Von Kiruna zurück nach Stockholm... (Reiseberichte)
Hallo!
Wir sitzen also in Kiruna am Bahnsteig bzw. im Aufenthaltsraum.
Es ist 16:15 Uhr und mir nichts, Dir nichts, fährt der IC weg. Wenn sich da jetzt jemand auf 18:00 Uhr verlassen hat... Aber ich denke mal, so irre sind höchstens Deutsche und keine Reisenden und Einheimischen, die sich in ferne Gefilde aufmachen...
Immerhin habe ich Hoffnung, wenn der IC weg fährt, könnte die Strecke ja frei sein. Und meine Hoffnung erhält kurz darauf neue Nahrung. Der D 93 wird für 17:15 Uhr angekündigt! Also nur noch 1,5 Std. Verspätung.
Dann trudelt die ganze Fuhre auch ein. Ich schnappe mir mein Abteil, diesmal Wagen 14. Und wenn ich bei Wagen 13 Platz 31 habe, dann habe ich diesmal bei Wagen 14, Platz ?, genau: 41. Im Abteil sitzt ein nette junge Dame. Hat das Fenster weit geöffnet. Um 17:16 Uhr verlassen wir dann Kiruna.
Plötzlich sehe ich einen Güterwagen mit der Aufschrift "SBB Cargo". AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGHHHH! NEINNNNNNNNN! Die Schweiz in Schweden. Auch das noch!!!!!! Aber ich beruhige mich sehr schnell.
Nach einer Weile fragt mich die Mitreisende, ob ich ein Problem habe mit dem offenen Fenster. Habe ich natürlich nicht; im Gegenteil. Meine Englisch-Kenntnisse reichen aber nur für ein "It's okay. I like open windows!". Darüber mag ein Informatiker seinen Kopf schütteln, Mausi meinte nur: "i too" und wir waren beide glücklich. In Gällivare fiel mir das Schild "Gällivare - Stockholm 1.313 km" auf. Diesmal fällt mir auch eine kilometerlange Langsamfahrstelle hinter Gällivare auf. In einer Ausweiche bekomme ich mit, wie sich offensichtlich Schaffner und Lokführer über die Dauer des Aufenthaltes über Funk austauschen. Ob die Zugabfertigung eigentlich auch per Funk erfolgt? Eigentlich keine schlechte Lösung; natürlich nichts für's Hochtechnologieland Deutschland, aber dafür funktioniert's. In Murjek haben wir 2 Stunden Verspätung. Und 2 Mitreisende im Abteil mehr. Es wird dann durchgesagt, dass wir in Boden einen neuen Freßtempel bekommen (aus den Kurswagen aus Lulea). Bis 23 Uhr gebe es was zu beißen und zu schlabbern und dann morgens ab 6 Uhr wieder.
Ich stehe derweil im Gang, schaue der Strecke und der parallelen Stromleitung zu und einem kleinen Bub, der sich aus dem Dienstabteil Getränkeboxen klaut. Später übrigens wird er eine Milchpackung umwerfen und den Inhalt im Gang verteilen und ich werde feststellen: Mimik ist international gleich! Denn meinen leicht angenervten, bösen Blick ob seines Gezappels und Gehampels erkennt er ganz genau, was wiederrum ich ganz genau erkenne. Er trollt (eine schöne schwedische Eigenschaft) sich dann und läßt sich auch lange nicht mehr sehen. Geht doch... ;-)
Das Rangieren in Boden geht recht schnell, der großzügige Aufenthalt kann verkürzt werden. Vorher wird durchgesagt, dass das Rauchen nur während des Aufenthaltes auf dem Bahnhof erlaubt ist. Mit gut 80 Min. Verspätung verlassen wir Boden. Am nächsten Halt Älvsbyn beehrt uns ein Japaner im Abteil, ein echter Profi. In Windeseile ist die Liege hergerichtet und er befindet sich in der Horizonalen. Wieder am nächsten Halt in Jörn trudelt dann noch ein Schwede älteren Baujahrs ein und besetzt die letzte freie Liege. Dann muß auch das bis dato noch immer offene Fenster geschlossen werden. Etwas zum Leidwesen von Mausi und mir. Dafür ist der Schwede in Quassellaune und fragt mich so, wo ich denn herkomme und wie mir Schweden denn so gefällt. Das ist ja immer irgendwie das spannende an solchen Nachtzügen, internationales Publikum!
Nach einer Weile werde ich dann auch mal richtig müde und schlafe eine längere Zeit. Wie ich wachwerde, staune ich etwas über den nicht gerade prickelnden Streckenzustand. Es geht offensichtlich nicht sehr schnell voran und sehr leise und bewegungsarm auch nicht. Kurz vorher muß ein Stück noch überarbeitet worden sein, da klang es melodisch nach Neubaustrecke. Draußen ist es jetzt plötzlich feucht/diesig/schwül. Hin und wieder hört man das Gebimmel eines Bahnübergangs, klingt ohne die Optik etwas amerikanisch. Ich stehe auf, als wir zum Halten kommen und will mal nachschauen, wo wir denn wohl sind. Ergebnis: In Sundsvall sind wir. Es ist 4:00 Uhr morgens und wir sind auf die Minute pünktlich! Wahnsinn! Das sind ja megagigantische Fahrzeitreserven, die der Zug da hat. Ich beschließe, mich frischzumachen, Wäsche zu wechseln, Papier auf den WC und in den Waschräumen neigt sich schon wieder dem Ende entgegen. Dann gehe ich zurück ins Abteil und döse noch eine Runde.
Wie ich wieder wach werde, halte wir auf einem größeren Bahnhof. Nur: Welcher könnte das sein? Ich schaue und schaue, aber nirgends entdecke ich ein Namensschild. Ich denk, Du bist doch nicht irre, hier muß doch ein Schild sein. Ab auf den Bahnsteig. Nein, kein Schild. Schriftliche Abfahrtpläne gibt's auch nirgendswo. Ein Mitreisender fragt mich, wo wir denn wohl sind?! Ich denk, ja, wenn ich das mal wüßte... Die Schaffner stehen gemütlich auf dem Bahnsteig, Abfahrt soll 7:21 Uhr an, wir haben es nicht mal 7:15 Uhr, also tapere ich los und frage nach! Die beiden grinsen und antworten: GÄVLE CENTRAL! Gut, werde ich mir merken. Wenn Jauch mal die Millionenfrage stellt, an welchem schwedischen Bahnhof man im Zug nicht sehen kann, wo man ist, werde ich es wissen.
7:16 Uhr fährt ein Pendlerzug vor uns raus nach Stockholm. Wir folgen dann pünktlich. Erwähnen will ich an dieser Stelle dann mal, wo wir gemütlich Richtung Uppsala fahren, dass mir im Vorraum des Wagens ein Geräusch/Gerappel ein wenig auf den Zeiger geht. Klingt ein wenig nach Druckluft, die da irgendwo hin oder her gepresst wird. Und was ich hier auch erwähnen will, dass man in Schweden nicht nur gemächlich beschleunigt, sondern auch genauso gemächtlich abbremst. Unser Zug ist diesmal allerdings nicht schön gekuppelt, es ruckelt öfters mal, "sonstiger Komfortmangel" würde die DB verkünden (oder auch nicht, weil solch Pipifax bei den ganzen DB-Mängeln gar nicht auffällt...)
In Uppsala sollen wir um 8:31 Uhr abfahren laut Anzeige, aber wir machen uns schon um 8:28 Uhr auf dem Weg. Vor Uppsala erfolgte noch die künstlerisch gestaltete Durchsage, dass es nur noch bis Arlanda im Speisewagen was zu speisen gibt. Also nur noch gute 15 Minuten. Ach ja, den habe ich dann tatsächlich am Vorabend hinter Boden besucht und mir etwas zu Essen und zu Trinken gekauft. In Arlanda die sinngemäße Ansage, dass Rauchen mit "schwedischen Gardinen" belohnt wird. Und dann kommt Stockholm in Sicht. Wir trudeln absolut pünktlich ein! Puh, wieder eine Station der Reise geschafft!
Schöne Grüße von
jörg
gesamter Thread:
- Von Kiruna zurück nach Stockholm... -
Blaschke,
25.12.2015, 02:46
- Danke für die weitern Einblicke in deine Reise!
-
Berlin-Express,
25.12.2015, 11:04
- Spitzenunterhaltung, danke:)
-
462 001,
25.12.2015, 13:13
- Großartig! Danke :)
-
kater_k,
25.12.2015, 13:17
- Fortsetzung - ICEjan, 29.03.2020, 17:20
- Danke für die weitern Einblicke in deine Reise!