Immer derselbe Bahnhof (Teil 1a) (Reiseberichte)

Sören Heise, Region Hannover, Dienstag, 05.01.2016, 18:00 (vor 3777 Tagen)

Willkommen!

Langweilig würde es werden. So hatte ich es angekündigt und so wird es auch sein. Wir werden im Rahmen dieser Serie dreiundzwanzigmal dieselbe Eisenbahnstation besuchen. Eine Auswahl:

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Wir besuchen natürlich nicht immer dieselbe Station, aber doch immer wieder den Bahnhof Neustadt, daher ist der Serientitel so falsch wie richtig. Der Ortsname Neustadt steht sowohl für planmäßige Stadtgründungen als auch für Vorstädte älterer Städte, die nicht selten für mehr oder minder lange Zeit eigenständige Gemeinwesen waren. Wir werden auf beide Typen treffen. So richtig bedeutend ist kein deutsches Neustadt, dennoch werden wir in den meisten Fällen den Bahnhof verlassen und uns auch drumherum umschauen.
Derzeit gibt es in Deutschland 23 Stationen mit Namen Neustadt. Sie verteilen sich auf 20 Orte. Der Rekordhalter besitzt sage und schreibe drei, der zweitplazierte immerhin zwei. Auf dem dritten Platz haben wir es mit einem umgezogenen Bahnhof zu tun. Weitere Orte mit Namen Neustadt haben ihren Bahnanschluß mittlerweile verloren und sind kein Thema hier. Die Reiseroute ist vorbestimmt; wir beginnen in der Lausitz.


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Hoyerswerda also. Oder Wojerecy, denn wir sind im Land der Sorben. Hoyer von Friedeburg war der erste Besitzer der Burg Hoyerswerda, dessen Namen wir kennen. Den Namensbestandteil -werder kennt man ja von anderswo, das ist trockenes Land irgendwo in der Niederung, Werderbremen zum Beispiel. ;-) Das paßt fußballmäig gerade leider ganz gut. Ob Hoyerswerdas Fußballverein absteigen kann, weiß ich nicht.

Die Stadt Hoyerswerda entstand irgendwann um 1200 herum, als sich hier Sorben ansiedelten. Damals könnte es die örtliche Burg schon gegeben haben. Die ersten Jahrhunderte der Stadt lassen sich mit nicht allzu schlechtem Gewissen in zwei Worten zusammenfassen: Tiefste Provinz (womit auch die heutige Bedeutung der Stadt festgestellt ist).
Am 1. Juni 1874 erhielt die Stadt Eisenbahnanschluß, als die Ost-West-Verbindung von Kohlfurt nach Falkenberg eröffnet wurde. Achtzig Jahre später sollte Hoyerswerda größere Bedeutung erlangen: Nördlich der Stadt baute die junge DDR das Kombinat Schwarze Pumpe, das sich der Veredelung der in der Region geernteten Braunkohle widmete. Dafür benötigte man Arbeitskräfte, die wiederum wollten irgendwo wohnen. Zwischen 1955 und 1959 wurden Wohnblöcke an den Rändern der alten Stadt gebaut; 1957 wagte man den Sprung über die Schwarze Elster, die Neustadt entstand, letzte Wohnhäuser wurden bis 1990 gebaut. Hatte Hoyerswerda 1950 knapp 7.500 Einwohner, so zählte sie 1981 mit 71.000 Einwohnern ihren Höchststand. Mittlerweile ist man bei 33.000 angekommen, hierin sind aber einige eingemeindete Orte mit zusammen etwa 4.500 Einwohnern enthalten. Da ist es nicht weiter verwunderlich, daß ab Ende der 90er Jahre zahlreiche Plattenbauten abgerissen wurden. Die neuesten Teile der Neustadt sollen verschwinden oder sind es sogar schon. Die zentralen Bereiche bleiben erhalten, sie sind dünner bebaut als die neueren.

Der Haltepunkt Hoyerswerda Neustadt (oder doch mit Bindestrich?) liegt ganz im Süden des Stadtteils, er wurde am 20. Juli 1959 eröffnet. Die hier vorbeiführende Strecke wurde Ende der 1980er elektrifiziert: Am 19. Dezember 1987 zwischen Ruhland und Hohenbocka (heute: Hosena), am 1. April 1988 zwischen Hohenbocka und Knappenrode (an diesem Abschnitt liegt unser Haltepunkt) und Ende des Jahres weiter zum Kombinat Schwarze Pumpe. Knappenrode wurde 1913 unter dem Namen Werminghoff als Bergarbeiterkolonie gegründet, die Brikettfabrik ist als Museum erhalten.
Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2010 wird der Reiseverkehr wegen umfangreicher Bauarbeiten auf der weiter östlich gelegenen Strecke zwischen Knappenrode und der polnischen Grenze östlich von Horka im Schienenersatzverkehr abgewickelt. Die Züge fuhren zuletzt ab Niesky nach Görlitz, die Busse steuern Horka an. Sie halten in Hoyerswerda-Neustadt nicht direkt am Bahnhof: Noch im Jahresfahrplan 2015 wurde die Haltestelle Ziolkowskistraße in der Nähe des Haltepunkts bedient, im aktuell gültigen Fahrplan ist der Halt an den Lausitzer Platz, das Zentrum der Neustadt, verlegt. Ob am Haltepunkt jemals wieder Züge halten werden, ist unklar: Der zuständige Aufgabenträger überlegt, die Leistungen auf der Strecke nach Auslaufen des aktuellen Verkehrsvertrages abzubestellen.

Die Entwicklung der Bahnstrecken um Hoyerswerda ist ein klein wenig kompliziert. Das verschiebt ich dann aufs Bahnhofsportrait Hoyerswerda, von dem ich nicht weiß, ob es jemals erscheinen wird. Wie fahren jetzt mit dem Bus zur Ziolkowskistraße, schauen uns den Haltepunkt an. Von dort gehen wir zum Lausitzer Platz. Folgt mir nun in die Sommerhitze des 12. August 2015!


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Das geht ja gut los, Überlänge.


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