[IL] Erste Fahrt unter Corona-Bedingungen (Reiseberichte)

Christian_S, Mittwoch, 22.07.2020, 21:05 (vor 2072 Tagen)

Hallo zusammen!

Ein (nahezu) freier Tag erlaubte mir heute meine erste Zugfahrt seit rund 5 Monaten im Netz der israelischen Bahn - und somit die erste Fahrt unter Corona-Bedingungen.

So buchte ich gestern Abend auf der Webseite der Bahn meinen Voucher für einen bestimmten Zug. Das funktioniert prima, man muss nur Personalausweisnummer und Telefonnummer eingeben, Zug auswählen und bekommt binnen weniger Minuten den Voucher aufs Telefon. Soweit, so gut.

Heute früh dann bekam ich eine SMS, das mein Zug aufgrund einer technischen Störung statt in Beer Sheva Merkaz erst in Beer Sheva Nord beginnt und wann denn der nächste Zug nach Tel Aviv ab Beer Sheva Merkaz fährt. Nun, für jemanden, der eine Fahrt von Haifa nach Karmiel gebucht hat ist das eher weniger interessant, aber gut, man freut sich ja über jede Info. So war es auch gleich eine Art Vorzeichen, denn als ich auf dem Weg zum Bahnhof war, ging die nächste SMS ein: Der Zug endet wegen technischer Störung heute bereits in Kiryat Motzkin, nächste Fahrtmöglichkeit so und so ...

Am Bahnhof Chof HaKarmel (zu deutsch: Carmel-Strand) dann noch vor dem Betreten des Bahnhofsgebäudes die Voucherkontrolle, dauerte keine 10 Sekunden. Im Bahnhof selbst ist dann alles normal, am Schalter kaufte ich meine Fahrkarte und fragte die Dame am Tresen, ob ich denn auch gleich von hier aus den 17 Minuten späteren Zug nehmen kann, da mein gebuchter Zug ab Kiryat Motzkin ausfällt und ich da dann eh auf diesen warten müsste. Sie bejahte und bedanke sich für meine Nachfrage - womit sie wohl wusste, das ich kein Israeli bin ;-)

Also hatte ich noch etwas Zeit und schlenderte im vergleichsweise leeren Bahnhof umher. Selbst in die Züge Richtung Tel Aviv stiegen kaum mehr als 20 Leute zu - normalerweise (ohne Corona) sind es 3-4 mal soviele.
Mein Zug begann seine Fahrt in Chof HaCarmel, also stieg ich bereits vorher zu und machte es mir im ersten Wagen hinter der Lok bequem. In Haifa Merkaz kamen dann weitere Fahrgäste hinzu, aber mehr als 8 Leute waren wir nie im Großraumwagen - trotz Ausfall des vorherigen Zuges.

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Der Bahnhof Kiryat Motzkin hat noch etwas irgendwie anheimliches, leicht historisches :-)

In Sichtweite des alten Hafens von Akko dann verzweigt sich die erst vor 2 Jahren eröffnete Strecke Richtung Karmiel von der Hauptstrecke Haifa-Naharija. Der Abzweig ist höhengleich, aber immerhin mit 80 km/h befahrbar. Die anschließende Strecke nach Karmiel lässt dann 160 km/h zu. Sie verläuft bis zum Haltepunkt Achihud relativ ebenerdig, danach steigt sie kontinuierlich an. Kurz hinter Achihud folgt ein Blocksignal, dann geht es in einen kilometerlangen Tunnel, der erst ca 3 km vor dem Bahnhof Karmiel endet. Es dürfte nach den Tunnels der Jerusalem-NBS der längste Tunnel im Netz der israelischen Bahn sein.

Mit 3 Minuten vor Plan kam ich in Karmiel an.

Der Bahnhof Karmiel hat 4 Bahnsteiggleise. Eine Bedienung im Güterverkehr gibt es nicht, westlich des Bahnhofs wären aber Möglichkeiten für Anschlussgleise vorhanden.

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Blick Richtung Osten, ein Weiterbau ist eher unwahrscheinlich, wie man sieht ;)

Vor dem Verlassen des Bahnhofs suchte ich noch sehr sauberen und gepflegten sanitären Einrichtungen auf, ein wirklich positives Beispiel. Hoffentlich bleibt das so.
Im Bahnhof selbst gibt es nichts weiter außer einem Fahrkartenschalter und einem kleinen Kiosk.

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Der Bahnhof von außen, auf dem Areal des Busbahnhofes.

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Blick von östlich des Bahnhofs, auch die Landschaft ist dort großartig!

Karmiel selbst ist nur eine Kleinstadt, daher ist der Bau einer zweigleisigen Strecke dorthin mit langem Tunnel eher erstaunlich. Jedoch wird natürlich auch das Umland erschlossen, auch zahlreiche arabische Dörfer der Gegend erhalten somit Anschluss an das israelische Bahnnetz. Ein großer Park and Ride Parkplatz ergänzt das Bahnhofsareal.

Das soweit zu meiner heutigen Fahrt. Eine Rückfahrt per Bahn gab es nicht, ich verließ Karmiel per Bus Richtung Afula.

Viele Grüße

Toller Bericht, schöne Bilder, Danke!

Proeter, Mittwoch, 22.07.2020, 22:29 (vor 2072 Tagen) @ Christian_S

Danke für den schönen Bericht aus einer Ecke, die hier selten in Reiseberichten vertreten ist. Wenigstens versorgst du uns ja zuverlässig mit News über das dynamische Ausbaugeschehen. :-) Bei der Ereignisdichte für mich nicht wundern, wenn du uns bald den Baubeginn für Strecken nach Eilat und zum Toten Meer vermeldest. ;-)

Zum Bericht: Bleibt nur zu hoffen, dass der ganze Laden nicht ob der geringen Auslastung wieder dicht gemacht wird für ein paar Wochen.

Toller Bericht, schöne Bilder, Danke!

Christian_S, Donnerstag, 23.07.2020, 06:16 (vor 2071 Tagen) @ Proeter

Bei der Ereignisdichte für mich nicht wundern, wenn du uns bald den Baubeginn für Strecken nach Eilat und zum Toten Meer vermeldest. ;-)

Das können vielleicht meine Enkel eines Tages vermelden - ich (aktuell Mitte 30) werde das definitiv nicht mehr erleben ;-)


Zum Bericht: Bleibt nur zu hoffen, dass der ganze Laden nicht ob der geringen Auslastung wieder dicht gemacht wird für ein paar Wochen.

Ist zum Glück nicht zu befürchten. Zur HVZ sind die Züge inzwischen wieder einigermaßen gut gefüllt und auch so würden Streichungen ja die ganzen Investitionen ad absurdum führen.

Schön mal was anderes zu sehen

Rudi, Donnerstag, 23.07.2020, 07:40 (vor 2071 Tagen) @ Christian_S

Ich komme selbst so ein, zwei mal zum Bahnfahren in Israel, beschränkt sich aber auf die Hauptstrecke Tel Aviv - Haifa. Da ist es gut mal was anderes zu sehen!

Schön mal was anderes zu sehen

Proeter, Donnerstag, 23.07.2020, 09:28 (vor 2071 Tagen) @ Rudi

Ich komme selbst so ein, zwei mal zum Bahnfahren in Israel, beschränkt sich aber auf die Hauptstrecke Tel Aviv - Haifa. Da ist es gut mal was anderes zu sehen!

Da schließ ich mich an.
Und wenn der Christian mal auf der Suche nach neuen Abenteuern ist, wie wäre es mal mit einem Reise-/Fotobericht der Wüstenstrecke nach Dimona? Das wär doch mal eine Herausforderung, nicht wahr?

Schön mal was anderes zu sehen

Christian_S, Donnerstag, 23.07.2020, 13:47 (vor 2071 Tagen) @ Proeter

Da schließ ich mich an.
Und wenn der Christian mal auf der Suche nach neuen Abenteuern ist, wie wäre es mal mit einem Reise-/Fotobericht der Wüstenstrecke nach Dimona? Das wär doch mal eine Herausforderung, nicht wahr?

Hehe, die Strecke hat was, ist aber halt recht weit entfernt für mich. Vielleicht mache ich auf dem Weg nach Eilat mal Pause entlang der Strecke. Geht aber nur, wenn meine Frau nicht dabei ist ;-)

Ich muss wirklich erstmal nachschauen, ob zwischen Beer Sheva und Dimona zur Zeit überhaupt Personenverkehr stattfindet. Der war ja - zusammen mit Lod - HaRishonim und und Bet Shemesh - Jerusalem-Malcha schon vor der Corona-Gesamtpause eingestellt.

Güterverkehr gibts da natürlich nicht gerade wenig, aber aufgrund der eingleisigen Strecke dürfte es teils recht lange Wartezeiten geben. Na mal schauen, die Wüstenlandschaft dort ist auf jeden Fall interessant :-)

Be'er Sheva - Dimona

Proeter, Donnerstag, 23.07.2020, 14:01 (vor 2071 Tagen) @ Christian_S

Güterverkehr gibts da natürlich nicht gerade wenig, aber aufgrund der eingleisigen Strecke dürfte es teils recht lange Wartezeiten geben.

Am Güterverkehr haben sich sogar bereits einige Bahn-Fotografen versucht, aber Fotos von Personenzügen (weder innen noch außen) auf der Strecke sind gar nicht zu finden. Manchmal dachte ich schon, das sei ein Phantom.

Na mal schauen, die Wüstenlandschaft dort ist auf jeden Fall interessant :-)

Verlass dich drauf (falls du noch nicht da warst). Ich war sogar schon ein paar Mal ganz dicht drin, aber mit den Fahrzeiten hat's leider kein Mal geklappt. :-(

Be'er Sheva - Dimona

Christian_S, Donnerstag, 23.07.2020, 19:59 (vor 2071 Tagen) @ Proeter


Am Güterverkehr haben sich sogar bereits einige Bahn-Fotografen versucht, aber Fotos von Personenzügen (weder innen noch außen) auf der Strecke sind gar nicht zu finden. Manchmal dachte ich schon, das sei ein Phantom.

Ich hab jetzt mal im Fahrplan nachgeschaut und siehe da: es gibt wieder Personenverkehr zwischen Beer Sheva und Dimona! 3 Zugpaare am Tag - morgens zwei, nachmittags eines.

Verlass dich drauf (falls du noch nicht da warst). Ich war sogar schon ein paar Mal ganz dicht drin, aber mit den Fahrzeiten hat's leider kein Mal geklappt. :-(

Doch doch, bin dort schon öfter per Auto oder Bus entlang gefahren, parallel zur Strecke, die ja im Gegensatz zur Straße zahlreiche Bögen ausfährt.
Sonntag komme ich dort wieder entlang, wohl aber außerhalb der Personenzugfahrzeiten :-(

Sehr schön! Danke! :)

sflori, Donnerstag, 23.07.2020, 11:39 (vor 2071 Tagen) @ Christian_S

- kein Text -

[IL] Erste Fahrt unter Corona-Bedingungen

Barbara, Donnerstag, 23.07.2020, 12:30 (vor 2071 Tagen) @ Christian_S

Danke für den Bericht. Aber der Bahnhof Karmiel ist ein grausiges Betonloch.....

[IL] Erste Fahrt unter Corona-Bedingungen

Christian_S, Donnerstag, 23.07.2020, 13:48 (vor 2071 Tagen) @ Barbara

Danke für den Bericht. Aber der Bahnhof Karmiel ist ein grausiges Betonloch.....

Das sind nahezu alle neuen Bahnhöfe heute. Funktionsbauten eben. Aber innen wirklich tiptop!

Kamiel dürfte ein Ergebnis der Siedlungspolitik sein ...

Der Blaschke, Bissendorf-Wissingen, Donnerstag, 23.07.2020, 19:22 (vor 2071 Tagen) @ Christian_S
bearbeitet von Der Blaschke, Donnerstag, 23.07.2020, 19:23

Hey!

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Blick Richtung Osten, ein Weiterbau ist eher unwahrscheinlich, wie man sieht ;)

Hehe, erinnert mich an die Dame im Tunnel-Sackbahnhof Hannover Fluchthafen und ihre Frage, in welche Richtung der Zug gleich fahre ...

Karmiel selbst ist nur eine Kleinstadt, daher ist der Bau einer zweigleisigen Strecke dorthin mit langem Tunnel eher erstaunlich.

Na ja, Wiki schreibt davon, dass das mal 120.000 Einwohner werden sollen. Und dass das Kaff den Status einer Entwicklungsstadt hat. Außerdem erwähnt Wiki einen jahrzehntealten Entwicklungsplan für Galiläa.

Wenn ich mir die Lage der Stadt so anschaue, dann ergibt das auch Sinn. Oben der Libanon, rechts die Golanhöhen, unten das Westjordanland - da ist es schon sinnvoll, möglichst viele Landsleute dort anzusiedeln. Nicht dass da wer Ländereien erobert und das merkt man dann erst 2 Tage später ...

Die Bahnstrecke dürfte also nach meiner Auffassung Teil der Siedlungspolitik Israels sein.

Womit ich den Beitrag enden lasse - nicht, weil ich dazu nix meinen würde oder gar 'kneife' - aber wir sind ja ein Bahnforum.


Schöne Grüße von jörg

Bißchen weit hergeholt

Christian_S, Donnerstag, 23.07.2020, 19:52 (vor 2071 Tagen) @ Der Blaschke


Na ja, Wiki schreibt davon, dass das mal 120.000 Einwohner werden sollen. Und dass das Kaff den Status einer Entwicklungsstadt hat. Außerdem erwähnt Wiki einen jahrzehntealten Entwicklungsplan für Galiläa.

Aus diesem Aspekt heraus macht eine Anbindung ans Schienennetz sicher Sinn.
Auch deutsche Städte waren früher mal deutlich kleiner und wurden trotzdem ans Schienennetz angeschlossen.


Wenn ich mir die Lage der Stadt so anschaue, dann ergibt das auch Sinn. Oben der Libanon, rechts die Golanhöhen, unten das Westjordanland - da ist es schon sinnvoll, möglichst viele Landsleute dort anzusiedeln. Nicht dass da wer Ländereien erobert und das merkt man dann erst 2 Tage später ...

Die Bahnstrecke dürfte also nach meiner Auffassung Teil der Siedlungspolitik Israels sein.

Ähm also das ist jetzt ein bissl sehr weit hergeholt. Der Libanon hat damit wohl gar nichts zu tun, die Grenze ist international anerkannt (auch von Deutschland - jawohl!).
Der Golan liegt rund 40 km weiter östlich und hat sowohl siedlungsstrukturell als auch verkehrstechnisch nichts mit Karmiel zu tun.
Das Westjordanland ist sogar mehr als 50 km von Karmiel entfernt, auch da gibts weder strukturelle noch verkehrstechnische Verknüpfungen.

Ist also eher eine leicht krude Blaschke-Theorie. Ungefähr so, als würdest Du bei Städten wie Görlitz, Passau oder Freiburg das Wachstum wegen ihrer Nähe zu Polen, Tschechien, Österreich, der Schweiz bzw Frankreich als territoriale Festigung bzw Siedlungspolitik auslegen. Frei nach dem Motto: hier ist Deutschland, merkt euch das! ;-)

Und jetzt bitte zurück zur Eisenbahn ...

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