BC-Teilabschied (Teil 1.1) (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Freitag, 25.03.2016, 09:54 (vor 3693 Tagen)

Moin.

Das sächsische Streckenkennzeichnungssystem setzt auf Buchstaben. Die LD-Linie ist die Strecke von Leipzig nach Dresden, die BC-Linie führt von Borsdorf (an der LD-Linie) nach Coswig (an der LD-Linie). Eine Teilstrecke dieser Linie war die einzige Strecke Deutschlands, die zum Ende des Jahresfahrplans 2015 ihren Reiseverkehr verlor, nämlich der Abschnitt zwischen Döbeln und Meißen-Triebischtal. Ich möchte in einem Vierteiler die Stationen vorstellen, die am 12. Dezember 2015 wohl letztmals einen planmäßigen, durch die verantwortlichen Aufgabenträger bestellten, Reisezug sahen.


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Noch ohne die Absicht, eine Bahnstrecke von Borsdorf nach Meißen zu bauen, wurde am 1. Dezember 1860 die Stichstrecke von Coswig (bei Dresden) nach Meißen eröffnet. Erst 1864 war die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie bereit, eine zweite Bahnstrecke zwischen ihren beiden Endpunkten zu bauen. Das wurde die spätere BC-Linie. Sie wurde etappenweise von Westen her eröffnet: Am 14. Mai 1866 zwischen Borsdorf und Grimma, am 27. Oktober 1867 weiter bis Leisnig. Die Eröffnung war wohl bis Döbeln vorgesehen, bedingt durch einen Felssturz war es zwischen Leisnig und Döbeln jedoch erst am 2. Juni 1868 so weit. Am 25. Oktober folgte der Abschnitt Döbeln - Roßwein - Nossen, ehe mit dem Lückenschluß am 22. Dezember 1868 die Strecke komplett befahrbar war. Die private Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie wurde am 1. Juli 1876 verstaatlicht und somit erst an diesem Tag offiziell zur BC-Linie. Um die Jahrhundertwende wurde die BC-Linie mit Ausnahme des Abschnittes Großbothen - Döbeln zweigleisig ausgebaut. Hier begannen die Bauarbeiten erst später, nach Ausweitung der Zweigleisigkeit von Großbothen bis Tanndorf brachte sie der Zweite Weltkrieg zu einem Ende.
Am Ende des 2. Weltkrieges wurden auch auf der BC-Linie zahlreiche Brücken gesprengt, schon im Sommer war die Strecke wieder befahrbar. 1946 erfolgte der Abbau des zweiten Gleises. Dieses Schicksal traf wie bekannt die meisten Strecken in der späteren DDR, so auch die LD-Linie. Um diese zu entlasten, wurden einige Fernzüge über Döbeln geführt. Die Güterzüge zwischen Leipzig und Dresden wurden aufgrund der Eingleisigkeit überwiegend im sogenannten Ringverkehr gefahren: Nach Dresden nutzte man die Strecke über Oschatz, nach Leipzig "unsere" Strecke. Diese Zeit endete 1971, als die LD-Linie wieder zweigleisig nutzbar war. Die BC-Linie war durch die hohe Belastung in einem schlechten Zustand, in der zweiten Hälfte der 1970er wurde sie jedoch wieder hergerichtet.
Am 18. Dezember 1970 wurde zwischen Coswig und Meißen Triebischtal der elektrische Betrieb aufgenommen (die Strecke ist seit Beginn Teil der Dresdner S-Bahn), die Züge von Westen her endeten nun in Meißen. Zwischen Coswig und Meißen wurde 1981 das zweite Gleis wiederaufgebaut. 2013 wurde die Zweigleisigkeit bis aufs linke Elbufer verlängert, wo sich hinter einem Einkaufszentrum - und nur durch dieses zugänglich - der neue Haltepunkt Meißen Altstadt befindet.
Am 30. September 1989 wurde auch auf den ersten Kilometern der westlichen BC-Linie der elektrische Betrieb aufgenommen. Dies sollte vorrangig dem Güterverkehr dienen, indem einige Züge statt in Engelsdorf erst in Beucha umgespannt werden sollten. Mitte 2011 wurde die Oberleitung wieder abgebaut, die Masten stehen noch.

Der Zugverkehr erlebte zu Beginn der 1990er einen Aufschwung, es verkehrten wieder direkte Züge Leipzig - Dresden. Diese fuhren am 9. Juni 2001 zum letzten Mal, seitdem mußte in Meißen umgestiegen werden. Im Mai 2002 ersetzten Dieseltriebwagen der Baureihe 642 die bisher eingesetzten Züge. Im August desselben Jahres wurden Teile der Strecke durch das Hochwasser schwer beschädigt, erst im August 2004 war sie wieder komplett befahrbar. Es bestand zwischen Leipzig und Meißen ein Stundentakt. Der wurde bereits im September zwischen Nossen und Meißen auf einen Zweistundentakt reduziert. Ende 2010 gab der Aufgabenträger bekannt, diesen Abschnitt abbestellen zu wollen. Nach heftigen Protesten machte er einen Monat später einen Rückzieher. Zum 21. Februar 2011 wurde der Zweistundentakt auf den Abschnitt Nossen - Döbeln ausgedehnt. Schon 2008 kam als Folge einer Kreisreform ein dritter Aufgabenträger ins Spiel: Der Altkreis Döbeln wechselte zum Verkehrsverbund Mittelsachsen. Für diesen wie auch für den Verkehrsverbund Oberelbe liegt die Strecke ziemlich im Abseits. Nachdem in den Jahren zuvor die Busverbindungen im Einzugsbereicht der Strecke ausgebaut wurden, bestellten die beiden Aufgabenträger um den Jahreswechsel 2013/2014 herum den Reiseverkehr zwischen Döbeln und Meißen zum 13. Dezember 2015 ab. Dies trotz heftiger Proteste in den betroffenen Orten.

Der westliche Streckenabschnitt zwischen Borsdorf und Döbeln (jeweils ausschließlich) erhielt zwischen 2010 und 2015 neue Stellwerkstechnik, auch der Abschnitt Coswig (ausschließlich) - Meißen Triebischtal wird ferngesteuert. Döbeln besitzt ein Gleisbildstellwerk, die weiteren Bahnhöfe bis einschließlich Miltitz-Roitzschen verfügen über jeweils zwei mechanische Stellwerke. Welche Funktion die Person im Nossener Empfangsgebäude hat(te), weiß ich leider nicht.

Im Fahrplanjahr 2016 ist der Zugverkehr zweigeteilt: Zwischen Coswig und Meißen Triebischtal fährt halbstündlich durch die Dresdner S 1 (Baureihe 146 und Doppelstockwagen). Der Westabschnitt wird durch die stündliche RB-Linie Leipzig - Döbeln bedient mit einigen Verstärkern zwischen Leipzig und Grimma. Noch bis zum kleinen Fahrplanwechsel im Juni fährt hier DB Regio mit der Baureihe 642, anschließend übernimmt die Mitteldeutsche Regiobahn (Transdev) den Verkehr. Dann kommen aus einem Fahrzeugpool Triebwagen der Baureihen 643 und 650 zum Einsatz.

Im Vorgriff auf die Einstellung des Reiseverkehrs schrieb die Deutsche Bahn die nun reiserverkehrslose Strecke zur Übernahme aus. Am Güterverkehr nach Nossen (und in erster Linie weiter zum Tanklager bei Rhäsa) hatte sie wohl kein Interesse. Der neue Streckenbetreiber ist die in Nossen ansässige Nossen-Riesaer Eisenbahn-Compagnie GmbH (NRE). Sie wird in der Nacht vom 15. auf den 16. April 2016 die Teilstrecke Döbeln Hbf - Meißen Triebischtal (jeweils ausschließlich, die Betreibergrenzen liegen bei Strecken-km 55,630 und 92,820) von der Deutschen Bahn übernehmen. Am 5. Februar erhielt die NRE die entsprechende Genehmigung, diese Strecke für 35 Jahre zu betreiben. Seitens des neuen Betreibers ist geplant, zukünftig im Zugleitbetrieb zu fahren, allerdings verzögert sich die Umstellung. Bislang sind alle Bahnhöfe örtlich besetzt: Miltitz-Roitzschen, Deutschenbora und Roßwein mit je zwei Stellwerken, in Nossen zusätzlich zu den beiden Stellwerken noch jemand im Empfangsgebäude.
Am 12. Dezember 2015 endete wie erwähnt der Reiseverkehr zwischen Döbeln und Meißen-Triebischtal. Die Wiederaufnahme zwischen Döbeln und Döbeln Zentrum sollte am 12. Juni 2016 erfolgen, im Zusammenhang mit der Neuvergabe der Leistungen. Dazu wird es allerdings zumindest vorerst nicht kommen. Das hat technische Gründe: Der derzeit vorhandene Streckenblock läßt keine Zugwenden in Döbeln Zentrum zu. Da fährt man lieber nur bis zum Hbf, als den zentrumsnäheren Haltepunkt zu bedienen und dann zum Wenden bis nach Roßwein zu fahren (über 15 km hin und zurück), hierzu müßte außerdem der Bahnhof Roßwein besetzt werden.

Soweit der Überblick zur Geschichte der BC-Linie, abzweigende Nebenstrecken werde ich bei den jeweiligen Bahnhöfen erwähnen. Kurz vor der Einstellung besuchte ich die Strecke und ihre Stationen an zwei Tagen. Von Osten her kommend möchte ich heute im ersten Teil Miltitz-Roitzschen und Deutschenbora vorstellen.


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Und die Bilder folgen gleich.

BC-Teilabschied (Teil 1.2, 35 Bilder)

Sören Heise, Region Hannover, Freitag, 25.03.2016, 09:54 (vor 3693 Tagen) @ Sören Heise

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1 Lassen wir 642 179 fahren. Zwei Aussteiger in Miltitz-Roitzschen änderten die Besetzung nur unwesentlich, es war dank zweier Gruppen ziemlich voll.


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2 Bahnhofsbild.


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3 Ansicht aus der alten Wartehalle heraus.


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4 Die neue Wartehalle steht nördlich des Empfangsgebäudes.


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5 Gegenlicht.


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6 Der Bahnübergang am Empfangsgebäude.


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7 Buswartehalle.


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8 Der Kilometerstein steht ein wenig abseitig.


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9 Ladestraße.


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10 Die Südausfahrt des Bahnhofs.


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11 Ortsbestimmung.


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12 Stellwerk und Mühle. Vorne links aus dem Bild heraus kommt man nach Miltitz.


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13 Frontalansicht, ein wenig weitwinkelig. W1 wurde 1933 gebaut.


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14 Das Kalkwerk am Bahnhof ist heute ein Besucherbergwerk.


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15 Altes Bahnhofsschild.


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16 Zurück am Bahnhof.


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17 Bis aufs Stellwerk steht das Empfangsgebäude leer.


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18 Ausfahrt nach Meißen.


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19 Auch die Wartehalle an der Mühle ist kein heutiges Standardmodell.


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20 Zwischen Militz-Roitzschen und Deutschenbora lag einst die Blockstelle Rothschönberg. Rechts von ihr ein Bahnwärterhaus. Daß während der kurzen Busfahrt natürlich der Güterzug kam, muß ich wohl nicht extra erwähnen. 1985 war sie noch in Betrieb, wie ihr in Markus' Blockstellenportrait sehen könnt (Bilder 7 - 17).


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21 Wenig später erreicht der Bus Deutschenbora. Ich stieg nicht schon im Ort aus, sondern fuhr bis zur Haltestelle Abzw. Meißen mit. Von dort ist es nicht weit bis zum Stellwerk W2. 1899 errichtet, wurde es 1929 aufgestockt.


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22 Der Bus biegt gerade nach links in den Ort ab. Im Hintergrund liegt das Autobahndreieck Nossen.


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23 Nach einem kurzen Fußweg durch die Bahnhofssiedlung haben wir den Bahnhof erreicht.


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24 Gesamtansicht ohne Stellwerke. W2 ist hinter der Kurve, B1 gleich neben mir.


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25 Richtung Nossen.


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26 Stellwerk, sonnenbeschienen.


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27 Das Empfangsgebäude sieht nicht mehr schön aus.


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28 Der Güterschuppen.


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29 Der Bahnübergang. Die Schranken stehen links, das ist ungewöhnlich. Danke für den Hinweis!


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30 Das Wachunternehmen war sogar mal da. Und hat seinen Aufkleber hinterlassen.


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31 Bahnsteigzugang.


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32 Dreimal die Sieben.


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33 Bahnsteigbild.


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34 Die andere Richtung.


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35 642 140 kommt aus Meißen zurück.


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Im zweiten Teil werden wir den Bahnhof Nossen besuchen, zwischendurch auch kurz hoch in die Stadt gehen. Der Beitrag ist für übermorgen, Ostersonntag, vorgesehen.

Viele Grüße
Sören

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Interessant und schade...

462 001, Taunus, Freitag, 25.03.2016, 17:02 (vor 3693 Tagen) @ Sören Heise

Hey Sören,

mal wieder einen großen Dank an die tollen Bilder. Leider habe ich es nicht geschafft diese Strecke auch nur ein einziges Mal zu erkunden:(

Schade, denn es sah dort recht schön aus. Aber was solls, es wird ja auch hier und da mal eine neue Strecke eröffnet wo ein Besuch lohnt:))

Gruß und ein schönes Osterwochenende wünscht
Marcel

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Von mir besuchte Bahnhöfe
- Deutschland: 1627
- Euro. Ausland: 717

BC-Teilabschied (Teil 1.2, 35 Bilder)

heinz11, Freitag, 25.03.2016, 20:23 (vor 3693 Tagen) @ Sören Heise

Vielen herzlichen Dank Sören, für das schöne Porträt der mir überaus bekannten und oft genug befahrenen Strecke. Wie schon bei Deinem Rätsel bemerkt: An safe go und mir hat es nicht gelegen, daß dieses Teilstück von Döbeln nach Meißen letztendlich doch eingestellt wurde.

Aber Sachsen ist eben nicht so bahnfreundlich, wie es sich immer gibt. Und wenn den Bestellern das Wasser bis zum Hals steht, kürzen sie eben dort, wo es am einfachsten zu gehen scheint.

Sammelantwort

Sören Heise, Region Hannover, Samstag, 26.03.2016, 12:15 (vor 3692 Tagen) @ Sören Heise

Moin,

vielen Dank für eure Kommentare.

Marcel: Die Strecke ist landschaftlich und auch betrieblich durchaus interessant. Man kan nicht alles haben, mir fehlt der Abschnitt zwischen Miltitz-Roitzschen und Deutschenbora. Da habe ich mich dem Bus anvertraut, die Straße war teilweise eine Schotterpiste. Ja, gut, ich gebe es zu, das war nur die Umfahrung einer Baustelle.

Ich fürchte, daß gerade in den neuen Ländern mehr Strecken stillgelegt werden als neueröffnet.


heinz11: Für mich lag die Strecke nie am Weg. Immerhin hat es mit den Besuchen zum Abschied mehr oder minder gut geklappt.

In Sachsen wäre schon viel gewonnen, wenn das Land die Regionalisierungsmittel komplett für die Finanzierung des normalen SPNV weitergereicht hätte und auf Scherze wie Dampfbahnen oder Busförderung verzichtet hätte. Der ZVON sagt, bei kompletter Durchreichung der Mittel hätte er keine Zugstreichungen zu untersuchen.


Den zweiten Teil gibt es dann morgen. Da besichtigen wir mit Nossen einen fast völlig aus der Zeit gefallenen Bahnhof. Das Portrait muss ich aber im Textteil noch ein wenig verändern.

Viele Grüße
Sören

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Sammelantwort

heinz11, Mittwoch, 30.03.2016, 20:59 (vor 3688 Tagen) @ Sören Heise

...

In Sachsen wäre schon viel gewonnen, wenn das Land die Regionalisierungsmittel komplett für die Finanzierung des normalen SPNV weitergereicht hätte und auf Scherze wie Dampfbahnen oder Busförderung verzichtet hätte. Der ZVON sagt, bei kompletter Durchreichung der Mittel hätte er keine Zugstreichungen zu untersuchen.

Da werden Dir viele, viele Bahnfans außerhalb und innerhalb Sachsens zustimmen, meine Wenigkeit eingeschlossen.

Den zweiten Teil gibt es dann morgen. Da besichtigen wir mit Nossen einen fast völlig aus der Zeit gefallenen Bahnhof. Das Portrait muss ich aber im Textteil noch ein wenig verändern.

Da freue ich mich schon drauf.

Viele Grüße
Sören

Viele Grüße zurück.

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