Eine Fahrt mit Afrikas schnellstem Zug, Teil 1 (Reiseberichte)
Während der Pfingstferien hielt ich mich in der marokkanischen Hauptstadt Rabat auf, als mich ein Bekannter zu einem Besuch in die Stadt Tanger einlud. Dies ließ ich mir nicht zweimal sagen, zumal ich für die Reise Afrikas schnellsten Zug nutzen konnte, der – wie hier im Forum sicherlich bekannt – Ende letzten Jahres Premiere hatte.
Dieser nach einem mythologischen geflügelten Pferd „Al Boraq“ genannte Zug verbindet die Wirtschaftsmetropole Casablanca mit der Hafenstadt Tanger. Gefahren wird mit nur leicht modifizierten TGV-Duplexeinheiten. Unterwegs hält er jeweils einmal in Rabat und in Kenitra, wo Umsteigeverbindungen in die Städte Meknes und Fes bestehen. Für die ca. 350km lange Gesamtstrecke benötigt er 2h10min Fahrzeit, was einer Reisegeschwindigkeit von etwa 160 km/h entspricht. Dies mag wenig erscheinen, ist aber dadurch bedingt, dass zurzeit nur der nördliche 200 km lange Abschnitt hinter Kenitra als Hochgeschwindigkeitsstrecke ausgebaut ist. Zudem fährt der Zug in Casablanca und Rabat durch ausgedehnte städtische Gebiete, wo die Geschwindigkeit auf 70 km/h begrenzt ist. Ich schenkte mir den Vorlauf von Casablanca und stieg erst in Rabat zu. Hier hält Al Boraq jedoch nicht am zentral gelegenen Stadtbahnhof Rabat Ville, sondern wenige Kilometer weiter südlich im modernen Geschäftszentrum Agdal. Von dort dauert die Fahrt bis Tanger 80 Minuten. Vor Inbetriebnahme der Schnellfahrstrecke benötigte man dafür fast 3h30 min.
Doch bevor es losging, musste ich erst einmal ein Ticket kaufen. Die Fahrpreise sind je nach erwarteter Auslastung und den Umtauschmöglichkeiten gestaffelt, im Prinzip ganz ähnlich wie das Tarifmodell der deutschen Bahn. Allerdings gibt es in Marokko in Fernzügen generell keine echten flexiblen Tickets, bei jedem Fahrkartenkauf muss zwangsweise ein Platz reserviert werden. Der sogenannte flexible Tarif erlaubt allerdings eine kostenlose Umbuchung auf einen anderen Zug am gleichen Tag. Sollte dieser allerdings ausgebucht sein, hat man Pech gehabt. Dadurch soll wohl eine Überauslastung bestimmter Züge vermieden werden.
Für den Ticketkauf gibt es drei Möglichkeiten: Online, am Automaten und am Schalter. Da der Onlineauftritt der ONCF nicht gerade benutzerfreundlich ist und zudem Kreditkartendaten über unverschlüsselte Verbindungen übertragen wollte und ich auch keine Lust hatte, mich in die Bedienung der Automaten einzuarbeiten, kaufte ich mein Ticket bereits am Vortag am Schalter. Ich erwischte einen moderaten Sparpreis für 328 Dirham, was knapp 30€ entspricht, wohlgemerkt hin und zurück und in der ersten Klasse. Einziger Wermutstropfen war, dass ich nicht meinen Wunschplatz im Oberdeck reserviert bekam. Der Verkäufer bemühte sich zwar redlich, diesen Wunsch zu erfüllen und holte dann sogar noch seinen Chef dazu, aber auch der konnte dem Reservierungscomputer keinen anderen Platz entlocken. Wie sich später herausstellte werden die Platznummern einfach der Reihe nach vergeben, individuelle Sitzplatzwahl ist daher nicht möglich.
Die nächste Herausforderung bestand darin, erst einmal zum Bahnhof zu kommen. Rabat verfügt zwar über ein modernes Trambahnsystem, das auch den Stadtbahnhof bedient. Um den HGV-Bahnhof Agdal machen die Straßenbahnlinien aber einen weiten Bogen, ein Ergebnis mangelhafter Planungskoordination. Es gibt im Prinzip auch ein öffentliches Stadtbusnetz, doch da die Betreiberfirma knapp bei Kasse ist, fahren die schrottreifen Busse unregelmäßig oder gar nicht. So blieb als einzige Lösung, eines der kleinen blauen Taxis heranzuwinken, das mich dann auch für umgerechnet 2€ zum Bahnhof brachte.
Neben dem Neubau der Schnellfahrstrecke wurden auch die Bahnhöfe modernisiert. Die Architektur erinnert dabei eher an Flughäfen als an Bahnstationen. Rabat Agdal verfügt über drei Ebenen und zeigt sich modern und lichtdurchflutet. Die oberste Etage wirkt allerdings noch recht leer:
Immerhin hat man von dort eine eindrucksvolle Aussicht auf die Stadt:
In der mittleren Ebene befinden sich die üblichen Fastfoodketten, Cafés, Zeitungsläden sowie die große Bahnhofstafel:
Der kleine Bildschirm rechts unten zeigt die Wagenreihung. An den Abgängen zu den Bahnsteigen, die sich in der untersten Ebene befinden, stehen weitere kleine Anzeigetafeln in bunten Bonbonfarben. Warum die Information aber gleich doppelt angezeigt wird, bleibt unklar. Vielleicht soll für einen eventuellen Ausfall vorgesorgt werden.
Hier werden zum Teil auch Umsteigeverbindungen angezeigt, deshalb erscheinen manche Einträge mehrfach.
Mein Zug fuhr um 17:50 ab. In den verbleibenden 12 Minuten machte ich noch eine Stippvisite in der Al-Boraq Lounge, in die alle Passagiere dieses Schnellzuges mit einem Ticket der ersten Klasse Zugang haben. Dort gibt es neben den üblichen Heißgetränken auch Mineralwasser und die bekannten Softdrinkmarken. Feste Snacks soll es laut Werbung auch geben, ich konnte sie aber nicht entdecken.
Vom Komfortniveau etwa mit den DB-Lounges vergleichbar und deutlich besser als der französische „Salon Grand Voyageur“ in Paris Est. Ich griff mir eine Flasche Wasser, da wurde auch schon mein Zug ausgerufen und die Fahrgäste zum Bahnsteig gebeten. Tatsächlich fuhr der Zug exakt nach Plan um 17:45 ein.
Wie überall in Marokko haben nur Reisende Zutritt zu den Bahnsteigen, bereits an der Rolltreppe dorthin werden die Tickets kontrolliert. Im Gegensatz zur hellen Bahnhofshalle wirkt es hier unten recht düster.
Das Innere des Zuges gleicht im Wesentlichen seinem französischen Pendant. In der ersten Klasse finden sich die gleichen plüschigen Ohrensessel, wenn auch mit etwas anderem Design. Es gibt zwei Wagen der ersten Klasse, einer davon war fast komplett leer. Ich verließ meinen reservierten Sitzplatz und setze mich ins Oberdeck:
Und so sieht es unten aus (auf der Rückfahrt aufgenommen):
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Für Gepäck ist reichlich Platz vorhanden, viel mehr als im ICE:
An den Wagenenden zeigen zwei Bildschirme den Fahrplan und die Geschwindigkeit an, jeweils abwechselnd in arabischer und französischer Sprache. Hier der Fahrplan (oben Casablanca, unten Tanger):
Nach einem erstaunlich langen Aufenthalt von 5 Minuten setzte sich der Zug pünktlich in Bewegung. Er unterquert die Innenstadt von Rabat in einem langen Tunnel, der nur durch den Stadtbahnhof Rabat Ville unterbrochen wird. Hier hält er aber nicht. Rabat Ville wird gerade mit einem modernen Einkaufszentrum überbaut, daher wirkt dieser Bahnhof dunkel und grottenhaft:
Schade, denn dieser Bahnhof war früher sehr schön mit einem gepflegten mediterranen Garten., wie hier auf einem früheren Bild zu sehen:
Hinter Rabat wird zunächst die Nachbarstadt Salé ohne Halt durchfahren, dann geht es auf die schnurgerade, aber nur bis 160 km/h ausgebaute Altstrecke Richtung Kenitra.
Der Zwischenstop in Kenitra erlaubt den Umstieg in den Zug nach Fes über Meknes. Ein Blick aus dem Fenster zeigt ihn auf dem Nachbargleis:
Hier wird er von einem echten Dinosaurier gezogen, einer sechsachsigen Lok von Hitachi aus den 1970er Jahren. Allerdings sind die Tage dieser als unverwüstlich geltenden Lokomotiven gezählt, da die Strecke demnächst von 3kV DC auf den Weltstandard 25kV AC umgestellt werden soll.
Nach Kenitra geht es auf die neu gebaute Schnellfahrtstrecke. Die Geschwindigkeit steigt und der Tacho zeigt nach wenigen Minuten 317 km/h:
Mehr wurden es aber nicht mehr, obwohl die Strecke für 320 km/h ausgelegt ist. Das liegt nur knapp unter meinem persönlichen Rekord von 319 km/h auf der LGV Est zwischen Paris und Strasbourg.
Selbst bei diesen Geschwindigkeiten lief der Zug erstaunlich ruhig, kein nerviges Auf- und Ab, wie es auf einigen französischen Schnellfahrstrecken vorherrscht. Die Laufruhe wird durch die meist schnurgerade Strecke und das weitgehend ebene Gelände natürlich begünstigt.
Bis kurz vor Tanger war der Zug im Zeitplan, und es sah alles danach aus, dass wir pünktlich am Zielbahnhof eintreffen würden. Laut Statistik lagen 93% der Al-Boraq-Züge in der Zeit, wobei maximal 5 Minuten Verspätung noch als pünktlich gelten. Doch kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof stoppten wir ungeplant. Offenbar war das Gleis dort noch nicht frei, denn erst als ein Zug in Gegenrichtung an uns vorbeifuhr, ging es weiter. Schließlich trafen wir 6 Minuten nach Plan in Tanger ein. Pech für die ONCF, knapp daneben ist auch daneben. Hier hieß es dann „Alle aussteigen“:
Der Kopfbahnhof von Tanger stellt das nördliche Ende des marokkanischen Schienennetzes dar. Genaugenommen gibt es aber noch eine kurze Stichlinie zum neuen Tiefwasserhafen „Tanger Med“. Vielleicht fährt der Zug auf dem Nachbargleis dorthin, der mit einer typisch französischen „Knicknase“ bespannt ist:
Das war es für heute. Den zweiten Teil mit dem Bahnhof Tanger und einigen Impressionen aus der Stadt gibt es später.
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