Gastbeitrag Mit dem Expresszug von Kairo nach Alexandria 19B (Reiseberichte)

TD, Samstag, 07.04.2018, 19:06 (vor 2905 Tagen)

Hallo zusammen,

hin und wieder stelle ich hier im Forum kleine Reiseberichte ein, auf vielen dieser Touren begleitet mich mein Bruder. Er ist allerdings nicht besonders bahnaffin, sondern interessiert sich mehr für den touristischen Teil der Reisen.
Ende März war er für zehn Tage mit Freunden in Ägypten unterwegs, neben dem klassischen Besuchsprogramm mit Nilkreuzfahrt, Pyramiden und Kamelreiten hatte die Gruppe auch einen Tagesausflug mit dem Zug von Kairo nach Alexandria unternommen. Ich hatte meinen Bruder genötigt, ein paar Bilder für einen Reisebericht mitzubringen. Ich denke, wir müssen an der ein oder anderen Stelle noch etwas üben, aber da Ägypten hier im Forum auch nicht alltäglich vertreten ist, sind die Eindrücke vielleicht doch ganz interessant.

Viele Grüße

Tobias

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Die Ägyptischen Staatsbahnen (Egyptian National Railways / ENR) betreiben ein Schienennetz von rund 5.000 Kilometern Länge in europäischer Normalspur. Aufgrund der politischen Lage ist das Netz isoliert, durch den Bürgerkrieg in Libyen werden Pläne für eine Bahnverbindung entlang der Mittelmeerküste bis in den Maghreb nicht mehr weiterverfolgt. Mit Ausnahme von rund 60 Streckenkilometern der S-Bahn von Kairo ist das Netz nicht elektrifiziert. Bis zum Jahr 2025 soll eine Hochgeschwindigkeitsstrecke Alexandria über Kairo und Luxor mit Assuan verbinden. Wir beschränken uns heute auf die Strecke von Kairo nach Alexandria.

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Wir beginnen die Tour am Hauptbahnhof von Kairo, dem Ramses-Bahnhof. Die Fahrkarten hatten wir bereits vorab online gebucht, dabei musste zwingend ein zweiter Vorname angegeben werden. Blöd nur, wenn man keinen solchen hat – und so heiße ich seit der Bahnfahrt mit Zweitnamen Nothing.

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Der Zug Nummer 909 hat im englischsprachigen Fahrplan die Zugkategorie „Spec North AC Turbine“, was auch immer das bedeuten mag. Zwei Dieselloks bespannen den Zug im Sandwichbetrieb.

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Die Anzeigen wechseln zwischen arabischer und englischer Schrift, von daher ist die Orientierung auch für westliche Touristen keine große Herausforderung.

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Bei der ägyptischen Eisenbahn gibt es drei Klassen, wobei die dritte Klasse in der Regel nicht klimatisiert ist und die Fahrpreise dort als Sozialleistung subventioniert sind. Nach westlichen Maßstäben sind die Fahrpreise extrem billig, so dass für unseren Ausflug selbst für Studenten die erste Klasse für umgerechnet ein paar Euro erschwinglich wird.

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Der Schaffner spricht gutes Englisch, zudem gibt es für jeden Wagen einen Betreuer, der beim Ein- und Ausstieg mit dem Gepäck behilflich ist, während der Fahrt die Toiletten sauber hält, die schwer gängigen Durchgangstüren öffnet und sich sonst am Wagenübergang aufhält.

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Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und kühlt den Wagen extrem herab, wobei heute die Außentemperatur mit rund 25 Grad noch vergleichsweise niedrig ist. Pünktlich verlässt der Zug den Bahnhof von Kairo. Der Zug verfügt über einen Speisewagen, zudem werden am Platz auch Frühstücksboxen angeboten.

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Kairo und Alexandria liegen rund 180 Kilometer voneinander entfernt, die Fahrt zwischen beiden Städten dauert zweieinhalb Stunden. Landschaftlich ist die Fahrt durch das Nildelta unspektakulär, hier ein Blick auf die Bahnanlagen bei der Fahrt durch die Stadt Banha.

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Nördlich von Kairo fächert sich der Nil in zwei Mündungsarme auf, hier fahren wir über den Damietta-Arm des Flusses. Der Nil galt lange Zeit als der längste Fluss der Erde, mittlerweile streiten sich aber die Gelehrten, ob nicht der Amazonas länger ist. Das Nildelta gilt als fruchtbarste Region Nordafrikas, es ist dicht besiedelt. Auch das nächste Bild mit einer Moschee stammt noch aus der Stadt Banha.

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Dieses Bild ist schon bei der Fahrt durch das Stadtgebiet von Alexandria entstanden. Mit über 4,3 Millionen Einwohnern ist Alexandria die zweitgrößte Stadt Ägyptens.

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Die Bahnstrecke zwischen Alexandria und Kairo wurde 1856 vollendet, sie war die erste Bahnstrecke in Afrika und dem Nahen Osten. Nach der Ankunft in Alexandria können wir noch einen Blick auf die Lok am anderen Ende des Zugs werfen.

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Es gibt in Alexandria zwei Fernbahnhöfe, wir sind hier im zentrumsnahen Hauptbahnhof Misr Station, einem Kopfbahnhof.

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Während unserer Reise herrscht Wahlkampf, auch am Empfangsgebäude wirbt ein Banner für den alten – und mittlerweile neuen – Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi.

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Alexandria wurde 331 v. Chr. von Alexander dem Großen gegründet, in der ereignisreichen Geschichte der Stadt sind viele historische Bauwerke wieder verloren gegangen, andere wurden neu geschaffen. Als Teil des modernen Alexandria besuchen wir zunächst das Kulturzentrum Bibliotheca Alexandrina.

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Die Bibliothek wurde 2002 eröffnet, sie verfügt über 2.000 Leseplätze und wurde unter der Schirmherrschaft der UNESCO errichtet, sie greift die Tradition der historischen Bibliothek von Alexandria auf, die die bedeutendste und größte Bibliothek des klassischen Altertums war und komplett untergegangen ist.

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Nun machen wir einen Sprung ins alte Alexandria zur Qāitbāy-Zitadelle. Die Verteidigungsfestung an der Mittelmeerküste wurde zwischen 1477 und 1479 (bzw. 882 bis 884 nach dem islamischen Kalender) errichtet.

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Und mit einem Blick von der Zitadelle über das Mittelmeer beenden wir den Ausflug nach Alexandria und fahren anschließend mit dem Taxi zurück an den Bahnhof. Ich konnte mir von meinem Bruder schon anhören, dass die Straßenbahn von Alexandria auch ein interessantes Verkehrsmittel gewesen wäre – aber dafür ist es nun zu spät.
Von der Rückfahrt nach Kairo habe ich keine weiteren Bilder mehr. Da für Kairo ein Sandsturm angekündigt ist, kontrolliert das Zugpersonal penibel, ob alle Fenster geschlossen sind. Vom Sandsturm selbst bekommen wir während der Fahrt aber nicht viel mit, pünktlich erreichen wir schließlich wieder Kairo, womit wir auch am Ende dieses kleinen Berichts angelangt sind.

Viele Grüße

Niklas

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[image] "Fensterplatz, bitte." - Meine Bahnreiseberichte.de.| instagram.com/fensterplatz.bitte/


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