Mit tåg und tog durch Skandinavien (3/7 m. 41 B) (Reiseberichte)
Hallo zusammen,
willkommen zum dritten Teil unserer kleinen Skandinavien-Rundfahrt. Im zweiten Teil waren wir von Stockholm über Åre und Storlien nach Trondheim gefahren. Nun bewegen wir uns langsam wieder südwärts und widmen uns der Dovrebane und der Raumabane.
![[image]](http://www.bahnreiseberichte.de/101-Skandinavien/101-000Karte.jpg)
Tag 4: Trondheim – Dombås - Åndalsnes
Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich etwas frustriert, denn das Wetter hat umgeschlagen und der Wetterbericht macht keine Hoffnung auf Besserung.
Der Bahnhof Trondheim Sentralstasjon liegt zwischen Altstadt und Trondheimfjord, der Weg vom Zentrum zum Bahnhof führt auf einer Brücke über ein Hafenbecken. Der Zug nach Oslo ist mit einer Elektrolok des Typs El 18 bespannt, die Universallokomotiven sind verwandt mit den Re 460 der SBB. Eingesetzt werden Wagen aus der Baureihenfamilie Type 5.
Die norwegische Staatsbahn (Norges Statsbaner / NSB) benannte sich 2019 um und heißt nun Vy. Es scheint sich um ein Kunstwort zu handeln, Vy soll „Ausblick, Fernsicht, Aussicht“ bedeuten und für eine Zukunftsvision stehen. Nur 7 Prozent der Norwegerinnen und Norweger können dem neuen Namen etwas abgewinnen.
Über die Klappbrücke Skansenbrua fahren wir aus dem Bahnhof. Die Brücke führt über den Trondheimkanal, zwischen den Regentropfen sehen wir den Trondheimfjord mit dem Leuchtturm Skansen fyr.
Wir fahren auf der Dovrebane, die von Trondheim nach Oslo führt. Die Bahnstrecke verlässt den Fjord und führt ins Hinterland. Die erste Stunde der Fahrt ist noch unspektakulär (oder ich habe die Landschaft vor lauter Regenwolken nicht richtig wahrgenommen), dann beginnt zwischen Støren und Berkåk der Aufstieg ins Gebirge. Als wir beim nächsten Bild den Fluss Vinstra überqueren, hat der Zug schon eine Höhe von über 500 Metern über dem Meeresspiegel erreicht.
Anstelle einer klassischen ersten Klasse gibt es einen Komfort-Wagen, dort sind kostenlose Heißgetränke inkludiert. In der Wagenmitte gibt es eine Kaffeeecke mit einem Automaten zur Selbstbedienung.
Die Landschaft vor dem Zugfenster wird nun zunehmend spektakulärer, die Strecke führt jetzt durch das Drivdalen-Talen und folgt dem Fluss in den Dovrefjell-Nationalpark.
Die Strecke führt weiter bergauf und erreicht bald den Scheitelpunkt auf 1.024 Meter über dem Meer, sie führt über die raue Hochebene des Dovrefjell-Nationalparks. Bekannt ist der Nationalpark insbesondere für freilebende Moschusochsen, auch Rentiere, Elche und andere Wildtiere leben in dieser doch fremdartigen Landschaft.
Während man in südlichen Ländern häufig Temperaturangaben auf den Anzeigen findet, spielen hier Höhenangaben eine wichtigere Rolle. Wir haben jetzt den Scheitelpunkt überwunden und nähern uns Hjerkinn auf 1.016 m.o.H. (Meter over havet).Von der Ebene führt die Strecke anschließend in einer weiten Kehrschleife hinab nach Dombås.
Von Dombås zweigt die Raumabane von der Dovrebane ab - und genau das ist unser nächstes Ziel. Bis zur Weiterfahrt haben wir etwas Aufenthalt und schauen uns im Ort um. Dombås liegt 660 Meter hoch, die Ortschaft hat rund 1.200 Einwohner. Besonders aufregend ist der Ort nicht, er entstand an einem Verkehrsknoten von Straße und Eisenbahn. Den Mittelpunkt des Ortes bildet die Kirche aus dem Jahr 1939.
1913 erreichte die Bahnstrecke aus Oslo den Ort, seit 1924 ist die Raumabane in Betrieb. Im April 1940 kam es um den strategisch wichtigen Ort zu einer Schlacht zwischen norwegischen Soldaten und deutschen Fallschirmjägern; nach einem Bombenangriff brannte das damalige Bahnhofsgebäude ab.
Die Raumabane ist nicht elektrifiziert. Hier werden Dieseltriebwagen vom Typ 93 eingesetzt, sie gehören zur Talent-Familie und verfügen über Neigetechnik. Mit einem Talent verbinden die meisten hier wahrscheinlich einen spartanischen Nahverkehrstriebwagen…
…man kann daraus aber auch eine Fernverkehrsversion mit automatenbestückter Kaffee- und Snack-Ecke machen. Die Züge wurde eigentlich für den Fernverkehr beschafft, waren bei den Fahrgästen aufgrund des niedrigeren Komforts gegen über klassischen Wagen jedoch nicht beliebt.
Die Raumabane führt von Dombås hinab zum Fjord nach Åndalsnes. Die Strecke wurde vom Lonely Planet zur schönsten Bahnreise Europas gekürt, sie wird entsprechend touristisch vermarktet. Schon kurz nach der Ausfahrt aus Dombås führt die Strecke über den Fluss Jora, dann folgt ein landschaftlich eher unspektakulärer Abschnitt durch das weite Tal des Gudbrandsdalen.
Der kleine Ort Bjorli hat zwar nur 150 Einwohner, ist aber wegen den sichersten Schneeverhältnissen Norwegens ein beliebter Wintersportort. Die Skilifte hier sind fast sechs Monate im Jahr geöffnet. Für Bahnreisende ist Bjorli ein interessanter Orientierungspunkt, denn er markiert den Beginn des spektakulären Abschnitts der Raumabane.
Die Bahnstrecke folgt nun dem Fluss Rauma und quert diesen mehrfach. Hier fahren wir über die steinerne Stuguflåtbrua am Beginn des schluchtartigen Abschnitts des Flusstals. Anschließend folgt ein aufwändig trassierter Abschnitt mit zwei Kehrschleifen, für die abschnittsweise auch Tunnel in das Gestein getrieben wurden. Ähnlich Serpentinen windet sich die Bahnstrecke nach unten und bietet einen Ausblick auf das von Felswänden umgebene Flusstal.
Die 114 Kilometer lange Strecke wurde nach 12-jähriger Bauzeit 1924 in Betrieb genommen. Für die Strecke wurden 103 Brücken und 5 Tunnel errichtet. Von anfangs 12 Stationen wurden die meisten mittlerweile aufgegeben. Im Zweiten Weltkrieg war Åndalsnes für einige Zeit der einzige Hafen mit Eisenbahnanschluss in Norwegen, der nicht von deutschen Truppen besetzt war. So wurde die Strecke auch für Militär- und Goldtransporte genutzt, etwa um die norwegischen Goldreserven in den Vereinigten Staaten und Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Versuche der deutschen Truppen, die Strecke beim Rückzug durch Brückensprengungen unbrauchbar zu machen, scheiterten.
Auf dem Talgrund der Rauma führt die Strecke bis zum Fjord in Åndalsnes. Schmelzwasser der Gletscher geben dem Fluss seine türkisblaue Farbe. Der Fluss ist für seine ergiebigen Lachsbestände weit bekannt. Die Berge um das Gebirgstal Romsdal sind bis zu 1.800 Meter hoch. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten erreichen wir den Endbahnhof Åndalsnes. Ich bin etwas enttäuscht über das graue Wetter, aber es gibt ja noch Hoffnung auf die Rückfahrt am nächsten Tag.
Der Bahnhof von Åndalsnes liegt nur vier Meter über dem Meeresspiegel, er befindet sich unmittelbar am Hafen. Das Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1924.
Direkt am Bahnhof gibt es eine Besonderheit zu entdecken, nämlich Norwegens erste und einzige Bahnkapelle. Gut, Bahnhofskapellen sind ja nicht so ganz selten, die Bahnkapelle ist jedoch vermutlich die einzige auf der Welt. Für die Togkapellet stellte die NSB einen ausrangierten Schnellzugwagen vom Typ 3 zur Verfügung.
Das ist ein gutes Timing, oder? Pünktlich zu den Pfingsttagen führt uns der Reisebericht nun also in eine Kapelle.
Bei der Zugkapelle handelt es sich um ein gemeinsames Projekt der norwegischen Kirche, der Heilsarmee und einer Pfingstkirche. Leitmotiv für das Projekt "Die Kirche auf der Strecke" war der Gedanke, dass es an vielen Straßen Kapellen gibt, an Bahnstrecken jedoch nicht. Die Bahnkapelle wurde 2003 im Beisein von König Harald und Königin Sonja von Bischof Odd Bondevik geweiht. Der Wagen steht unter dem Motto „Das Leben ist eine Reise“.
Der Wagen ist tagsüber geöffnet, er ist in zwei Räume unterteilt. Hier sehen wir den Aufenthalts- und Begegnungsbereich. Von dort gelangt man weiter…
…zur Kapelle. Hier sind Originalsitze um einen Altar gruppiert. Der Altar besteht aus Holzschwellen und Schienen, ein Buntglasfenster greift mit einem Kreissymbol die Ewigkeit und das Sühnblut Jesu auf. In der Kapelle werden auch Gottesdienste abgehalten.
Åndalsnes hat rund 2.300 Einwohner, der Ort liegt am Romsdalsfjord. Der Ort wird auch von Kreuzfahrtschiffen angesteuert, heute bleiben wir aber von Kreuzfahrtpassagieren verschont.
Wir sind für unsere Touren ungewöhnlich früh an unserem Tagesziel angekommen, es ist erst 13.30 Uhr. Der Plan war, am Nachmittag zu wandern oder vielleicht ein Fahrrad zu mieten – aber bei Regen macht das alles keinen Spaß.
Wir laufen noch ein Stück den Berg hinauf zu einem Aussichtspunkt, drehen dann aber wieder um und bummeln den Rest des Tages ab, bis mein Bruder am Abend noch mit einem Guide zu einer Angeltour auf dem Romsdalsfjord startet.
Mit einem abendlichen Blick zum Bahnhof von Åndalsnes beenden wir diesen Teil. In den nächsten Tagen folgt der vierte Teil, dann fahren wir von Åndalsnes wieder hinauf nach Dombås und weiter über Oslo nach Finse zum höchstgelegenen Bahnhof in Nordeuropa.
Viele Grüße und frohe Pfingsten
Tobias
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