[AT] Ein (verzichtbares) Abenteuer mit dem 4020er (m. 2 B.) (Reiseberichte)
Erstmal was vorab: Da mir Informatik am Ende doch nicht lag, beschloss ich, auf Raumplanung in meinem Studium zu wechseln. Hat mit meinen Präferenzen einfach mehr zu tun.
Warum ich das sage? Nun, ich habe die schöne Aufgabe, ein zugeteiltes Gebiet zu analysieren, welches sich in Wien befindet. Die Zuteilung verläuft in Quadraten, das ist praktisch und gut. Doch muss man zu seinem Gebiet - für Ortskundige wäre das die Umgebung des Straßenbahnknotens Dornbach - und da beschloss ich, mein Lieblingsverkehrsmittel in Wien zu nutzen: die S-Bahn.
Normalerweise setzen die ÖBB auf der S45 vierteilige Talente ein, seit einiger Zeit haben diese auch das Upgrade erfahren, also neue Polster, größere Kopfstütze, natürlich die Farbgebung des Cityjet-Designs - und Monitore, wo man das selbe Design hat wie bei den Railjets. Sie sind barrierefrei, sie sind klimatisiert und sowieso ganz super. Kennt man ja von mir, erstmal alles über den grünen Klee loben.
Nun, das alles war heute für mich irrelevant, denn mein Zug war diese Kiste:
Gerade bei denen hat man ja auf der S45 von der Geräuschkulisse her zuweilen das Gefühl, auf alpinen Bahnen unterwegs zu sein. Ich bin halt ein Ferro, das ist das Zeug, das mir irgendwie gefällt. Andererseits bin ich ein Fahrgast und im Talent ist's irgendwie angenehmer.
Nun, zuerst ging es auch ganz normal los. Es quitscht und rollt durch die Kurven, doch machte sich ein metallisches *Tonk* bemerkbar, als würde ein Metallteil auf den Boden fallen.
Nun, das war die Vorwarnung auf das, was dann folgte: Plötzlich legte der Zug eine Schnellbremsung hin. Bei Geschwindigkeiten von ca. 50 km/h jetzt keine dramatische Vollbremsung, da kam man schnell zum stehen.
Und dann...
warten.
und warten...
... dann wurde der Zug plötzlich still...
...und irgendwann wieder eingeschaltet.
Der Tf meldete sich dann auch, meinte, der Zug würde einige Minuten Verspätung haben wegen einer technischen Störung.
Selbiger kam auch kurz raus und machte einen Schrank mit dem Label "Indusi" auf. Ich weiß, altes Zeug halt, in dem ich drin saß...
Naja und dann machte er zu, kam zurück an seinen Führerstand..
und es passierte...
gar nichts! Der Zug kam nicht vom Fleck.
Minuten vergehen , erst begegnete uns eine S-Bahn der Gegenrichtung, dann überholte uns schon die nächste S-Bahn, ein Talent, denn der hat... Talent. Ok, war ein schlechter.
Irgendwann, es waren schon so 20 Minuten oder mehr, wollte ich wissen, wie's eigentlich steht. Ich klopfte an der Tür ins Dienstabteil und erhielt keine Reaktion zurück. Das selbe tat etwa 5 Minuten später eine Dame, keine Antwort. Langsam begann man, seinen Unmut zu äußern. Es spazierte dann später jemand auf dem Schotterbett neben dem Zug - nach sicherlich völlig vorschriftsmäßiger Art ohne Warnweste. Jetzt hatte man also einen zweiten, der sich des Problems annehmen könnte.
Und so versuchte man im Verborgenen wohl, eine Lösung zu finden. Selbiger spazierte auch mal weg und kam zurück - beim Blick aus dem Fenster sah ich, dass direkt hinter uns ein Talent stand. Der tat aber nicht viel.
Nachdem der Tf wieder am Schrank der Indusi sich bediente und an seinen Arbeitsplatz zurückkam, ging es - nach 38 Minuten Verspätung - wieder weiter.
Erst rollte es nur zaghaft, man schlich sich erstmal für eine Weile, doch dann ging der Zug tatsächlich in Fahrt.
Leute verpassten ihre Termine, man kam viel später als geplant ans Ziel. Was hat der Tf dazu zu sagen?
"Nächster Halt: Oberdöbling."
Fantastisch, das FIS, das für die Ansagen normalerweise gesorgt hätte, war auch außer Gefecht. Es ging also einfach so weiter, als wäre nie etwas geschehen. Eigentlich wollte ich in Hernals umsteigen, aber zu dem Punkt war meine Reise zwecklos geworden. Machte ich also das beste daraus und genoss dieses nostalgische Flair dieser alten Kiste mit stilechten manuellen Ansagen und fuhr bis Hütteldorf die Stationen ab. Immerhin, am Bahnsteig hörte man dann doch entsprechende Ansagen zu der Störung, die durch den liegengebliebenen Zug entstanden. Bei einem 10-Minuten-Takt kann man ja noch je nach Lage die anderen Züge entsprechend disponieren, aber auf der Stammstrecke, wo sowas eben auch passiert, könnte das ja noch ganz "lustig" sein.
Und, nachdem er - es war ja der planmäßige Endbahnhof - ansagte, dass der Zug endete, hat er tatsächlich dann doch sich noch für die Unannehmlichkeiten entschuldigt.
Besser spät als nie, wie ein Fahrgast trefflich kommentierte.
Selbiger hat sich auch beim Personal beschwert. Und ich war froh, dass ich nicht gerade einem Termin hatte, sondern wenigstens noch halbwegs die Fahrt genießen konnte.
Dabei wäre es eine schöne Geschichte, die hätte geschrieben werden können, hätte dieser Zwischenfall nicht seine Schatten über die Fahrt gelegt...
Etwa so:
"Im Lichte der Nachmittagssonne fuhr die alt ehrwürdige 4020 mit ihrem zeitlosen blau-weißem Farbkleid in den von Otto Wagner grandios gestalteten Bahnhof Heiligenstadt ein. Die Türen öffnen sich, man steigt die Treppen im Zug hinauf und setzt sich auf die weiche, stoffüberzogene Sitzbank nieder. Man beobachtet, wie die Fahrgäste ihren Platz finden und setzt sich alsbald unter einem melodischen Summen in Bewegung.
Elegant schlängelt sich das Fahrzeug unter einem melodischen Quitschen, bei dem man gedanklich in die Welt der hohen Berge und ihrer sich an ihnen schmiegende Schienenstränge erinnert fühlt.
Die Fahrt ist kurz, aber auch kurzweilig. Wenn der Zug an den majestätischen Bahnhöfen hält, fühlt man sich oft an das Ende des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Damals, als die Vorortelinie tatsächlich durch Vororte führte und wo der Kaiser die Macht innehatte. Damals, als noch Dampfrösser die Züge mit ihrem Publikum von Station zu Station zogen. Es war eigentlich viel zu früh für mich, als die Endstation Hütteldorf erreicht wurde und das Erlebnis der Vorortelinie sein Ende nahm."
Das ist die Geschichte, die nicht erzählt wurde - vielleicht auch, weil ich dann etwas zu dick aufgetragen hätte. Und wie ihr mich kennt, würde ich ja sonst jede Gelegenheit nutzen, die ÖBB über dem grünen Klee zu loben. Jetzt hoffe ich einfach nur, dass diese 4020er früher als später wegkommen.
Aber mal von meinem unnötig aufplusternden Bericht abgesehen (ich meine, vielleicht kann jemand was damit anfangen, wäre ja cool), hattet ihr auch schon die Erfahrung mit einem so langen Stillstand auf freier Strecke und kaum bis keiner Information?
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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky
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