Auf nach Sizilien! Kap. 1, Teil 2/3 (Reiseberichte)

Krümelmonster, München, Montag, 25.02.2019, 20:29 (vor 2611 Tagen) @ Krümelmonster

In Mailand hatte ich über 3 h Zeit. Ich ging raus, machte ein paar Fotos vom Bahnhofsgebäude. Dann ging ich in der Bahnhofshalle eine Pizza futtern. Das war gut & günstig: Wenn man in Richtung der Gleise schaut, ganz links hinten in der Ecke (Namen weiß ich nicht mehr). Dort waren viele Einheimische, also kann’s ja nicht schlecht sein.^^
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33 Ui, wie exotisch – es geht nach Primocampo (Erstfeld) ;-)
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34 – 35 Ein paar Schnellzüge
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36 Der Bahnhof von außen
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37 Die Tram könnte älter sein als mein Opa^^
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38 Die Vorhalle gehört noch nicht zum eigentlichen Bahnhof
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39 Jetzt hab ich ihn auch mal gesehen
Mit zunehmender Stunde herrschte in der Gleishalle ein gigantisches Menschengedränge. Dabei war gar keine Betriebsstörung, sondern einfach nur Freitagabend. Es war ein dermaßenes Gewusel.^^ Alle scharten sich um die Bildschirme, auf denen irgendwann die Gleise bekannt gegeben wurden – oder auch nicht. Die Gleisbekanntgabe für meinen Zug erfolgte gerade eimal 7 min vor Abfahrt, die Bereitstellung üppige 4 min vor Abfahrt, zunächst ohne Verspätungsangabe. Deshalb sputete ich mich mächtig: ich musste einmal durch die volle Halle und dann noch vor zum letzten Wagen. Sehr praktisch: Bildschirme entlang des Bahnsteiges zeigen an, an welchem Wagen man sich gerade befindet. Die gibt es an allen großen Bahnhöfen, gerade an Nicht-Kopfbahnhöfen sind sie natürlich überaus sinnvoll!
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40 – 41 Da ist das Ding!
Als ich den Zug betrat, dachte ich zunächst, der Altersdurchschnitt liege bei 50+. Aber die fittesten waren zuerst eingestiegen. Tatsächlich war es am Ende sicher 60+, mich bereits eingerechnet. In meinem Wagen waren genau vier Leute, die sichtbar unter 50 waren (davon neben mir ein indischer Tourist), aber wesentlich mehr, die sichtlich deutlich über 60 waren.^^ Pro Liegewagen gab es acht 4er-Abteile. Die Betten waren wesentlich breiter als in anderen Nachtzügen und der vertikale Abstand natürlich größer als im normalen 6er-Liegewagen, insgesamt also durchaus bequem. Dafür fehlte es an Klobrillen. Gut, als Mann ist das noch zu verkraften, aber ich frage mich, wie sich die Rentnerinnen im Laufe der über 20-stündigen Fahrt beholfen haben… Die Auslastung des Zuges war übrigens sehr gut, auf dem nächtlichen Abschnitt müsste er fast voll gewesen sein. Als alle Rentner eingeladen waren, ging der wilde Ritt schließlich mit + 15 los. In Punkto Länge stellt diese Fahrt bis heute alle noch so langen Fahrten in Osteuropa in den Schatten. ;-)
In meinem Abteil war ab Mailand nur ein vergleichsweise junger Herr (in den 50ern), der starker Raucher war und an fast jeder Station rausging. Ein weiterer Herr stieg in Voghera zu, einer in Tortona. Und das ist der Moment, wo es interessant wird: Ausgestiegen sind sie alle nämlich nicht direkt in Palermo, sondern in Militello bzw. Cefalù. Nehmen wir mal das Beispiel Voghera – Militello: Die planmäßige Fahrzeit ist 20:56 – 14:42 Uhr. Das klingt erst einmal lang, ist aber im Vergleich zum Flieger selbst zeitlich absolut konkurrenzfähig: Wenn man über Nacht ein Bett hat (genau wie im Zug) und sich erst morgens sagen wir nicht vor 7 Uhr auf den Weg zum Flughafen macht, ist man nach einer knappen Stunde Fahrzeit sagen wir 8 Uhr am Flughafen Linate. Also Abflug nach Puffer und Check In nicht vor 10 Uhr, sagen wir 10:30. Dann ist Landung um 12:00 Uhr in Palermo. Bis man das Gepäck eingesammelt hat, ist es mindestens 12:30 Uhr. Von dort noch 1:45 h Fahrzeit nach Militello. Ankunft dort wäre dann gerade einmal 30 min eher als der Zug. Und wenn man mit dem Zug fährt, muss man sich beim Gepäck nicht einschränken und braucht niemanden, der einen am Flughafen abholt (und eventuell sogar noch jemanden, der einen zum Flughafen Linate bringt). Teurer dürfte Fliegen plus Fahrten zum Flughafen sowieso sein. Bei zugegeben sehr langfristiger Buchung habe ich günstige 45 € für die Fahrt im Liegewagen gezahlt. Ich kann mir vorstellen, dass Senioren noch Ermäßigungen bekommen.
Einer der Herren in meinem Abteil hatte in den 60ern als Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet und konnte halbwegs Deutsch. Der Rest inkl. Provodnik konnte nichts anderes als Italienisch.^^ Außer dem Inder und mir gab es noch einen Schweizer (aus dem Tessin), aber sonst waren zumindest in meinem Wagen alle Sizilianer (der Provodnik war Kalabrese). Mein Italienisch „gelernt“ (aufgeschnappt passt eher) auf habe ich im Norden, bis dahin war ich noch nie weiter südlich vorgedrungen als bis zur Linie Mailand – Venedig. Ich bin durchaus in der Lage, einem Gespräch auf Italienisch zumindest im Groben zu folgen, die Ansagen am Bahnhof kann ich ziemlich gut verstehen, bloß selbst sprechen find ich schwer (ich hab’s halt wirklich nur aufgeschnappt und nie als Kurs gelernt). Aber wenn die Sizilianer sich unterhielten, hätten sie genauso gut Ungarisch sprechen können. Außer Gezische war absolut nichts zu verstehen. :D
Die Verspätung konnte bis Genua auf + 20 gesteigert werden. Ich war ziemlich tot, aber in meinem Abteil war mächtig Bewegung. Die Senioren wollten um halb zehn natürlich noch nicht schlafen gehen.^^ Irgendwo danach schlief ich ein, aber sonderlich gut schlafen kann ich in Nachtzügen ja eh nicht… Letzter Zustiegshalt war bereits Livorno an der toskanischen Küste, Planabfahrt 0:22 Uhr.
Ich erwachte, als der Zug irgendwo zum Stehen kam. Es war halb vier und wir waren in Roma Ostiense. Hier war ein Betriebshalt eigentlich von 3:10 – 3:13 Uhr vorgesehen (wahrscheinlich Tf-Wechsel, jedenfalls wurde reichlich geplauscht^^), doch wir fuhren erst gegen 20 vor vier (für die Norddeutschen: zehn nach halb vier) weiter. Ich beobachtete auf meiner Tracking-App noch, wie wir auf die Küstenstrecke Richtung Latina und Gaeta einbogen, zumindest streckentechnisch lief also alles nach Plan, dann schlief ich weiter. Der Zug ratterte der Zug weiter gen Neapel. Auf der Bueker-Karte lässt sich der interessante Laufweg gut verfolgen. Um den Kopfbahnhof zu umgehen, bog er von Norden kommend in Villa Literno links ab, wandte sich in Caserta wieder Richtung Südosten und erreichte über Cancello und Sarno die geradlinige Strecke nach Salerno. Dies alles ohne zu halten. Meine Tracking-App wusste das zu bestätigen.
Als ich hinter Rom das nächste Mal wach wurde, hatte sich der Zug mit der Sammlung sizilianischer Senioren bereits bis Salerno vorgearbeitet und seine Verspätung auf 37 min erhöht. Es war kurz nach halb sieben. Hier war der erste Ausstiegshalt, Zustieg war nun nicht mehr möglich. Wer diesen Zug nutzen wollte, musste also mindestens von der Toskana nach Kampanien fahren. Der langlaufende Zug ist eben gar nicht für Kurzreisen gedacht, er führt auch keine Sitzwagen. Generell scheinen die Nachtzüge in Italien auch die politische Aufgabe zu haben, das langgestreckte Land mit seinem großen Nord-Süd-Gefälle und den starken Gegensätzen zu einen.
Da Senioren ja häufig von der senilen Bettflucht befallen sind, war danach auch nichts mehr mit weiter schlafen.^^ Es ging weiter nach Süden, oft direkt entlang der Küste, teilweise aber auch durchs zu dieser Jahreszeit sehr grüne Hinterland, um die Strecke bei Halbinseln abzukürzen. Die Fahrt war sehr abwechslungsreich. Trotz unserer Verspätung dauerten die meisten Halte länger als die geplanten 2 min. Trotzdem hatte sich die Verspätung bis Lamezia Terme auf + 7 reduziert. Vor Vibo Valentia standen wir nochmal 10 min auf freier Strecke, trotzdem trafen wir dort mit nur + 9 ein. Vor dem nächsten Zwischenhalt Rosarno standen wir nochmal 10 min dumm rum, doch wir erreichten ihn mit + 8. Das sind ja Pufferfahrpläne fast wie bei DB Fernverkehr. ;-) Falls dieser Zuglauf einen Namen braucht, plädiere ich für Mafia-Schnecke. ;-) (Ok, die planmäßige Durchschnittsgeschwindigkeit von Mailand bis Kalabrien war mit 93 km/h gar nicht so niedrig.) Bis Lamezia Terme war es ziemlich trüb gewesen, ab dort besserte sich das Wetter langsam. In Villa S. Giovanni war es sonnig bei fast 20 Grad. Die Entfernungen in Süditalien sind nicht zu unterschätzen: Ab Salerno (55 km südöstlich von Neapel) bis Villa S. Giovanni fast an der Südspitze dauerte es inkl. abgebauter Verspätung immer noch über 4 h.
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42 Rom nachts kurz nach halb vier :D
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43 – 44 An der kalabresischen Küste
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45 Ortschaft landeinwärts
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46 Große Brücke…
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47 ...mit großem Ausblick
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48 Oberhalb von Vibo Marina
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49 10:30 Uhr – die Insel ist in Sicht!
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50 Man denkt, da kann man ja fast rüber schwimmen^^

Es geht gleich weiter…

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