Pfefferminz. Stillegungstourismus (IV.1.1/IV) (Reiseberichte)
Moin,
somit der vierte von vier Teilen in dieser Serie. Damit nicht ewig der Zug aus der falschen Richtung kommt, machen wir es diesmal in chronologischer Reihenfolge. Los geht es in Bad Sulza am Hauptbahnhof. Von dort nehmen wir den Umweg über die Stadt zum Nordbahnhof, wo das Thema dazukommt. Per Zug fahren wir zunächst nach Buttstädt, dann nach Eckartsberga. Dort gehen wir selbstverständlich in den Ort. Hin geradeaus, zurück entlang der Straße. Von Eckartsberga aus fahren wir nach Tromsdorf (auch mit Ortstermin), dann nach Auerstedt (dito, aber nur recht kurz). Von dort geht es nochmal nach Buttstädt (nur für die Zugkreuzung, eine Stadtbesichtigung verschieben wir vorerst auf den St. Nimmerleinstag oder später) und abschließend nach Großheringen (auch ohne Ortstermin).
Der Kenner wird es spätestens jetzt erkannt haben, der Laie schon an der Betreffzeile: Wir besuchen die Pfefferminzbahn. Diese hat ihren Namen von den Bauern in Kölleda, die dermaßen viel Pfefferminze anbauten, dass diese zur Erntesaison in Ganzzügen abgefahren werden musste. Bemühungen, mit ihr Dampfloks zu feuern, kamen jedoch übers Versuchsstadium nicht heraus: Es roch zwar gut, die Loks kamen aber kaum vom Fleck. Lassen wir aber jetzt die alternativen Fakten das sein, was sie sind, nämlich Blödsinn, und wenden wir uns der Geschichte der Strecke zu.
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Die am 15. August 1874 eröffnete Bahnstrecke von Straußfurt nach Großheringen war quasi eine internationale Bahnstrecke, beführte sie doch mit Preußen und dem Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach zwei Staaten des Deutschen Reiches. Zwei Staaten auf knapp 53 Kilometern Länge, das spricht für große zusammenhängende Gebiete im Flickenteppich der Kleinstaaten Thüringens. Der Bau der Strecke war am 31. Juli 1870 durch einen Staatsvertrag geregelt geworden, 1872 erhielt die in Kölleda ansässige Saal-Unstrut-Eisenbahn-Gesellschaft (SUE) die Konzessionen. Schon 1874 ging die Betriebsführung an die Nordhausen-Erfurter Eisenbahn-Gesellschaft (NEE) über. Im Rahmen der Gründerkrise ging die SUE 1877 pleite. Nach Abwicklung des Unternehmens übernahm die NEE 1882 die Gesellschaft. Und als Teil der NEE ging die Pfefferminzbahn 1887 an die Preußischen Staatseisenbahnen. Die Staatsbahnära dauerte bis 2005, seitdem ist die Infrastruktur an die Thüringer Eisenbahn verpachtet. Die Strecke verläuft heute weitgehend in Thüringen. Zwei anliegende Orte liegen in Sachsen-Anhalt, jedoch nur eine der beiden Bahnstationen.
Am 8. Dezember 2007 fuhren die letzten Reisezüge zwischen Straußfurt und Sömmerda, am 9. Dezember 2017 auch zwischen Buttstädt und Großheringen. Das war gleichzeitig der letzte Tag in Regie von DB Regio. Am 10. Dezember übernahm die Erfurter Bahn für sieben Jahre den Betrieb auf dem übriggebliebenen Mittelstück. Da diese nur noch mit einem Triebwagen pendelt, setzt die Firma Erfurter Bahnservice seit dem 8. Januar 2018 und bis zum 2. März in Zusammenarbeit mit der Thüringer Eisenbahn ein weiteres Zugpaar zur Abdeckung von Leistungen im Berufsverkehr ein. Dieses ist eigenwirtschaftlich unterwegs, somit gilt ein eigener Tarif. Nach langen Jahren des Triebwageneinsatzes kommt somit auch wieder ein lokbespannter Zug zum Einsatz, sind doch beim zehnachsigen Zug sechs Achsen angetrieben. Ein Dokumentationsfoto ist in der [times]DREHSCHEIBE[/times] 286 zu sehen. Zwei weitere Aufnahmen wird es in der folgenden Ausgabe zu sehen geben (jedenfalls nach derzeitiger Planung). Ansonsten gibt es hier bei DSO auch Aufnahmen, z. B. hier.
Die Strecke verläuft tangential zu drei auf Erfurt zuführenden Strecken. Das ist im Zeitalter der Motorisierung schlecht, sind doch Erfurt und Weimar die nächstgelegenen Zentren. Neben Straußfurt und Großheringen besteht auch in Sömmerda eine Verknüpfung mit den Hauptstrecken. Somit war die geringe Zahl an Reisenden der Grund für die Einstellung. Dagegen regte und regt sich Protest in der Bevölkerung, aber genutzt wurden die Züge nicht. Es bleibt nur zu offen, dass der Betrieb auf der Reststrecke langfristig gesichert werden kann.
Während die Endbahnhöfe Straußfurt und Großheringen weiterhin der Deutschen Bahn unterstehen, ist für die Besetzung der Zwischenstationen die Thüringer Eisenbahn verantwortlich. Die Kreuzungsbahnhöfe Olbersleben-Ellersleben am noch im Reiseverkehr betriebenen Teil und Eckartsberga sind hierbei unbesetzt, hier besteht offenbar Zugleitbetrieb; Sömmerda, Kölleda und Buttstädt sind örtlich besetzt. Neben dem Reiseverkehr gibt es noch Güterverkehr nach Weißensee, Buttstädt und Eckartsberga. Das sind Sonderleistungen; ferner wird Kölleda mit dem Industriegebiet Kiebitzhöhe noch regelmäßig angefahren. Die Thüringer Eisenbahn sanierte das Gleis, ebenso hat DB Station & Service die Bahnsteige der thüringischen Orte erneuert. In Kölleda entstand ein neuer, aber noch im Bahnhofsbereich. Die meisten Empfangsgebäude am noch betriebenen Abschnitt sind mittlerweile nicht mehr vorhanden.
Von Kölleda aus gab es von 1914 bis 1947 eine Bahnstrecke über Lossa nach Laucha. Nach 1947 wurde nur noch der Abschnitt von Lossa bis Laucha betrieben, aber auch das ist mittlerweile Geschichte.
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Ja und in Buttstädt gibt es hinterm Bahnhof ein Wohnhaus, an dem Buttstädt dransteht. Wenn ich es im Voraus nicht gewußt hätte, so hätte ich mich geärgert. Und so ärgere ich mich, dass ich es gewußt habe. Denn die dazugehörige Geschichte ist ein klein wenig kompliziert. Ich schildere sie anhand des Buches „Die Verkehrsbetriebe Bachstein” von Dirk Endisch. Dort sind die Kapitel 3.2.5, 3.2.6 und - am Rande - 3.2.7 von Interesse. Das erste handelt von der Weimar-Rastenberger Eisenbahn (WRE). Das war eine Schmalspurbahn (100 cm), die die Gegend nördlich von Weimar erschloß. Ich kann die Geschichte hier nicht im Detail erzählen. Im Sommer 1887 ging jedenfalls die Strecke von Weimar über Buttelstedt nach Großrudestedt in Betrieb, ebenso die Zweigstrecke von Buttelstedt nach Rastenberg (die in Großrudestedt die Pfefferminzbahn kreuzte). Kritisch war, dass sie Buttstädt nicht bediente. Man schuf Abhilfe, mittels eines Gleisdreiecks bei Mannstedt. Am 18. November 1891 ging die Stichstrecke in Betrieb. Schon da zeigte sich, daß die WRE nicht die Erwartungen erfüllen konnte, die die Investoren in sie gesetzt hatten.
Nun sollte bei Rastenberg ein Kalibergwerk errichtet werden. Dies nahm Herrmann Bachstein, dessen Firma die WRE mittlerweile gehörte, zum Anlaß, die Strecke zwischen Buttstädt und Rastenberg auf Normalspur umzubauen. Das geschah 1910: Ende Mai ging sie im Güter- und ab Oktober im Reiseverkehr in Betrieb. Gleichzeitig wurde die Schmalspur zwischen Buttstädt und dem Gleisdreieck aufgegeben, die Schmalspur nach Rastenberg blieb erhalten. Anfangs lief das Geschäft gut, doch nach dem Weltkrieg brachen die Leistungen ein. Bachstein wollte die WRE ganz einstellen. Die Stammstrecke konnte jedoch erhalten werden, am 17. Juni 1923 wurde nur der Gesamtverkehr zwischen Buttelstädt und Rastenberg eingestellt. Die restliche Schmalspurbahn wurde 1946 als Reparationsleistung abgebaut.
Die Normalspur wurde zur Buttstädt - Rastenberger Eisenbahn. Der ging es zunächst recht gut, doch dann wurde das Kaliwerk stillgelegt. 1932 sah Bachstein keine Chancen mehr, die Bahn weiterzubetreiben. Das stieß auf Widerstand, schlußendlich erfolgte der Weiterbetrieb als Güteranschlußbahn in kommunaler Regie. Der Personenverkehr hatte mit Jahresende 1932 aufgehört. Von 1943 bis 1945 und nochmals von 1947 - 1968 gab es nochmals Personenverkehr, am 30. Mai 1970 endete der Güterverkehr und wurde die Strecke stillgelegt.
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Ich besuchte die einzustellende Teilstrecke der Pfefferminzbahn am 7. Dezember 2017. Am letzten Betriebstag fuhr ich einmal von Sömmerda nach Großheringen, einige Bilder des letztgenannten Bahnhofs entstanden an diesem Tag.
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Da müssen wir teilen.
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