Hamburg und mehr (Teil 51: Hannoverscher Bahnhof, 25 Bilder) (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Mittwoch, 21.07.2021, 16:07 (vor 10 Tagen)

Moin.

Wer auch immer zwischen Harburg und Hamburg mit dem Zug fährt, kommt um die Elbbrücken nicht herum. Die Süderelbbrücke queren die Züge in langsamem Tempo, damit die Brücke noch bis zur Fertigstellung ihres Nachfolgers hält. Von Wilhelmsburg und der Veddel sieht man dank Lärmschutzwänden nicht mehr viel - somit allerdings auch nicht, dass man nichts verpasst. Hier, auf der Elbinsel, verlief lange Zeit die Grenze zwischen Hannover und Hamburg. Wenn dann an der Norderelbbrücke der Blick gen Westen geht, erhalten die Landeier aus München, Köln oder sonstwoher einen ersten Eindruck vom Hafen und der großen weiten Welt. Was für Gefühle Hamburger haben, die die Brücken gen Harburg queren, möchte ich lieber nicht wissen. Kurz hinter der Norderelbbrücke beginnt die große Doppelkurve, erst links, dann rechts, ehe der Hauptbahnhof erreicht ist. Hier verlaufen die Fernbahn und die S-Bahn getrennt voneinander und hier lag der erste Endbahnhof der Strecke aus Harburg. In dieser Gegend schauen wir uns dieses Mal um, ehe wir nächstes Mal rot sehen. Zuvor möchte ich (zu?) viele Worte über die Geschichte der Eisenbahnverbindung zwischen Hamburg und Harburg schreiben.


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Hamburg erhielt 1842 seine erste Eisenbahn, Harburg 1847. Und doch sollte es noch bis 1872 dauern, ehe es eine direkte Schienenverbindung zwischen den beiden Städten geben sollte, deren Hauptbahnhöfe heute zwölf Kilometer voneinander entfernt sind.
Lange Zeit gab es von Hamburg aus nur Schiffsverbindungen über die Elbe, entweder direkt ab Hamburg oder über die Fähren Zollenspieker oder Geesthacht. Von denen ging es dann direkt nach Lüneburg, denn Harburg war nur eine unbedeutende Kleinstadt. Eine erste direkte Landverbindung, wenn auch mit Fähren über die beiden Elbarme, entstand erst, als ein kleiner Korse mal wieder durch Europa zog. Das war 1813. Diese hatte aber keinen langen Bestand. Zum einen waren Napoleons Truppen bald vertrieben, zum anderen nahm die Chaussee auf der Elbinsel keine Rücksicht auf Entwässerungsgräben. Nun lebte zum letzten Mal der Fährverkehr wieder auf. Erst nach Inbetriebnahme der Eisenbahn nach Harburg kam es erneut zu Gedanken, die Verbindung zwischen Harburg und Hamburg zu verbessern. Im Januar 1853 gingen eine neue Chaussee auf der Insel und zwei Fähren in Betrieb. Zwischen dem (ersten) Harburger Bahnhof und dem Jungfernstieg war man damals im besten Fall 77 Minuten unterwegs. (Eine durchgehende Straßenverbindung zwischen Hamburg und Harburg gibt es erst seit Eröffnung der ersten Straßenbrücke über die Süderelbe 1899, eine Straßenbrücke von Hamburg auf die Veddel über die Norderelbe besteht seit 1887.)
Wenige Jahre später, 1857-1859, wurden erste Details für eine Eisenbahn erarbeitet, gefolgt 1861 von der Idee einer Eisenbahn von Hamburg nach Paris. Nach der Annexion Hannovers im Jahr 1866 wurde es dann ernst: Nach einem Vertrag zwischen Hamburg und Preußen übertrug das Königreich im Dezember 1867 der Cöln-Mindener Eisenbahn den Auftrag zum Weiterbau der Eisenbahn gen Paris und zum Bau der Elbbrücken. Die Arbeiten begannen im Folgemonat. Während über die Lage der Süderelbbrücke Einigkeit herrschte, gab es über die Norderelbbrücke Streitigkeiten. Die heutige Lage ist ein klassischer Kompromiss, zwischen einer direkten Führung der Bahnstrecke und einer Lage weiter im Osten. Die Strecke ist seit dem 1. Dezember 1872 in Betrieb. In Harburg entstand ein neuer Bahnhof an heutiger Stelle, in Hamburg hatte sie ihren eigenen Bahnhof. Hieß dieser anfangs Pariser Bahnhof oder auch Venloer Bahnhof, so erhielt er 1892 den offiziellen Namen Hannoverscher Bahnhof. Das war ein klassischer Kopfbahnhof der Frühzeit: Auf einer Seite für ankommende Züge, auf der anderen die Abfahrten. Allerdings führte eine Bahnstrecke durch das Portal und weiter zum Klostertorbahnhof der Verbindungsbahn sowie zum Berliner Bahnhof. Der Stadtplan 1889 auf https://www.christian-terstegge.de verdeutlicht die Lage. Für den Reiseverkehr hatte der Hannoversche Bahnhof am 1. Dezember 1907 mehr oder minder ausgedient, seit diesem Tag fahren die Züge aus Harburg in den Hauptbahnhof. Aber noch 1914 mussten einige Züge des sonntäglichen Ausflugsverkehrs den Hannoverschen Bahnhof nutzen.
Bereits ab 1894 war der Abschnitt von Hamburg nach Wilhelmsburg viergleisig ausgebaut, die Querung der Süderelbe erst 1911.

Die Ausweitung des Hamburger Hafens und die Einrichtung des Freihafens führten zu großen Veränderungen auch bei der Eisenbahn, Einzelheiten würden diesen Beitrag sprengen. Der Hanoversche Bahnhof diente nun in erster Linie dem Stückgut- und dem Eilgutverkehr. Im Zweiten Weltkrieg mussten hier viele Juden, Sinti und Roma ihre Reise in die Vernichtungslager im Osten antreten. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, am 16. Oktober 1955 dann gesprengt. Die Bahnhofshalle war schon 1932 abgebrochen worden.
1930 erfolgte die Umbenennung des Bahnhofs in Hamburg Hgbf Han (ausgeschrieben Hamburg Hauptgüterbahnhof Hannoverscher Bahnhof). Zum 1. Juni 1964 änderte sich der Name in Hamburg Hauptgüterbahnhof. Am 13. April 1998 war der Bahnhof letztmals in Betrieb.

Im Laufe der Jahre erhielt die Strecke Hamburg - Harburg Zwischenstationen. Von Norden nach Süden waren dies Oberhafen am 1.Mai 1908, Elbbrücken 1. Juli 1908 (beide Halte wurden im 2. Weltkrieg nach Zerstörungen aufgegeben. Im Kursbuch 1943 (gültig ab 17. Mai) noch enthalten, das letzte Kursbuch 1944 b.a.W. nennt keine Halte mehr). Auf der Elbinsel halten die Züge seit dem 15. November 1907 auf der Veddel. Der Halt in Wilhelmsburg besteht seit 1891, seine Einrichtung erfolgte kurz nach Eröffnung des Rangierbahnhofs. Der Bahnhof Veddel befindet sich fast an derselben Stelle wie heute, der Bahnhof Wilhelmsburg lag eine Brücke weiter nördlich als die heutige Station der S-Bahn. Seit dem 6. April 1965 besteht zwischen Hamburg und Harburg elektrischer Betrieb.
Zum 1. April 1937 trat das Groß-Hamburg-Gesetz in Kraft, seitdem ist die ehemalige Stadt Harburg-Wilhelmsburg Teil der Freien und Hansestadt. Im Jahr 1938 (da finde ich meine Quelle leider nicht mehr. Jahr kann auch falsch sein) wurde der Hamburger S-Bahn-Tarif dann auch auf Harburg ausgeweitet. Hier fuhren allerdings „normale” Züge, die Gleichstrom-S-Bahn kam erst 1983. Für den Berufsverkehr nach Hamburg kennt das Sommerkursbuch 1975 in den Stunden 6 und 7 insgesamt 23 Nahverkehrs- und Eilzüge, in der Gegenrichtung waren es 13. Heute fährt die S-Bahn zwölfmal in der Stunde, dazu kommen Richtburg Hamburg 20 Regionalzüge (Metronom und Start Unterelbe).
Die S-Bahn führt zwischen Hauptbahnhof und der Norderelbbrücke nicht parallel zur Fernbahn, sondern nutzt eine Trasse weiter im Osten. Hier befindet sich der Haltepunkt Hammerbrook. Der neue S-Bahnhof Elbbrücken befindet sich an der Stelle des alten Fernbahnhaltepunkts, nur eben auf der S-Bahn-Trasse.
Die separate Fernbahn-Abschnitt mit seinen beiden Kurven ist besser bekannt als Pfeilerbahn. In der nördlichen Kurve, südlich der Oberhafenbrücke, gab es den Haltepunkt Oberhafen. Die originale Pfeilerbahn ist mittlerweile Geschichte. In den Jahren 2008/2009 wurde dieser Abschnitt umgebaut, geblieben ist die Führung der viergleisigen Strecke auf zwei Ebenen.


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HH51-01 by Sören Heise, auf Flickr

1 Beginnen wir mit einem Blick in die nicht mehr ganz originale Speicherstadt.


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HH51-02 by Sören Heise, auf Flickr

2 Südlich des Hauptbahnhofs befindet sich die doppelstöckige Oberhafenbrücke. Die ist aus Westen und aus Osten (hier im Bild) ein beliebtes Motiv für Eisenbahnfotografen.


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HH51-03 by Sören Heise, auf Flickr

3 So sieht ihr Untergeschoss aus. Die heutige Konstruktion stammt aus dem Jahr 2007. Der 1904 fertiggestellte Vorgänger war eine Drehbrücke, allerdings als solche schon lange vor dem Ersatz nicht mehr funktionsfähig.


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HH51-04 by Sören Heise, auf Flickr

4 Südlich der Brücke die Oberhafen-Kantine. Rechts im Bahndamm befand sich der Zugang zum Haltepunkt.


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25 Im Frühjahr 1980 konnte Thomas (DSO-Nutzer Electroliner) den Bahnsteig aus einem fahrenden Zug ablichten. Vielen Dank für Deine Aufnahmen!


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HH51-05 by Sören Heise, auf Flickr

5 Nebenan alte und neue Bauten.


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HH51-06 by Sören Heise, auf Flickr

6 Da steht die Ericusbrücke.


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HH51-07 by Sören Heise, auf Flickr

7 Sie war eine Drehbrücke und stammt aus dem jahr 1870.


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HH51-08 by Sören Heise, auf Flickr

8 Von 1872 bis 1906 führte über sie die Schienenverbindung vom Hannoverschen Bahnhof nach Hamburg hinein.


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HH51-09 by Sören Heise, auf Flickr

9 Damit zurück in die warme Jahreszeit. Unmittelbar südlich der Ericbusbrücke, im heutigen Lohsepark, befindet sich das denk.mal Hannoverscher Bahnhof.


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HH51-10 by Sören Heise, auf Flickr

10 Eine Karte zeigt die heutige Situation im Vergleich zur Zeit, als hier ein betriebsamer Bahnhof stand.


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HH51-11 by Sören Heise, auf Flickr

11 Vor 100 Jahren waren hier die Gleise in Richtung Harburg, Hannover, Venlo und Paris zu sehen. Oder hätten wir da noch direkt vorm Bahnhofsgebäude gestanden?


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HH51-12 by Sören Heise, auf Flickr

12 Blick zur Bahnstrecke. Ganz rechts lag der Haltepunkt Oberhafen. Links vom weißen Transporter schließt sich die Oberhafenbrücke an. Ganz links eine der Deichtorhallen.


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HH51-13 by Sören Heise, auf Flickr

13 Hier schauen wir zu den Prellböcken.


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HH51-14 by Sören Heise, auf Flickr

14 Wir gehen weiter...


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HH51-15 by Sören Heise, auf Flickr

15 ...und gelangen zur eigentlichen Gedenkstätte.


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HH51-16 by Sören Heise, auf Flickr

16 Namen. Viele Namen. Zu viele Namen.


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HH51-17 by Sören Heise, auf Flickr

17 Gedenktafel.


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HH51-18 by Sören Heise, auf Flickr

18 Ein Überblick über die Gedenkstätte. Hinten der Rathausturm.


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HH51-19 by Sören Heise, auf Flickr

19 Parallel zur Pfeilerbahn verläuft die U-Bahn.


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HH51-20 by Sören Heise, auf Flickr

20 Ein Blick hinein in den Hochbahnhof.


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HH51-21. Foto Wolf-Dietmar Loos by Sören Heise, auf Flickr

21 Im Vorfeld des Hauptgüterbahnhofs stand Stellwerk Hp. Wolf-Dietmar fotofrafierte aus dem Freihafen, als oben eine 103 mit einem Schnellzug ihrem nächsten Halt im Hauptbahnhof entgegenstrebt.


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HH51-22. Foto Wolf-Dietmar Loos by Sören Heise, auf Flickr

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HH51-23. Foto Wolf-Dietmar Loos by Sören Heise, auf Flickr

22 23 Irgendwo im Hafen war am 18. November 1986 die 291 024 am Rangieren.


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HH51-24. Foto Wolf-Dietmar Loos by Sören Heise, auf Flickr

24 Szene am Ablaufberg mit Kühlwagen. Anhand des Stellwerkes dürfte es den Experten unter euch sicher möglich sein, den genauen Fotostandort zu identifizieren.


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Der Sommer macht hier irgendwie Pause, dann tut diese Serie es auch. Weiter geht es in voraussichtlich zwei Wochen und ganz sicher Hammerbrook.

Viele Grüße
Wolf-Dietmar und Sören

Quellen:
Erich Staisch, Brücke zum Süden. Augsburg 1972.
Benno Wiesmüller, Die »Rollbahn« und ihre Stationen, Bd. 1, Bremen-Hamburg. Hövelhof 2011.
Benno Wiesmüller, Am Ende der Pfeilerbahn. Stationen an Hamburgs Norderelbbrücken. In: Eisenbahn-Geschichte, Nr. 92 (Februar/März 2019), S. 4-15.
https://hamburg-hgbf.zusi.de/chronik

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