"Europa plant gemeinsame Zukunft auf Schienen" (mL) (Allgemeines Forum)

Quasar, Freitag, 10.03.2017, 13:57 (vor 3314 Tagen)

Hallo

politisch ist in Europa (augenscheinlich) viel im Wanken. Da kommt dieser Vorschlag auf:

Das europäische Parlament treibt die Privatisierung des Eisenbahnverkehrs voran. So würde ein den Kontinent vereinendes Verkehrsnetz möglich.
Bedroht durch den Brexit und andere euro-kritische Strömungen, die sich auf dem Kontinent ausbreiten, plant Europa eine Zukunft auf Eisenbahnschienen. Die europäischen Partner sind der Meinung, dass die Eisenbahn, das Verkehrsmittel, das auch ein riesiges Gebiet wie die Vereinigten Staaten zu einer einzigen Nation verbunden hat, dem alten Kontinent als Kitt dienen könnte.
Der technischen Homogenisierung hat das Europäische Parlament nun die Liberalisierung des Eisenbahnsektors innerhalb von drei Jahren hinzugefügt. Es können also auch private Anbieter in den Markt einsteigen.
(...)
Die technische Umsetzung der EU-Vorschriften, die schon bei anderen Gelegenheiten versucht wurde, dürfte alles andere als einfach sein. Heutzutage zählt der Eisenbahnverkehr in Europa über 11.000 Reglementierungen. Ein Zug mit Reisenden oder Fracht, der mehrere Länder durchqueren will, braucht spezielle Genehmigungen und muss seine Waggons an jede einzelne nationale Gesetzgebung anpassen. Ein bürokratischer Vorgang, der Monate dauern kann.
Das im Dezember verabschiedete Programm – das sogenannte vierte Paket – muss daher die Europäische Eisenbahnagentur stärken. Sie soll als Ticketschalter fungieren und den Verkehr zwischen den einzelnen Staaten regulieren. Eine enorme Überwachungsaufgabe, bei 215.000 Kilometern an Schienenwegen in Europa.

Dann kann der Bahntower ja schonmal abgerissen...

ALR997, Freitag, 10.03.2017, 19:07 (vor 3313 Tagen) @ Quasar

...und die Mitarbeiter nach Valenciennes umgesiedelt werden.

Selbstverständlich nur ein kleiner Spaß ;-)

Die europäischen Partner sind der Meinung, dass die Eisenbahn, das Verkehrsmittel, das auch ein riesiges Gebiet wie die Vereinigten Staaten zu einer einzigen Nation verbunden hat, dem alten Kontinent als Kitt dienen könnte.

Die Idee ist natürlich interessant. Mindestens zum Zwecke der Verknüpfung von Regionen wäre und ist ein international verknüpftes Verkehrsnetz immer gut - und warum bitte den Spaß nur der Straßenbauindustrie überlassen?

Der technischen Homogenisierung hat das Europäische Parlament nun die Liberalisierung des Eisenbahnsektors innerhalb von drei Jahren hinzugefügt. Es können also auch private Anbieter in den Markt einsteigen.

Wobei wir von einem Abschluss dieser Homogenisierung wohl noch ein bisschen weit entfernt sind. Selbst wenn man von Stromsystemen absieht ist ETCS eine Technik, noch nicht gerade flächendeckend verbreitet ist.

Ein Zug mit Reisenden oder Fracht, der mehrere Länder durchqueren will, braucht spezielle Genehmigungen und muss seine Waggons an jede einzelne nationale Gesetzgebung anpassen. Ein bürokratischer Vorgang, der Monate dauern kann.

Da die EU das vereinheitlichen der Regelungen bereits beim Straßenverkehr geschafft hat, sollte ihr dies auch im Schienenverkehr gelingen.

Das im Dezember verabschiedete Programm – das sogenannte vierte Paket – muss daher die Europäische Eisenbahnagentur stärken. Sie soll als Ticketschalter fungieren und den Verkehr zwischen den einzelnen Staaten regulieren.

Nun möchte ich zwar nicht unbedingt jedes Mal nach Nordfrankreich fahren, wenn ich einen Ticketschalter besuchen möchte, ansonsten erinnert mich der Gedanke an dieser Stelle an die britische National Rail-Website, die den Vertrieb aller Fahrkarten auf der Insel über eine Plattform anbietet. Sowohl der Franchise-Anbieter, als auch der eigenwirtschaftlichen Betreiber.

In mancher Hinsicht mag man sich wohl keine britischen Verhältnisse wünschen, aber in diesem Fall kann es sicher nicht verkehrt sein, sich das eine oder andere Scheibchen abzuschneiden.

Dankeschön für den Link und den Artikel - der im Übrigen auch die Sichtweise eines niederländischen Lokführers behandelt, welcher wohl Angst hat, er müsse wegen einer solchen Vorgehensweise bald Züge von Warschau nach Budapest fahren. Ob das nun seine persönliche Meinung ist weiß ich nicht, im Zweifelsfall schübe ich es aber auf den klassischen Welt-Qualitätsjournalismus.

Keine Sorge - das wird NIE was...

Blaschke, Freitag, 10.03.2017, 20:04 (vor 3313 Tagen) @ ALR997

Hallo!

Nebenan auf DS-O gab es ja gerade eine schöne Diskussion zum Thema Technik bei der Eisenbahn.

Solange im Eisenbahnwesen überdurchschnittlich viele Beharrer eines Status Quo und Verfechter der guten alten Zeit ihr Unwesen treiben, wird das nie was mit einer Verbesserung der Situation.

Wenn ich allein schon das ganze Gejammer der Lokführer mitbekomme zum Thema "autonomes Fahren". Oder dass es im Jahre 2017 noch reichlich Papierfahrscheine gibt - unfaßbar rückständig.

Und jede Modernisierung wird immer gleich als Angriff empfunden und ist negativ und Murks.

Genau dieselbe Denkweise spiegelt sich auch bei etlichen Eisenbahnfans und -freaks und -befürwortern wider.


Zumal der Zug allein schon für eine technische Harmonisierung längst abgefahren ist. Wie z.B. würde man ein einheitliches Stromsystem und ein einheitliches Signalsystem hinbekommen wollen? Geht gar nicht. Für immer und ewig wird das Stückwerk bleiben. Müssen. Was man höchstens harmonisieren könnte, wäre die Sprache. Wieso wird nicht bei ALLEN Eisenbahnen betrieblich immer und überall nur eine einzige Sprache gesprochen? Wobei das natürlich leicht skuril anmutet, wenn dann der Lokführer der Waldbahn zwischen Grafenau und Zwiesel mit dem Fahrdienstleiter Zwiesel auf Englisch parlieren müßte/sollte/würde.

Und nein, auch im Straßenverkehr bekommt man da bis heute keine vollständige Harmonisierung hin. Jedes Land hat seine eigenen Vorschriften und Bußgeldkataloge. Auch da herrscht also eine Form von Stückwerk vor.


Zum Thema Wettbewerb will ich da jetzt mangels Zeit gar nicht erst kommen.


Schöne Grüße von

jörg

Keine Sorge - das wird NIE was...

ICE-TD, Freitag, 10.03.2017, 21:37 (vor 3313 Tagen) @ Blaschke

Wieso wird nicht bei ALLEN Eisenbahnen betrieblich immer und überall nur eine einzige Sprache gesprochen? Wobei das natürlich leicht skuril anmutet, wenn dann der Lokführer der Waldbahn zwischen Grafenau und Zwiesel mit dem Fahrdienstleiter Zwiesel auf Englisch parlieren müßte/sollte/würde.

Wieso sollte englisch gesprochen werden? Da die Forderung nach Harmonie bei der Bahn von der EU ist und Great Britain bald nicht mehr in der EU ist dürfte die meist gesprochene Sprache in der EU deutsch sein. Wobei man die Sprache da unten zwischen Grafenau und Zwiesel auch erst lernen müsste.

Gemeinsame Sprache (leicht OT)

Meinrad aus Kanada, Oakville, Canada, Freitag, 10.03.2017, 22:30 (vor 3313 Tagen) @ ICE-TD

Ein Franzose hat mir mal gesagt: "Isch weiss was ist die gemeinsame Sprache der EU: Schlechtes Englisch". Da hatte der gute Mann natuerlich recht. Und war selbst das beste Beispiel (sein Deutch war besser!).

Keine Sorge - das wird NIE was...

JeDi, überall und nirgendwo, Sonntag, 12.03.2017, 20:06 (vor 3311 Tagen) @ ICE-TD

Wieso sollte englisch gesprochen werden? Da die Forderung nach Harmonie bei der Bahn von der EU ist und Great Britain bald nicht mehr in der EU ist dürfte die meist gesprochene Sprache in der EU deutsch sein. Wobei man die Sprache da unten zwischen Grafenau und Zwiesel auch erst lernen müsste.

Zumal Deutsch (und Französisch) auch die klassischen Eisenbahn-Sprachen sind. Englisch spielt durch die Insellage da eigentlich kaum eine Rolle. Man schaue z.B. mal auf einen serbischen Fahrschein...

--
Weg mit dem 4744!

Unterschiede und Gemeinsamkeiten - aber auf einem guten Weg

ALR997, Freitag, 10.03.2017, 21:42 (vor 3313 Tagen) @ Blaschke

Solange im Eisenbahnwesen überdurchschnittlich viele Beharrer eines Status Quo und Verfechter der guten alten Zeit ihr Unwesen treiben, wird das nie was mit einer Verbesserung der Situation.

Das gibts ja auch im realen Leben immer noch. Scheinbar gibt es ja genug Leute, die beispielsweise das Feeling der 60er- und 70er-Jahre zurück, wo Russland der "bedingungslose Feind" war. Man muss jetzt gar nicht auf die Aspekte der Politik hierbei eingehen, aber es scheint doch Menschen zu geben, die da sehr nostalgisch veranlagt sind ^^

Wenn ich allein schon das ganze Gejammer der Lokführer mitbekomme zum Thema "autonomes Fahren". Oder dass es im Jahre 2017 noch reichlich Papierfahrscheine gibt - unfaßbar rückständig.

Man muss aber auch sagen, dass wir da auf einem guten Weg sind. Und es kann nicht der Sinn der Sache sein, von jetzt auf gleich das komplette Ticketsystem zu digitalisieren. Natürlich auch für die oben erwähnten Nostalgiker, die sich gerne Papiertickets wünschen, auf der anderen Seite denke ich da allerdings auch an Menschen, die mittlerweile ein Alter jenseits der 70 erreicht haben und nicht unbedingt bewandert sind am Smartphone oder am PC.

In deren Sinne mag es sein, noch immer die Möglichkeiten von Papiertickets offen zu halten, ebenso als Rückfallebene.

Gleichwohl sollte es natürlich Sinn der Sache sein, den Papierausstoß auf ein Minimum zu reduzieren - der Umwelt zuliebe.

Zumal der Zug allein schon für eine technische Harmonisierung längst abgefahren ist. Wie z.B. würde man ein einheitliches Stromsystem und ein einheitliches Signalsystem hinbekommen wollen? Geht gar nicht. Für immer und ewig wird das Stückwerk bleiben. Müssen.

Verschiedene Stromsysteme sind zwar Barrieren, aber keineswegs solche, die unüberwindbar wären. Betrachtet man Europa, ist festzustellen dass es noch vier mehr oder weniger weit verbreitete Stromsysteme gibt: 25 kV, 15 kV, 3 kV und 1,5 kV. Fangen wir mit den Kleinsten an:
1,5 kV werden noch in den Niederlanden und in Teilen von Frankreich genutzt,
3 kV in Italien, Belgien, Osteuropa und Spanien,
15 kV in DACH+FL, Schweden und Norwegen und
25 kV in Nordfrankreich, Portugal, Großbritannien, Finnland, Südosteuropa und Dänemark, sowie in vielen nicht 25 kV-Ländern für den Hochgeschwindigkeitsverkehr - Beispielsweise bei TGV (Frankreich), LAV (Spanien), FAV (Italien), HSV (Niederlande, Belgien), HS1 (Kent)

Du brauchst im schlimmsten Fall also ein Fahrzeug, welches vier Stromsysteme beherrschen kann. Allerdings selbst in dem Fall, dass du beispielsweise von Kopenhagen nach Paris fährst, dürftest du mit zwei Stromsystemen auskommen.

Das andere Problem ist, wie du richtig ansprichst, die Zugsicherung, hier sind wir halt noch weit entfernt von einer Generallösung (sprich ETCS), aber die Möglichkeiten sind auch hier doch mittlerweile gut am Wachsen.

Was man höchstens harmonisieren könnte, wäre die Sprache. Wieso wird nicht bei ALLEN Eisenbahnen betrieblich immer und überall nur eine einzige Sprache gesprochen? Wobei das natürlich leicht skuril anmutet, wenn dann der Lokführer der Waldbahn zwischen Grafenau und Zwiesel mit dem Fahrdienstleiter Zwiesel auf Englisch parlieren müßte/sollte/würde.

Die Problematik bestünde insofern, dass der Lokführer schon die Sprachen sprechen müssen dürfte, in deren Ländern er unterwegs ist. Jetzt ist es aber halt gegenüber der Situation im Luftverkehr einfacher und daher üblicher, dass man an einer Grenze auch mal einen neuen Lokführer bekommt (im Luftverkehr natürlich Piloten, macht ja keinen Sinn wenn im Cockpit ein Lokführer sitzt ^^), so dass der Franzose den Zug in Frankreich fährt, der Deutsche in Deutschland, und der Däne in Dänemark. Wenn es mal nicht passt muss man sich aber sicherlich schon arrangieren, da allerdings ein Lokführer vermutlich aus simplen geographischen Gründen relativ selten beruflich in mehr als zwei Sprachräumen aufhält, dürfte selbst dann eine bilinguale Ausbildung ausreichen.

Ich hoffe, das ist jetzt halbwegs nachvollziehbar erklärt :-)

Und nein, auch im Straßenverkehr bekommt man da bis heute keine vollständige Harmonisierung hin. Jedes Land hat seine eigenen Vorschriften und Bußgeldkataloge. Auch da herrscht also eine Form von Stückwerk vor.

Nein, das nicht, aber dieser Bereich liegt eben auch in der Verantwortung der Nationalstaaten und die werden wohl einen Teufel tun und das der EU überlassen. Wäre ja wohl auch unzumutbar wenn die Deutschen auf einmal so viel für 20 km/h zu schnell fahren bezahlen müssten, wie etwa der Franzose oder der Niederländer.

Wenn man sich die Meinungen zur Vollstreckung der Parkgebühren anhört/ansieht, dann weiß man ja woher der Wind weht. "Dafür ist diese blöde EU also wieder gut! Dass wir im Ausland jetzt auch noch Strafzettel bezahlen müssen!" war mein persönliches Highlight gestern nachmittag.

Und noch schlimmer sind im Straßenverkehr ja die ungeschriebenen Gesetze, an die man sich zwar nicht zu halten hat, die aber gemeinhin so eingehalten werden - da muss man nur mal in eine fremde Stadt fahren und sich falsch einordnen und zur Strafe darf man dann eine Stunde Kreisverkehr fahren oder so etwas - oder Niederländer auf ihren Autobahnen: auch eine Sache für sich ^^

Wie dem auch sei: die EU legt ja sowohl bei Autos, wie auch bei Zügen durchaus ein paar grundsätzliche Dinge fest, die dann europaweit gelten. Das finde ich lobenswert und wenn man eines schönen Tages einen Zug mit einem einzigen Verfahren europaweit zulassen kann, dann werden bestimmt auch die Fahrzeughersteller ordentlich Pipi in den Augen haben...

Die Privatisierung auch mal außen vor lassende Grüße

Unterschiede und Gemeinsamkeiten - aber auf einem guten Weg

MartinN, Fricktal, Schweiz, Samstag, 11.03.2017, 13:05 (vor 3313 Tagen) @ ALR997

Hallo zusammen
Also der Vorstoß die europäischen Eisenbahnen zu harmonisieren finde ich schon mal gut, sehr gut sogar. Dabei spielt Spannung oder Stromart die kleinste Rolle. Mit der Technik absolut problemlos. Das Beweist der Vierstrom TEE der SBB genannt Rae ll, der bereits in den 60er Jahren in fast ganz Westeuropa fuhr.
Lichraumprofile dann schon eher, aber auch da gäbe es Lösungen. Wo ein Wille da ist auch ein Weg, aber wie Blaschke sagte, so lang die verschiedenen europäischen Staaten ihr Gärtchen bis aufs Blut verteidigen, wird die Bahn einen grossen Nachteil gegenüber anderen Verkehrsträger haben.

in jeden museum hat man mir erzählt vier-strom e-loks seien

Oja, Sonntag, 12.03.2017, 20:01 (vor 3311 Tagen) @ MartinN

verdammt störanfällig.
besser wär das 1500 V netz umzubauen

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