Gegenvorschlag: Koordinierungsstelle (Allgemeines Forum)

sappiosa, Donnerstag, 05.11.2009, 19:58 (vor 6091 Tagen) @ ICE-T-Fan

Hallo Markus,

grundsätzlich eine hübsche Idee. Über viele Details dabei kann man sicher streiten, z.B. würde natürlich niemand eine Jahreskarte (gilt nur für eine bestimmte Strecke) kaufen, wenn diese teurer ist als eine BC100 (gilt im gesamten Netz). Und es stellt sich auch die Frage, ob man überhaupt so etwas wie Tarifzonen braucht, die Schweiz schafft i.W. national gültige Fahrkarten ja auch ohne.

Ich habe viel eher aber ein grundsätzliches Bedenken: Die Idee passt nicht zum Konzept von eigenwirtschaftlich betriebenem Verkehr. Kein Unternehmen wird sich jemals darauf einlassen, das Verlustrisiko zu tragen, wenn sie ihren Umsatz nicht über die Preisschraube steuern können. Da müsstest Du schon den Fernverkehr von Staats wegen beauftragen und bezahlen, wie jetzt schon den Nahverkehr.

Vielleicht passt hierher als Gegenvorschlag ein Ansatz, den ich Anfang 2008 in einem Brainstorming zur Zukunft der Eisenbahn zum Stichpunkt "Wettbewerb contra Fahrgastwünsche" entwickelt habe:

*schnipp*

Sachstand und Prognosen
Die Liberalisierung des europäischen Schienenverkehrs ist noch längst nicht abgeschlossen. Auf absehbare Zeit wird auch internationalen Bahnen ohne nationale Zulassung der interne Verkehr in EU-Ländern ermöglicht.
Die DB hat deswegen bereits weitere europaweit taugliche HGV-Züge ausgeschrieben, sie möchte wohl auch landesinternen Verkehr in anderen EU-Ländern anbieten. Umgekehrt rechnet sie damit, dass auf Strecken wie Hamburg-Frankfurt demnächst auch der TGV verkehren wird; dann würde sie erstmals im Fernverkehr auf Deutschlands Schienen ernstzunehmende Konkurrenz bekommen.

Andererseits zeigen alle (sowohl private als auch öffentliche) Fahrgast-Umfragen, dass die klare Mehrzahl der Fahrgäste solch eine Konstellation nur dann annimmt, wenn sie ohne Nachteile von einem EVU* aufs andere wechseln können; Flexibität gilt als unverzichtbar, vgl. das gescheiterte PEP. Das umfasst folgende Anforderungen:

- Es muss möglich sein, mit einer einzigen Fahrkarte von einer Bahn in die andere umzusteigen. (Die Länder-Tickets im Regionalverkehr machen das vor.)
- Ebenso sollte es möglich sein, beim Verpassen eines Anschlusses den nächsten Zug in die Richtung zu nehmen, auch wenn dieser von einem anderen EVU gefahren wird.
- Die Anschlüsse müssen aufeinander abgestimmt sein - und auch warten, wenn einer zu spät ankommt.

Was ist zu tun?

Es sollte eine zentrale (länderübergreifende, möglichst EU-weite) Koordinierungsstelle Personenverkehr eingerichtet werden, die:

- die Trassenwünsche im Personenverkehr sammelt und auf Anschlüsse hin optimiert,
- deren Umsetzung mit den jeweiligen Netz-Verantwortlichen abspricht (insbes. den Fahrplankonstrukteuren und den Disponenten des täglichen Betriebs),
- Bedingungen an die Fahrkarten und Fahrpreise formuliert, die die Durchgängigkeit sicherstellen, und die Einhaltung dieser Bedingungen durch die EVU überwacht,
- zugleich Konditionen einführt, die sicherstellen, "dass jedes EVU sein Geld bekommt", auch wenn der Fahrgast mit einem anderen EVU als dem geplanten unterwegs war,
- den reibungslosen Ablauf überwacht und als Beschwerdestelle firmiert.

*schnapp*

Im Gegensatz zu starr vorgegebenen Preisen kann man dann sehr wohl die Konditionen so regeln, dass die EVU Herr darüber bleiben, wem sie was für Fahrkarten zu welchem Preis verkaufen. Das wäre für eigenwirtschaftlich betriebenen Fernverkehr m.E. notwendige Voraussetzung.

Schöne Grüße
Daniel (aka Sappiosa)

*EVU = Eisenbahnverkehrsunternehmen: z.B. DB Regio, Railion, SNCF, Metronom


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