Acht Tage zwischen Ostsee und Salzkammergut 1/6 m 51 B. (Reiseberichte)

TD, Dienstag, 09.05.2017, 18:46 (vor 3240 Tagen)

Hallo zusammen,

nachdem ich zuletzt einen mehrteiligen Reisebericht durch die Schweiz eingestellt hatte, wollen wir nun auch in Deutschland und Österreich auf die Suche gehen nach ungewöhnlichen, interessanten oder aus aktuellem Anlass zu besuchenden Strecken. Da es 2016 keinen klassischen Deutschland-Pass gab, war dies meine einzige Sommerreise durch Deutschland, ansonsten war ich überwiegend im Ausland unterwegs.

Ich denke, dass mit der Schwäbischen Alb-Bahn, den Intercitys „Loreley“ und „Lübecker Bucht“, dem U-Bahn-Cabrio in Berlin, der Bahnstrecke nach Barth, der Wanderbahn im Regental, den Lokalbahnen von Stern & Hafferl, der Straßenbahn Gmunden und dem Kammerer Hansl eine recht abwechslungsreiche Tour zusammengekommen ist.

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Wir fahren von Konstanz zum Blautopf nach Blaubeuren und mit der Schwäbischen Alb-Bahn nach Münsingen. Mit dem Bus geht es weiter nach Bad Urach und von dort auf Schienen nach Tübingen. Am zweiten Reisetag stehen der IC „Loreley“ auf dem Reiseplan sowie die Weiterfahrt nach Berlin, am dritten Tag geht es zur Bahnstrecke nach Barth und weiter nach Puttgarden. Für den vierten Tag haben wir uns den IC-Langläufer „Lübecker Bucht“ ausgesucht zur Fahrt nach Nürnberg. Dann geht es in den Bayerischen Wald zur Wanderbahn von Gotteszell nach Viechtach und auch die Ilztalbahn steht an jenem Tag auf unserer Wunschliste. Am sechsten Tag wechseln wir nach Österreich und fahren von Passau über Wels nach Vöcklamarkt zur Attergaubahn an den Attersee. Den siebten Tag nutzen wir für eine Rundfahrt von Kammer-Schörfling nach Lambach zur Vorcherdorferbahn, zur Traunseebahn und zur Straßenbahn Gmunden, bevor wir am achten Tag über die Arlbergstrecke nach Hause an den Bodensee fahren. Die erstklassige Tour fand im August 2016 statt, begleitet hat mich mein Bruder. Nun aber genug der Vorrede, es geht los!


Tag 1: Konstanz – Überlingen – Ulm – Blaubeuren – Schelklingen – Münsingen – Bad Urach – Tübingen

Der erste Teil ist recht touristisch geworden, die weiteren Teile haben dann mehr Bahnbezug. Und eigentlich ist der erste Reisetag auch eine „Zugabe“. Auf meinem Wunschzettel stand der IC „Loreley“ ab Tübingen, und dafür ist eine Anreise am Vortag nötig. Plan B für schlechtes Wetter wäre gewesen, am Abend auf direktem Weg von Konstanz nach Tübingen zu fahren. Da der Wetterbericht jedoch einen strahlenden Sommertag verspricht, greift Plan A mit einer Rundfahrt durch den württembergischen Landesteil und einem Besuch bei der Schwäbischen Alb-Bahn.

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Üblicherweise beginnen meine Reiseberichte mit einem Foto vom Bahnhof in Konstanz – aber das ist selbst mir mittlerweile zu langweilig und so probieren wir heute mal eine Alternative aus und starten mit dem Schiff. Da so ein Schiff auf dem Bodensee aber doch recht langsam ist, nehmen wir eine Abkürzung und beginnen die Reise nicht im Hafen von Konstanz, sondern am Landungssteg von Dingelsdorf, einem Vorort von Konstanz.

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Das Motorschiff Überlingen ist vor fast zwei Stunden in Konstanz gestartet und erreicht nach Meersburg und der Insel Mainau nun Dingelsdorf, es bringt einige Minuten Verspätung mit.

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Etwa zehn Minuten dauert die Überfahrt über den Überlinger See. Zunächst der Blick zurück auf Dingelsdorf, die Kirche ist dem heiligen Nikolaus geweiht, dem Schutzpatron der Reisenden und Seefahrer. Sie stammt aus der Karolingerzeit und erhielt im Jahr 1493 den hohen Chor und den Turm.

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Wenig später dann schon der Blick auf die Altstadt von Überlingen mit der Seepromenade und dem markanten Münsterturm.

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Durch die Verspätung des Schiffs fällt der Bummel durch Überlingen auf dem Weg zum Bahnhof etwas kürzer aus als geplant, aber für ein Bild des Bodenseereiter-Brunnens reicht die Zeit. Die Karikatur des Bildhauers Peter Lenk zeigt den in Überlingen lebenden Schriftsteller Martin Walser als Eiskunstläufer zu Pferde.

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Durch die schmucke und belebte Altstadt laufen wir nun zum Bahnhof.

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Überlingen liegt an der Bodenseegürtelbahn, der Ort hatte einst zwei Stationen, eine am Westrand, die andere am Ostrand der Innenstadt - dazwischen verläuft die Bahnlinie in zwei Tunneln durch das Stadtgebiet. In dem Einschnitt zwischen den beiden Tunneln wurde im Jahr 2000 der Haltepunkt „Überlingen Mitte“ gebaut, der heute nur noch „Überlingen“ heißt und mit dem Halt des IRE als „Hauptbahnhof“ fungiert, während der frühere Bahnhof Überlingen im Westen der Stadt in „Überlingen Therme“ umbenannt wurde. Die eingezwängte Lage des Haltepunkts zwischen zwei Tunneln wird immer wieder als Argument genannt, warum auf der Bodenseegürtelbahn keine längeren Züge als 611er in Doppeltraktion eingesetzt werden können.

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Mit einem Triebzug der Baureihe 611 geht es nun mit Neigetechnik durch Oberschwaben. Ohne berichtenswerte Vorkommnisse fahren wir nach Ulm...

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...wo wir zwei Minuten vor Plan ankommen und damit sogar noch die Regionalbahn nach Ehingen erreichen.

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Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, im 628er erinnert die Originaleinrichtung in orange und braun an vergangenen Zeitgeschmack, dazu verbreitet der Schaffner in breitestem Dialekt schwäbische Gemütlichkeit.

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Auf der Donautalbahn fahren wir nach Blaubeuren. Blaubeuren ist der Hauptort im Blautal, schon auf der Fahrt dorthin queren wir den namensgebenden Fluss.

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Blaubeuren liegt am Fuße der Schwäbischen Alb und ist neben dem Kloster Blaubeuren insbesondere für den Blautopf bekannt, und genau das ist unser Ziel beim Fußweg durch die Altstadt, hier mit dem Marktbrunnen.

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Der Blautopf ist eine Karstquelle, aus der die Blau entspringt. Mit 21 Metern Tiefe ist der Blautopf eine der tiefsten und größten Quellen in Deutschland. Am Abfluss befindet sich ein historisches Hammerwerk, das vom Wasser der Quelle angetrieben wird.

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Das kalkgesättigte Quellwasser verleiht dem Blautopf durch die starke Lichtstreuung eine auffallend blaue Farbe. Unter dem trichterförmigen Quelltopf gibt es ein Höhlensystem, in dem sich schon mehrere auch tödliche Tauchunfälle ereignet haben.

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Nach diesem heimatkundlichen Ausflug zurück an den Bahnhof. Das stattliche Empfangsgebäude stammt aus dem Jahr 1868, Blaubeuren war damals der vorläufige Endpunkt der Donautalbahn.

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Mit einem Regional-Express fahren wir nun eine Station weiter auf der Donautalbahn nach Schelklingen. Ganze vier Minuten dauert die Fahrt mit der BR 611 entlang der Ach.

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Es geht gleich weiter...

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Acht Tage zwischen Ostsee und Salzkammergut 1/6 Fortsetzung

TD, Dienstag, 09.05.2017, 18:48 (vor 3240 Tagen) @ TD

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So, hier sind wir schon in Schelklingen angekommen und das Objekt der Begierde steht auf Gleis 1 bereit: der MAN-Triebwagen aus dem Jahr 1961 als SAB-Sommerferien-Express nach Münsingen. Die Schwäbische Alb-Bahn (SAB) bietet die Verbindung in den Sommerferien montags bis freitags an – im Fahrplan als Regionalbahn ausgewiesen und mit normalen Fahrkarten wie dem Baden-Württemberg-Ticket nutzbar.

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Im Schienenbus beginnt nun die Fahrt auf einem Teilstück der ehemaligen Verbindung Reutlingen-Schelklingen, die heute unter dem Namen Schwäbische Albbahn vermarktet wird und bei der sich noch viele Relikte der einstigen Nebenbahn der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen finden. Von Schelklingen geht es durch das Schmiechtal hinauf in das Biospährengebiet Schwäbische Alb.

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Hier fahren wir durch das Dorf Hütten, auf einem Felsvorsprung thront eine Barockkapelle aus dem Jahr 1717 sowie eine Statue des Guten Hirten. Auch landschaftlich ist die Strecke mit Streuobstwiesen und den für die Region typischen Wacholderheiden reizvoll.

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Wer urtypische ländliche Bahnstrecke sucht und Gefallen findet an einer gemütlichen Landpartie, bei denen statt Lärmschutzwänden noch Misthaufen den Blick aus dem Zugfenster prägen, der ist auf der Strecke wie hier bei der Ortsdurchfahrt durch Sondernach richtig.

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Zwischen Sondernach und Münsingen führt die Strecke aus dem Schmiechtal hinauf auf die Albhochfläche mit einer Steigung von maximal 1:50.

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Am Bahnhof Münsingen endet unser Ausflug mit der SAB. Die Strecke führt von hier noch weiter nach Kleinengstingen, wo einst eine Zahnradbahn den Albaufstieg von Reutlingen überwunden hat. Die sogenannte Echazbahn ist jedoch schon lange stillgelegt, so dass wir zur Weiterreise von Münsingen auf den Bus umsteigen und die Strecke nach Kleinengstingen für ein andermal aufsparen.

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Bevor wir aber den Bus besteigen, drehen wir eine Runde durch Münsingen. Der 14.000-Einwohner-Ort auf der Schwäbischen Alb hat eine schmucke Altstadt, hier die alte Poststation.

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Eine Quelle auf der ansonsten wasserarmen Alb speist den Marktbrunnen, in Zeiten der Wasserknappheit kamen die Einwohner benachbarter Dörfer des Wassers wegen in die Stadt.

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Vorbei am alten Rathaus aus dem Jahr 1550 laufen wir zurück zum Bahnhof, wo der Bus nach Bad Urach abfährt. Wir fahren nun auf der Seeburger Steige von der Albhochfläche über den Albtrauf hinunter nach Bad Urach.

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Gut zwanzig Minuten später haben wir den Busbahnhof von Bad Urach erreicht. Bevor wir wieder auf die Bahn umsteigen, haben wir auch hier Zeit für einen kleinen Stadtrundgang. Unweit des Bahnhofs begrüßt das Residenzschloss der Grafen von Württemberg die Besucher.

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Im Zentrum rund um den spätmittelalterlichen Marktplatz mit dem Rathaus und Fachwerkhäusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert präsentiert sich Bad Urach als schwäbische Bilderbuch-Stadt.

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Doch nun zurück an den Bahnhof. Das Empfangsgebäude wurde 1935 aus Seeburger Tuff errichtet, es wird heute jedoch anderweitig genutzt und hat keinen direkten Bahnanschluss mehr.

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Durch eine Bundesstraße vom ehemaligen Empfangsgebäude getrennt, besteht der Bahnhof Bad Urach heute nur noch aus einem Bahnsteig mit Wartehäuschen. Bad Urach ist Endpunkt der Ermstalbahn, einer eingleisigen Stichstrecke von Metzingen nach Bad Urach. Im Jahr 1976 stellte die Bundesbahn den Personenverkehr ein und die Strecke fiel in einen Dornröschenschlaf. Schließlich gründeten die Anliegergemeinden die heutige Erms-Neckar-Bahn AG, die die Strecke für eine D-Mark von der Bundesbahn erwarb. Seit 1999 besteht wieder regulärer Personenverkehr mit Regio-Shuttles der RAB. Dass die Strecke nicht im Eigentum der DB ist, bemerkt der Fahrgast an den Stationsschildern, deren Schriftart vom DB-Standard abweicht. Die Strecke führte einst noch knapp zwei Kilometer weiter zu einer Mühle, die im Güterverkehr bedient wurde. Jene Strecke war gleichzeitig als Bauvorleistung für eine Verlängerung nach Münsingen zur Schwäbischen Albbahn gedacht, welche allerdings nie gebaut wurde. Als der Bahnhof Bad Urach umgebaut wurde, legte man die neue Endstation jedoch so an, dass ein Weiterbau der Strecke nach Münsingen weiterhin möglich wäre. Statt eines Weiterbaus steht aktuell jedoch die Elektrifizierung der Ermstalbahn auf der Tagesordnung.

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Vom Fuße der Schwäbischen Alb fahren wir nun durch das Tal der Erms nach Metzingen, wo die Ermstalbahn auf die Bahnstrecke Plochingen-Tübingen trifft. Die Regionalbahn ist bis Herrenberg durchgebunden, wir fahren allerdings nur bis Tübingen mit.

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Mit Tübingen (oder Diebenga für die Einheimischen) ist nun die letzte Station für heute erreicht. Vom Bahnhof aus starten wir unsere Erkundung der Universitätsstadt am Neckar.

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Bekanntestes Wahrzeichen und Fotomotiv: die Neckarfront. Dahinter der Turm der Stiftskirche.

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Und wenn es irgendwo einen Turm zu besteigen gibt, bin ich dabei. Hier der Blick von der Stiftskirche über die Dächer der Stadt.

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Doch, dieses Bild hat Bahnbezug: oberhalb der Bildmitte der Hauptbahnhof von Tübingen.

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Ein weiteres klassisches Touristenziel ist der Marktplatz mit dem imposanten Rathaus und zahlreichen Fachwerkhäusern. Das Rathaus wurde 1435 erbaut und später aufgestockt, 1511 kam die astronomische Uhr hinzu und 1877 wurde die Fassade bemalt.

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In Tübingen gibt es noch viele andere malerische Ecken, enge Gassen und historische Gebäude. Da wir hier ja aber in einem Bahnforum sind, wollen wir es nun für heute dabei belassen.

Und da es am nächsten Reisetag früh losgeht, machen wir jetzt an dieser Stelle auch Schluss. Nach dem heutigen Ausflug im Nahverkehr durch die württembergische Provinz, ist der nächste Reisetag dem Fernverkehr gewidmet und wir fahren über Umwege in die Hauptstadt – aber dazu dann mehr in den nächsten Tagen im zweiten Teil.


Viele Grüße

Tobias

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Acht Tage zwischen Ostsee und Salzkammergut 1/6 Fortsetzung

Regiosprinter, Dienstag, 09.05.2017, 21:34 (vor 3239 Tagen) @ TD

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So, hier sind wir schon in Schelklingen angekommen und das Objekt der Begierde steht auf Gleis 1 bereit: der MAN-Triebwagen aus dem Jahr 1961 als SAB-Sommerferien-Express nach Münsingen. Die Schwäbische Alb-Bahn (SAB) bietet die Verbindung in den Sommerferien montags bis freitags an – im Fahrplan als Regionalbahn ausgewiesen und mit normalen Fahrkarten wie dem Baden-Württemberg-Ticket nutzbar.

Hallo Tobias,

vielen Dank für den ersten Teil deines Berichts!

Die Schwäbische Albbahn steht auch noch auf meiner "To do"-Liste.
Eine der ganz, ganz wenigen Personenverkehrsstrecken in BaWü, die mir noch fehlt...

Bis zum nächsten Teil,
Klaus

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