der Dordogne und schneidet einige Flusskurven ab, was mit mehreren Brücken einhergeht. Leider ist heute mit anhaltendem Nieselregen ab dem Vormittag das schlechteste Wetter der Reise. In Summe kann ich mich aber über das Wetter für Anfang Oktober nicht beschweren.
86
[image]

Von der letzten Dordognebrücke sind Burg und Ort Beynac und nicht Castelnaud, wie Ralf vor 1-2 Jahren in seinem Bericht behauptete, zu sehen. Die Burg Castelnaud ist auch von der Brücke zu sehen, allerdings in die andere Richtung, etwas weiter weg und damit nicht ganz so beeindruckend. Trotzdem fand ich den Bericht damals sehr inspirierend und hat in mir die Lust (oder den Neid) geweckt, auch nach Sarlat zu fahren.
87
[image]

Nach Beynac verlässt die Strecke das Dordognetal für die letzten Kilometer, um das regionale Zentrum Sarlat im Hinterland zu erreichen.
Der Bahnhof Sarlat liegt relativ dezentral in Hanglage und bei dem Nieselregen hätte ich sehr gern den bereitstehenden leeren Bus nach Périgueux bis ins Zentrum genommen, aber die Fahrerin bedauert, erklären zu müssen, dass sie zwar in der Innenstadt halte, aber nur zum Einstieg. Daran kann man leider nichts ändern …
88
[image]

In der Innenstadt Sarlat ist wie in Bergerac Wochenmarkt, allerdings ist hier alles voller englischsprachiger Touris.
89
[image]

Die kleine Markthalle ist sehr sehenswert im Rest einer alten Kirche untergebracht.
90
[image]

Spezialität der Region ist Enten- und Gänsestopfleber, die ich allerdings wegen Tierquälerei boykottiere. Den „Abfallprodukten“ aus dieser Produktion wie Entenmägen, Confit de Canard oder dem Griebenschmalz bin ich allerdings nicht abgeneigt.
91
[image]

Für den frühen Nachmittag ist stärkerer Regen gemeldet, weshalb ich das Mittagessen noch etwas hinauszögere und dann noch etwas finden muss, dessen Küche noch geöffnet ist. Das Unterfangen in der Altstadt etwas Untouristisches zu finden, in dessen Menu dann auch noch keine Stopfleber auftaucht, gebe ich dagegen bald auf. Schließlich gibt es wie gestern wieder Kalbsniere, aber diesmal klassisch gut durch gegart in Morchelsauce. War wieder sehr gut.
92
[image]

Im nächsten Teil werde ich trotz nicht enden wollenden Regens die Bahngeschichte Sarlats etwas näher erkunden und in das Massif Central weiterfahren.

Danke!

JeDi, überall und nirgendwo, Sonntag, 25.01.2026, 13:18 (vor 5 Tagen) @ Bahne aus Leidenschaft

Wie immer bei dir eine coole Tour!

--
Weg mit dem 4744!

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum