Mont Blanc & Chablais 5/7: der Fluss (40 B) (Reiseberichte)

TD, Samstag, 23.05.2020, 16:24 (vor 2083 Tagen)

Hallo zusammen,

willkommen zum fünften Teil unserer Rundfahrt zwischen Genfersee, Mont Blanc und Chablais. Im vierten Teil waren wir von Chamonix nach Le Châtelard gefahren und hatten einen Ausflug mit den Schienenbahnen von VerticAlp zum Lac d’Emosson unternommen.

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Wir haben noch immer den dritten Reisetag und setzen die Tour nun am Haltepunkt Le Châtelard VS fort. Während es in den letzten Teilen sehr touristisch zuging, widmen wir uns nun dem Alltag mit Regelzügen.
Parallel ist heute ein Reisebericht von Math5D mit ähnlichen bis identischen Zielen erschienen. So gibt es heute im Forum eine geballte Ladung Chablais - wahlweise mit Sommer- oder Winteransicht.


Tag 3b: Le Châtelard VS – Martigny - Saint-Gingolph – Collombey/Corbier - Aigle - Leysin

Wir sind nun wieder an der Meterspurstrecke der Martigny-Châtelard-Bahn. Mit dem nächsten Zug der Transports de Martigny et Régions (TMR) fahren wir hinab nach Martigny im Rhonetal.

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Die Strecke verläuft zunächst hoch am Berghang. In diesem für Fußgänger unzugänglichem Gebiet wurde vorläufig auf die Umstellung auf eine Oberleitung verzichtet, so dass der Zug hier den Strom aus der Stromschiene bezieht. Wir bewegen uns rund 1.200 Meter über dem Meer, es gibt hier zahlreiche Tunnel und Galerien.

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Der Bahnhof Finhaut präsentiert sich sehr gepflegt, hier werden die Fahrgäste sogar mit Blumenschmuck begrüßt. Die Strecke führt weiterhin hoch oben am Berghang entlang, wir sind nun im Vallée du Trient, benannt nach dem Bergbach Trient. Zwischen den Orten Finhaut und Le Trétien bietet die Bahn die einzige Direktverbindung, es gibt keine Straße im Tal.

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Der Ort Salvan liegt auf einer Geländeterrasse über dem Trienttal. Zwischen Salvan und Vernayaz folgt ein Zahnstangenabschnitt. Die Strecke windet sich dann hinab ins Rhonetal, fast 480 Höhenmeter geht es auf einem kurvenreichen Abschnitt hinunter.

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Das letzte Bild aus dem fahrenden Zug geht flussabwärts ins Rhonetal. Dort unten werden wir später dem Fluss zum Genfersee folgen. Zunächst fahren wir aber noch mit der TMR in entgegengesetzter Richtung bis zum Endbahnhof Martigny.

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Martigny kennen wir schon von einem frühen Besuch, insofern nutzen wir die Zeit bis zur Weiterfahrt, um den Reiseproviant aufzufüllen. Der Bahnhof Martigny liegt an der Simplonbahn Lausanne-Brig, außerdem starten hier die Züge der TMR nach Orsières/Le Châble und eben der Mont-Blanc-Express nach Le Châtelard.

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Wir fahren mit einem Regionalzug nach Saint-Gingolph. Die Züge werden von der Gesellschaft RegionAlps betrieben, ein Gemeinschaftsunternehmen von SBB, TMR und dem Kanton Wallis. Auf der Hauptstrecke durch das Rhonetal werden NPZ-Domino-Züge mit rot-weißer Lackierung eingesetzt. Am rechten Bildrand steht der Saint-Bernard Express, den haben wir in diesem Reisebericht schon besucht.

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Die Sitzanordnung in der ersten Klasse ist etwas eigenwillig, für einen Vierer war der Platz wohl zu knapp. Aber immerhin: solange der Zug leer ist, hat man einen vorzüglichen Blick - aus dem gegenüberliegenden Fenster.

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Wir fahren nun durch das Rhonetal Richtung Genfersee. Anfangs nutzt der Zug noch die Simplonstrecke, bei Saint-Maurice teilt sich dann die Strecke. Während der Fernverkehr dort auf die andere Seite der Rhone wechselt, fährt der Regionalzug weiter westlich des Flusses.

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Die letzte Etappe führt am Ufer des Genfersees in Richtung der schweizerisch-französischen Grenze. Hier fahren wir an der Strandpromenade bei Le Bouveret. Hinter dem weißen Gebäude rechts der Bildmitte mündet die Rhone in den Genfersee.

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Schließlich sind wir in Saint-Gingolph angekommen. Bis 1569 war das ein Ort am Genfersee, dann kam es zu einer Grenzverschiebung zwischen der Schweiz und Frankreich, wodurch der Gebirgsbach Morge die neue Grenze bildete. Und dieser Fluss floss mitten durch Saint-Gingolph – somit wurde der Ort geteilt und es gibt heute zwei Orte mit dem Namen Saint-Gingolph, nämlich das schweizerische und das französische Saint-Gingolph. Die Zugfahrt endet auf der schweizerischen Seite, hier sind wir am Straßenübergang zwischen den beiden Orten, rechts ein Oberleitungsmast der Bahnstrecke.

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Die eigentliche Grenze ist aber hier, wir stehen auf der Brücke über der Morge. Bezüglich der Fahrbahnmarkierung gibt es offenbar noch Verbesserungsbedarf in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Ich hatte den Grenzverlauf auch erst hinterher richtig verstanden und dachte zunächst, die Grenze würde auf Höhe des Grenzkontrollstelle verlaufen. Das „böse Erwachen“ gab es dann in dem Geschäft in der Bildmitte, wo für das Eis schweizerische Preise aufgerufen wurden. Das nächste Bild zeigt die Kapelle der Heiligen Familie.

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Wir drehen jetzt noch eine kleine Runde am Ufer des Genfersees und machen uns anschließend wieder auf den kurzen Weg zur Bahnstation.

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Wir stehen hier am Ende des Bahnsteigs, unter der Brücke fließt der Grenzbach. Auf dem weißen Schild oben auf der Brücke steht „Frontiere“ (Grenze). Die Bahnlinie führt weiter am Genfersee entlang nach Évian-les-Bains. Vielleicht erinnert Ihr euch, dort waren wir im ersten Teil des Reiseberichts. Diese Strecke wird auch „Tonkin-Linie“ genannt, weil die Arbeiter hier ähnliche geologische Bedingungen gefunden hatten wir beim Bau der Tonkinbahn in Indochina. Die Strecke ist seit längerer Zeit nicht mehr im Betrieb. Eine zwischenzeitlich geplante Umwandlung in einen Radweg konnte abgewendet werden, mittlerweile gibt es Bestrebungen für eine Wiederinbetriebnahme als „RER Sud Leman“. Dann kann man den Genfersee wieder auf direktem Weg auf Schienen umfahren und braucht nicht – so wie wir – den Bogen über Chamonix zu machen. Wir drehen uns einmal um...

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...und sehen den Bahnsteig von Saint-Gingolph. Das ist noch der gleiche Zug, mit dem wir hier angekommen waren. Der Zug hat hier eine Dreiviertelstunde Wendezeit. Die Tonkin-Linie war ursprüngliche als internationale Transitstrecke geplant, dann wurde jedoch die Verbindung über Lausanne früher fertig und die Strecke verlor an Bedeutung. Einen Aufschwung erlebte die Strecke im Zweiten Weltkrieg, zu jener Zeit war sie die einzige offene Eisenbahnverbindung zwischen Frankreich und der Schweiz.
Wir fahren nun am Ufer des Genfersees zurück ins Delta des Rhonetals.

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Auf der Rückfahrt fahren wir nur bis Collombey. Dort kreuzt die SBB-Strecke die Meterspurstrecke der Aigle-Ollon-Monthey-Champéry-Bahn. Die Fahrplanauskunft sagt, dass in 6 Minuten Fußweg die Haltestelle Corbier an eben jener Bahn läge. Entweder gibt es keinen Wegweiser oder wir sehen ihn nicht und irren erst etwas herum, bis wir doch den Weg finden...

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...rechtzeitig bevor der Zug nach Aigle kommt. Die Aigle-Ollon-Monthey-Champéry-Bahn gehört heute zur Transports Publics du Chablais (TPC). Der Rest unserer Reise wird sich nun überwiegend auf dem Meterspurnetz der TPC bewegen.

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Mit dem Stadler-Triebwagen fahren wir nun durch die Ebene des Rhonetals zur anderen Talseite. Zur Strecke der Aigle-Ollon-Monthey-Champéry-Bahn schreibe ich jetzt nicht so viel, denn am nächsten Reisetag werden wir diese Strecke auf der gesamten Länge befahren. Wir erreichen nun gleich die Südhanglage des Rhonetals bei Ollon, wo in geschützter Lage auch Wein gedeiht.

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In Aigle steigen wir das letzte Mal um an diesem Tag. In Aigle ist der Sitz der TPC, hier haben drei der vier Bahnen der TPC ihren Ausgangspunkt, nämlich die Aigle-Sépey-Diablerets-Bahn (kennen wir schon, das ist der oben verlinkte Reisebericht), die Aigle-Ollon-Monthey-Champéry-Bahn (nehmen wir uns für den nächsten Reisetag vor) und die Aigle-Leysin-Bahn, auf die wir es heute abgesehen haben.

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Die Aigle-Leysin-Bahn (AL) startet auf dem Bahnhofsvorplatz und führt anfangs in Straßenlage durch den Ort Aigle.

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Die Bahn fährt dann ins Depot, das als Spitzkehre fungiert. Diese Stelle markiert auch einen Wechsel des Streckencharakters, während wir bisher straßenbahnähnlich unterwegs waren, beginnt nun eine Zahnradstrecke hinaus aus dem Rhonetal.

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Die Bahn gewinnt jetzt deutlich an Höhe und erklimmt den Hang über dem Tal des Flusses Grand Eau. Auf der gegenüberliegenden Talseite verläuft die Strecke der Aigle-Sépey-Diablerets-Bahn. Die Maximalsteigung auf dem Zahnstangenabschnitt beträgt 230 Promille, auch der Bahnhof Leysin-Village liegt in der Steigung.

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Wir fahren noch weiter bis zur Endstation Leysin-Grand-Hôtel. Hier noch ein Blick über die Dächer von Leysin, bevor der Zug im Kehrtunnel zur Endstation verschwindet. Von Aigle bis zur Endstation überwindet der Zug über 1.000 Höhenmeter.

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Wir übernachten in Leysin und drehen nun eine kleine Runde durch den Ort, hier die Kirche Saint-Nicolas aus dem Jahr 1445. Der Ort liegt in den Waadtländer Voralpen auf einer Terrasse hoch über dem Tag der Grande Eau.

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Leysin war früher ein Luftkurort mit zahlreichen Sanatorien und war international als Behandlungsort für Tuberkulose bekannt. Der medizinische Fortschritt mit anderen Behandlungsmethoden führte zunächst zu einem Niedergang, später entwickelte sich der 4.000-Einwohner-Ort zu einem Touristik- und Sportzentrum.

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Und damit sind wir am Ende dieses Teils angelangt. In den nächsten Tagen folgt Teil 6, dann fahren wir wieder hinab nach Aigle und widmen uns weiteren Meterspurstrecken in der Region.

Viele Grüße und einen schönen Sonntag

Tobias

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[image] "Fensterplatz, bitte." - Meine Bahnreiseberichte.de.| instagram.com/fensterplatz.bitte/


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