SPIEGEL: Weiter Probleme mit den ICE Zügen (Allgemeines Forum)

Frank-RE, Recklinghausen, Freitag, 19.02.2010, 07:53 (vor 6001 Tagen)

Meldung aus dem Spiegel vom 17.02.10:

Die ICE-Achsprobleme werden die Bahn wohl noch jahrelang beschäftigen. Das teilte der Technikvorstand des Unternehmens mit. Man habe "schlichtweg keinerlei Reserven mehr", sagte ein Sprecher.

Frankfurt/Main - Bahnfahrer müssen auch in den kommenden beiden Jahren mit Einschränkungen im ICE-Verkehr rechnen. Zwar gebe es eine Einigung über den Austausch der Achsen auch bei den ICE-T-Zügen, doch könne dieser erst Ende 2011 beginnen, sagte Deutsche-Bahn-Technikvorstand Volker Kefer am Donnerstag. Die Bundesregierung setzt sich derweil dafür ein, die Industrie bei Pannen stärker in Haftung zu nehmen.


Kefer sagte, nach einer Einigung mit den Herstellern des ICE-3, den Konzernen Siemens und Bombardier, gebe es nun auch eine Vereinbarung über die finanziellen Lasten für den Austausch mit dem französischen Alstom-Konzern, der die ICE-T-Züge mit Neigetechnik herstellt. Die Einigung sieht demnach vor, dass die Achsen, deren Sicherheit in Frage steht, an 67 ICE-Zügen ausgetauscht werden sollen. Insgesamt würden 1872 Radsätze ausgetauscht.

Der Austausch wird nach Angaben Kefers voraussichtlich Monate dauern. Solange bleibe die ICE-Flotte auf heutigem Stand. Der Konzern könne "keine zusätzlichen Kapazitäten herbeizaubern". Zu den Kosten sagte der Bahn-Vorstand lediglich, diese lägen "in der zweiten Hälfte des zweistelligen Millionenbereichs", also zwischen 50 Millionen und 99 Millionen Euro.

Die Bahn verfügt insgesamt über 250 ICE-Züge. Hintergrund der Einigung mit Alstom, Bombardier und Siemens sind Probleme mit ICE-Radätzen, die bei der Entgleisung eines Zuges am Kölner Hauptbahnhof im Sommer 2008 zutage getreten waren. Seitdem muss die Bahn die Züge in deutlich kürzeren Intervallen untersuchen.

Die momentanen Probleme der Bahn im Fernverkehr bezeichnete Kefer als "Resultat überlagerter Effekte". Neben den höheren Inspektionsintervallen beeinträchtigten auch Probleme der ICE-Züge angesichts des Winterwetters das Zugangebot. Der Konzern habe "schlichtweg keinerlei Reserven mehr. Daran kranken wir". Bei der Bahn kommt es seit Wochen zu Verspätungen und teils auch zu Zugausfällen.

Die Bundesregierung will nach den Pannen an ICE-Zügen und bei der S-Bahn in Berlin unterdessen durchsetzen, dass die Hersteller von Zügen bei Pannen stärker haften müssen. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Welt" von Donnerstag, nannte aber keine Einzelheiten.

Die Zeitung hatte Regierungskreise zitiert, wonach das Ziel sei, "dass die Bahnindustrie in Zukunft deutlich mehr Verantwortung für ihre Produkte übernimmt". Um dies zu ermöglichen, muss demnach das Allgemeine Eisenbahngesetz geändert werden. Das soll bis Jahresende auf den Weg gebracht werden.


http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,678868,00.html

Dann verweise ich auch mal...

Matze86, München, Freitag, 19.02.2010, 08:04 (vor 6001 Tagen) @ Frank-RE

...und zwar hierauf und hierauf ;)

nur so eine Frage

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Freitag, 19.02.2010, 08:17 (vor 6001 Tagen) @ Frank-RE

Alle reden in DE von Achs- oder Radsatzproblemen.
Nur TGV, AVE, Eurostar (Italia), CRH-n und Shinkansen nicht.

Was macht ICE-Achsen so unterschiedlich von anderen HGV-Achsen, dass die immer so negative Schlagzeilen machen?

Oder:

1. haben die anderen Züge auch Achsprobleme, aber werden die nicht den Medien bekanntgegeben?
2. haben die anderen Züge auch Achsprobleme, aber redet keiner davon, weil ausreichend Ersatz vorhanden ist?
3. sonstiges?

Fragen über Fragen.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.

nur so eine Frage

Dirk, Freitag, 19.02.2010, 11:32 (vor 6001 Tagen) @ Oscar (NL)

Moin,
die Achsen im ICE3 und ICE-T sind "dünner" und damit leichter als herkömmliche Achsen von HGV-Zügen. Sie bestehen aus einem angeblich sehr hochfesten Material und sollten eigentlich bei geringerem Gewicht die gleiche Festigkeit haben wie herkömmliche Achsen... und genau das hat sich wohl als unzutreffend herausgestellt.

warum leichtere Achsen? ICx-V

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Freitag, 19.02.2010, 13:16 (vor 6001 Tagen) @ Dirk

Moin,
die Achsen im ICE3 und ICE-T sind "dünner" und damit leichter als herkömmliche Achsen von HGV-Zügen.

Warum sind die leichter:

1. musste man auf Gewicht sparen, damit die Achslast nicht gegen die UIC-Normen verstößt? Wenn ja, warum hat TGV Duplex dann keine Achsprobleme?
2. hatte man absichtlich Gewicht gespart um Energiekosten zu senken?

S.i.w. war der ICE-S der Versuchsträger für die ICE-Triebwagengeneration. Wurden diese Achsen dort auch ausführlich getestet?
Wenn ja, warum gab es damals denn keine Defekte?
Wenn nicht, dann bekomme ich irgendwie unangenehme Gedanken = ahnungslose Fahrgäste werden als Versuchskaninchen für möglich gefährliche Experimente angewendet.

Es ist zu hoffen, dass die neuen IC-Triebwagen zuverlässige Achsen bekommen. Ich vermute, die werden noch schwerer belastet als ie der ICE 3: ständiges Anfahren und Bremsen und vmax bis zu 250 km/h. War es nicht etwa so, dass man 2010 ein "ICx-V" (also ein Versuchszug / Prototyp) ausrollen möchte?

Sie bestehen aus einem angeblich sehr hochfesten Material und sollten eigentlich bei geringerem Gewicht die gleiche Festigkeit haben wie herkömmliche Achsen...

Gefährliches Wort, "sollte(n)".
Die Titanic sollte ja auch nicht sinken können...


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.

warum leichtere Achsen? ICx-V

JW, Samstag, 20.02.2010, 12:22 (vor 6000 Tagen) @ Oscar (NL)

Hallo Oscar,

Warum sind die leichter:

1. musste man auf Gewicht sparen, damit die Achslast nicht gegen die UIC-Normen verstößt? Wenn ja, warum hat TGV Duplex dann keine Achsprobleme?
2. hatte man absichtlich Gewicht gespart um Energiekosten zu senken?

Es geht hier nicht so darum, das Gesamtgewicht des Fahrzeugs zu senken, sondern darum die ungefederte Masse zu reduzieren.
Bei jeder Art von Fahrzeugen ist eine möglichst geringe ungefederte Masse immer von Vorteil. Man kann dies bei Straßenfahrzeugen leichter nachvollziehen, aber es ist im Prinzip bei der Eisenbahn das gleiche. Um Unebenheiten in der Fahrbahn auszugleichen, muss dass Rad gefedert sein. Ist es nicht gefedert rollt es nicht durch ein Schlagloch sondern hängt kurzzeitig in der Luft und setzt dann unsanft wieder auf. Die Folge ist ein unruhiges Fahrverhalten und ein hoher Verschleiß an den Fahrwerken und der Fahrbahn.

Um die ungefederte Masse zu senken, kann man die Federung in das Rad integrieren. Bei Strassenfahrzeugen ist dies der luftgefüllte Reifen, bei der Bahn hat man es mit den unrühmlichen gummigefederten Radreifen beim ICE1 versucht.
Da dies nicht funktioniert hat, bleibt es nur das Gewicht des Radsatzes zu reduzieren, in dem man leichteres oder festeres Material nimmt. Beim ICE3/ICE-T hat man sich für neue hochfeste Stähle entschieden, die so fest sind, dass man die Achse entsprechend dünner auslegen konnte und der Radsatz somit leichter wurde.

S.i.w. war der ICE-S der Versuchsträger für die ICE-Triebwagengeneration. Wurden diese Achsen dort auch ausführlich getestet?
Wenn ja, warum gab es damals denn keine Defekte?

Natürlich wurde die getestet, aber es handelt sich ja um ein Problem dass erst nach zehn Jahren Betrieb aufgetaucht ist. Man kann ja schlecht die komplette Lebensdauer eines Zuges (ca. 30-40 Jahre) mit einem Prototyp herumfahren, bis man mit der Serienfertigung beginnt.
Wenn dann müsste man eine solche Untersuchung auf einem Rollenprüfstand durchführen, dort kann man in kürzerer Zeit mehr Kilometer zurücklegen und auch härtere Bedingungen als im echten Betrieb simulieren. Aber ich fürchte auch damit würde eine solche Untersuchung noch etliche Jahre dauern.

Da solch lange Untersuchungen weder bezahlbar noch praktikabel sind, greifen die Konstrukteure auf entsprechende Normen zur dauerfesten Dimensionierung von Stahlteilen zurück. Das Problem bei den ICE-Achsen war nur, dass es sich bei diesen neuen hochfesten Stählen Langszeitermüdungseffekte gab, die bei der Erstellung der Normen noch nicht bekannt waren.

Gruß Jörg

Danke...

Benjamin.Keller, Samstag, 20.02.2010, 13:14 (vor 6000 Tagen) @ JW

...Jörg für diesen Beitrag! :-)

Ist glaube ich sehr hilfreich, wenn diese ja doch schon etwas länger bekannten Umstände von jemandem mit Kenntnis noch mal in Ruhe aufgeschrieben werden!

SPIEGEL: Weiter Probleme mit den ICE Zügen

martin.elsner, Freitag, 19.02.2010, 13:07 (vor 6001 Tagen) @ Frank-RE

Hallo!

Ok, dann stellt sich jetzt eine Frage:

Wird die Bahn den Fahrplan an diese Situation anpassen? Oder weiterhin z.b. die Umsteiger in Mannheim von Köln aus kommend nach München täglich ins planmäßige verderbern laufen lassen?

Wenn jetzt schon klar ist das nächten Winter wieder Züge ausfallen oder eingeschränkt unterwegs sind MUSS das geschehen.

Aber dich denke lieber noch 2-3 LIDL Aktionen, hauptsache man gewinnt neue Kunden die eh nur kaufen wenn es billig ist. Treue Kunden sind dann egal, die haben ja meist leider eh keine Wahl.

Gruß
Martin

Könnte nicht die Bundesregierung...

railan, Augsburg, Samstag, 20.02.2010, 10:23 (vor 6000 Tagen) @ Frank-RE
bearbeitet von railan, Samstag, 20.02.2010, 10:23

...mal was sinnvolles tun und nach der großzügigen Unterstützung der heruntergewirtschafteten Banken letztes Jahr einfach einen Satz neue Züge finanzieren?
O.k. - dann hat man vermutlich einfach andere Fehler...

Könnte nicht die Bundesregierung...

sappiosa, Samstag, 20.02.2010, 12:24 (vor 6000 Tagen) @ railan

...mal was sinnvolles tun und nach der großzügigen Unterstützung der heruntergewirtschafteten Banken letztes Jahr einfach einen Satz neue Züge finanzieren?

Ganz abgesehen von der dazu nötigen Wettbewerbsverzerrung (Fernverkehr soll sich ja selbst finanzieren): Selbst wenn die Bundesregierung das täte - früher als Ende 2011 (der im Artikel genannte Zeitraum) wären die Züge auch nicht zu haben. Und wir reden hier ja gerade von akuten Problemen.

Für die Zukunft sollte die DB natürlich schon sehen, die Reserven etwas großzügiger zu kalkulieren. Die SNCF tut das offenbar auch - sonst wäre sie wohl kaum in der Lage gewesen, mal eben mit ein paar zusätzlichen TGV die ICE auf Paris-Frankfurt zu ersetzen. Und davon, mit dem Finger auf die Herstellerfirmen zu zeigen, hat der Kunde nichts.

Schöne Grüße
Daniel (aka Sappiosa)

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum