Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt (Reiseberichte)

mh1978, Feldkirch, Donnerstag, 06.06.2019, 16:58 (vor 2481 Tagen)

Gestern wollte ich nach einem Firmentermin von Graz nach Feldkirch zurückfahren.

Das war der Plan:

Graz Hbf ab 13.45 IC 518
Innsbruck Hbf an 19.40
Innsbruck Hbf ab 19.48 RJX 168
Feldkirch an 21.45

So weit so gut.

In Graz rechtzeitig am Bahnsteig und auf die Mini-Garnitur gewartet, die aus einer 1144, einem Halbgepäckwagen mit Fahrradabteil und 1. Klasse, 2 2. Klasse-Fernverkehrswagen und einem Nahverkehrssteuerwagen besteht.

Die planmäßige Abfahrtszeit nähert sich, nur der Zug ist weit und breit nicht zu sehen. Um 13.44 Uhr verkündet Chris Lohner am Bahnsteig "Vorsicht Bahnsteig 3, Intercity 518 nach Innsbruck Hauptbahnhof über Leoben und Selzthal fährt ab!". Nun ja - ohne Zug vielleicht etwas schwierig.

Kurze Zeit danach hat sie sich dann auf "Dieser Zug hat voraussichtlich 10-15 Minuten Verspätung" korrigiert.

Letztendlich wurde der Zug dann 20 Minuten nach der planmäßigen Zeit bereitgestellt und von den Fahrgästen gestürmt, man musste einen Wagen aussetzen, in dem die Klimaanlage defekt war. Mit 27 Minuten Verspätung ging die Fahrt von Graz letztendlich los.

Kurz nach der Abfahrt kam schon der sehr freundliche Zugbegleiter durch die Wagen und hat die Anschlüsse abgefragt - in Bischofshofen nach Salzburg, in Innsbruck nach Feldkirch und Zürich, in Selzthal nach Linz und in Stainach-Irdning nach Attnang-Puchheim. Bischofshofen und Innsbruck sollten aufgeholt werden, bei den anderen würde man mal sehen.

Vor Selzthal dann die Durchsage "Der Anschluss nach Linz konnte leider nicht warten, es wird für Sie ein Bus am Bahnhofsvorplatz bereitgestellt, der nach Linz fährt." Selbiges dann für die Fahrgäste von Stainach-Irdning nach Gmunden und Attnang.

Bis Selzthal war die Verspätung natürlich nicht weniger geworden, nach dem Fahrtrichtungswechsel ging es dann - nun mit dem Steuerwagen voran - weiter. Die Fahrt wurde dann immer ungemütlicher und ruckeliger. Ich war am iPad in ein Video vertieft, als der Zug relativ abrupt an einem Bahnhof anhielt und eine Durchsage durch den Zug schallte: "Wir halten gerade außerplanmäßig im Bahnhof Gröbming. Leider funktioniert unser Steuerwagen nicht richtig, daher muss die Lok den Zug umfahren. Wir setzen die Lok nach vorne um, sobald das geschehen ist, können wir weiterfahren. Wer möchte, kann auf der Bahnsteigseite kurz aussteigen."

Der Lokführer lief nach hinten, hat die Lok abgekuppelt, umfahren, Bremsprobe - als dies alles erledigt war, mussten wir noch einen Gegenzug abwarten und weiter ging es - inzwischen mit knapp einer Stunde Verspätung. Das ganze bei 8 (!) Minuten Umsteigezeit in Innsbruck.

300 Meter vor dem Bahnhof Schladming blieben wir auf freier Strecke stehen, diesmal kam der Zugbegleiter gleich persönlich durch alle Wagen. Es täte ihm sehr leid, leider hätte nun auch die Lokomotive den Dienst versagt, was eine Weiterfahrt unmöglich macht. Momentan wissen wir nicht, wie es weitergeht. Man bekam die Lok immerhin soweit flott, dass es in Kriechfahrt bis Schladming an den Bahnsteig ging, wo dann mit der Verkehrsleitung telefoniert wurde. Ansage: Zug wird geräumt.

Also alles zusammenpacken und raus. Pragmatische Lösung der ÖBB: Wir nehmen die aus St. Michael angekommene S-Bahn, die in Schladming endet und lassen die über Radstadt nach Bischofshofen weiterfahren, wo wir Fahrgäste in den IC 610 aus Graz (Abfahrt dort 15.45 Uhr) steigen können, der uns nach Salzburg bringt. Außerdem bietet Bischofshofen auch Anschlusszüge Richtung Saalfelden, Schwarzach und Zell am See.

Irgendwann ging es also dann im Talent weiter nach Bischofshofen, von dort dann im IC über Hallein nach Salzburg und dann endlich mit dem Railjet über das Deutsche Eck nach Feldkirch. Zu allem Überfluss dann auch noch mit 30 Minuten Verspätung, so dass ich statt um 23.48 Uhr um 0.15 Uhr angekommen bin. Aber ich war froh, im eigenen Bett schlafen zu können und nicht irgendwo ins Hotel zu müssen.

Letztendlich kann man nur sagen: Shit happens, aber ein Lob an die Verkehrsleitung der ÖBB vor Ort für die pragmatische Lösung mit dem Ersatzzug, der alle Fahrgäste aus unserem gestrandeten IC doch noch an ihr Ziel gebracht hat. Und an den Schaffner, der jederzeit informiert hat, immer ruhig geblieben ist und die Situation im Griff hatte.

Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt

Kaduh, Donnerstag, 06.06.2019, 19:43 (vor 2481 Tagen) @ mh1978

Hach, das klingt eigentlich voll gut! Also bei meinen Geschichten von der DB kann man bei dir nicht von Choas reden... ;) Die S-Bahn Lösung gefällt mir am besten! Bei der DB kann man froh sein, wenn aus einem Zugausfall nur 1h Verspätung wird. Manchmal kommt man ja nichtmal mehr in den nächsten Takt rein...
Deshalb plane ich immer so, dass ich noch 2 Züge zum Ziel hab, das eigene Bett lockt doch sehr!
Gruß aus meiner letzten Fahrt über die SFS Hannover - Göttingen vor der Renovierung!
Kaduh

Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt

guru61, Arolfingen, Freitag, 07.06.2019, 07:10 (vor 2480 Tagen) @ mh1978


Der Lokführer lief nach hinten, hat die Lok abgekuppelt, umfahren, Bremsprobe - als dies alles erledigt war, mussten wir noch einen Gegenzug abwarten und weiter ging es - inzwischen mit knapp einer Stunde Verspätung. Das ganze bei 8 (!) Minuten Umsteigezeit in Innsbruck.

Joi stell dir das mal in Deutschland vor, dass ein Griffesteller seinen Zug unterhalb der Gürtellinie berührt!
Hut ab, vor dem Lokführer. Wahrscheinlich hätte er so bei der DB gefühlt 200 Rils verletzt!

Pannen können immer passieren, es kommt immer drauf an, was man draus macht. Offensichtlich war da in der Rennleitung jemand am Drücker, der "Eisenbahnbetrieb" mehr als nur ein Computerspiel ist.
Gruss Leo

Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt

JeDi, überall und nirgendwo, Freitag, 07.06.2019, 08:27 (vor 2480 Tagen) @ guru61

Hut ab, vor dem Lokführer. Wahrscheinlich hätte er so bei der DB gefühlt 200 Rils verletzt!

Nö, wieso? Viel lustiger wirds, wenn Wagen-Wagen gekuppelt werden muss. Dafür ist nämlich der Zf zuständig, und davon sind sich einige zu fein dafür.

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Weg mit dem 4744!

Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt

guru61, Arolfingen, Freitag, 07.06.2019, 10:17 (vor 2480 Tagen) @ JeDi

Hut ab, vor dem Lokführer. Wahrscheinlich hätte er so bei der DB gefühlt 200 Rils verletzt!


Nö, wieso? Viel lustiger wirds, wenn Wagen-Wagen gekuppelt werden muss. Dafür ist nämlich der Zf zuständig, und davon sind sich einige zu fein dafür.

Ja? Interessant: wird in Deutschland offensichtlich nicht mehr ausgebildet. Sehe hier nur Kaufmann für Verkehrsservice :-)
https://karriere.deutschebahn.com/karriere-de/jobs/schueler/ausbildung

In Österreich wohl etwas mehr Praxisbezug

J-C, In meiner Welt, Freitag, 07.06.2019, 10:21 (vor 2480 Tagen) @ guru61

Hier heißt es "MitarbeiterInnen im Zugbegleitdienst" - könnte einen Unterschied ausmachen :P

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky

Äpfel und Birnen sind beides Obst!

JeDi, überall und nirgendwo, Freitag, 07.06.2019, 10:45 (vor 2480 Tagen) @ J-C

Das eine ist die Funktionsausbildung für Quereinsteiger - die es auch in Deutschland gibt und mit "Du bedienst die technischen Einrichtungen an Bord" beschrieben wird: https://karriere.deutschebahn.com/karriere-de/Suche/Quereinstieg-Umschulung-als-Zugbegl...

Das andere ist die Berufsausbildung als Kaufmensch für Verkehrsservice. Die gibts in Österreich gar nicht.

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Weg mit dem 4744!

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JeDi, überall und nirgendwo, Freitag, 07.06.2019, 10:40 (vor 2480 Tagen) @ guru61

Ja? Interessant: wird in Deutschland offensichtlich nicht mehr ausgebildet. Sehe hier nur Kaufmann für Verkehrsservice :-)

Als Kauffrau für Verkehrsservice lernt man das auch nicht grundsätzlich (braucht mensch im Reisezentrum ja auch nicht), wohl aber in der Funktionsausbildung zum Zugführer.

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Weg mit dem 4744!

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J-C, In meiner Welt, Freitag, 07.06.2019, 10:42 (vor 2480 Tagen) @ JeDi

Andererseits liegt das Berufsprofil auch in den Zügen

Zumal ich das Berufsfeld "Zugführer" nicht finde.

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Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt

JeDi, überall und nirgendwo, Freitag, 07.06.2019, 10:46 (vor 2480 Tagen) @ J-C

Von Graz nach Feldkirch - oder: Chronologie einer Chaosfahrt

J-C, In meiner Welt, Freitag, 07.06.2019, 07:56 (vor 2480 Tagen) @ mh1978

Einerseits ist das etwas viel Verspätung für meinem Geschmack, andererseits lässt sich das wohl nicht ganz vermeiden, die 1142 sind halt nicht das Allerneueste (vergleichbar mit einer 112). Dass der Steuerwagen nicht mag, das hatte ich 2 Mal gehabt. Einmal wurde in Selzthal trotz Steuerwagen umgesetzt, ein andermal war beim Railjet von Innsbruck nach Wien die Lok vor dem Steuerwagen gekoppelt, wohl eines der Vorteile des RJ.

Vermutlich war die defekte Klimaanlage, die man zum Laufen bringen wollte, der Grund für die verspätete Bereitstellung.

Ich find's aber respektabel, dass man trotz allem erstmal soweit wir möglich den Zug ins Rollen brachte (man stelle sich vor, beim IC2 wär der Steuerwagen ausgefallen, ui ui ui) und dann etwa für Fahrgäste, deren Anschluss platzte, einen Ersatzbus bereitstellte...

Auch mir gefiel es mal, dass man mal eben eine S-Bahn verlängerte, um die Leute ans Ziel zu bringen. Das sind eben die unkomplizierten Lösungen, die manch einer nicht mehr umsetzbar glaubte.

Doch es geht, tolle Leistung!

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Wenn ich diesen Bericht lese...

Ösi, Freitag, 07.06.2019, 17:41 (vor 2480 Tagen) @ mh1978

...frage ich mich schon, warum die DB das nicht vergleichbar hinkriegt.

Busse für verpasste Anschlüsse? Nie erlebt. Bestenfalls Sammeltaxis und das auch nur beim letzten Anschluss des Tages.

Außerplanmäßige Verlängerung der S-Bahn, um die Fahrgäste irgendwie weiterzubringen? Ebenfalls nie erlebt, ist ja ein komplett anderes Unternehmen und daher unmöglich, weil Unternehmen nie so etwas wie Geschäftsbeziehungen zueinander haben. Stattdessen nächster Takt (gerne auch in zwei Stunden) oder Taxi/Hotel.

(Ach ja, die Bilder von irgendwelchen Nahverkehrszügen als Ersatz für einen ICE oder IC habe ich auch schon gesehen. Aber tatsächlich erlebt habe ich es nie und so selten wie D-Züge als Ersatzzüge auftauchen, scheint das die absolute Ausnahme zu sein.)

Köstlich ...

Blaschke, Freitag, 07.06.2019, 19:16 (vor 2480 Tagen) @ mh1978

Huhu.

Man lacht sich kaputt: die ÖBB richten Unzulänglichkeiten an - aber etliche Beitragsschreiber wissen nichts besseres, als über die DB zu nörgeln und die ÖBB dafür zu loben, dass der Berichterstatter auf den paar Kilometern doch NUR 2,5 Std Verspätung gehabt hat. Als ob den ÖBB Naturgewalten dazwischen gekommen wären ...


Schöne Grüße von jörg

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