Hamburg und mehr (Teil 30: Billwerder-Moorfleet, 25 Bilder) (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Mittwoch, 20.01.2021, 14:50 (vor 1890 Tagen)

Moin.


Vom Bahnhof Billwerder-Moorfleet sind es 3,3 Kilometer zur Kirche Billwerder (1913 erbaut) und 1,5 Kilometer zur Kirche Moorfleet (1680, leider mit Turm von 1885).


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Geschichte ist die einst in Billwerder-Moorfleet verkehrende Privatbahn, die sogenannte Hamburger Marschbahn. Sie war eine der drei Bahnstrecken, die in Hamburg zwischen der Elbe im Süden und der Hauptbahn nach Berlin im Norden verliefen. Die anderen waren die Vierländer Bahn und die Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn, die als einzige von ihnen noch existiert. Zwar mehr tot als lebendig, aber es gibt sie. Da diese Bahnen mehr oder minder stark zusammengehören und weil das Portrait über Bergedorf wohl ein wenig länger wird, möchte ich sie schon jetzt vorstellen. Auch die Industriebahn Billbrook gehörte dazu, diese spielt hier aber keine Rolle. Der Text ist ein wenig länger, wer einfach drübergescrollt hat, melde sich bitte!

Die Gegend zwischen der Berliner Bahn, Bergedorf und der Elbe sind die Vier- und Marschlande. Eine Marschlandschaft mit Besiedlung zumeist entlang der Deiche, ein Blumen-, Obst- und Gemüseanbaugebiet. Die Bezeichnung Vierlande nimmt Bezug auf die vier Kirchdörfer Altengamme, Neuengammer, Curslack und Kirchwerder. Direkt südlich der Bahn ist die Gegend mittlerweile mit Wohn- und Gewerbegebieten zugebaut, weiter zur Elbe hin wähnt man sich nicht in einer Millionenstadt. (Wer zuviel Zeit und Sitzfleisch hat, dem sei die Buslinie 124 vom Hauptbahnhof nach Bergedorf empfohlen.) Östlich der Vier- und Marschlande, wo die Geest bis an die Elbe reicht, liegt die Stadt Geesthacht. Sie erhielt am 19. Dezember 1906 mit Eröffnung der Bahnstrecke von Bergedorf aus Eisenbahnanschluss. Der Weltkrieg sorgte bei der Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn (BGE) für Probleme und einen riesigen Aufschwung. Denn sie erschloss eine Pulver- und eine Dynamitfabrik. Beide kriegswichtig, stiegen ihre Arbeiterzahlen. Unter laufendem Betrieb erfolgte der im April 1918 fertiggestellte zweigleisige Ausbau. Umso tiefer war der Fall. 1923 wurde nur noch ein Gleis genutzt. Nachdem sich die finanzielle Situation verschlechtert hatte, wurde die BGE 1931 ins Eigentum Hamburgs überführt. In Bergedorf schloss die BGE an den Staatsbahnhof an. Hierzu war eine enge Kurve mit einem Radius von 80 (nach Höherlegung 100) Metern erforderlich. Im Zuge der Wiederaufrüstung durch Nazi-Deutschland verbesserte sich die Lage der Firma wieder. Ab Januar 1940 gab es, wie schon im Ersten Weltkrieg, direkte Züge von Hamburg nach Geesthacht unter Umgehung des Staatsbahnhofs Bergedorf. Sie führten von Geesthacht weiter bis zur Dynamitfabrik Krümmel. 1941 war das zweite Gleis wiederaufgebaut und zunächst provisorisch, ab 1942 auch dauerhaft, in Betrieb. Im März 1942 begannen die Bauarbeiten für das Anschluss zum Konzentrationslager Neuengamme.
Nach Kriegsende kam der Fall. Allerdings lebten nun viele ausgebombte Hamburger in Geesthacht, so dass er nicht so tief war wie 1918. Ab Sommer 1951 gab es auch wieder direkte Züge nach Hamburg, wenig später kamen hier die neuen Esslinger der BGE zum Einsatz. Die werktäglichen Züge der BGE endeten am Berliner Tor, während die sonntäglichen Ausflugszüge der DB ab Hauptbahnhof fuhren. Gleichzeitig sanken die Fahrgastzahlen, es fuhren mehr und mehr Busse. Diverse Gründe, unter anderem die Weigerung Schleswig-Holsteins, sich am Defizit zu beteiligen, führten zur Einstellung des Reiseverkehrs zwischen Bergedorf und Geesthacht am 26. Oktober 1953. Im Jahr 1955 wurde das zweite Gleis erneut abgebaut. Die Verbindungskurve von der Geesthachter Strecke in den DB-Bahnhof Bergedorf existiert nicht mehr, es besteht nur noch Gleisanschluss in Richtung Hamburg.

Eine erste Strecke durch die Vier-und Marschlande konnte am 30. März 1912 feierlich eröffnet werden. Sie führte in gerader Linie, vorbei an Curslack, Neuengamme und Kirchwerder nach Zollenspieker, kurz vorm Elbeich. Am 16. Mai 1953 fuhr der letzte Reisezug. Güterverkehr gab es noch bis 1961.

Die Hamburgische Marschbahn sollte erst nach dem Weltkrieg verwirklicht werden. Die Arbeiten begannen 1919 als Notstandsmaßnahme. Zunächst wurde der von Hamburg gesehen „hintere” Teil erbaut. Am 12. Mai 1921 ging die Strecke von Geesthacht über Altengamme und Zollenspieker nach Fünfhausen in Betrieb. In Zollenspieker wurde der Bahnhof der Vierländer Bahn erweitert, vom Endbahnhof bis zur Streckenverzweigung war die Strecke zweigleisig. Am 1. Juni 1923 erfolgte die Verlängerung nach Ochsenwerder. Die Verlängerung von dort bis zur Hauptstrecke war kompliziert. Problem war nicht so sehr die Brücke über die Dove Elbe als vielmehr die Überquerung der Gleisanlagen der Reichsbahn. Am 15. Mai 1926 erfolgte die Inbetriebnahme von Ochsenwerder bis Tatenberg, genau ein Jahr später wurde endlich Moorfleet erreicht. Über die Hauptbahn ging es erst ab November 1927, aber nur für den Güterverkehr. Erst ab dem 1. Oktober 1928 gab es Verkehr bis Tiefstack. Gut ging es der Bahn nicht, sie führte zwischen den Siedlungsschwerpunkten entlang. Busse hingegen fuhren die Dörfer direkt an. Anfang Oktober 1932 richtete die Marschbahn einen Haltepunkt Billwerder-Moorfleet ein, der eine Umsteigemöglichkeit zur Reichsbahn schuf. Der Verkehr wurde unter Aufgabe der parallelen Buslinien verbessert. Im Sommer 1936 fuhren werktags 13 sowie an Sonn- und Feiertagen zehn Zugpaare.
Am 14. Mai 1950 endete der Reiseverkehr zwischen Zollenspieker und Geesthacht, am 4. November 1952 auch der Güterverkehr. Zum 1. März 1952 endete auch auf dem Westabschnitt der Marschbahn der Reiseverkehr. 1955/56 endete der Güterverkehr. Somit wurde die Strecke gerade einmal 35 Jahre alt.

Am 7. April 1954 erfolgte die Umbennung der Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn in Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH). Dieses Unternehmen besteht noch heute als reiner Busbetrieb. Denn der Bahnbetrieb der VHH ging im Juni 1956 rückwirkend zum Jahresanfang auf die AKN über. Zwischen Bergedorf Süd, Geesthacht und Krümmel betreibt die Arbeitsgemeinschaft Geesthachter Eisenbahn e.V. auf der Strecke Museumszüge. Ab und an hört man auch mal von Planungen zu einer Reaktivierung der Strecke für den Reiseverkehr. Hier wäre entweder in Nettelnburg ein Umstieg auf die S-Bahn oder eine Führung nach Hamburg hinein erforderlich. Derzeit dürfte Geesthacht mit etwa 31.000 Einwohnern die größte Stadt Schleswig-Holsteins ohne planmäßigen Schienenverkehr sein.


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Damit zurück nach Billwerder-Moorfleet. Der Bahnhof ist der einzige an der Bergedorfer S-Bahn ohne Mittelbahnsteig. Christoph war am 13. April 1991 vor Ort, ich am 5. Juli 2018.


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HH30-01 by Sören Heise, auf Flickr

1 Ein Haus sah aus, als ob es mal ein Bahnhofsgebäude gewesen sein könnte.


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HH30-02 by Christoph Arndt via Sören Heise, auf Flickr

2 Christophs Bild bestätigt meine Vermutung.


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HH30-03 by Christoph Arndt via Sören Heise, auf Flickr

3 Er zeigt uns außerdem, dass der Bahnhof mal einen Mittelbahnsteig hatte. Wir schauen gen Bergedorf, das Empfangsgebäude steht links außerhalb des Bildausschnitts.


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HH30-04 by Christoph Arndt via Sören Heise, auf Flickr

4 Eine Ansicht gen Bergedorf vom Bahnsteig aus. Auffallend ist die Baustelle rechts mitsamt Auto des Stellwerkers und auch der Vorsignalwiederholer fürs doch recht gut sichtbare Signal.


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HH30-05 by Christoph Arndt via Sören Heise, auf Flickr

5 Hier schauen wir gen Hamburg.


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HH30-06 by Sören Heise, auf Flickr

6 Ich korrigiere: Billwerder-Moorfleet ist der einzige Bahnhof an der Bergedorfer S-Bahn mit halbem Mittelbahnsteig.


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HH30-07 by Sören Heise, auf Flickr

7 472 026 ist auf dem Weg nach Osten.


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HH30-08 by Sören Heise, auf Flickr

8 472 036 kommt entgegen.


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HH30-09 by Sören Heise, auf Flickr

9 Der 047 hing hinten dran.


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HH30-10 by Sören Heise, auf Flickr

10 Vor der Brücke über den Unteren Landweg (mit Lkw) befindet sich der separate Zugang zum Bahnsteig.


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HH30-11 by Sören Heise, auf Flickr

11 Werbepause für Zeiten mit geöffneten Läden.


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HH30-12 by Sören Heise, auf Flickr

12 Ansicht gen Hamburg.


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HH30-13 by Sören Heise, auf Flickr

13 Wartehäuschen, nicht dauerhaft.


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HH30-14 by Sören Heise, auf Flickr

14 Und gegenüber präsentiert sich die S-Bahn im vorvorigen Design.


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HH30-15 by Sören Heise, auf Flickr

15 Auf dem „Hausbahnsteig” stehend sehen wir gerade 472 024 gen Bergedorf abfahren. Im Hintergrund der Umschlagbahnhof Hamburg-Billwerder.


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HH30-16 by Sören Heise, auf Flickr

16 Damit wieder nach oben. Hier die Ansicht gen Mittlerer Landweg.


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HH30-17 by Sören Heise, auf Flickr

17 Und hin zum Empfangsgebäude, dessen moderner Anbau hier bedeutend harmonischer wirkt als von der Straßenseite. - Hat jemand von euch schonmal ein Lichtsignalteil als Reminiszenz an die Eisenbahn gesehen? Ich sehe immer nur Formsignalflügel.


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HH30-18 by Sören Heise, auf Flickr

18 Die Fußgängerbrücke.


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HH30-19 by Sören Heise, auf Flickr

19 Der Zugang zum Inselbahnsteig.


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HH30-20 by Sören Heise, auf Flickr

20 Unter Dach und Fach ein Fahrkartenautomat.


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HH30-21 by Sören Heise, auf Flickr

21 Neben dem wachsamen Kameraauge Fahrgastinformationen.


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HH30-22 by Sören Heise, auf Flickr

22 Der Abzweig Billwerder-Moorfleet der Fernbahn wird vom Stellwerk „Rof” ferngestellt, informiert das Schild vor der Umschlagterminallärmschutzwand.


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HH30-23 by Sören Heise, auf Flickr

23 Ein Blick hinüber zum Hausbahnsteig.


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HH30-24 by Sören Heise, auf Flickr

24 Diese Werbepause fällt aus.


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HH30-25 by Sören Heise, auf Flickr

25 Mittlerweile dürfte Signal V 644 schon längst durch Signal 666 ersetzt worden sein. Ob Signal 825 noch steht, ist mir nicht bekannt.


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Viele Grüße
Wolf-Dietmar, Christoph, Carsten und Sören

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Verstehen Sie Bahnhof!
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Danke :-)

Berliner65, Berlin, Mittwoch, 20.01.2021, 16:50 (vor 1890 Tagen) @ Sören Heise

- kein Text -

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Mit Interrail unterwegs ab 03.07.!

Danke auch von mir!

JanZ, HB, Mittwoch, 20.01.2021, 20:19 (vor 1890 Tagen) @ Sören Heise

Danke für das Porträt eines Bahnhofs, den ich bisher nur von der Durchfahrt auf dem Weg nach Bergedorf kenne. Dabei wurde ich unter anderem von einem Briten begleitet, der meinte, dass "Moorfleet" (mit anderer Bedeutung) auch ein englisches Wort sein könnte. Ansonsten bin ich eindeutig pro BGE, zumindest sofern das für "Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn" steht :-D.

Da wird sich auch lange nichts ändern.

J-C, In meiner Welt, Mittwoch, 20.01.2021, 23:03 (vor 1889 Tagen) @ Sören Heise
bearbeitet von J-C, Mittwoch, 20.01.2021, 23:04

Danke für die Reportage über eine weitere Station, die mein Leben geprägt hat... also als Zwischenstopp auf meinem Schulweg.

Will man da aber irgendwann auf Barrierefreiheit setzen?

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

Danke euch!

Sören Heise, Region Hannover, Donnerstag, 21.01.2021, 16:50 (vor 1889 Tagen) @ J-C

Danke für die Reportage über eine weitere Station, die mein Leben geprägt hat... also als Zwischenstopp auf meinem Schulweg.

Wir kommen Deinen jungen Jahren näher.

Will man da aber irgendwann auf Barrierefreiheit setzen?

Bestimmt.

@JanZ: Ein klitzekleiner Abstecher zur BGE kommt, wenn es an der Zeit ist.


Viele Grüße
Sören

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