[CN] Reisebericht:Highspeed zwischen Shanghai&Nanjing TEIL1 (Reiseberichte)

Sibirjak, Berlin, Sonntag, 29.12.2019, 13:04 (vor 2278 Tagen)

Moin Ihr Freunde des gemütlichen Hochgeschwindigkeitsverkehrs,

Im Dezember musste ich beruflich nach China / Shanghai und dachte mir, ich nutze meinen einzigen freien Tag vor Ort mal mit bisschen Zugfahren - und möchte euch hier kurz davon berichten und meinen Einstand in euer schönes Forum liefern.

Der 30km lange Transfer vom Flughfafen Pudong in die Innenstadt wurde traditionell im dem Transrapid - in China Maglev genannt - zurückgelegt.
Für 50RMB (ca 6€) ist es ganz lustig sich mal auf 430km/h beschleunigen zu lassen und macht definitiv mehr Spaß als die überfüllte U-Bahn.
Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass ich besonders vom Fahrgefühl und der Laufruhe enttäuscht bin:
Klar - der Gerät ist 17 Jahre alt und brettert da jeden Tag durch die Walachei , aber mit gemessenen 91dB im Fahrzeug und einer so starken Vibration der Karosserie, dass man nicht definitiv nicht ruhig stehen oder schlafen kann, ist es schwer, fachfremden Personen die „Zukunft des Hochgeschwingkeitsverkehrs“ zur vermitteln.
Aber was solls - trotzdem schön, dass Sie sich damals zur Expo durchgerungen und bei den Deutschen eingekauft haben.

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Ankunft im Bahnhof Longyang Road nach 7min Fahrzeit

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Blick auf die Trasse Richtung Pudong Airport.
Aufgrund des sandigen Bodens mussten einige der Stelzen bis zu 80m tief im Boden verankert werden.
Die gesamte Beton-Fahrbahn kann hydraulisch nachgeregelt werden um kleine Erdbeben/tektonische Versetzungen auszugleichen.

Anschließend ging es in die Metro:
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Leider hatte mir keiner gesagt, dass die U-Bahn unter der Woche zwischen 7-9Uhr und 16-18Uhr für Normalos fast nicht nutzbar ist, besonders wenn man sich nach 3 überfüllten Bahnen einfach in die nächste reinprügelt. Selbstverständlich mit 2 Koffern.
Habe auf der 2h Fahrt ins Hotel auf jedenfall einige neue Chinesische Beleidigungen kennengerlernt und wurde böser Teil so mancher WeChat-Story der Chinesen.
Naja, seit dem freue ich mich jedesmal wenn ich in Berlin in die BVG steigen darf - aber man muss zugeben, dass die auch nicht mehr als 13 Millionen Menschen am Tag befördern, sondern knapp 3 Millionen..
Fahrzeugmässig sind ganz stark Alstom, Siemens und Adtranz verteten - komischerweise habe ich in den zwei Wochen kein chinesisches Rollmaterial in der Metro gehabt.
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Jetzt aber zurück zu dem Thema warum wir eigentlich hier im Forum sind: Hochgeschwindkeitsverkehr.
Vor der Reise habe ich mir bei www.chinahighlights.de zwei Zugtickets gebucht - mit den zugesendeten Ticketnummern und meinem Reisepass konnte ich diese Tickets dann vor Ort am Bahnhof abholen.
Natürlich dürfen die Ausländer nicht an die unzähligen Automaten gehen, weil der Pass dort nicht gelesen werden kann. Stattdessen gehts zum internationale Schalter - der natürlich kein Englisch spricht. Macht Sinn.
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Als erste Fahrt habe ich mir den „schnellsten Zug Chinas“ rausgesucht - den G4 der zwischen Shanghai - Peking verkehrt; Ich fahre jedoch nur bis Nanjing.
G gibt die Zugklasse an und steht für Hochgeschwindigkeitszüge und die Linien G1 bis G9 sind die „Sprinter“ des Landes, die ggü. den anderen Zügen nochmals beschleunigt sind und weniger halten.
Reisen in den G-Zügen haben immer eine verpflichtende Sitzplatzreservierung - mein Ticket ist für die 1. Klasse und kostet mit 229,5RMB zirka 28€.
Ich starte am Bahnhof Shanghai Hongqiao, der beim gleichnamigen Flughafen gelegen ist und an dem nur Hochgeschwindigkeitszüge starten.
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Nach ausführlicher Sicherheitskontrolle mit gründlichen Abtasten aller erogenen Zonen war ich dann auchschon drin: Im vermutlichen größten Bahnhof der Welt. 30 über 400m lange Bahnsteige und 210.000 Passagiere am Tag.
Auf den riesigen LED-Flächen findet man seinen Zug und den passenden Checkin-Schalter:
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Zwischen 7Uhr und 22Uhr verlässt durchschnittlich aller 4min ein Highspeed-Zug den Bahnhof.

Dort wird dann brav gewartet bis der der Zug kommt und der Zugang zum Bahnsteig gewährt wird, denn alles ist wie überall mit eindrucksvoller Gesichtserkennung Videoüberwacht; Und wer aus der Reihe tanzt, dessen Score sinkt natürlich. #yolo
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Planmäßige Abfahrt des G4 ist 14Uhr - die Gates werden aber erst 13:54 geöffnet und anschließend nochmal alle Fahrkarten und Ausweise kontrolliert. Und der Zug ist mit 1283 Personen bis auf den letzten Platz ausgebucht. Deshalb passiert wohl das schlimmste was es in China gibt: Eine Verspätung eines G-Zugs. Erst um 14:06 schließen sich die Türen des 440m langen FUXING genannten CR400AF des chinesischen Herstellers CRRC. Der CN: Lokführer begrüsst alle Fahrgäste im G4, legt den Hebel auf den Tisch und direkt prügeln brutale 19.200.000 Watt ins Kreuz.
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Vor uns liegen knapp über 300km bis Nanjing und wir befahren durchgehend ohne Unterwegshalt die Hochgeschwindigkeitsstrecke.

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Die ausgebuchte 2. Klasse mit einer 2+3 Bestuhlung.
Wir reisen in der 1. Klasse mit einer 2+2 Bestuhlung und sehr bequemen Stoffsitzen.
Die kleine Dame in Rot bringt schönes Catering (im Fahrpreis inkludiert) und kontrolliert bei mir sicherheitshalber nochmal den Pass - alle anderen müssen den nicht zeigen. Aber Hey - kann mir gut vorstellen, dass wir Europäer für die alle gleich aussehen :D
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Ich wähle natürlich die Blaschi-Gedenk-Cola und lass mir die dazugehörigen Schildkröten-Ohren ordentlich schmecken.

Sowohl der CR400AF hat einen "Designspeed" von 400km/h, als auch die komplette Strecke Shanghai - Peking.
Dennoch wurde direkt nach Eröffnung die normale Reisegeschwindigkeit wieder auf 350km/h reduziert; Hauptsächlich aufgrund des enormen Verschleisses und des Energieverbrauchs. Bei 400km/h verbraucht das Fahrzeug fast doppelt soviel Energie wie bei 300km/h. Mittlerweile (mein lokaler Kollege sagte seit Juni 2018) dürfen die G1-G9 Züge jedoch wieder ihre Vmax ausfahren um Verspätungen aufzuholen - und dieses Glück hatten wir:
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400km/h schaffen wir leider nicht ganz, mehr als 387km/h habe ich nicht entdecken können - aber die Laufruhe bei dieser Geschwindigkeit ist eindrucksvoll. 72dB Lautstärkepegel in der ersten Klasse - also vergleichbar mit einem ICE-T bei 200km/h.
Energetisch gesehen also 1/80 als der Transrapid bzw 80x Leiser!

Direkt neben uns verlaufen häufig andere Strecken - zwischen Shanghai und Suzhou verlaufen auf dem ersten 100km sogar 4x Gleise für 350km/h nebeneinander. Und so kommt es häufig vor, dass wir andere G-Trains mit minimalem Geschwindigkeitsunterschied überholen:
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Schließlich kommen wir nach 53min in Nanjing South-Station an. Chapeau! 1min vor Plan.
In Nanjing haben wir 1h Aufenthalt bevor es wieder nach Shanghai zurückgeht.


WEITER IN TEIL 2

[CN] Reisebericht:Highspeed zwischen Shanghai&Nanjing TEIL2

Sibirjak, Berlin, Sonntag, 29.12.2019, 13:05 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

In Nanjing haben wir 1h Aufenthalt bevor es wieder nach Shanghai zurückgeht.
Auch hier ist der reine Hochgeschwindigkeitsbahnhof wieder eindrucksvoll - aber ist halt auch ein Städtele mit 8,3 Mio. Einwohnern. [image]

Für die Rückfahrt nach Shanghai habe ich diesmal einen langsameren G-Train gewählt, aber dafür die BusinessClass gebucht.
Wir fahren mit einem Siemens CRH3C der auf dem deutschen ICE3 basiert aber nochmals überarbeitet wurde: 400m länge, 18,4MW Stundenleistung, 380km/h Vmax.
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In der Business Class, die jeweils in den Endwagen des Triebzuges ist gibt es 11+4 Sitze:
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Die Sitze lassen sich zu einer komplett ebenen Liegefläche ausbreiten und haben eine Massagefunktion (ohne HappyEnd).
Zu jeder Zeit kann man bei den beiden Damen in Rot warme&kalte Speisen&Getränke bestellen - nach 2min Bestellversuchen gebe ich aber auf. Ist halt nicht so einfach wie gedacht, wenn man der einzige im Wagen ist der Englisch spricht...
Die Rückfahrt verläuft entspannt - 3 Zwischenhalte, 320km/h Höchstgeschwindigkeit und so kommen wir nach 80min wieder in Shanghai an.

Nun bleiben mir nurnoch zwei Fragen:
1. Möchte man in einem Land leben, dass den schnellsten Hochgeschwindigekeitsverkehr der Welt hat, der wirklich gut funktioniert und gut genutzt wird, aber ansonsten eine Katastrophe ist? Eine Luft, die man ohne Atemschutz nicht atmen kann, ein Internet, dass eher ein Intranet ist, und eine 24/7 Videoüberwachung, die dann auchmal dazu führt, dass man die lokale Polizei in seinem Hotelzimmer trifft... Ich glaube nein. Da düse ich lieber mit entspannten 200km/h durch Deutschland und fühle mich nicht wie in der DDR.

2. Da haben die schon die schnellsten Züge. Und alles funktioniert. Und keine Verspätung. Und warum machen die dann immernoch Werbung mit unseren Deutschen Zügen?
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Das war er: Mein erster Reisebericht für euch.
Ich danke für euren täglichen Input an BahnInfos & Wissen und wünsche nen guten Rutsch.
Wer noch fragen hat darf sich gerne melden ;)

Grüßle
Richard

Danke für den tollen Bericht!

Altmann, Sonntag, 29.12.2019, 13:17 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

- kein Text -

Willkommen und herzlichen Dank!

Power132, Sonntag, 29.12.2019, 14:16 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

Typisch China. Alles zwei Nummern größerer als der gewohnte westliche Standard und wesentlich gesitteter. :-)

Wirklich?

flierfy, Sonntag, 29.12.2019, 15:29 (vor 2278 Tagen) @ Power132

Typisch China. Alles zwei Nummern größerer als der gewohnte westliche Standard und wesentlich gesitteter. :-)

Da hab ich aber anderes gehört.

Falsches Land ausgesucht

flierfy, Sonntag, 29.12.2019, 15:31 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

Nun bleiben mir nurnoch zwei Fragen:
1. Möchte man in einem Land leben, dass den schnellsten Hochgeschwindigekeitsverkehr der Welt hat, der wirklich gut funktioniert und gut genutzt wird, aber ansonsten eine Katastrophe ist? Eine Luft, die man ohne Atemschutz nicht atmen kann, ein Internet, dass eher ein Intranet ist, und eine 24/7 Videoüberwachung, die dann auchmal dazu führt, dass man die lokale Polizei in seinem Hotelzimmer trifft... Ich glaube nein. Da düse ich lieber mit entspannten 200km/h durch Deutschland und fühle mich nicht wie in der DDR.

Da musste eben nach Japan reisen. Dort hast du Internet, saubere Luft und eine Weltklasse-Bahnnetz.

+1

Bronnbach Bhf, Sonntag, 29.12.2019, 19:06 (vor 2278 Tagen) @ flierfy

- kein Text -

Falsches Land ausgesucht

Alibizugpaar, Köln (im Herzen immer noch Göttinger), Mittwoch, 01.01.2020, 16:31 (vor 2275 Tagen) @ flierfy

In Japan haste es aber auch mit Psychosen zu tun. Wie der, daß sich Tf wegen 1 Minute Verspätung bei den Vorgesetzten scharf verantworten müssen. Ist wohl wirklich kein Spaß und könnte weit krasser sein als die Überwachung von Amazon-Mitarbeitern hier in Deutschland.

--
Gruß, Olaf

"Die Reise gleicht einem Spiel; es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der unerwarteten Seite."

Goethe an Schiller 1797

Nanu?

Blaschke, Sonntag, 29.12.2019, 17:19 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

Hey.

Die Sitze lassen sich zu einer komplett ebenen Liegefläche ausbreiten und haben eine Massagefunktion (ohne HappyEnd).

Wer noch fragen hat darf sich gerne melden ;)

Du bist also nicht gekommen?

Woran lag es? An den Ladys? Zu wenig Vmax? Oder ist ein ICE halt, egal wo, ein ICE und damit iegendwie doch unerotisch? Oder, da denke ich eher an meine Bedürfnisse, gab es auf dem Rückweg keine Coke?


Schöne Grüße von jörg


und DANKE für das Cola-Foto. Jetzt will ich da auch mal hin ...

[CN] Reisebericht:Highspeed zwischen Shanghai&Nanjing TEIL2

Rainer Pastätter, Kolbermoor, Sonntag, 29.12.2019, 17:53 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

Lieber Richard,

ich sage auch vielen Dank für den tollen Reisebericht. Meine Frau und ich wollen zur Winterolympiade nach Peking und dabei auch das Land und die Hochgeschwindigkeitszüge und Shanghai mit den Magnethochgeschwindigkeitshan kennenlernen. Wir werden Deinen Reisebericht zum Anlass nehmen um unsere Reise durch das Land nach Shanghai zu planen.

Vielen Dank und liebe Grüße


Rainer

[CN] Reisebericht:Highspeed zwischen Shanghai&Nanjing TEIL2

Breisgau-S-Bahn, Freiburg/Gera, Sonntag, 29.12.2019, 20:54 (vor 2278 Tagen) @ Sibirjak

Danke für den sehr lesenswerten Reisebericht. Danke insbesondere auch für diese abschließenden Worte:

1. Möchte man in einem Land leben, dass den schnellsten Hochgeschwindigekeitsverkehr der Welt hat, der wirklich gut funktioniert und gut genutzt wird, aber ansonsten eine Katastrophe ist? Eine Luft, die man ohne Atemschutz nicht atmen kann, ein Internet, dass eher ein Intranet ist, und eine 24/7 Videoüberwachung, die dann auchmal dazu führt, dass man die lokale Polizei in seinem Hotelzimmer trifft... Ich glaube nein. Da düse ich lieber mit entspannten 200km/h durch Deutschland und fühle mich nicht wie in der DDR.

Wir können uns glücklich schätzen, in Deutschland und nicht in China zu leben - trotz langsamerer ICE. Verrätst du uns aber noch die Episode mit der Polizei im Hotelzimmer? :-)

--
Für eine DB Lounge in Erfurt!

Eigene Erfahrungen

numi, Montag, 30.12.2019, 03:24 (vor 2277 Tagen) @ Sibirjak

Danke für den interessanten Bericht, da werden Erinnerungen an meine eigene Reise wach. Die Chinesen verstehen es hervorragend zu zeigen, wie guter HGV funktioniert und gleichzeitig aber auch, wie er nicht funktioniert.

Als Ausländer an ein Ticket zu kommen ist gar nicht so einfach wie man denkt. Man muss erstmal an einen Schalter. Mir ist es passiert, dass ich mit der U-Bahn unterirdisch ankam und dummerweise gab es dann keine Wegweiser. Man hat dann also eine 50/50 Chance, ob es auf der einen oder anderen Seite des Bahnhofs einen personenbedienten Verkauf gibt. Ich lag falsch, also zurück zur anderen Seite des Bahnhofs, was schon einmal einige Hundert meter sein können (die Bahnhöfe sind von der Größe eher mit Flughäfen zu vergleichen). Nach einiger Wartezeit, kommt dann auch schon an den Schalter. Englisch ist eher schwierig. Witzig wird es beim bezahlen. Der Versuch meine MasterCard mit einem chinesischen Kreditkartengerät zu nutzen lief erfahrungsgemäß schief. Ich zeige dann auf das Gerät mit dem großen MasterCard Logo. Der Verkäufer schaut das mit einem sichtlich erstaunten Gesicht und einem lauten "Ohhh" an und holt erstmal die Kollegin. Sie reagiert genauso und beide schauen mich an und schütteln nur mit dem Kopf. Es hat sich wohl bisher kein Mitarbeiter getraut seinem Vorgesetzten zu sagen, dass vergessen wurde sie in die Bedienung des neuen Geräts einzulernen. Da der Geldautomat im Bahnhof kaputt war (ca. 50 % der chinesischen Geldautomaten sind defekt und funktionieren weder für Chinesen noch für Ausländer) musste ich dann erstmal in das Stadtzentrum zurück um Bargeld zu holen. Es ist dabei sehr typisch für China, dass Dinge einfach nicht so ganz bis zum Ende durchdacht sind sondern irgendein Zwischenschritt vergessen wurde.

Es ist auch erstaunlich, wie lange man mit dem HGV unterwegs sein kann. Die Bahnhöfe sind riesig und daher meist außerhalb der Stadt, wie bei uns die Flughäfen. Es kann durchaus sein, dass man mit dem städtischen Nahverkehr vom Stadtzentrum eine gute Stunde zum Fernbahnhof benötigt. Immerhin haben die meisten Bahnhöfe inzwischen einen U-Bahn Anschluss und es benötigen nicht mehr ein paar Hundert Leute Taxis, wenn ein Zug ankommt. Am Bahnhof muss man dann auch deutlich früher da sein. Die Wege in den gigantischen Bahnhöfen sind ewig lang und man muss alleine um in den Wartebereich zu kommen schon durch Ticketkontrollen und eine Sicherheitsschleuse. Dabei handelt es sich primär um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Mir ist es auch schon passiert, dass ein Mitarbeiter hinter dem Bildschirm einer Sicherheitsschleuse so tief geschlafen hat, dass man das Schnarchen noch gut hörte.

Etwas komisch ist auch, dass die chinesische Bahn wohl nicht an Umsteigeverbindungen glaubt. Es gibt daher von so ziemlich Überall nach so ziemlich Überall umsteigefreie Verbindungen. Das führt aber dazu, dass die Züge dann auch sehr oft halten, um diese Verbindungen zu realisieren. So wirklich richtig schnell ist man somit nur zwischen den großen Metropolen. Von einer "kleineren" Millionenstadt zu einer anderen, fährt man trotz gut ausgebauter HGV Strecken gar nicht so schnell wie man beim Blick auf die Streckennetzkarte meinen würde und es gibt auch nur wenige Verbindungen am Tag.

Gleichzeitig zeige die Chinesen aber auch, was mit einem HGV Netz alles möglich ist. Die Bahnhöfe sind groß und sauber, auch die Züge sind in einem einwandfreien Zustand. Die Bahnhöfe gelten als Aushängeschilder der Städte, bei uns kann man das wohl nur in den seltensten Fällen behaupten. Auch Verspätungen gibt es so gut wie nie und die Distanzen die dort überwindet werden, lassen einen hierzulande nur Träumen. Während bei uns 1.000 km mit der Bahn zu fahren eine Tagestour ist, geht das auf dem chinesischen Netz in teils unter 4 Stunden und somit kann auf diesen Strecken die Bahn durchaus eine attraktive Alternative zum Flugverkehr darstellen. Dabei haben die Hochgeschwindigkeitszüge immer eigene Gleise, Mischverkehr gibt es nicht. Auch enden die Gleise nicht schon vor einer Stadt sondern führen auch tatsächlich immer bis zum Bahnhof. Die bei uns bekannten Engpässe und Geschwindigkeitseinbrüche vor großen Bahnknoten gibt es dort also nicht. Dabei muss man auch bedenken, dass das Netz noch lange nicht fertig ist. In den nächsten Jahren werden noch viele weitere Verbindungen eröffnet werden.

Insgesamt gibt es jedenfalls viel, was einen auch inspirieren kann. Mit heutiger Technik im Schienenverkehr könnte man Stuttgart - Hamburg durchaus in 2 Stunden fahren. Es braucht dafür keine neuen Innovationen die man erst noch abwarten muss sondern das würde auch heute schon gehen, wäre man bereit in die Infrastruktur zu investieren. Gleichzeitig lernt man aber auch, dass es wichtig ist die Sachen auch vollständig zu betrachten. Es gehört mehr zum Eisenbahnverkehr als nur Züge zu fahren und eine Reisekette ist auch mehr als nur der HGV Abschnitt. In diesen Bereichen können die Chinesen wohl eher von uns noch etwas lernen als umgekehrt.

Schneller HGV ohne Überwachungssaat?

bendo, Montag, 30.12.2019, 12:33 (vor 2277 Tagen) @ Sibirjak

Nun bleiben mir nurnoch zwei Fragen:
1. Möchte man in einem Land leben, dass den schnellsten Hochgeschwindigekeitsverkehr der Welt hat, der wirklich gut funktioniert und gut genutzt wird, aber ansonsten eine Katastrophe ist? Eine Luft, die man ohne Atemschutz nicht atmen kann, ein Internet, dass eher ein Intranet ist, und eine 24/7 Videoüberwachung, die dann auchmal dazu führt, dass man die lokale Polizei in seinem Hotelzimmer trifft... Ich glaube nein. Da düse ich lieber mit entspannten 200km/h durch Deutschland und fühle mich nicht wie in der DDR.

Die Frage würde ich so gestellt mit "nein" beantworten. Allerdings behaupte/hoffe ich dass die zwei Aspekte, "schneller HGV" und "Atemluft/Internet/Überwachungsstaat" nicht zwangsläufig notwendige Kombination sein muss...Von ersterem würde ich mir für D wünschen etwas von den Chinesen abzuschaun..

Gruß, bendo

Vmax > als 350km/h???!!!

bendo, Montag, 30.12.2019, 12:28 (vor 2277 Tagen) @ Sibirjak

Hallo,

zunächst mal vielen Dank für den interessanten Reisebericht!

Der 30km lange Transfer vom Flughfafen Pudong in die Innenstadt wurde traditionell im dem Transrapid - in China Maglev genannt - zurückgelegt.
Für 50RMB (ca 6€) ist es ganz lustig sich mal auf 430km/h beschleunigen zu lassen und macht definitiv mehr Spaß als die überfüllte U-Bahn.
Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass ich besonders vom Fahrgefühl und der Laufruhe enttäuscht bin:
Klar - der Gerät ist 17 Jahre alt und brettert da jeden Tag durch die Walachei , aber mit gemessenen 91dB im Fahrzeug und einer so starken Vibration der Karosserie, dass man nicht definitiv nicht ruhig stehen oder schlafen kann, ist es schwer, fachfremden Personen die „Zukunft des Hochgeschwingkeitsverkehrs“ zur vermitteln.

Hier würde ich sagen:
"Man kann nicht alles haben". Die 430km/h sind vor allem "schnell". Der Pkw bei 200 über die Autobahn ist genausowenig ruhig wie der ICE3 bei 300 auf der KRM. Das müssen sie m.E. jewiels auch nicht ;)

...Als erste Fahrt habe ich mir den „schnellsten Zug Chinas“ rausgesucht - den G4 der zwischen Shanghai - Peking verkehrt; Ich fahre jedoch nur bis Nanjing.
G gibt die Zugklasse an und steht für Hochgeschwindigkeitszüge und die Linien G1 bis G9 sind die „Sprinter“ des Landes, die ggü. den anderen Zügen nochmals beschleunigt sind und weniger halten...
...Sowohl der CR400AF hat einen "Designspeed" von 400km/h, als auch die komplette Strecke Shanghai - Peking.
Dennoch wurde direkt nach Eröffnung die normale Reisegeschwindigkeit wieder auf 350km/h reduziert; Hauptsächlich aufgrund des enormen Verschleisses und des Energieverbrauchs. Bei 400km/h verbraucht das Fahrzeug fast doppelt soviel Energie wie bei 300km/h. Mittlerweile (mein lokaler Kollege sagte seit Juni 2018) dürfen die G1-G9 Züge jedoch wieder ihre Vmax ausfahren um Verspätungen aufzuholen - und dieses Glück hatten wir:
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400km/h schaffen wir leider nicht ganz, mehr als 387km/h habe ich nicht entdecken können...

Das klingt jetzt für mich wie ein Paukenschlag! Hättest Du den Bildbeweis nicht gepostet hätte ich Deine Angaben stark angezweifelt! Da sieht man mal, wie wenig man (trotz) Interesse am Thema aus diesem Land mit bekommt: Mein Stand war, dass die G1-G9 zwar weniger Halte, bezüglich Ihrer Vmax aber anderen "G"s gleichgestellt seien und diese - so bisher mein Kenntnisstand - im Personenverkehr niemals höher als 350km/h ist bzw. gewesen wäre!

Gruß, bendo

Danke für den Bericht! + Rückfrage

Berlin-Express, nähe BPHD, Montag, 30.12.2019, 13:33 (vor 2277 Tagen) @ Sibirjak
bearbeitet von Berlin-Express, Montag, 30.12.2019, 13:33

Sowohl der CR400AF hat einen "Designspeed" von 400km/h, als auch die komplette Strecke Shanghai - Peking.
Dennoch wurde direkt nach Eröffnung die normale Reisegeschwindigkeit wieder auf 350km/h reduziert; Hauptsächlich aufgrund des enormen Verschleisses und des Energieverbrauchs. Bei 400km/h verbraucht das Fahrzeug fast doppelt soviel Energie wie bei 300km/h. Mittlerweile (mein lokaler Kollege sagte seit Juni 2018) dürfen die G1-G9 Züge jedoch wieder ihre Vmax ausfahren um Verspätungen aufzuholen - und dieses Glück hatten wir


Nachdem ich etwas recherchiert habe, ist mir aufgefallen, dass die schnellsten Züge zwischen Peking und Shanghai gar nicht G1-G9 heißen, sondern G17 bzw. G22 mit jeweils 4:18h für die Gesamtstrecke, müsste für diese Züge dann nicht ggf. auch die Freigabe für 400 km/h im Verspätungsfall gelten?
Wie man merkt habe ich jetzt durchaus auch wieder Lust auf eine China-Reise bekommen. ;)

Viele Grüße
Berlin-Express

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