Mein Abenteuer in Tatabánya - Einleitung (Reiseberichte)

J-C, In meiner Welt, Donnerstag, 19.08.2021, 18:45 (vor 1682 Tagen)

Ich habe vor, in diesem Thread Schritt für Schritt meine Erlebnisse während des Aufenthalts in und um Tatabánya zu teilen. Es ist ein spannendes Abenteuer für mich gewesen, welches ich nicht vor euch verbergen will und hoffe, dass es gefallen wird :)

Um die Dinge übersichtlich zu halten, werde ich alles in diesem Thread posten. Je nachdem, wie es sich zeitlich ausgeht, werde ich die einzelnen Kapitel meines Abenteuers hier einführen, damit bleibt es schön übersichtlich. ;)

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

Köszönöm

ktmb, Donnerstag, 19.08.2021, 19:42 (vor 1682 Tagen) @ J-C

- kein Text -

Kapitel 1: Auf Zeitreise nach Ungarn (m.16 B.)

J-C, In meiner Welt, Donnerstag, 19.08.2021, 20:58 (vor 1682 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Donnerstag, 19.08.2021, 21:03

Im Ohrensessel nach Wien und weiter...

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Tadaaa! Die erste Etappe führt mich von Breclav aus in einem Wagen, der dem einen oder anderen vertraut sein könnte, allerdings unter anderer Farbgebung, ohne Umstieg über Wien bis nach Györ.

Es war, wie ich es erwartet habe, eine Verspätung zunächst abzuwarten. Als erfahrener Grenzpendler sind mir die verlässlich auftretenden Verspätungen wohlbekannt, ich habe deswegen auf einen Kauf einer Fahrkarte von Györ nach Tatabánya verzichtet, das werde ich kurz vor Ankunft erledigen.

Der Sitz ist sehr komfortabel, nur die Steckdosen fehlen, bzw. sind zugeschraubt. Das wusste ich, weswegen ich natürlich eine Powerbank dabei hab. Der Wagen ist schon besonders, von der Fensterreihung, von den Sitzen, welche den Begriff "Ohrensessel" wirklich verdient haben. Ob man damals erahnt hätte, dass diese Wagen erster Klasse einmal einer Privatbahn gehören würde, die dieselben Wagen als LowCost-Klasse vermarktet? Wer sich daran erinnert weiß, dass zuvor in der Klasse ex SBB-Wagen mit der Bestuhlung eines Regionalzuges verwendet wurden. Immerhin, ein gratis Wasser gibt es so oder so, wobei ich im Kiosk am Bahnhof mit Proviant mich bereits versorgt. Stellte sich als eine gute Idee heraus.

Das Abenteuer beginnt also, die Geräusche dieses alten, ehrwürdigen Wagens sind ziemlich markant, man hört einfach deren Alter heraus, es bringt immer so eine besondere Stimmung.

Auf Österreichischer Seite setzte man alles daran, dass der Zug durchkommt, man leitet den Zug auf's Gegengleis um den pünktlichen REX überholen zu können. Ein paar Minuten konnte man so rausholen, zumal es ja einen großzügigeren Puffer gibt zwischen Breclav und Wien als bei den Zügen der ÖBB, was wiederum aufgrund der Trassenlagen zurückzuführen ist.

Sodann erreicht man den Hauptbahnhof zu Wien und erlebt ein Rendezvous mit einem neueren Fernverkehrszug deutscher Herkunft.

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Es geht sodann über Meidling und Oberlaa in Richtung Hegyeshalom. Ob es vor der Zeit von Regiojet schon ein Ohrensesselwagen bis nach Budapest schaffte über Wien? Es gab ja vor 20 Jahren noch ECs mit DB-Wagen über München und Wien bis Budapest, allerdings nicht mit den Ohrensessel-Apmz, soweit ich es sah.

Was aber noch spannender ist, es ist das erste Mal, dass ich Österreich ohne Umstieg im Transit durchquere. Von der tschechischen Grenze zur ungarischen Grenze über Wien sind es ja ca. 2 Stunden. Das gibt der Fahrt über dem Hauptbahnhof einen neuen Geschmack.

Die Reise geht jedenfalls in Richtung Ungarn, als es nicht mehr weit bis zur Grenze heißt, dass es wegen eines Polizeieinsatzes einen außerplanmäßigen Halt in Parndorf geben würde. Ich zählte 1+1 zusammen und hab instinktiv gedacht, dass der Polizeieinsatz unseren Zug betrifft.

ZACK!

Vollbremsung, die Bremsen quietschen, man kommt abrupt am Bahnsteig zum stehen, man steht in Parndorf Ort.
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Punktlandung des Lokführers, volle Punktzahl! Doch was jetzt?

Es dauert nicht lange, da betritt die Polizei unseren Wagen. Meine Schlussfolgerungen waren also korrekt. Ergebnis: Der Zug hat nun einen Fahrgast weniger. Details werde ich hier mal ersparen, man muss ja einzelne Schicksale nicht übermäßig ausbreiten.

Es geht mit gehörig Verspätung weiter. Man überquert die Grenze, erleidet einen Kulturschock ob der völlig hässlichen und desolaten Bahnhöfe, denen man begegnet, Hegyeshalom, Mosonmagyarovar... deren Visitenkarte hat Flecken. Aber nicht nur dort...

In Hegyeshalom konnte man gerade einen EC mit Kurswagen aus Kiew bestaunen:
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Und dann auch, dass in der Fallblattanzeige man den Regiojet als Marke besonders würdigt:
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Tatsächlich vertraut man in Ungarn weitestgehend noch auf Fallblattanzeigen und Bahnhöfen mit nicht barrierefreier Einstiegshöhe von vermutlich 38cm, selbst auf dieser Hauptmagistrale.

Regiojet hält leider nicht in Tatabánya, sonst hätte ich auf meiner Reise keinen Umstieg gehabt. So steigt man in Györ aus, nachdem ich extra aufpasste, nichts zu vergessen. Hier ist es das letzte Mal, dass man ein Wort Tschechisch hören würde... bis man am Ziel mit den anderen Kollegen ist.

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Dieser Bahnhof ist nach denen in Budapest das beste, was die gesamte Strecke zu bieten hat vom Zustand her. Ich habe diese Stadt schonmal besucht. Und ich wette das haben schon andere.

Nun heißt es warten. Ich habe vor Ankunft schon beschlossen, meinen Anschluss zu buchen. Der RJX wurde als pünktlich in der MÁV-App angegeben und mein Zug war eben so 20 Minuten und mehr verspätet, also habe ich im Irrglauben, den Zug nicht mehr erreichen zu können, den IC aus Sopron gebucht. Zwischen Györ und Budapest gibt es ja einen halbstündlichen Fernverkehr, ein Stundentakt aus RJX und ECs nur mit Halt in Tatabánya und ein Stundentakt aus ICs auch noch in Komárom und Tata. Und 2 Züge von Regiojet, die dazwischen Platz finden. Seit Fahrplanwechsel wurden die Lücken im schnellen Stundentakt mit ECs geschlossen.

Darüber hinaus gibt es in der Woche einen Halbstundentakt der S10 Budapest - Györ, am Wochenende ist es ein Stundentakt. Für ungarische Verhältnisse definitiv ein sehr gutes Angebot.

Und davon würde ich an jenem Tag profitieren. Der RJX kam jedenfalls verspätet an, doch da ich ja bei der MÁV immer eine verpflichtende Reservierung brauche, konnte ich den Zug nicht mehr nehmen.
So musste ich ob der schnellen Option leider passen...
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Ich musste den IC "Sopron Bank", der kurz darauf ankommt, nehmen.
Derweil warf ich noch einen Blick auf den Betrieb, da wartet ein Flirt der GySEV...[image]
...und da kam mein Zug dann schon.
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Die obligatorische Reservierung setzte mich in ein volles Abteil eines 4-Wagen-ICs der GySEV, welcher aus Sopron kommend den beschriebenen "langsamen" IC-Takt erfüllt.

Der Zug besteht ausschließlich aus Abteilwagen, allesamt ex ÖBB. Somit würde ich an jenem Tag in deutschen und österreichischen Wagen reisen, jedoch jeweils unter neuer Farbgebung und Besitzverhältnissen. Was bleibt ist das Reisegefühl von damals.

Was neu ist, sind bei den GySEV-Wagen die Außenanzeigen und die Monitore, die an jedem Abteil angebracht sind.
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Sie informieren über den aktuellen Standort, die nächsten fahrplanmäßige Halte, aktuelle Hinweise etc. - meist auf Ungarisch, leider habe ich keine Sprachkenntnisse in dieser durchaus spannenden Sprache erworben, dementsprechend lässt mich das staunend zurück.

Das gute ist, dass die Bahnhöfe hier in der alten Schule noch stehen, alle Fernzüge, ob national oder international werden auf Ungarisch, Englisch und Deutsch angesagt, da wird man nicht im Stich gelassen ;-)

Im Zug selbst erfolgen aber alle Ansagen auf Ungarisch, man kommt dennoch zurecht, ich wusste ja, wo ich aussteigen sollte und wenn dank der Monitore habe ich ja immer den Überblick, wo man grad ist.

Eine Fahrkartenkontrolle erfolgte zwischen Györ und Tatabánya jedenfalls nicht. Ok?

Ich steige also dann aus.
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Und betrete einen Bahnhof, der seit 30 Jahren so gut wie keine Erneuerung gesehen hat, außer vielleicht der Desinfektionsspender in der klimatisierten Wartehalle. Und der Klimatisierung der Wartehalle vielleicht.

Am Wochenende wird die Stichstrecke Tatabánya - Oroszlany im Pendelverkehr alle 2 Stunden von einem Stumpfgleis aus bedient. Hier ist der Flirt, der die Nebenbahn bedient:
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Den habe ich bis zu den letzten Tagen meines Aufenthalts aber noch nicht von innen gesehen.

Und nun nochmal der Bahnsteig, in seiner vollen "Pracht"
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Es gibt da ein kleines Detail am Bahnhof, welches ich erst später entdeckte. Es ist jedoch nicht ein besonders erfreuliches Detail. In einem anderen Kapitel werde ich das mal beleuchten.

Aber jetzt erstmal...

Herzlich willkommen im Jahre 1990!

Denn in jenem Jahr wurde der ungarischen Wikipedia nach der Bahnhof mit den Bahnsteigen vollständig umgebaut.
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So kam ich an, in einem völlig vernachlässigten Bahnhof mit unebenem Boden, ohne Lift (was mit Koffer schon "spaßig" ist, aber immerhin habe ich später gelernt, dass der Stationswärter Fahrgästen mit oder ohne besonderen Bedürftnissen es ermöglicht, die Hauptgleise zu überqueren und dann ohne Treppen zu besteigen den Bahnhof zu verlassen) und dem Gefühl, versehentlich Dr. Who's Telefonzelle betreten zu haben und in einer völlig anderen Zeit gelandet zu sein.

Das wäre nun das erste Kapitel. Im nächsten Kapitel werde ich ein wenig die Bahn verlassen und ein paar Eindrücke aus einem ersten Stadtbesuch mitbringen.

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Kapitel 2: Erste Erkundungen in der Stadt (m.20 B.)

J-C, In meiner Welt, Donnerstag, 19.08.2021, 22:23 (vor 1682 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Donnerstag, 19.08.2021, 22:27

In diesem Kapitel wird es weniger Bahnbezug geben, aber ich hoffe, es ist nicht weniger interessant.

Nun wird man sich fragen, in welchen Ort hat es mich bitteschön verschlagen?

Das kann ich gerne beantworten. Tatabánya, Namensgeber ist die ehemalige Kohlemine bei Tata (Die nächstgelegene Stadt), wurde zu Zeiten des sowjetischen Einflusses aus 4 Dörfern heraus gegründet. Es ist eine Planstadt, wo alles von Grund auf nach den Prinzipien sozialistisch geprägter Stadtplanung errichtet wurde. Das bedeutet, Plattenbauten, viel Grünraum drumrum (der aber meist nur als Abstandsgrün, also ohne aktive Nutzungsmöglichkeit, errichtet wurde), generell viel Wohndichte.

Die Kohlemine war der Brotgeber der Industriestadt, sie hat ihr eine ziemlich gute finanzielle Basis gesichert. Doch wurde sie in den 90ern stillgelegt. Stattdessen hat die Stadt eine Transformation in den Sekundären Sektor hingelegt, also in die herstellende Industrie. Unternehmen verschiedener Branchen aus aller Welt haben sich nun hier angesiedelt und produzieren verschiedenste Produkte. Klingt gut, aber in Ungarn bringt das nicht so viel, wenn die politische Konstellation nicht günstig ist.

Was aber nicht drin war sind viele Spielplätze, wie es eigentlich in Dörfern und Städten dieser Prägung ziemlich üblich wäre. Vielleicht sind sie in den Außenbezirken, die ich nicht besuchte, mir kam das aber generell etwas merkwürdig vor.

Meine Unterkunft liegt im Tatábanyiai Kollégium, einem ehemaligen Eisenbahnerhotel, welches vor einem Jahr in eine Unterkunft für Studierende umgebaut wurde.
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Es ist wohl eines der modernsten Gebäude der Stadt. Es liegt sehr nah an der Bahnstrecke, zunächst würde ich dort mein Gepäck abladen und auf Erkundungstour gehen.

Die Stadt hat schöne Plätze...
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... ein Stadtbussystem mit modernen Bussen in einem für eine solche Stadt typischen Takt, welches ich jedoch nie in Anspruch nahm...
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Wohnbebauung...

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...eine Parteizentrale der Fidesz (welche nicht der Stadtregierung angehört, Tatabánya wird von der Opposition regiert und ist damit in guter Gesellschaft mit anderen Städten Ungarns. Das gefällt Orbán Viktor nicht, er straft die Städte mit Kürzung von Mitteln, ein Grund, warum die Städte in Ungarn finanziell eher in Schwierigkeiten sind).
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...viel Begrünung an den Straßen....
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...eine Hauptstraße mit wenig Appeal (dafür aber ein Obi und ein Interspar)
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...ein Gymnasium...
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...EU-rechtswidrige Propagandaplakate des Landeskabinetts von Orbán Viktor...
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...ein Rathaus, welches an dem Ort liegt, was man mehr oder weniger als Zentrum bezeichnen kann...
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...in der Nähe auch eine Einkaufszone...
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(welches auch einen Spar-Szupermarket und ein Rossmann beherbergt)
...und Bushaltestellen, die schöner aussehen als in Wien.
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Ich war ein wenig enttäuscht, dass man viele potenzielle Zentren als Parkplatz ausgewiesen hat, aber dann habe ich einen Platz in dieser Gegend entdeckt, der doch ziemlich schön ist:
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Ich war auch mal kurz jenseits der Autobahn M1 spaziert.
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Da gibt es auch Wohnhäuser in an sich schöner Lage.

Allerdings ist der Lärm der M1 ziemlich penetrant, ich kann mir nicht vorstellen, dass man da allzu glücklich leben kann. Wobei, vielleicht gewöhnt man sich daran.

Nun zurück zur Bahn. Zunächst warf ich einen Blick auf die Bahnanlagen...
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...was man auf den ersten Blick nicht vermutet, diese Strecke hat ein ETCS-System installiert. Sie ist auch auf 160 km/h ausgebaut und die Schienen sind keine Billigware, eine Reise dort ist ziemlich angenehm (und ich habe Ansprüche!), obwohl die Anlagen es nicht vermuten lassen würden.

Hier noch eine Impression vom Bahnhofsvorplatz:
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Nach alledem, was man von der Stadt so gesehen hat merke ich, wie Bahnhöfe als Visitenkarte einen großen Eindruck hinterlassen können. Denn die Stadt ist doch ein wenig besser als das, was man beim ersten Eindruck beim Verlassen des Zuges mitkriegt und eigentlich sollte der Bahnhof die Stadt richtig repräsentieren.

Das Problem: Man wollte schon längst den Bahnhof modernisieren, aber ständig wurden die Mittel woanders hin allokiert, wo genau, das weiß man dann auch wieder nicht. Mich beschleicht der Eindruck, man findet da immer etwas, was vorher gemacht werden sollte und kommt aus dieser lächerlichen Schleife nicht raus. Es geht einfach nichts voran, das ist das Ergebnis.

Ich konnte jedenfalls mein Zimmer beziehen.
Vielleicht interessiert es wen: so sieht ein Zimmer dort aus, ich habe dann ein anderes bekommen, leider hab ich grad kein Foto davon zur Hand.
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Auf eigenen Wunsch bekam ich tatsächlich ein Zimmer auf der Seite der Bahn zugeteilt, das heißt, jede Nacht konnte ich vom offenen Fenster die Ansagen am Bahnhof und die vorbeifahrenden Züge hören. Ich habe nun eine Idee davon, wie es ist, wenn an einem ein Güterzug vorbeirauscht. Und für die eine Woche fand ich es gar nicht störend sondern richtig toll. Also wenn jemals jemand mir sagen würde "Versuch du doch mal, eine Woche an einer stark befahrenen Strecke zu wohnen", würde ich fragen "Wann kann ich einziehen? Und kann ich das noch etwas länger genießen?". Ich bin einfach hoffnungslos.

Mein größtes Problem war da eher der Straßenlärm, die Ungaren scheinen eine Vorliebe für's Auto zu haben und auch ein besonders hohes Vertrauen in die eigenen Fahrkünste zu haben. Noch nie zuvor habe ich so oft die Reifen quietschen gehört. Das ist schon ein Erlebnis, wo du weißt, du bist definitiv in einem Land, welches nicht den Standards deines Herkunftsortes entspricht.

Allerdings ist es zu Mitternacht eher ruhig. Allgemein konnte ich mich an das alles zumindest für die eine Woche durchaus gewöhnen. Wobei es an der Straßenseite sicher unangenehmer ist.

Das wäre die erste Einführung, im nächsten Kapitel wird es dann weitergehen.

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Kapitel 2: Erste Erkundungen in der Stadt (m.20 B.)

Altmann, Freitag, 20.08.2021, 09:43 (vor 1682 Tagen) @ J-C

Allerdings ist der Lärm der M1 ziemlich penetrant, ich kann mir nicht vorstellen, dass man da allzu glücklich leben kann. Wobei, vielleicht gewöhnt man sich daran.

Ich selbst empfinde Bahnlärm auch wesentlich weniger störend als Straßenlärm. Wenn ich in Wien im Novum Kavalier schlaf, wünsch ich mir auch immer ein Zimmer Richtung Westbahn :-) ...


...was man auf den ersten Blick nicht vermutet, diese Strecke hat ein ETCS-System installiert. Sie ist auch auf 160 km/h ausgebaut und die Schienen sind keine Billigware, eine Reise dort ist ziemlich angenehm (und ich habe Ansprüche!), obwohl die Anlagen es nicht vermuten lassen würden.

ETCS gibt ´s in Ungarn sogar auf eingleisigen Nebenstrecken, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen ... Generell versucht man, viel zu modernisieren (es gibt auch durchaus funkelnagelneue schöne Bahnhöfe in Ungarn, und auch das Wagenmaterial wird besser) - aber so schnell wie im Osten Deutschlands geht die Reise vom 19. ins 21. Jahrhundert mangels Geld natürlich nicht (denn im 20. Jahrhundert ist nichts passiert).

Kapitel 2: Erste Erkundungen in der Stadt (m.20 B.)

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 12:45 (vor 1682 Tagen) @ Altmann

Nicht ganz richtig, im 20. Jahrhundert hat sich schon einiges getan, eben zum Beispiel die Zusammenlegung der Dörfer zu Tatabánya, der Neubau der Station Tatabánya und auch anderswo so einiges. Wenn nichts geschehen wäre, würden wir ja immer noch mit Dampfloks und alten Reisezugwagen reisen.

Es wäre schon was, wenn man die Bahnsteige auf eine Höhe von 55cm anheben würde. Wie kann es sein, dass der einzige Bahnsteig, der wirklich barrierefrei ist auf der gesamten Strecke der Bahnhof von Budapest Kelenföld zu sein scheint?

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Kapitel 2: Erste Erkundungen in der Stadt (m.20 B.)

Altmann, Freitag, 20.08.2021, 13:06 (vor 1682 Tagen) @ J-C

Es wäre schon was, wenn man die Bahnsteige auf eine Höhe von 55cm anheben würde. Wie kann es sein, dass der einzige Bahnsteig, der wirklich barrierefrei ist auf der gesamten Strecke der Bahnhof von Budapest Kelenföld zu sein scheint?

Kelenföld ist aber echt ne Zumutung. Wenn man dort im Winter ne Stunde verbringen muss (und nicht genug Vodka zum Wärmen dabei hat), dann tropfen die Eisklumpen von der Nase. Und die Steigerung von potthässlich ist potthässlicher, Kelenföld.

Kapitel 3: Hoch hinaus zum Turul, runter zum Planen

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 13:35 (vor 1682 Tagen) @ J-C

Am Montag fiel der Startschuss für das Planungsseminar im Rathaus von Tatabánya mit der Bürgermeisterin und den Betreuern seitens der Stadt, die uns diese Woche begleiten werden.
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Jetzt entdeckt man also die Gegend gemeinsam, dazu geht es zunächst hoch hinaus...
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Nachdem die vielen Treppenstufen erklommen sind, gelangt man zu einer Statue, die den Turul, einen Vogel, der der Legende nach die Ungaren in ihr Heimatland führte (Der englische Wikipedia-Artikel gibt da einige Details dazu), kurz gesagt, es ist ein Nationalsymbol.
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Heute weist der Vogel Reisenden nach Budapest den Weg, wer den Turul passiert, weiß, dass es noch eine halbe Stunde bis Budapest ist.

Außerdem hat es hier natürlich eine schöne Aussicht:
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Das sind natürlich Dinge, die meine Abenteurerlust weckten. Und es wird noch besser: in der Nähe befindet sich die Szelim-Höhle, eine 40.000 Jahre alte Formation im Felsen:
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Und hier noch 2 Fotos.
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Nun ist es aber Zeit, zum Boden der Tatsachen zu kommen. Denn wir sind natürlich nicht zum Spaß hergekommen.

Wir haben im Rahmen des Seminars uns eine Aufgabe aussuchen können, die wir für die Woche bearbeiten wollen. Bei mir fiel die Wahl auf ein Wohnareal mit Parkplatzproblemen. Es ging zur Gál-Istvan Siedlung, welche nahe der Bahnstation Alsógalla liegt.

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Für eine Stadt dieser Größe schon auffällig ist, wie die Wohnungseingänge eines Mehrparteienblocks direkt auf der Fahrbahn enden.

Wir haben eine komplette Führung durch das Areal mit der Beschreibung der Probleme bekommen. Die kleinen Wohnstraßen sind oft mit Autos zugeparkt, wodurch diese zu einem Parkours werden.

Dann gibt es eine Kreuzung mit Sichtproblemen, wo einerseits von der Bahnunterführung die Autos aus Richtung Norden eine starke Steigung haben und damit von anderen Verkehrsteilnehmern erst spät gesehen werden.
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Darüber hinaus scheint ein Trafo die Sicht zu blockieren.
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Und dann parken auch Leute einfach mal im Parkverbot:
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Was unter anderem daran liegt, dass zu Zeiten des sowjetischen Einflusses man nicht so sehr an Parkplätze dachte und mit Zusammenbruch der Sowjetunion natürlich das Autoaufkommen anstieg, da der ÖPNV nicht besonders attraktiv ist. Die Busse fahren hier im Halbstunden- bis Stundentakt, dann gibt es Linien mit genau einem Kurs pro Tag, was generell eher einen nicht besonders strukturierten Eindruck hinterlässt. Und die Bahnstation hat nur einen sehr kleinen Parkplatz, deswegen sehen sich Pendler gezwungen, die Parkplätze der Wohnsiedlung als Park&Ride zu benützen.

Für all diese Dinge haben wir in der Woche Lösungen erarbeitet, die am Freitag präsentiert wurden.

Zum Schluss haben wir noch einen nahegelgenen Park besucht, dieser wurde von EU-Geldern finanziert.

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Man kam hier auch auf die politischen Dimensionen der Stadtplanung in Ungarn zu Sprechen. Wenn man eben in Kontakt mit den Leuten kommt - das kann auch auf englisch gehen - erfährt man mitunter Ungeheuerliches, was im Staate passiert. Es ist schlicht und ergreifend unvermeidlich, im Kontext der Raumplanung auf dieses Thema zu kommen. Wo für ein Projekt auch wirklich Geld zur Verfügung steht, da wird es auch zu was großartigem. Eben wie in diesem Park. Aber generell ist Orbán Viktor im Bezug auf Finanzierung von Projekten ziemlich knauserig. Und das in einem Land, dessen Wirtschaftsleistung nicht so prickelnd ist und die Löhne erbärmlich gering sind (und bezüglich der Arbeitsbedingungen hört man eben auch nichts gutes).

Es ist gelinde gesagt erstaunlich, dass da die EU ständig als Sündenbock herhalten muss, während sie dafür sorgt, dass in Ungarn die Dinge nicht völlig marode sind und es ein wenig Lebensqualität in solchen Städten geben kann.

Es ist freilich ziemlich schwer, in einem Reisebericht solche politischen Themen unterzubringen. Das kann Kontroversen bringen, aber ich kann nicht so tun, als hätte ich keine Ahnung, was da vor sich geht, als Student der Raumplanung ist eine Konfrontation mit der Politik nunmal früher oder später unvermeidlich. Und das ist in Ungarn besonders prävalent.

Das wird sich auch in den nächsten Kapiteln zeigen. Denn was hier vor sich geht, lässt letztlich nichtmal die Bahnhöfe unberührt.

Es ging jedenfalls zurück nach Hause. Man genießt den Bahnlärm und wird am nächsten Morgen vom Krach geweckt. Wie sich später herausstellt waren 2 Zimmer weiter Kinder von einem Wrestlingverein untergebracht. Die haben sich anscheinend eingeschlossen und kamen nicht mehr raus. Der Hilferuf wurde erhört und offenbar setzte man zur Ultima Ratio und demolierte die Tür. Nun weiß ich, wieso die Türen immer so hellhörig sind. Wer also sich fragte, warum die Tür kaum die Geräusche vom Gang isoliert, hier ist die Antwort:
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Kapitel 2: Erste Erkundungen in der Stadt (m.20 B.)

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 13:45 (vor 1682 Tagen) @ Altmann

Ich bin dort nicht ausgestiegen, visuell erinnert mich der Bahnsteig an Hannover Hbf oder Basel Bad. Immerhin hat man hier schonmal Bahnsteigdächer, das ist keine Selbstverständlichkeit.

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Wie die Ungarn in ihr Land kamen

JanZ, HB, Freitag, 20.08.2021, 14:19 (vor 1682 Tagen) @ J-C

Danke auch von mir für den interessanten Bericht! Die Legende vom Einzug der Ungarn in ihr Land hat ein ungarischer Kollege etwas anders erzählt: Auf dem langen Weg der Finno-Ugrier aus dem Ural standen eines Tages die Ungarn etwas früher auf. Auf dem Weg sahen sie einen Wegweiser mit der Aufschrift "Sonne, Strand und schöne Frauen". Sie folgten dem Wegweiser, aber der letzte aus ihrer Gruppe nahm ihn mit, so dass die Finnen und Esten, die etwas später kamen, mit der kalten Ostsee vorlieb nehmen mussten :-D.

Kapitel 4: Ein Besuch im Minenmuseum und anderes (m.23 B.)

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 14:44 (vor 1682 Tagen) @ J-C

In den ersten 3 Kapiteln sind 2 Details in Tatabánya noch nicht beleuchtet worden, das will ich nun nachholen:

1. Die Stadt hat 2 Hauptverkehrswege: die Bahnstrecke Wien - Budapest mit Stichstrecke nach Oroszlany, sie ist auf 160 km/h ausgebaut und eine Hauptmagistrale. Von hier aus kommt man im Stundentakt bis Wien, alle 2 Stunden bis München. Außerdem alle 2 Stunden jeweils nach Sopron und Szombathely.
Dann gibt es die M1-Autobahn, die die Stadt zusammen mit der Bahn zerschneidet. Sie ist auf der Straße eine stark befahrene Transitachse.

2. Durch die Stadtplanung gibt es wie erwähnt keine zusammenhängende Zentrenstruktur. Und die Verbindung der einzelnen Stadtteile ist auch eher lose. Die Folge: Viel Autoverkehr und Verkehrsprobleme, insbesondere im Bezug auf Parkplätze. Parkhäuser oder Tiefgaragen kann man sich eben nicht ganz so leicht leisten wie etwa in Wien.

Ansatzweise hat man jedoch schon für einen Bereich eine Parkraumbewirtschaftung eingeführt, das müsste sich noch weiter etablieren.

Beim Radverkehr hat man übrigens so einige Defizite. Hier endet ein Radweg im Nirgendwo:
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Außerdem ist Tatabánya beliebt für Leute, die in Budapest arbeiten. Diese pendeln dann eben die halbe Stunde oder mehr rüber von Tatabánya. Beim erwähnten Halbstundentakt der Bahn jeweils im Fern- und Regionalverkehr sicher nicht unattraktiv.


Nun aber zum Hauptthema.

Die Stadt Tatabánya hat ja ihren Ursprung als Industriestadt, die von den Kohleminen lebte.

Und so ergab es sich, dass man auch ein Freiluftmuseum über diesen Teil der Geschichte besuchte.
Man tauchte in die Welt der Mineure ein, kann ein Gefühl dafür kriegen, wie es wohl damals war, an der Oberfläche die Arbeit anzutreten, dann per Lift in den tiefen Schacht herabgelassen zu werden und dann Produktionsmittel, die dem Fortbestehen der Wirtschaft dienen, zu akquirieren.

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Die Mine selbst ist stillgelegt, was man sieht, sind Ausstellungsstücke, es gibt dennoch einen kleinen Stollen, wo man wenigstens ein bisschen das Gefühl für die Sache kriegt. Hier habe ich auch zum ersten Mal wieder eine FFP2 Maske angezogen, es war doch staubig hier.
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Danach konnte man noch einen Blick werfen, wie die Arbeiter lebten...

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...in was für Schulen die Kinder die Schulbank drückten...
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...und letztlich, welchen Lebensstil die oberen Generäle pflegten.
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Es ging noch auf ein Bier in einer netten Bar, ehe man den Abend ausklingen ließ.

Ich habe ein wenig vom Grundstück der Unterkunft aus den Zugverkehr angeschaut. Da stand auch so ein ÖBB-Taurus mit einem Güterzug rum.
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Am nächsten Morgen konnte ich vom Fenster des Speisesaals den Regiojet-Nachtzug aus Kroatien nach Prag vorbeiziehen sehen...
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und habe dann sogar einen KISS der MÁV gesichtet, leider habe ich nicht rechtzeitig aufnehmen können. Alles was ich hinbekam war das...
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Das kann auch sein.

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 14:48 (vor 1682 Tagen) @ JanZ

Es gibt ja viele Legenden. Der Turul selbst ist ja auch in der Türkei ein bekanntes Wesen.

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Kapitel 4: Ein Besuch im Minenmuseum und anderes (m.23 B.)

Alibizugpaar, Köln (im Herzen immer noch Göttinger), Freitag, 20.08.2021, 15:46 (vor 1682 Tagen) @ J-C

Hast Du wenigstens noch das Besteck umgelegt? Gabel links, Messer rechts! So von wegen 'sekundäre Raumordnungsstrukturen'.

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Gruß, Olaf

"Die Reise gleicht einem Spiel; es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der unerwarteten Seite."

Goethe an Schiller 1797

Wie die Ungarn in ihr Land kamen

Sören Heise, Region Hannover, Freitag, 20.08.2021, 16:26 (vor 1682 Tagen) @ JanZ

Moin.

Danke an J-C für die Reportage!
Hast Du in Erfahrung bringen können, wieso da der deutschsprachige Wandbehang hängt (Herzeleid ist wohl auf dem Abstieg, das Wort hört man doch eher selten)? Deutsche Führung, deutschprachige Arbeiter?

Sie folgten dem Wegweiser, aber der letzte aus ihrer Gruppe nahm ihn mit, so dass die Finnen und Esten, die etwas später kamen, mit der kalten Ostsee vorlieb nehmen mussten :-D.

Weswegen wohl auch Sonne, Strand und schöne Frauen den Weg nicht mehr komplett fanden. Davon gibt es in Est- und Finnland doch definitiv auch was (wobei man wegen der Sonne nicht unbedingt ganzjährig kommen sollte ;-) ).

Viele Grüße
Sören

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Verstehen Sie Bahnhof!
Europa: Linkliste Fahrplantabellen und mehr

Wie die Ungarn in ihr Land kamen

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 16:45 (vor 1682 Tagen) @ Sören Heise

In der Gegend wurde tatsächlich Kohlebergbau seit 1898 betrieben, eben bis in die 90er des 20. Jahrhunderts hinein. DAs heißt, es gab Kohlebergbau zu Zeiten, da waren Österreich und Ungarn noch eine gemeinsame Monarchie, kann mir vorstellen, dass dementsprechend es auch Arbeiter mit deutschsprachigen Wurzeln gab und gibt.

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Wie die Ungarn in ihr Land kamen

Sören Heise, Region Hannover, Freitag, 20.08.2021, 17:10 (vor 1682 Tagen) @ J-C

Da hast Du völlig recht. Und da es 1898 schon anderswo in der Doppelmonarchie Kohlegruben gab, ist es recht logisch, dass man von dort Leute holte. Auf der anderen Seite schreibt die eher dürftige Wikipedia-Seite, dass Alsó- und Felsőgalla von deutschen Siedlern errichtet wurden. Das ist jetzt auch nicht unbedingt so wichtig. :-)

Basel Bad ist auch Abgrundtief hässlich

Höllentalbahn, Freitag, 20.08.2021, 19:54 (vor 1681 Tagen) @ J-C

Bis auf das Empfangsgebäude, welches aber auch nur von außen schön aussieht

Bei Kelenföld ist der Teil der Metro 4 sehr annehmbar :)

J-C, In meiner Welt, Freitag, 20.08.2021, 21:14 (vor 1681 Tagen) @ Höllentalbahn
bearbeitet von J-C, Freitag, 20.08.2021, 21:16

Die Metro 4 ist relativ neu, von den Bildern sehr schön.

Und das Ding ist, Kelenföld ist noch eines der moderneren Stationen, wie es in Tatabánya aussieht, einer über 60 tausend Einwohner zählenden Stadt, ist ja bekannt.

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Kapitel 5 - ein Besuch in Tata (m.31 B.)

J-C, In meiner Welt, Samstag, 21.08.2021, 16:38 (vor 1681 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Samstag, 21.08.2021, 16:43

Am Freitag war das Mitteleuropäische Planungsseminar zu Ende. Im Rathaus wurden die Lösungen der 6 Gruppen präsentiert. Um einen Einblick in das zu geben, was man erarbeitet hat, gebe ich mal ein Beispiel in eine Lösungsskizze:
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Generell war es Konsens, dass Lösungen in der Attraktivierung des ÖPNV durch leicht verständliche Fahrpläne und sinnvoller Taktung, Radinfrastruktur, die Etablierung von Zentren sowie eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung liegen. Push- (Zwang) und Pull- (Anreize) Faktoren eben.

Ich würde erst am Sonntag abreisen, gemeinsam in kleinerer Zahl ging es an jenem Tag zu einem Ausflug nach Tata.

Ich habe mir die Freiheit genommen, dazu den Zug zu nehmen. Und zwar einen IC für eine Reise von 7 Minuten, der dann 15 Minuten verspätet ist :D

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Heute kann ich dann auch endlich ein Bild vom Sitz zeigen:
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Und der Zug bekam noch 2 MÁV-Großraumwagen ohne Klimaanlage dazu... gut, dass ich die Reservierung nicht dort zugeteilt bekam.

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Der Bahnhof von Tata ist ähnlich spektakulär wie Tatabánya, allerdings mit einem kleinen Bahnhofsgebäude, was aber auch schon bessere Zeiten sah.
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Die Stadt Tata ist wesentlich älter als Tatabánya und verfügt über 2 Seen und einen Englischen Garten.

Auf dem Weg zu den Attraktionen läuft man an einer Zweigstelle eines chinesischen Unternehmens vorbei...
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Orbán Viktor mag eben China besonders sehr, was man ja auch an dem Vorhaben sieht, mit chinesischer Unterstützung eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von Budapest am Balaton vorbei in Richtung Bratislava zu bauen...

Orbán Viktor mag auch Propaganda. Auf 3 Bushaltestellen hintereinander findet man diese lustigen Plakate.
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Ich habe mich mal Schlau gemacht. Ich wusste schon, dass es um die Volksbefragung geht.

In diesem Artikel erfährt man nun etwas mehr darüber

Denn die Fragen auf den Plakaten stellen die Fragen dar, die auf dem Fragebogen auftauchten und die Antworten werden dementsprechend durch Emojis gekennzeichnet. Offensichtlich will man die Jugend, die eher kritisch demgegenüber steht und vor allem im Internet unterwegs ist, ansprechen.

Und diese Werbung lässt Orbán Viktor mit Steuergeldern finanzieren. Just sayin'

Man kommt jedenfalls dann an...
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...schaut sich den englischen Garten an.
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...und dann auch den See.
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Es ging dann zum Bahnhof...

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Die erwähnte Radabstellanlage haben wir auf die Schnelle nicht gefunden...
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...wobei uns der eigenwillige Busfahrplan ins Auge stach...
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...und generell der amerikanisch anmutende Straßenquerschnitt
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Am Bahnhof angekommen, fuhr abweichend die S-Bahn der Gegenrichtung auf unser Gleis, um von einem Fernzug überholt zu werden...
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ehe dann unsere S-Bahn einfuhr.
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Es geht 2 Stationen nach Tatabánya, wo man nochmal die Bahnhofshalle bewunderte...
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...und den Platz davor
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Ich begleitete einen Kollegen zum Railjet nach Wien.
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Dabei habe ich dann zufälligerweise auch das kleine unschöne Detail entdeckt, welches ich im 1. Kapitel erwähnte
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Da haben wir es also, Propaganda direkt am Bahnhof. Das Bild vom Railjet selbst ist leider ziemlich misslungen. Aber man hat generell eine schöne Zeit zusammen verbracht und viel sich austauschen können. Insgesamt war das eine sehr sehr schöne und intensive Zeit, die ich definitiv nicht missen will.

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

Danke für den schönen Reisebericht!

Höllentalbahn, Samstag, 21.08.2021, 22:01 (vor 1680 Tagen) @ J-C
bearbeitet von Höllentalbahn, Samstag, 21.08.2021, 22:03

Hallo J-C,
fand das ganze unter anderem dank der Einblicke in dein Studienfach recht interessant.
Gerne mehr davon.
Mit freundlichen Grüßen
Höllentalbahn

Wie die Ungarn in ihr Land kamen

JanZ, HB, Sonntag, 22.08.2021, 15:08 (vor 1680 Tagen) @ Sören Heise

Sie folgten dem Wegweiser, aber der letzte aus ihrer Gruppe nahm ihn mit, so dass die Finnen und Esten, die etwas später kamen, mit der kalten Ostsee vorlieb nehmen mussten :-D.


Weswegen wohl auch Sonne, Strand und schöne Frauen den Weg nicht mehr komplett fanden. Davon gibt es in Est- und Finnland doch definitiv auch was (wobei man wegen der Sonne nicht unbedingt ganzjährig kommen sollte ;-) ).

Hehe, ich habe natürlich auch sofort gefragt, wo sich denn im Binnenland Ungarn die Strände befänden, Antwort natürlich: Am Balaton. Alles andere ist sowieso Geschmackssache :-).

Kapitel 6 - Budapest und Oroszlany (m. 36 B.)

J-C, In meiner Welt, Freitag, 10.09.2021, 20:54 (vor 1660 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Freitag, 10.09.2021, 20:55

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Ich habe endlich die Motivation gefunden, meinen Reisebericht fortzusetzen. Hoffe, dieser Teil wird euch gefallen.

Ich reiste also am Samstag im Railjet nach Budapest, was auch das erste Mal war, dass ich in Ungarn einen Railjet nahm. Was natürlich auffiel ist, dass die Begrüßungsansage zunächst auf ungarisch von der MÁV-Stimme kam, dann die Ansage auf Deutsch und Englisch durch Chris Lohner.

Die ÖBB haben selbstverständlich ansonsten nur Deutsch und Englisch als Ansagensprache im Angebot. Irgendwie schwach.

Dafür war die Reise ziemlich angenehm, mit 160 ziemlich straightforward.

Ich hätte in Kelenföld aussteigen können, allerdings wollte ich unbedingt am Bahnhof Keleti wieder vorbeischauen. Das letzte Mal, dass ich in Budapest war, ist schon 6 Jahre her.
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Faszinierend, man hat das selbe Farbschema bei den Abfahrten und Ankünften wie bei den ÖBB auf den hier tatsächlich vorhandenen Monitoren genommen:
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Nachdem ich in Györ und Tatabánya die Fallblattanzeiger gewohnt war, ist die technische Ausrüstung in Budapest ja geradezu revolutionär. Elektronische Monitore sind in Ungarn keine Selbstverständlichkeit. Wobei zumindest die GySEV da recht fortschrittlich auf ihrem Netz ist.

Man wirft dann einen Blick raus...
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Und schaut sich dann die Stadt an. Zum Beispiel dieser schöne Eingang zur Metro:
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...sowas wie architektonische Kreativität sucht man bei Wiener U-Bahnstationen ja meist vergeblich.

Hier gibt es eine Kirche...
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Da das riesige Parlamentsgebäude...
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...mit traumhafter Aussicht auf die Donau, ich glaube das würde mir bei einem zweiten Aufenthaltstag irgendwie ans Herz wachsen.

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Ich hatte bislang keinen Plan, bin einfach mit der Straßenbahn in die Richtung gefahren, die interessant aussah, bisserl spaziert und schwuppsdiwupps fand ich mich in einem kleinen lauten Bus mit Fahrtziel Schlossberg wieder.
Interessant: Der Kernbereich des Areals ist über einen Schranken zu passieren, Durchgangsverkehr ist hier untersagt und man braucht eine Erlaubnis, das Areal zu befahren.

Ich steige aus an einer Station, die interessant aussieht und erblicke die Matthiaskirche, sie wurde ursprünglich vor einem Jahrtausend im Jahre 1015 erbaut, dann wurde sie 1255-1259 an heutiger Stelle erbaut, 1370 umgebaut und 1541 wurde die Kirche im Zuge der Eroberung der Stadt durch die Türken in eine Moschee umgewandelt, als die sie für ganze 150 Jahre verbleiben sollte.

Man meint, schlimmer geht's nimmer, aber dann kam die heilige Liga 1686 um die Ecke und hat mal eben das Ding fast völlig zerstört, ehe es dann nach barockem Vorbild wiederaufgebaut und den Jesuiten übergeben wurde. 1773 wurde die Kirche nach Auflösung des Jesuitenorden dem Stadtrat übergeben, geschichtlich gesehen wurde sie auch der Ort, wo 1867 Franz Josef I. mit Elisabeth gekrönt wurden. Dann wurde die Kirche 1873 wieder umgebaut und deren Erscheinungsbild verändert.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beschädigt, aber nach den originalen Plänen wieder aufgebaut.

Hier der Wikipedia-Artikel

Die Kirche hat also eine bewegte Geschichte über die letzten Jahrhunderte, die 2 ungleichen Türme sind ein Zeuge dessen.

Und nun stehe ich da und mach ein Foto davon.
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In dessen Umgebung ergibt sich eine schöne Aussicht auf die Stadt...
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Ich gehe weiter und laufe auch an der Standseilbahn vorbei, die ich nicht nutze. Weil das kostet Geld und ich kann das auch zu Fuß laufen.
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Weiter draußen hat man dann etwas mehr Grün in schönen Aussichten.
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Nun gab es 2 Dinge: 1. Mir sind die Ideen ausgegangen, was zu sehen ist (hätte wohl noch den Bahnhof Nyugati mir anschauen können, tja das hab ich wohl nicht geschafft. Habe ich schon erwähnt, dass ich meine Städtereisen kaum plane und im Grunde genommen aussteige und immer der Nase nach spaziere?

2. Der Handyakku geht zur Neige und ich vergaß, eine Powerbank mitzunehmen. Ich habe zwar Tickets mit und hab herausgefunden, dass man in Ungarn auch Fahrkartenautomaten hat, aber es ist doch etwas besser, wenn man ein funktionierendes Handy hat... außerdem werde ich bestimmt noch in Zukunft Ungarn und Budapest bereisen können.

Also ging es zum Bahnhof Deli, wo ich vorsichtshalber meine Fahrkarte am Automaten kaufte. Ich erwischte einen solchen, der ziemlich cool aussah und die nette Funktion bot, dass man eine Fahrkarte anhand der nächsten Abfahrten am Bahnhof erwerben konnte...

...allerdings war der Touchscreen furchtbar schwergängig und die Tatsache, dass auf dem Bildschirm ein Mauszeiger ist, war kein tolles Beispiel für gelungene User Experience. Da könnte man noch etwas nachjustieren. Aber ich erhielt letztlich meine Fahrkarte.

Habe ich schon erwähnt, dass ich während des gesamten Aufenthaltes ausschließlich mit Karte zahlte und weder versuchte, mit Euro wo zu zahlen, noch irgendwo etwas in der Währung Forint abgehoben hab? Das klappte tatsächlich ziemlich gut und ersparte mir, mir einen vertrauenswürdigen Geldwechsler bzw. Bankomaten zu finden.

Der Bahnhof Deli ist nebenbei... nicht erwähnenswert.
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Die S-Bahn hingegen schon, ein Stadler Flirt macht immer Freude.
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Und es gibt Steckdosen in verschiedenen Geschmacksrichtungen:[image]

Ich habe tatsächlich die Rückfahrt in der S-Bahn absolviert. Und was soll ich sagen? Es ist einfach sehr angenehm, im Flirt zu reisen. Aber auch: Abseits der Station Kelenföld ist keines der Bahnsteige barrierefrei auf eine Höhe von 55cm SOK ausgebaut, was heißt, dass immer eine Stufe zu überwinden ist und mobilitätseingeschränkte Reisende stets eine eingebaute Rampe in Anspruch nehmen müssen. Ich bin mir sicher, dass man im Prinzip schon an jeder Station mit einem Rollstuhl ankommt, es ist einfach nur mühsam, wenn man es versucht.

Außerdem, mal ehrlich, die Stationen sind eine Enttäuschung. Ich dachte, die MÁV hätte auf eines der wichtigsten Hauptstrecken des Landes eine Infrastruktur vorzuweisen, die sagen wir mal kundenfreundlich ist. Stattdessen sind die Bahnhöfe veraltet und das neueste sind eben die Schienen und das ETCS.

Ich steige jedenfalls in Tatabánya aus und schau mir nochmal die Gleisanlagen an:[image]

Es ging dann nach Hause, den Akku voll aufladen und kurz mal durchatmen.

Ich hatte noch etwas Zeit, ehe ich die eine Sache tat, die ich definitiv nicht verpassen wollte: Eine Fahrt auf der Stichstrecke nach Oroszlany. Denn heute war es das erste Mal für mich, dass ich eine Nebenbahn in Ungarn befahre (abseits des einen Mals, wo ich nach Sopron und weiter nach Deutschkreutz fuhr). Die Strecke ist... teils ok, aber meistens halt so ziemlich das, was ich aus tschechischen Nebenbahnen gewohnt bin. Allerdings scheint der Flirt damit besser umgehen zu können als ein Regiopanter. Ich war erstmal überrascht, als ich auf Google Maps schaute und dachte, Oroszlany wäre so ein Dorf wegen der Struktur... wobei ich nicht ganz Unrecht hätte, denn die Stadt hat zwar zufälligerweise 18 tausend Einwohner (und wird in der Woche auch im Stundentakt durchgebunden bis Budapest bedient, am Wochenende eben als Stichstrecke mit einem vierteiligen Flirt ab Tatabánya), aber die Bebauung scheint irgendwie eher locker zu sein... aber dann vergaß ich wiederum, dass das für ungarische Städte, die im späteren 20. Jahrhundert im größeren
Maße angefasst wurden, der Standard ist.

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Man kommt im Bahnhof an, schaut sich die Wartehalle an, die... ok ist...

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Beobachtet noch, wie die mobile Rampe einen Fahrgast mit Mobilitätsbeeinträchtigung runterlässt - hier kann man ja niveaugleich über die Gleise rauskommen, das ist wenigstens eine gute Sache an diesem alten Bahnhof.

Dann schaut man sich halt diese Stadt an.
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Die Stadt kann so einige Partnerschaften vorweisen. Unter Anderem mit Plochingen:
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Und es scheint nicht so übel zu sein, wenn man sich die Häuser so anschaut...
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Und hier gibt es auch einen netten Platz:
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Es geht dann so weiter durch die Gegend...
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Alles in allem eine typisch ungarische Kleinstadt.

Die Rückfahrt war ereignislos, in Tatabánya ließ man uns auch über die Hauptgleise rausgehen.

Also die Gleise, wo die ganzen Züge zwischen Wien und Budapest rollen, die Gleise, die einer bedeutenden Magistrale angehören, wo man ja extra ausgebaut hat und so. Da läuft man als Gruppe von Fahrgästen einfach entspannt rüber. Ich muss zugeben, ich habe keine größeren Schwierigkeiten verspürt, mich in solchen Dingen anzupassen. Ich müsste nur die komplizierte Sprache lernen und könnte mich schnell assimilieren, schätze ich.

Das wäre dann das vorletzte Kapitel. Im letzten Kapitel geht es an die Heimreise. Und vielleicht noch mit paar abschließenden Gedanken.

Bis dahin, Köszönöm für's Lesen <3

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

Kapitel 4: Ein Besuch im Minenmuseum und anderes (m.23 B.)

JanZ, HB, Samstag, 11.09.2021, 11:21 (vor 1660 Tagen) @ Alibizugpaar

Danke auch für diesen Teil!

Hast Du wenigstens noch das Besteck umgelegt? Gabel links, Messer rechts! So von wegen 'sekundäre Raumordnungsstrukturen'.

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Vielleicht ist das ja in Ungarn anders? Immerhin ist da bei der Sprache auch einiges andersherum, z.B. II. János Pál papa = Papst Johannes Paul II.

Koreanisch/chinesisch?

semifaketrain, Samstag, 11.09.2021, 14:44 (vor 1660 Tagen) @ J-C

Zum Bild 7: Ungeachtet der politischen Annäherung Ungarns und Chinas sind sowohl der Name des Unternehmens als auch die Schriftzeichen auf dem Bild aus Korea (vermutlich Südkorea?).

Stimmt, ich Dödel :'D Ist aus Korea, nicht China

J-C, In meiner Welt, Samstag, 11.09.2021, 15:09 (vor 1660 Tagen) @ semifaketrain
bearbeitet von J-C, Samstag, 11.09.2021, 15:11

Jetzt sehe ich es auch, die Schriftzeichen sind nicht chinesisch, sondern koreanisch, was ich jetzt grad auch realisiere (dabei kann ich vage die Schriftsprachen auseinanderhalten) eine kurze Googlesuche bestätigt, dass es sich um ein südkoreanisches Unternehmen handelt. Es muss wohl daran gelegen haben, dass ich einen blöden Bias durch die Informationen hab, die ich so selbst erfuhr.

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

Kapitel 7 - Abschied und Abreise - fin (m.9 B.)

J-C, In meiner Welt, Sonntag, 12.09.2021, 14:17 (vor 1659 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Sonntag, 12.09.2021, 14:20

Eine Woche voller neuer Entdeckungen, Abenteuer, Erholung und Freude. So ein mitteleuropäisches Planungsseminar öffnet mir tatsächlich ganz neue Perspektiven, um die ich sehr glücklich bin.

Dankenswerterweise hat man mir noch ein Sackerl mit einer Jause mitgebracht, dadurch muss ich definitiv nicht hungern. Denn die ca. 2 Stunden lange Reise nach Wien ist in einem EC der MÁV zurückzulegen - und die haben derzeit keine Speisewagen.

Es war warm draußen, so verbrachte ich die meiste Zeit zunächst im klimatisierten Warteraum. Das war sogar fast angenehm, vom eher neutralen Ambiente abgesehen.

Irgendwann wagte ich mich draußen und verbrachte die restliche Wartezeit am Bahnsteig. So konnte ich noch einen blauen Flirt einfangen...

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Mein Zug hat den klingenden Namen Liszt Ferenc, in Österreich dann Franz Liszt.
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Und dann kommt er auch schon, ich wette, mindestens eine Userin würde sich ein wenig über die Bespannung freuen:[image]

Der Zug war indes voll. Ich bekam automatisch einen Sitzplatz zugewiesen, aber der war durch Gepäck belegt und ich habe irgendwie wenig Interesse daran gehabt, mein eigenes Gepäck im Abteil irgendwie unterzubringen und mich selbst einzupferchen. Abteile sind toll, wenn die Belegung nicht so hoch ist, aber weniger toll, wenn es viele Leute im Zug gibt.

Ich wanderte also durch den Zug und beschloss, im letzten Wagen, einem Bbdpmz 84-91.4 Platz zu nehmen. Genaugenommen auf dessen Boden zunächst, da ich für mich keinen Platz fand.
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Das ist aber gar nicht soo übel gewesen. In meiner Nähe gab es auf Bodenhöhe Steckdosen.
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Und ich fand erstmal eine entspannte Position zum Sitzen.
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Zufälligerweise kam ich mit 2 Reisenden ins Gespräch, die auf dem Weg zurück nach Österreich sind. Sie kamen aus Budapest, waren vorher auch über die Route Komarno/Komarom hingereist (wenig überraschend gab es keinerlei Einreisekontrollen bei denen) und ich erfuhr am Ende auch den Grund, warum es so voll war: Der IC eine halbe Stunde vorher hatte nicht genug Kapazität, insbesondere für Radfahrende. Also wurde auf diesen Zug ausgewichen. Und siehe da, in Györ, wo der IC die Hauptstrecke verlässt und wahlweise nach Sopron bzw. Szombathely weiterfährt, leert sich der Zug etwas. Zwischendurch bekam ich dann auch einen Sitzplatz.

Ich war schon vorher in diesem Wagen, aber nicht für so lange. Dementsprechend war es natürlich ein neues Erlebnis für mich. Leicht amüsiert war ich, dass trotz der modern aussehenden Einrichtung es an einigem hapert: Die Rollstuhlrampe löst sich während der Fahrt aus der Verankerung und gibt dann ein Piepen von sich. Erst ein beherztes Zugreifen bringt das Ding wieder in seine Ruheposition. Außerdem war die Toilette ziemlich lange belegt. Und so löste so ziemlich jeder, der sich in dessen Nähe aufhielt, eine Ansage aus, nach der die Toilette belegt ist. Und das auf ungarisch und englisch.

Ein weiterer Running gag auf der Reise war ein Fahrgast, der den Notrufknopf für die Rollstuhlstellplätze drückt, im Glauben, damit die automatische Tür zu schließen.

Wie ich erfuhr, gab es hinter Budapest eine Fahrkartenkontrolle. Da ich in Tatabánya einstieg, wurde ich durch das ungarische Personal gar nicht behelligt. Erst in Österreich fand eine Fahrkartenkontrolle statt. War mir auch recht, immerhin saß ich nicht dort, wo es die Reservierung vorgab...

Erstaunlich: wenn auch leise, kannte der Wagen auch automatische Ansagen.
Hegyeshalom war die letzte Station vor Wien und so kam man danach auf diese schöne Aussicht auf dem Monitor:
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Die MÁV schafft, was nichtmal die ÖBB geschafft hat: Die Symbole für S- und U-Bahn am Bahnhof anzuzeigen. Ich war durchaus schwer begeistert, da ist es ausgerechnet die MÁV, die das hinkriegt. Die haben extra für Österreich die Symbole hergenommen. Das ist fantastisch!

Und so steigt man aus. Jede Stunde kommt aus Budapest ein Zug in Wien Hbf an. Und an jenem Tag war ich ein Passagier in solch einem Zug, noch dazu in einem der neuesten Wagen, die die MÁV-START zu bieten hat.
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Der Tag war dann recht ereignislos, ich verzehrte noch Teile des tollen Proviantes - selbstverständlich fehlten auch nicht die Paprikastücke, die man immer zum Frühstück bekam...

...und als Epilog brachte mich diese Milchtüte gedanklich nochmal zurück nach Tatabánya, in das Heim direkt an der Bahnstrecke...
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Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in Tatabánya war. Darin bin ich mir sicher.

Fin

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

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