Über die Pfefferminzbahn zum Neusiedler See – 1/5 m 59 B (Reiseberichte)
Hallo zusammen,
nachdem ich zuletzt einen kleinen Tagesausflug zum Rheinbähnle als Reisebericht eingestellt hatte, will ich nun beginnen, die größeren Sommerreisen aus dem letzten Jahr aufzubereiten. Den Anfang macht eine sechstägige Tour in nordöstlicher Richtung. Die Reise stellt ein ziemliches Sammelsurium an Zielen und Strecken im In- und Ausland dar, beispielhaft genannt seien die Bereisung der Pfefferminzbahn und die Umrundung des Neusiedler Sees. Gut, mit fast einem Jahr Verzögerung ist der Bericht nicht mehr ganz taufrisch, aber vielleicht interessiert sich trotzdem jemand dafür; sonst ist er ja auch schnell weggeklickt.
![[image]](http://www.bahnreiseberichte.de/082-Pfefferminzbahn-Neusiedler-See/82-000Karte.jpg)
Der erste Reisetag führt uns von Konstanz über Kassel nach Magdeburg, am zweiten Tag geht es von dort aus zur Erkundung von Ilmtalbahn und Pfefferminzbahn nach Thüringen. Am dritten Tag stehen Cottbus, Jelenia Góra (Hirschberg) und Wrocław (Breslau) auf dem Programm, bevor wir dann an den Neusiedler See reisen. Am fünften Reisetag umrunden wir den Neusiedler See und fahren schließlich zurück an den Bodensee. Die erstklassige Tour fand im August 2017 statt, begleitet hatte mich mein Bruder.
Tag 1: Konstanz – Singen – Horb – Pforzheim – Karlsruhe – Kassel-Wilhelmshöhe – Kassel – Kassel-Wilhelmshöhe – Hannover – Magdeburg
Beginnen sollte die Tour in Konstanz mit einer Fahrt auf der Schwarzwaldbahn nach Karlsruhe und von dort mit dem ICE nordwärts. Drei Tage vor Reisebeginn hatte sich durch die Tunnelhavarie von Rastatt jedoch die Ausgangslage geändert. Die Frage war nun: SEV oder Ausweichstrecke? Und siehe da: die Fahrplanauskunft spuckt bei nur 20 Minuten früherer Busabfahrt zu Hause eine Alternativroute über Calw und Pforzheim aus, so dass ab Karlsruhe der ursprüngliche ICE zu erreichen ist. Und das war mir wichtig, denn mein Bruder wollte in Frankfurt mit getrennt gebuchter Fahrkarte zusteigen.
Und so geht es nun also mit dem Seehas von Konstanz am Ufer des Untersees nach Singen. Neben mir sitzen zwei Fahrgäste, die sich über ihre Urlaubserlebnisse austauschen, einer berichtet, dass er auf der Heimfahrt zwei Stunden im Stau gestanden habe, was der andere noch toppen kann, sein Flieger haben dreieinhalb Stunden Verspätung gehabt. Tja, da bin ich ja mal gespannt, was ich am Ende der Tour von meinem Verkehrsmittel Bahn zu berichten haben werde.
In Singen steht dann das erste Mal Umsteigen auf dem Plan, eine schweizerische Lok bringt den IC 284 aus Zürich nach Singen. Wegen Bauarbeiten verkehrt der Zug nur bis Horb, was die Fahrgastzahlen nicht gerade beflügelt.
Und so geht es nun recht entspannt auf der Gäubahn gen Norden, bei diesem Bild aus dem Tal der jungen Donau sage ich mir wieder: ich sollte auf Bahnreisen keine gestreiften Hemden mehr tragen.
In Horb verteilen sich die Fahrgäste des Intercitys auf den SEV sowie die Nagoldtalbahn nach Pforzheim und die Obere Neckarbahn nach Tübingen. Da ich nicht einschätzen kann, wie viele Fahrgäste ebenfalls auf die Idee mit der Alternativstrecke über die Nagoldtalbahn gekommen sind, beeile ich mich beim Umsteigen – aber die Sorge ist unbegründet, dar einteilige Regioshuttle reicht gut aus.
Auf den Gleisen der Gäubahn geht es nun aus dem Neckartal hinauf auf die Gäuhochebene, dann verlässt der Dieseltriebwagen bei Hochdorf die Gäubahn und wechselt auf die eingleisige und nicht elektrifizierte Nagoldtalbahn.
Die Landschaft vor dem Zugfenster geht nun vom Gäu in den Schwarzwald über. Hier erreichen wir gerade Calw im Nordschwarzwald. Heute reicht die Zeit leider nicht für einen Besuch in Calw – aber sobald die württembergische Schwarzwaldbahn von Calw bis Weil der Stadt als „Hermann-Hesse-Bahn“ wieder reaktiviert ist, ist ein Ausflug vorgemerkt.
Kurz darauf sind bei Hirsau die Schlossruine und die Überbleibsel des Klosters Hirsau zu sehen. Einst befand sich hier eines der bedeutendsten Klöster des Landes, es wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1692 zerstört.
Die Nagoldtalbahn ist landschaftlich reizvoll, auf weiten Abschnitten folgt sie dem Tal der Nagold, zahlreiche Brücken und Tunnel machen die Fahrt zu einem kurzweiligen Erlebnis – nur lässt sich das schwierig in Fotos einfangen, aber so ist das halt im dicht bewaldeten Schwarzwald.
Nach der Ankunft in Pforzheim ergibt sich die Möglichkeit, ein Außenbild des Regioshuttles nachzuholen...
...dann geht es gleich im nächsten Triebwagen weiter, diesmal elektrisch mit der BR 425. Etwas spartanisch geht es hier ja schon zu, im weiteren Reiseverlauf werden wir noch den Gegenentwurf der S-Bahn Mittelelbe kennenlernen.
Unspektakulär geht die Fahrt weiter durchs Pfinztal von Pforzheim nach Karlsruhe. Nach der Ankunft in Karlsruhe holen wir auch hier noch ein Außenbild nach...
...und dann geht es weiter im Fernverkehr. Der Plan ist aufgegangen, ab jetzt sind wir mit dem ICE 76 wieder im ursprünglichen Fahrtverlauf.
So ganz hat sich der Betrieb nach dem Streckenunterbruch in Rastatt jedoch nicht normalisiert. Der ICE ist zwar an Ort und Stelle – dafür mangelt es jedoch an Personal. Und so muss ich den Sitzplatz im Wagen 12 wieder verlassen, denn die Wagen 12 und 14 werden geräumt aufgrund der Sicherheitsvorschriften für die Tunnelstrecke. Als alle Fahrgäste mit etwas Murren in die anderen Wagen umgezogen sind, verlässt der Zug schließlich Karlsruhe mit einer Verspätung von 15 Minuten – und befährt dann prompt doch die Umleitungsstrecke, so dass die Fahrgäste schon bald wieder in die Wagen 12 und 14 zurück dürfen.
In Frankfurt steigt mein Bruder zu, dann geht es zu Füßen des Monte Kali auf der hessischen Kinzigtalbahn nach Fulda und weiter nordwärts auf die Schnellfahrtstrecke bis Kassel, wo wir einen Zwischenstopp eingeplant haben.
Warum ausgerechnet Kassel? Nun, ich kenne die Stadt noch nicht, die dortige RegioTram fehlt noch in meiner Sammlung und außerdem bietet es sich an, etwas documenta-Luft zu schnuppern.
Die RegioTram Kassel ist ein Zweisystem-Stadtbahnsystem nach dem Karlsruher Modell. Die Fahrzeuge befahren sowohl das Bahn- als auch das innerstädtische Straßenbahnnetz. Mit der Linie RT 5 fahren wir vom Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe bis zum Kasseler Hauptbahnhof und weiter auf Straßenbahngleisen ins Zentrum.
Vom Rathaus in Kassel...
...starten wir zu einem kleinen Rundgang der öffentlichen Ausstellungsorte der documenta. Die documenta versteht sich als Ausstellung für zeitgenössische Kunst, sie findet alle fünf Jahre statt und dauert jeweils 100 Tage. Hauptattraktion der documenta 14 war der „Parthenon der Bücher“, der Tempelnachbau ist gebildet aus verbotenen Büchern.
Der „Rahmenbau“ ist eine begehbare Plastik, die zur documenta 6 errichtet wurde und als Vorrichtung zur Blicklenkung dienen soll, sie zeigt den Vorgang des selektiven Sehens und der Funktion des Bilderrahmens. Alles klar?
Nach einem Abstecher zur Orangerie...
...machen wir uns auf den Weg zum Hauptbahnhof von Kassel. Auch hier hat die documenta Spuren hinterlassen, seit der documenta 9 ziert die Skulptur „Man walking to the sky“ den Bahnhofsvorplatz. Der Bahnhof wurde 1856 eröffnet, nach schweren Kriegsschäden erfolgte von 1952 bis 1960 ein moderner Wiederaufbau, wobei teilweise die historische Substanz beibehalten wurde.
Wir müssen nun wieder zurück zum Bahnhof Wilhelmshöhe – eine gute Gelegenheit, auch noch den Flirt von cantus kennenzulernen.
Es geht gleich weiter...
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Über die Pfefferminzbahn zum Neusiedler See – 1/5 Fortsetz.
Mittlerweile ist der Himmel grau und es hat begonnen zu regnen. Aber immerhin ist es hier nur ein leichter Regen, im Süden muss es kräftiger zugegangen sein, denn der gebuchte ICE hat 65 Minuten Verspätung wegen Unwetters. Aber egal, dann nehmen wir halt die nächstbeste andere Verbindung mit einem ICE 2 nach Hannover.
Ohne besondere Ereignisse verläuft die weitere Fahrt auf der Schnellfahrtstrecke bis Hannover. Mit einem kleinen Spurt in Hannover...
...klappt sogar der Übergang auf den IC 2 und wir sind wieder im ursprünglichen Plan.
Die weitere Fahrt über das flache Land von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist unspektakulär. Wer hätte das gedacht, dass wir trotz Rastatt-Sperre und Unwetter pünktlich unser heutiges Tagesziel Magdeburg erreichen?
Und so starten wir schließlich noch zu einem Abendspaziergang durch die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Vorbei an der von Friedensreich Hundertwasser entworfenen Grünen Zitadelle...
...geht es an die Elbe...
...und zum Magdeburger Dom. Der „Dom zu Magdeburg St. Mauritius und Katharina“ – so der offizielle Name – ist der erste gotisch konzipierte Bau einer Kathedrale auf deutschem Boden und einer der größten Kirchenbauten im Land.
Und zum Abschluss noch ein Bild vom Kloster Unser Lieben Frauen, das heute als Kunstmuseum und Konzerthalle genutzt wird.
Tag 2: Magdeburg – Leipzig – Erfurt – Weimar – Kranichfeld – Weimar – Erfurt – Sömmerda – Buttstädt – Großheringen – Naumburg - Magdeburg
Der geneigte Leser fragt sich vielleicht, warum wir überhaupt nach Magdeburg gefahren sind, soll das Ziel doch eigentlich die Pfefferminzbahn sein. Nun, auch bei dieser Reise soll das Hobby meines Bruders nicht zu kurz kommen, er hat bei einem Angelguide eine Zandertour an der Elbe bei Magdeburg gebucht. Währenddessen will ich die Pfefferminzbahn besuchen - und beim Studium von Streckenkarte und Fahrplan kam ich auf die Idee, zum Streckensammeln auch noch die Ilmtalbahn mitzunehmen.
Und so ziehe ich also alleine los und starte am Hauptbahnhof von Magdeburg zunächst mit einem IC2 bis Leipzig.
Die Fahrt verläuft ereignislos und graue Regenwolken lassen die landschaftlich eher langweilige Strecke noch trister erscheinen. Aber der Wetterbericht macht Hoffnung für den Rest des Tages.
In Leipzig heißt es Umsteigen...
...und mit einem ICE geht es nun weiter nach Erfurt. Da ich nicht so häufig in diese Ecke des Landes komme, ist dies eine gute Gelegenheit, die Neubaustrecke Leipzig-Erfurt mal bei Tageslicht zu sehen, ich hatte die Strecke bisher erst einmal kurz nach der Eröffnung befahren, damals aber bei Dunkelheit (zum Reisebericht vom Dezember 2015).
Mit über 2,6 Kilometern ist die Unstruttalbrücke die zweitlängste Eisenbahnbrücke in Deutschland. Unter uns liegt die Unstrutbahn, auch da habe ich einen Link auf einen Reisebericht parat.
Erfurt ist zwar auch immer einen Besuch wert – aber da ich die Stadt schon kenne, bleibt es diesmal bei ein paar Schritten vor den Bahnhof, dann geht es gleich weiter mit einem Talent 2 von Abellio Mitteldeutschland.
Wow – man kann also auch in einen Triebzug eine hochwertige und großzügige erste Klasse einbauen mit einem echten Mehrwert. Als Baden-Württemberger wird man da richtig neidisch.
Auf der Thüringer Bahn führt die Tour eine Station weiter bis Weimar, nach 13 Minuten steht schon der nächste Umstieg an.
In Weimar unternehmen wir ein paar Schritte vor das neoklassizistische Empfangsgebäude und für einen Kaffee beim Bahnhofsbäcker reicht die Zeit auch noch, dann gibt es endlich Neuland zu entdecken.
Denn die Ilmtalbahn von Weimar nach Kranichfeld kannte ich noch nicht. Die 25 Kilometer lange Stichstrecke ist nicht elektrifiziert, zur Fahrt ins Ilmtal wartet ein Regioshuttle der Erfurter Bahn.
Noch im Stadtgebiet von Weimar gibt es im Berkaer Bahnhof einen Fahrtrichtungswechsel, dann geht es gemütlich und landschaftlich ganz nett durch das Thüringer Becken. Die Höchstgeschwindigkeit auf der eingleisigen Strecke liegt bei 50 Stundenkilometern.
Ab Bad Berka verläuft die Bahnstrecke durch das Tal der Ilm im Tannrodaer Waldland. Nach knapp 50 Minuten erreicht der Zug die Endstation Kranichfeld.
Der Bahnhof Kranichfeld wurde 1888 als Endbahnhof der damaligen Weimar-Berka-Blankenhainer Eisenbahn (WBBE) eröffnet. Schon wenige Jahre nach der Eröffnung zeigte sich, dass sich der Bahnverkehr auf der Strecke nicht wie erhofft entwickelte und in den Jahren 1966 und 1991 stand der Bahnverkehr auf der Kippe. Letztendlich bewahrten Angebotsverbesserungen die Strecke vor der Stilllegung. 1997 wurde aus dem Bahnhof ein Haltepunkt, denn seither gibt es nur noch ein Gleis.
Der Zug fährt 5 Minuten später zurück nach Weimar – aber das wäre ja langweilig...
...denn dann würden wir ja einen Besuch in Kranichfeld verpassen. Die Landstadt hat gut 3.000 Einwohner und nennt sich „Zwei-Burgen-Stadt“. Dann wollen wir mal schauen, wie weit wir in einer Stunde kommen, über den Dächern der Stadt ist jedenfalls schon mal das erste Ziel zu sehen...
...nämlich das Oberschloss. Das Renaissanceschloss ging aus einer mittelalterlichen Burg hervor und hat Wurzeln im 12. Jahrhundert.
Nun geht es wieder hinab in den Ort – ob die Zeit auch noch für die zweite Burg reicht?
Wir werden sehen – aber erst im nächsten Teil. Jetzt machen wir jedenfalls eine Pause, in den nächsten Tagen folgt der zweite Teil mit der Rückfahrt nach Weimar und der Bereisung der Pfefferminzbahn.
Viele Grüße
Tobias
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