Resignation oder Ehrgeiz? Ich wählte letzteres... (m.3 B.) (Reiseberichte)
Freitag Nacht. Nachdem ich von der Jugendvigil heimkam, schaffte ich es noch, mich bettfertig zu machen. Ich stellte einen Wecker. Wollte mir einem großen Puffer für heute morgen geben, da ich um 7:10 meinen railjet schaffen muss und vorher noch meinen Koffer packen musste.
Doch was ich nicht beachtete, ich habe es nicht hingekriegt, den richtigen meiner vielen gespeicherten und auf Abruf scharfgestellten Wecker zu treffen. Ergebnis, ich wurde nicht geweckt.
Und doch wachte ich auf: um 6:35. Und ich wohne nicht direkt neben dem Bahnhof, es braucht doch etwas.
Erster Gedanke: "Mist! Verpasst!" Zweiter Gedanke: "Moment... wenn ich mich beeile..."
Den ersten Gedanken schnell verworfen, führte ich den zweiten aus. In 10 Minuten war der Koffer fertig gepackt und ich fertig zum Abgang. Nichts vergessen übrigens, das könnte ja sonst schnell mal passieren.
Ich also, schnappe mir den Schlüssel, rase mit meinem Koffer durch die Gänge, laufe die Treppen herunter, stürme auf die Straße, rase, rase, rase, über dem Gehweg, des Rollen des Koffers über den betonierten Weg begleitet mich, im Fahrtwind geht es (zum Glück) bergab zur U-Bahnstation (Linie U4). Eiligst die Straße überquert, die Treppen hinabgestiegen gegen den Strom aussteigender Fahrgäste, doch bevor ich überhaupt auf dem Bahnsteig war, war die U-Bahn schon losgefahren.
Die nächste kommt - es ist Samstag - erst in 6 Minuten.
6 Minuten, was ist das für ein schlechter Takt denk ich mir, die Zeit drängt, ich werde nervös. Schaffe ich es, schaffe ich es nicht?
6 Minuten verstreichen, die U-Bahn kommt pünktlich an. Eingestiegen in den passenden Wagen, sodass ich beim Umstieg gleich den richtigen Ausgang erwische.
Das läuft nach Plan, also aus der U4 raus, zur U1 hin. Mich aufgregt, daas es vor mir jemand nich gemütlich hatte, die Rolltreppen abgestiegen, den Koffer abgehoben, damit ich mich durch die langsameren Leute durchzwängen kann. Endlich damn nach der langen Rolltreppe unten angelangt. Mein Koffer rollt, ich renne, rüber zur U1....
doch auch da wartet nicht etwa der Zug darauf, dass ich noch grade so einsteige... es braucht 3 Minuten... plötzlich wurde aus der 3 eine 4, ich war kurz vorm Ausflippen. Ja mach doch gleich eine 5, 6, 7, ist das so schwer, nicht raufzuzählen?
Irrationale Gedanken, die durch mich gehen, aber in der Eile kein Kriterium.
Dann kam er, zumindest nach versprochener Zeit. Rein am Karlsplatz, Zwischenhalt in der Taubstummengasse, aussteigen am Hauptbahnhof. Ich habe 4 Minuten gehabt von der U-Bahn zum Zug. Ich dachte nicht ans Aufgeben, ich kaufte schon mein Ticket in der U-Bahn. Sprinte raus am Hauptbahnhof, erklimme die Rolltreppen nach oben, rase, schon aus der Puste über die Gänge, zum ÖBB-Bahnhof. Dort erwarten mich 2 Treppen, die es zu erklimmen gilt, ehe man überhaupt auf der Hauptpassage ist. Ich renne, keuche... soll ich überhaupt erwähnen, dass ich da noch gar nicht gefrühstückt hab?
Und irgendwann, ich schaue auf den Monitor, stellte ich fest, dass all die Mühe, all der Ehrgeiz umsonst war: Der Zug war 10 Minuten verspätet. Erschöpft halte ich inne, atme durch, lasse ein Seufzen der Erleichterung heraus... ich depp renn wie wild und der Zug, er startet in Wien, hat in Wien Verspätung...
Das ist schon ein Glücksfall, denn Verspätungen aus Wien her auf meiner Linie sind eher selten.
Ich ging also deutlich entspannter zum Bahnsteig. Ich hätte, würde ich mein Temp so beibehalten, sicherlich meinen Zug noch knapp geschafft. Sofern der Lokführer nicht nach einer Uhr agiert, die eine Minute vorgeht oder so, das passiert ja auch manchmal.
Aber geschafft hätt ich es halbwegs sicher. Ich gehe rauf, am Bahnsteig, wo mein Zug später einfahren würde, steht grad ein Talent der MÁV. Ziel: Györ. Auch schon lang nicht gesehen...
Später kommt auch der Nightjet aus Bregenz an - mit Autotransportern. Ich konnte mich also dank der zuvorkommenden ÖBB etwas entspannen, ein wenig den Zugbetrieb beobachten...
... weniger wurde die Verspätung nicht. Der REX nach Györ fuhr aus, die Verspätung meines Railjets (es war der Zug mit der Nummer 70), wurde auf 13 Minuten korrigiert.
Irgendwann stelle ich fest, dass der Zug am vorderen Teil des Bahnsteiges hält, der übrigens nicht schlecht frequentiert ist.
Ist ja auch der erste Railjet des Tages, der nach Prag fährt.
Ich kann mich gar nicht erinnern, um die Uhrzeit schon losgefahren zu sein. Kann also durchaus eine Premiere sein für mich.
Irgendwann kam der Zug auch an. Ich stieg gleich am Speisewagen ein. Dabei gelang mir ein Schnappschuss... wie man vielleicht erkennen kann, ist der Zug Werbeträger für die EuroPride in Wien...
![[image]](https://abload.de/img/8b8e2c08-4038-4ac5-8e8kip.jpeg)
Im Speisewagen jedenfalls wurde gerade der Betrieb aufgenommen, es brauchte eine Zeit, bei meine Verspätung aufgenommen werden konnte.
Nach paar Minuten setzte sich der Zug in Bewegung, doch kurz darauf atand man wieder. 2 Mal ruft der Lokführer beim Zugführer. Ja, die Unterscheidung kenne ich. Irgendwann, es sind schon fast 20 Minuten Verspätung, die sich auch nicht abbaute.
Doch mir war das egal.
Ich war drin, kann mich endlich entspannen... und mir ein Frühstück bestellen. Dazu einen Almdudler, ich hatte nämlich auch Durst.
Die heiße Schokolade, die ich mir zum Wiener Frühstück unter den Heißgetränken wählen konnte, spülte jeden letzten Rest Stress mühelos ab.
![[image]](https://abload.de/img/553f5ca8-3135-4e86-879jbe.jpeg)
Ebenso der Almdudler.
Später kam auch das Frühstück, das ich zu genießen wusste:
Ich genieße also die warme Kaisersemmel
mit Butter und Marmelade bei einer köstlichen heißen Schokolade....
...und stelle fest, dass sich das Erlebnis verlängert, auf dem Weg geht es erstmal eher gemütlich daher, teils im Schritttempo, mal Stillstand... es wurden am Ende 23 Minuten Verspätung bei der Ankunft in Breclav.
Ziel erreicht.
Doch wer denkt, ich hätte bei so einem knappen Zeitbudget doch nie geschafft...
...nun, mit 4, 5 Minuten hab ich es durchaus mal geschafft von der U-Bahn in den Zug.
In den pünktlichen Zug wohlgemerkt. Ich gab nicht auf, so zahlte es sich aus. Ich stieg ein, wenig später schloss sich die Tür und es ging los.
Nicht immer stand die Zeit auf meiner Seite, doch hindert es mich nicht, mich für Ehrgeiz und nicht für die Resignation mich zu entscheiden.
Und ich glaube, das ist ein Zeichen, dass es sich immer lohnt, sich um etwas zu bemühen, nichts unversucht lassen, um das Ziel zu erreichen. Auch wenn heute mir eine Verspätung zur Seite sprang (wäre cool, wenn mich die App beim Ticketkauf darauf hingewiesen hätte), es gibt so einiges, das man für unerreichbar hält, was aber sehr wohl möglich ist.
Und dabei geht es sicher nicht nur darum, trotz knappen Timings seinen Zug zu schaffen ;-)
--
Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky
gesamter Thread:
- Resignation oder Ehrgeiz? Ich wählte letzteres... (m.3 B.) -
J-C,
08.06.2019, 20:11
- Resignation oder Ehrgeiz? Ich wählte letzteres... (m.3 B.) - gnampf, 09.06.2019, 10:27
- Therapiebedarf? -
Berliner65,
13.06.2019, 21:09
- Beste ignore-Funktion - J-C, 13.06.2019, 22:08
![[image]](https://abload.de/img/ce9ee259-bf2e-4f47-bwijwq.jpeg)