Ein Wochenende an Tauber, Main und Murg (2/2 m. 63 B.) (Reiseberichte)

TD, Dienstag, 23.02.2021, 17:24 (vor 280 Tagen)

Hallo zusammen,

willkommen zum zweiten Teil unseres kleinen Wochenend-Trips an Tauber, Main und Murg. Im ersten Teil waren wir vom Bodensee über Stuttgart nach Crailsheim gefahren und hatten von dort die Taubertalbahn erkundet, am Abend waren wir in Mannheim angekommen. Heute nun steht der Radexpress „Murgtäler“ auf dem Reiseplan

[image]


Tag 2: Mannheim – Ludwigshafen – Freudenstadt – Hausach – Hornberg - Allensbach

Der Radexpress „Murgtäler“ fährt von Ludwigshafen in den Schwarzwald. Er hält dabei in Mannheim, insofern hätten wir bequem dort einsteigen können. Wir entscheiden uns stattdessen, den kompletten Zuglauf mitzunehmen und wechseln deshalb zunächst von Mannheim auf die andere Rheinseite nach Ludwigshafen.

[image]

Damit das aber nicht so eintönig wird, fahren wir nicht mit dem Zug über den Rhein, sondern mit der Straßenbahn. Während die S-Bahn von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof fünf Minuten braucht, sind es mit der Straßenbahn neun Minuten.

[image]

[image]

Auf der Konrad-Adenauer-Brücke geht es über den Rhein von Baden-Württemberg nach Rheinland-Pfalz. Beim nächsten Bild fahren wir am Berliner Platz durch die Innenstadt von Ludwigshafen.

[image]

[image]

An der unterirdischen Straßenbahnhaltestelle beginnen wir eine kleine Runde durch den Hauptbahnhof von Ludwigshafen. Der kombinierte Keil- und Turmbahnhof verfügt über vier Ebenen, der Straßenbahntunnel stellt die unterste Ebene dar.

[image]

Der Bahnhof wird in 14 Metern Höhe von einer Schrägseilbrücke überspannt, deren Pylon weithin sichtbar ist. Das unscheinbare einstöckige Empfangsgebäude liegt unterhalb der Hochbahnsteige.
Der Bahnhof atmet den Zeitgeist der 50er und 60er Jahre, bei der Eröffnung 1969 wurde er von der Bundesbahn als „eines ihrer interessantesten und attraktivsten Bauwerke“ gerühmt, er galt als modernster Bahnhof Europas und als Beweis für den „Fortschrittswillen der Deutschen Bundesbahn“.

[image]

[image]

Die ebenerdigen Bahnsteiggleise sind in einer ausgedehnten Keilform angelegt, dadurch ergeben sich weite Wege. Im Fernverkehr spielt der Hauptbahnhof mit gerade mal einem Zug (dem EC 217) keine Rolle und mit dem Haltepunkt Ludwigshafen Mitte hat der Hauptbahnhof zudem eine innerstädtische Konkurrenz. Und vielleicht liegt es auch am frühen Sonntagmorgen, dass der Bahnhof so ausgestorben wirkt.

[image]

Der Radexpress fährt von Gleis 3, das befindet sich ebenerdig am östlichen Schenkel der Verbindung von Neustadt nach Mannheim. Der Blick geht von hier zu den westlichen Gleisen in Richtung Mainz, das Bild prägt wieder der Pylon.

[image]

Ich nutze gerne Züge ab dem Startbahnhof, weil so mehr Zeit zur Dokumentation bleibt. Hier habe ich mich aber verschätzt, es gibt keine frühzeitige Bereitstellung, stattdessen fährt vier Minuten vor dem Radexpress noch eine S-Bahn vom selben Gleis.

[image]

Und dann verpasse ich fast noch die Einfahrt, denn der Zug wartet schon hinter der S-Bahn und rollt unvermittelt ein, nachdem die S-Bahn ausgefahren ist. Der Zug kommt aus dem nahegelegenen Bahnbetriebswerk Ludwigshafen, er ist mit einer Lok der Baureihe 111 bespannt.

[image]

Der Zug ist gebildet aus zwei ehemaligen Halbgepäckwagen (Gattung Bduu), die zu Fahrradwagen umgebaut sind, außerdem zwei n-Wagen. Der Zug verkehrt im Sommerhalbjahr an Sonn- und Feiertagen und ist ein klassischer Ausflugs- und Fahrradzug, er verbindet den Rhein-Neckar-Raum mit dem Schwarzwald.

[image]

[image]

Wir suchen uns nun einen schönen Platz am offenen Fenster und genießen die folgenden zweieinhalb Stunden. Beim nächsten Bild fahren wir wieder über die Konrad-Adenauer-Brücke, diesmal auf der Eisenbahnseite.

[image]

[image]

So, nun kommen wir wieder nach Mannheim. Langschläfer steigen hier ein, ich möchte den Ausflug nach Ludwigshafen und die Besichtigung des dortigen Hauptbahnhofs aber nicht missen. Der Zug fährt weiter über Heidelberg nach Karlsruhe, diese Etappe durch den Oberrheingraben ist landschaftlich noch langweilig.
Falls hier jemand von der Bahn mitliest: vielleicht könnte man im Fahrplan den Hinweis „nur 2. Klasse“ ergänzen, das würde den Ärger bei Reisenden vermeiden, die den Zug für einen „normalen RE“ zwischen Heidelberg und Karlsruhe halten und sich dann über die alten Wagen und die fehlende 1. Klasse echauffieren.

[image]

[image]

Ab Rastatt wird es interessant. Der Zug verlässt jetzt die Rheintalbahn und befährt im weiteren Verlauf die Murgtalbahn. Der Name ist Programm: der Schwarzwaldfluss Murg begleitet uns eine ganze Weile häufig in Sichtweite zur Bahnstrecke. Anfangs fahren wir noch durch die Oberrheinische Tiefebene.
Die Murg war früher ein wichtiger Handelsweg, das Holz aus dem Schwarzwald wurde durch Flößerei zum Rhein transportiert, teilweise weiter bis in die Niederlande. Der Wunsch nach einer leistungsfähigeren Verkehrsanbindung war auch Auslöser für den Bau der Murgtalbahn.

[image]

Dann wird das Tal enger, die Landschaft lieblicher und Orte ländlicher. Hier blicken wir auf Schloss Eberstein, die ehemalige Spornburg liegt hoch über dem Talgrund der Murg.
Beim nächsten Bild fahren wir durch Weisenbach mit der Pfarrkirche St. Wendelin.

[image]

[image]

Nun wird es wild-romantisch, die Gleise der Murgtalbahn führen mithilfe von Tunneln und Viadukten durch einen schluchtartigen Talabschnitt. Insgesamt gibt es auf der Murgtalbahn zehn Tunnel und acht Brücken.

[image]

[image]

Bahnreisende verbinden mit dem Ort Forbach wahrscheinlich einen Grenztarifpunkt nach Frankreich, es gibt aber auch im mittleren Murgtal einen Ort Forbach. Das Ortsbild von Forbach wird geprägt von der Doppelturmfassade der katholischen Pfarrkirche St. Johannes der Täufer.

[image]

Und weiter geht es durch das dicht bewaldete, kaum besiedeltes Gebiet. Wir nähern uns der damaligen Landesgrenze zwischen Baden und Württemberg. Nicht nur die schwierige Topografie des Murgtals, sondern auch die Politik führten dazu, dass zwischen Baubeginn und Vollendung der Bahnstrecke fast 60 Jahre vergingen. Lange Zeit gab es zwei Stichstrecken, von der badischen Seite führt die Strecke von Rastatt ins untere Murgtal, die württembergische Strecke führte von Freudenstadt ins obere Murgtal. Erst unter dem Dach der Deutschen Reichsbahn konnte 1928 der Lückenschluss erfolgen.

[image]

[image]

Die Wasserkraft der Murg wird zur Energiegewinnung genutzt, hier fahren wir gerade an der Murgtalsperre Kirschbaumwasen. Der Weiler Kirschbaumwasen hat mit knapp 60 Einwohnern einen eigenen Bedarfshaltepunkt. Er dient überwiegend als Ausgangspunkt für Ausflügler.

[image]

[image]

In Schönmünzach treffen wir jetzt auf den ersten Bahnhof auf der württembergischen Seite. Die Strecke gewinnt noch weiter an Höhe, jedoch ändert sich bald die Landschaft und das enge Tal weitet sich.

[image]

[image]

[image]

Die Murgtalbahn wurde in den Jahren 2000 bis 2004 elektrifiziert und in das Karlsruher Stadtbahnsystem integriert. Seither prägen die Stadtbahnzüge der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) die Murgtalbahn. Ich kannte die Strecke bisher nur als Fahrgast der AVG, ich muss aber sagen, dass die Strecke am offenen Fenster doch nochmal deutlich eindrucksvoller ist.
Fernverkehr gibt es auf der Strecke nicht mehr, die Ära des Interregio „Murgtal“ von Norddeich Mole in den Schwarzwald endete 1998.

[image]

Der Bahnhof Baiersbronn ist ein sogenannter Württembergischer Einheitsbahnhof, die genormten Gebäude errichteten die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen an verschiedenen Orten. Zwischen Baiersbronn und Freudenstadt folgt nun der steilste Streckenabschnitt, er war früher als Zahnradbahn ausgeführt. Mittlerweile wird der Streckenabschnitt mit einer Maximalsteigung von 50 Promille im Reibungsbetrieb befahren nach den Vorgaben für Steilstrecken.
Den höchsten Punkt erreicht die Murgtalbahn im Bahnhof Freudenstadt Stadt auf 739 Metern über dem Meer, das ist ein Höhenunterschied von über 600 Metern zum Ausgangspunkt der Murgtalbahn in Rastatt.

[image]

[image]

Wir fahren bis zur Endstation Freudenstadt Hauptbahnhof. Dort gibt es einen schlanken 5-Minuten-Übergang auf den Zug der SWEG in Richtung Offenburg – aber nur, wenn wir auch pünktlich sind! Links der mit neun Minuten Verspätung eingefahrene Radexpress „Murgtäler“, in der Mitte eine Stadtbahn mit unleserlichem Fahrtziel (aber da wollen wir ohnehin nicht hin) und rechts das leere Gleis, von dem die SWEG offenbar pünktlich und ohne uns abgefahren ist.

[image]

Der Hauptbahnhof von Freudenstadt liegt etwas abseits und wir haben keine Lust, ins Zentrum zu laufen. Und so trödeln wir die geschenkt Stunde am Bahnhof ab und schauen zu, wie der Radexpress in der Triebwagenhalle verschwindet. Um nicht dauerhaft ein Gleis im Bahnhof zu belegen, wird der Zug bis zur Rückfahrt am Abend in der Triebwagenhalle der AVG geparkt.
Es war geplant, den Radexpress auf Mireo-Triebzüge der S-Bahn Rhein-Neckar umzustellen, die mangels Steilstreckenzulassung jedoch nur bis Baiersbronn hätten fahren können. Zwischenzeitlich ist der Fortbestand des lokbespannten Reisezugs bis 2022 gesichert. Es gibt also noch eine Chance zur Mitfahrt!

[image]

Der Hauptbahnhof von Freudenstadt wurde 1879 eröffnet, als erstes erreichte die Strecke von Stuttgart die Stadt im Schwarzwald. Später kamen die Kinzigtalbahn in Richtung Offenburg und die Murgtalbahn hinzu. An dem Knotenpunkt treffen Fahrzeuge unterschiedlicher Regionen und Unternehmen aufeinander, Stadtbahnzüge aus Karlsruhe, Regionalzüge aus Stuttgart und Dieseltriebwagen aus der Ortenau.

[image]

Und mit den Dieseltriebwagen der Ortenau-S-Bahn (OSB) geht es für uns nun weiter. Auf der Kinzigtalbahn fahren wir vom Nordschwarzwald in den mittleren Schwarzwald. Die Strecke von Freudenstadt hinab nach Hausach ist nicht elektrifiziert.

[image]

[image]

Der erste Streckabschnitt führt durch den Wald, zwischen den Bäumen ergeben sich kurze Blicke auf die Schwarzwaldhöfe im Kinzigtal, hier der Vogtsmichelhof. Wie die meisten der alten Höfe wurde er hochwassergeschützt auf einer Anhöhe erbaut.

[image]

Wenig später fahren wir durch Alpirsbach, zunächst vorbei an der Klosterkirche des ehemaligen Benediktinerklosters, dann durch die Ortsmitte am Marktplatz des Schwarzwaldstädtchens.

[image]

[image]

Zwischen Alpirsbach und Schenkenzell queren wir erneut die ehemalige Landesgrenze und sind ab jetzt wieder im badischen Landesteil unterwegs.
In Schenkenzell kreuzen wir die Kinzig, weiter geht es am Fluss entlang bis Hausach.

[image]

[image]

Während der Fahrt nach Hausach überlege ich mir, wie es weitergehen soll. Der Übergang in Hausach auf die Schwarzwaldbahn an den Bodensee beträgt nämlich 56 Minuten. Der aktuelle Zug auf der Schwarzwaldbahn wird als pünktlich angezeigt, d.h. den früheren Takt erreichen wir nicht. Die Zeit in Hausach abbummeln? Oder sitzenbleiben und dem nächsten Zug der Schwarzwaldbahn entgegenfahren? Da fällt mir ein, dass es ja noch Züge der SWEG bis Hornberg gibt.

[image]

Und so wechseln wir in Hausach auf den nächsten Regioshuttle-Triebzug zur Fahrt auf der Schwarzwaldbahn. Die Schwarzwaldbahn folgt von Offenburg bis Hausach der Kinzig und von dort durch das Gutachtal bis Hornberg.

[image]

[image]

Wer genau hinsieht, entdeckt bei diesem Bild sogar noch einen Bahnbezug. Der Adventuregolfplatz in Gutach hat einen Wagen aus dem Jahr 1939 übernommen, der anfangs bei der Reichsbahn in Stuttgart, dann in Österreich und zuletzt auch bei Sonderfahrten auf der Schwarzwaldbahn eingesetzt wurde. Er dient heute als Speisewagen.

[image]

So, nun sind wir also in Hornberg angekommen. Hier noch das Regioshuttle, das uns nach Hornberg gebracht hat. Rein zeitlich bringt uns diese Zwischenetappe nichts, denn wir sind so nicht früher zu Hause als wenn wir in Hausach auf den Zug der Schwarzwaldbahn gewartet hätten.

[image]

Aber wir können nun Hornberg erkunden, das wollte ich ohnehin schon immer mal machen. Die 4.000-Einwohner-Stadt liegt eng gedrängt im Gutachtal. Auf der einen Talseite verläuft die Bahnlinie, auf der anderen Seite liegt Schloss Hornberg. Für uns geht es nun hinunter…

[image]

…in die Stadt…

[image]

…und auf der andere Seite wieder hinauf zum Schloss. Wir blicken hier nach Norden ins Gutachtal, rechts der Bildmitte sieht man die Gleise der Schwarzwaldbahn, auf denen wir von Hausach her das Tal hinaufgefahren sind.

[image]

Bekannt ist auch der Eisenbahnviadukt von Hornberg, er ist 150 Meter lang und überspannt in 24 Metern Höhe das Reichenbachtal. Es ist der einzige Viadukt der Schwarzwaldbahn. Rechts der Bahnhof von Hornberg.

[image]

Schließlich noch der Blick nach Süden. Links die Gleise der Schwarzwaldbahn, auf denen wir nachher ins Gutachtal und dann hinauf zu den Kehrschleifen in den Höhen des Schwarzwalds fahren. Unten das Werk von Duravit, den Namen kennt vielleicht der ein oder andere von Sanitärkeramik und Armaturen. Den Bahnhof am gegenüberliegenden Hang haben wir ja eben schon gesehen, um dorthin zu gelangen, geht es nun wieder hinunter…

[image]

…ins Städtchen. Hier das Rathaus von Hornberg.

[image]

Am Bahnhof von Hornberg treten wir schließlich die letzte Etappe unserer Tour an, ein Zug der Schwarzwaldbahn bringt uns direkt an den Bodensee.

[image]

[image]

[image]

[image]

Um nicht wie bei der Murgtalbahn und der Kinzigtalbahn mit den ungeliebten württembergischen Nachbarn zusammenarbeiten zu müssen, wählte man beim Bau der Schwarzwaldbahn eine aufwändige Streckenführung über rein badisches Gebiet. Hier der Blick vom spektakulärsten Abschnitt des von Kehren und Tunneln geprägten Aufstiegs nach St. Georgen.

[image]

Landschaftlich ganz anders präsentiert sich etwas später die Hochebene der Baar. Das Flüsschen ist die noch junge Donau. Beim nächsten Bild blicken wir auf die historische Altstadt von Engen.

[image]

[image]

Und mit der Fahrt durch den Hegau haben wir nun das letzte Bild der Reise erreicht. Unsere Wochenendtour endet wenig später wieder in Allensbach.

Vielen Dank für das Interesse und fürs Mitkommen.


Viele Grüße

Tobias

PS: meine bisherigen Reiseberichte gibt’s unter www.bahnreiseberichte.de.

--
www.bahnreisefuehrer.de - Deutschland aus der Fahrgastperspektive
Der Weg ist das Ziel: Meine Bahnreiseberichte.


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum