CH: Grösste Rollmaterialausschreibung aller Zeiten (Allgemeines Forum)
Momentan läuft in der Schweiz die grösste Rollmaterialausschreibung, die es hier je gegeben hat: Bis zu 200 Doppelstock-Triebzüge mit 200 km/h für den Fernverkehr sollen bestellt werden (zum Vergleich: ICE-3 gibt es 67). In einer ersten Tranche sollen 50 200m-Züge und 9 100m-Züge geliefert werden.
Eine besondere Anforderung in dieser Ausschreibung ist die sogenannte Wankkompensation. Sie verhindert, dass dass sich der Wagenkasten in Kurven nach aussen neigt, was etwa 1.5 Grad ausmacht. Damit kann man etwas schneller durch die Kurven fahren, was zusammen mit guter Beschleunigung und kleinen Trassenkorrekturen helfen soll, die Strecke Lausanne-Bern unter 60 Minuten zu kriegen. Dadurch könnte Lausanne vom 15/45 zum 00/30 Knoten werden.
Die Gebote sind abgegeben, drei Firmen haben offeriert: Stadler, Siemens und Bombardier. Entschieden wird im Mai.
Über das Stalder-Angebot weiss man ausser Alu-Leichtbau wenig, insbesondere ist unklar, wie die Wankkompensation gelöst wird. Es ist anzunehmen, dass das Produkt dem WESTbahn-Dosto ähneln wird; die Traktion ist dort in den beiden Endwagen. Bild
Etwas mehr ist bekannt über das Siemens-Angebot. Auch Siemens verwendet Aluminium; die Traktion ist über die meisten Wagen verteilt (je ein Drehgestell) und es soll durch Nutzung der Motorwärme Heizenergie gespart werden. Die Wankkompensation ist ein relativ simples System: Am oberen Ende der Primärfedern sitzen Hydraulikzylinder, welcher sich auf der Kurvenaussenseite ausdehnen.
Das dritte Angebot ist von Bombardier und klingt technisch am interessantesten. Die ZÜge sind aus Stahl und haben verteilte Traktion. Die Wankkompensation ist redundant ausgeführt und scheint an der Sekundärfeder zu arbeiten. Besonders interessant ist aber ARS: Dieses System soll in Kurven die Achsen immer senkrecht zu den Gleisen halten und so den Verschleiss an Schiene und Rad minimieren.
Die SBB ist zum Glück eine intgerierte Bahn (Rollmaterial UND Infrastruktur) und hat daher ein Interesse, die Gleise zu schonen - was bei diesen schweren, schnellen Zügen nicht leicht ist. Ich sehe daher gute Chancen für Bombardier, insbesondere weil grade jetzt die steigenden Unterhaltskosten für die Infrastruktur in Politik und Medien thematisiert werden - die SBB sagen, sie brauchen CHF 850Mio pro Jahr zusätzlich für den Unterhalt.
Dass der Unterhalt teuer wird, verwundert nicht sehr: Das schweizerische Netz ist weltweit das höchstbelastete. Zudem haben die SBB nicht die Möglichkeit, Langsamfahrstellen zu akzeptieren - wenige Minuten Zeitverlust bedeuten, dass im nächsten Bahnhof ALLE Anschlüsse verpasst werden.