Advent zwischen Schwarzwald und Lothringen | Fortsetzung (Reiseberichte)

TD, Sonntag, 25.12.2022, 10:43 (vor 1182 Tagen) @ TD

Tag 2: Nancy – Strasbourg – Freiburg – Himmelreich – Ravennaschlucht – Hinterzarten – Villingen – Allensbach

Am zweiten Reisetag hatte mir der Streik einen Teil der Tour vermasselt. Schon am Freitag vor der Abreise vermeldete die App für die morgendliche Verbindung von Nancy nach Saint-Dié-des-Vosges „annulliert“. Eine brauchbare Verbindung gibt es erst mittags, das ist aber für den restlichen Tagesplan zu spät. Damit muss ich mich von dem Gedanken verabschieden, bei der Tour die Strecke von Saint-Dié-des-Vosges durch die Vogesen nach Straßburg zu bereisen. Meine Mitreisenden haben schon freie Plätze im Flixbus von Nancy nach Konstanz gefunden – aber so weit lasse ich es nicht kommen und wähle notgedrungen eine Alternativverbindung mit dem TGV von Nancy nach Straßburg. Dadurch gewinnen wir ungewollt eine Stunde Zeit am Sonntagvormittag, in der wir uns der Tramway de Nancy widmen.

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Seit 1982 gibt es in Nancy einen Oberleitungsbus, der 2001 abschnittsweise auf spurgeführten Betrieb umgestellt wurde. Es gibt nur eine Linie, die T 1 verläuft als Durchmesserlinie durch die Stadt. Wir besteigen am Bahnhof eines der Fahrzeuge des Systems TVR von Bombardier. Diese Mischung aus Oberleitungsbus und Straßenbahn gibt es nur hier in Nancy. Die „Tramway sur pneumatiques“ wird mittels einer mittig in die Fahrbahn eingelassenen Leitschiene in der Spur gehalten.

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Die Linie ist gut 11 Kilometer lang, sie wird an Wochentagen im Fünf-Minuten-Takt bedient, jetzt am Sonntag nur alle zwanzig Minuten. Wir fahren durch das Zentrum und über den Rhein-Marne-Kanal bis zu einer Haltestelle außerhalb des Zentrums.

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Die Spurführung gibt es nur im zentralen Bereich und an den Wendeschleifen, auf den übrigen Abschnitten werden die Fahrzeuge manuell gelenkt und fahren wie konventionelle Oberleitungsbusse im Straßenverkehr. Daher haben sie eine Straßenzulassung und tragen KFZ-Kennzeichen. Hier sind wir in einem solchen spurlosen Abschnitt und besteigen den stadteinwärts fahrenden Gegenbus.

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Diesmal fahren wir am Bahnhof vorbei und bleiben auf dem anderen Außenast im Fahrzeug bis zur Haltestelle Callot, wo sich eine Aus- und Einfädelstelle befindet.

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Die Tramway, mit der wir eben hier angekommen sind, verlässt die Haltestelle und hält einige Meter weiter kurz an, um die Führungsrollen einzuziehen (dédropage), die Leitschiene endet unter dem Fahrzeug. Die Tramway fährt nun als normaler Bus weiter. Jetzt wechseln wir schnell die Straßenseite…

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…und beobachten, wie der entgegenkommende Bus in die Einfädelstelle einfährt, dort anhält um die Führungsrollen herabzulassen (dropage) und uns dann spurgebunden zurück zum Bahnhof bringt. Es gab Pläne, den Linie auf eine klassische Straßenbahn umzustellen, da Bombardier das System TVR nicht mehr anbietet. Das Projekt wurde jedoch gekippt, stattdessen wurden Doppelgelenk-Oberleitungsbusse bestellt, die ab April 2024 ausgeliefert werden sollen. Wer dieses ungewöhnliche Verkehrsmittel in Nancy noch erleben will, sollte sich also nicht mehr allzu lange Zeit lassen.

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Am Bahnhof von Nancy treten wir die erste Etappe der Heimreise an. Anstatt durch die Vogesen fahren wir nun eben mit einem TGV Réseau auf direktem Wege nach Straßburg.

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Der Zug ist nicht besonders voll, es ist eine angenehme ruhige Fahrt, wenn auch landschaftlich nicht besonders aufregend. Interessant ist der Abschnitt rund um Saverne, wo die Bahnstrecke und der Rhein-Marne-Kanal parallel durch die Ausläufer der Vogesen verlaufen.

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In Straßburg legen wir eine Mittagspause ein und drehen eine Runde über die Weihnachtsmärkte in der Stadt. Der Weg führt uns vom Place Kléber über das Strasburger Münster bis zum Ufer der Ill.

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Schließlich machen wir uns auf den Rückweg zum Bahnhof, dessen denkmalgeschütztes Empfangsgebäude seit dem Jahr 2007 mit einer Glaskuppel umgeben ist.

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Die Route von Straßburg in den Süden Baden-Württembergs führt üblicherweise mit den Regio-Shuttles der SWEG nach Offenburg. Mit Reisekultur hat das aber nicht so arg viel zu tun und während des Weihnachtsmarkts in Straßburg sind die Züge auch immer voll. Da kam mir diese Alternative gerade recht: wir fahren gediegen im TGV über die Grenze.

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Der TGV 9406 ist neu und verkehrt an diesem Tag des Fahrplanwechsels erstmals von Bordeaux nach Freiburg. Der Zug wird in Deutschland eigenwirtschaftlich von der SNCF betrieben, er hält in Offenburg, Lahr und Ringsheim (Europa-Park).

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Wir fahren zwischen Straßburg und Kehl über den Rhein und durch die Ortenau nach Offenburg. Beim Halt in Offenburg wird per Durchsage darauf hingewiesen, dass die Mitfahrt nur mit SNCF-Fahrkarten möglich ist und DB-Fahrkarten keine Gültigkeit haben.

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Auf der weiteren Fahrt in den Süden wandelt sich das Bild vor dem Zugfenster, im Breisgau herrscht Winter und es wird zunehmend weiß draußen. Beim nächsten Bild queren wir die Elz, dann ist bald schon Freiburg erreicht.

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Der Zug hatte schon in Straßburg Verspätung, zehn Minuten nach Plan kommen wir in Freiburg an. Das wird jetzt ein knapper Umstieg auf die S 10 ins Höllental…

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…aber es geht gut und kurz darauf finden wir uns in einem Coradia Continental (Baureihe 1440) der Breisgau-S-Bahn. Durch das verschneite Dreisamtal fahren wir bis zum Bahnhof Himmelreich.

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Hier holen wir noch das Bild der S-Bahn nach und machen uns dann auf den Weg hinüber zum Bahnhofsgebäude, wo der Shuttlebus zum Weihnachtsmarkt in der Ravennaschlucht abfährt.

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Mit dem Bus fahren wir parallel zu den Gleisen durch das Höllental. Die Ravennaschlucht liegt zwar an der Bahnstrecke, es gibt in der Nähe jedoch keine Bahnstationen. Unser Ziel ist der Weihnachtsmarkt,…

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…der zu Füßen der imposanten Ravennabrücke stattfindet. Die Bahnbrücke überspannt den Ausgang der Ravennaschlucht. In der Schlucht wurden früher mehrere Mühlen betrieben, an diese Tradition erinnert eine alte Säge.

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Star des Weihnachtsmarkts in der Ravennaschlucht ist aber die illuminierte Ravennabrücke. Das Steinviadukt mit neun Bögen ist 36 Meter hoch, 224 Meter lang und überwindet eine Steigung von 12 Metern. Sie ist die einzige beheizbare Brücke der Deutschen Bahn.

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Die heutige Ravennabrücke wurde in den Jahren 1926-1927 erbaut, zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Brücke von deutschen Pionieren gesprengt und ab 1946 unter Aufsicht der französischen Besatzungsmacht wieder aufgebaut, damit Holz aus dem Schwarzwald als Reparationsleistung abtransportiert werden konnte.
Die heutige Steinbrücke hatte einen Vorgängerbau mit Stahlfachwerkoberbau, der nach Plänen von Robert Gerwig errichtet worden war. Von der alten Ravennabrücke sind noch die Widerlager erhalten, die ebenfalls illuminiert sind (hier blau).
Ich muss schon sagen, das hat was, im verschneiten Schwarzwald lokale Leckereien zu genießen, während hoch oben die Züge der Schwarzwaldbahn fahren.

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Auch unten beim Hofgut Sternen herrscht weihnachtliche Stimmung und für die Schwarzwald-Touristen darf natürlich eine Kuckucksuhr nicht fehlen. Wir machen uns nun auf den Rückweg zu den Shuttlebussen. Allerdings werden wir heute nicht mehr über das Ravennaviadukt fahren, stattdessen nehmen wir die Abkürzung und fahren mit dem Bus parallel zur Bahnlinie nach Hinterzarten.

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In Hinterzarten sind wir etwas zu früh und müssen noch auf den Zug warten. Es ist schön – aber bitterkalt, daher drehen wir noch eine kleine Runde um den Bahnhof der Schwarzwaldgemeinde.

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Jetzt aber schnell in den warmen Zug! Mit der S 10 wollen wir bis Donaueschingen fahren und dort auf die Schwarzwaldbahn in Richtung Konstanz umsteigen. Für weitere Streckenbilder ist es längst zu dunkel.
Mittlerweile sehen wir im DB Navigator, dass die Schwarzwaldbahn mit Verspätung unterwegs ist, da verkürzen wir uns die Wartezeit doch lieber im Zug und fahren der Schwarzwaldbahn bis Villingen entgegen.

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Der Bahnhof von Villingen ist nun die letzte Zwischenstation auf unserer Reise, wobei ich der einzige bin, der sich für ein Foto vor das Gebäude traut, die übrigen Reisenden warten lieber im temperierten Gebäude.

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Schließlich rollt auch der Zug der Schwarzwaldbahn ein und etwa eine Stunde später erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt.

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Und damit sind wir am Ende unserer kleinen Adventstour angekommen, vielen Dank für das Interesse und fürs Mitkommen.


Ich wünsche frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr

Tobias


PS: meine bisherigen Reiseberichte gibt’s unter www.bahnreiseberichte.de.

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